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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 142

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Mittwoch, 19. Imri 1923

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19. Jahrgang

Strefemann sucht Briand auf

Loebe als Frkedenswerber in Warschau Präludien zur Seeabrustung

Briand und Wien

Wenn Strefemann heute in Paris mit Briand über Youngplan und RheinlandrSu. mung berät und damit die in Madrid einge- leiteten Gespräche sortsetzt, wird diese Zujam- menkunst hoffentlich nicht durch die Schatten der neuesten Wiener Militärafsäre ge­trübt. Was ist nun eigentlich geschehen? Der Teufel Zufall war wieder einmal am Werk. Ausgerechnet in diesem Augenblick, da der Zeiger der europäischen Friedensuhr eine neue Minute weiterzurücken scheint, kommt ihm dieser Briandjche Bries an den Generalsekretär des Völkerbunds in die Quere. Die Absicht, hier eine Mine auffliegen zu lassen, wie es so­eben mit dem Minderheiten-Artikel gegen Macdonald geschah, liegt wohl kaum vor. Briand hat einfach jetzt bezüglich Oesterreichs dasselbe getan, wie vor zwei Jahren bezüg- lich Reichsdeutschlands. Damals teilte er dem Völkerbund mit, daß die Alliierten-Kontroll- kornmission für Deutschland aufgelöst worden sei, daß sich aber bei den Gesandtschaften der Alliierten in Berlin noch Sachverständige be­fänden, umdie endgültige Erledigung der­jenigen Fragen zu verfolgen und stcherzustel- len die noch nicht als vollständig geregelt an­gesehen werden konnten*.

Und dann kam in dem Briandbriefe etwas, das mit Recht große Unruhe und Entrüstung in ganz Deutschland hervorries. Der Auße»- mimsterFrankreichs .beehrte sich" nämlich, .de» Völkerbundsrat gleichzeitig in die Lage zu ver­setzen, gegebenenfalls von dem ihm durch Ar­tikel 213 des Vertrages von Versailles zuer­kannten Jnvestigationsrecht Gebrauch zu machen*. Der Bericht der Kontrollkommis- 6in werde durch die Beobachtungen der In erlin verbliebenen Sachverständigen ra,ä'W werden . . . Aus der Investigation gegen Deutschland ist nichts geworden. Die furcht­samen .Sieger* in Paris waren aus einen faulen Spionageschwindel herein- gefallen. Aber merkwürdig, in dem jetzigen Schreiben Briands finden sich ganz ähnliche Andeutungen. Das Liquidationsorgan der I. K. V. in Oesterreich, so heißt es da, habe zwar seine Tätigkeit eingestellt, aber aus den Schluß» bericht gehe hervor, daß Oesterreich Kriegs­material der Kontrolle entzogen habe, daß Maschinengewehre, Gewehre und Munitio noch in großen Mengen vorhanden seien, mit denen im Notfall Verbände gemeint sind wohl die Heimwehren -- ausgerüstet werden könnten.

Briand hat ferner von der Möglichkeit ge­waltiger Kriegsmaterial-Herstellung in Oester­reich uno von Beziehungen des österreichischen »Generalstabes* mit dem deutschen,von der An' gleichung der Uniformen usw. gesprochen. Tie Wiener amtlichen Stellen haben aus diese Anwürfe bereits in halbamtlichen Auslassun- gen geantwortet: Es gibt keine militärische Zusammenarbeit zwischen Wien und Berlin Der österreichische Generalstab ist längst a u f g e l ö st (der deutsche auch). In ver österreichischen Industrie sind alle Grundlagen für eine Umstellung auf Kriegsarbeit gründlich zerstört. In der Uniform zeigt nur dieKappe eine gewisse Aehnlichkett mit der Mütze der Reichswehr. Also was wollt ihr ewig Mißtrau­ischen in Paris? So die Oesterreicher. Soll Berlin auch etwas dazu sagen? Es wird ge­nügen, wenn Dr. Strefemann in Paris beim Lunch seinem »Freunde* Briand so ganz ne­benher zuflüflert: Macht euch nicht lächerlich mit Oesterreich...

Die Reichsreform wird wieder wach Ein Gutachten über die Zuständigkeitsfrage.

Berlin, 19. Juni. (Eig. Informations­dienst). Die Sachverständigen der Länderkon­ferenz, die nun schon seit Jahr und Tag die Frage der Reichsreform sozusagen von amts- wegen bearbeiten, veröffentlichen heute cm Referat über die Neuregelung oer Zustän­digkeit s frage. Da die Verteilung der Kompetenzen für die Beurteilung der gesamten Reformarbeit viel wesentlicher ist als die der lerritorialen Neugliederung über die schon eine Gutachten vorliegi. kommt dem jetzigen Referat e r h ö h t e B e d e u t u n a zu Wir erinnern in diesem Zusammenhänge daran daß auch die Aktion des Reichskanzlers a D. Dr. Luther diese Zweiteilung der Sutfgaben vorsah, und daß die wel besprochene Publika­tion des Luther-Bundes sich gleichfalls nur auf territoriale Fragen beschränkte.vere.i Vor­schläge zur Neuregelung der Zuständigkciissra- gen unseres Wissens innerhalb des Luther- Bundes noch ausgearbeitet werden, . _

Untergang einer ganzen Stadt?

Wellington, 19. Juni. (Durch Funkspruch.) Die Verwüstung weiterer Gebiete durch das Erdbeben auf Neuseeland scheint viel schlim- mcre Formen angenommen zu habe«, als ur­sprünglich vermutet wurde. Es mutz mit gro­ßer Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, daß die ganze Stadt Leyell mit etwa 2000 Einwohnern vollständig zerstört worden ist. Rach einer Zeitungsnotiz ist feit Montag bis jetzt kein einziger Ueberlebender dieser Stadt angetroffen worden. Die Zahl der ge­borgenen Leichen beträgt biS jetzt 20. Diens­tag abend wurden 32 verschiedene Erdstöße verzeichnet. Das Erdbeben dauert noch an.

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22 yitzeopfer in Newyork

Rewyork, 19. Juni. (Durch Funkspruch.) Die Hitzewelle dauert seit 10 Tagen an. Ge ftern nachmittag stand das Thermometer auf 33,3 Grad Celsius im Schatten, was einen Re­kord bedeutet. Mehr als zehn Personen sta r b ene gestern infolge der Hitze und zwölf ertranken während des Wochenendes, wo Millionen von Menschen im Meer und in den Flüssen Abkühlung suchten.

In der Umgegend von Rewyork wurden so­gar Temperaturen biS zu 39 Grad im Schat­ten gemeldet. In säst allen Städten im Rord- osten des Landes ereignete« sich Hitzschläge.

AeverschwemmungSialasttopve in Indien

Bombay, 19. Juni. (Funkdienst.) In der Stadt Silchax in der Provinz Assam haben Regenfälle eine große lleberschwemmung ver­ursacht. Hunderte von Menschen sol­len dabei ums Leben gekommen und 90 Proz. des Viehbestandes vernichtet sein. Die Hälfw sämtlicher Häuser der Stadt ist von pen Fluten fortgerissen worden. 50 000 Bewohner haben in einem Lager Zuflucht gesucht.

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Dreißig Tote detm Erdrutsch

Rewyork, 19 Juni. (Durch Funkspruch) Aus Bogoda wird gemeldet, daß durch einen Erdrutsch im Stale (Santa (Südamerika) drei- fug Personen getötet und zahlreiche verwundet worden sind. Die Stadt Sevilla ist über­schwemmt und zum größten Teil zerstört worden, da der Fluß Quilcaro durch herab- geftüzte Erdmaffen gestaut wurde.

Loeve wirbt in Warschau

Warschau, 19. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) In der großen Sozialisten-Versammlung sprach nach Vandervelde Reichstagspräsident L o e b e. Der deutsch-französische AnnäherungS- prozeß schreite rasch vorwärts und jeder Tag bringe uns der Verwirklichung näher. Im glei­chen Maße sei jedoch für den Frieden Europas eine deutsch-polnische Verständi­gung nötig, und diesem Verständigungswil­len sei der Abend gewidmet. Den Frieden könnten nur die Volksmassen selbst aufrechter- ten, und vor dem Kriege schützen könnten nur die, auf deren Schultern die Kriegslasten und -Leiden liegen würden. Aus diesem Grunde bestehe eine ständige

Kriegsgefahr auch stets dort, wo eine Diktatur herrsf e.

Aus dem Parteitag in Magdeburg sei sein An­trag auf Vertragsabschluß mit Polen einstim­mig angenommen worden. Man ersehe dar­aus, daß die deutschen Sozialisten einen Druck auf die Regierung ausübten. Wenn das auch die Polen täten, könne der Handelsvertrag zum Wohle der beiden Völker und Staaten in nicht langer als drei Monaten zum Ab­schluß gebracht werden. Die deutschen Sozial­demokraten seien gegen den Panzerkreuzerbau. und für die Abrüstung .doch besäßen sie noch nicht die entscheidende Macht. Loebe erklärte sich auf Anfrage für die Unabhängigkeit Po­lens. U. a. sprach noch Crtspien.

Stresemanns Besuchszweck in Paris

Paris, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht) Außenminister Dr. Slresemann ist heute vor­mittag aus Barcelona kommend in Paris ein» getroffen, begrüßt von Botschafter von Hösch, dem Kabinettschef des Außenministers Briand Leger, dem spanischen Botschafter QuinoneS de Leon usw. Kurz vorher waren die Staats­sekretäre von Schubert und Pinder ebenfalls angekommen. Um 12,30 Uhr findet am Quai d'Orsay das von Außenminister Briand ver­anstaltete Frühstück statt. Strefemann tritt heute abend dieRückreise nach Berlin an

Parts, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht.) An dem Frühstück bei Briand nehmen außer Dr Strefemann noch teil Botschafter von Hoesch die Staatssekretäre von Schubert und Pün- der sowie die französischen Minister Bartoux. Ehsron, Daladier. Loucheur, Kriegsminister Painleve, ferner die Vorsitzenden der aus­wärtigen Ausschüsse usw. Ministerpräsident Poincars wird nach Beendigung des Früh­stücks erscheinen.

Paris, 19. Juni. (Eigene Drahtmeldung. > Zum bevorstehenden Besuch Dr. Stresemanns schreibt ein Blatt: Nachdem sich die französische Regierung einmütig für die Annahme der Sach- verständißenvorschläge ausgesprochen habe, be­stände lein Hindernis mehr für einen Mei­nungsaustausch Briands mit Dr. Strefemann. Bor allem würde man von dem Dalum der kommenden Konferenz sprechen und die Ansich­ten übet die vorzeitige Rheinland­räumung austauschen. Aus französischer Seite sei man teilweise für eine sofortige Ein­berufung der Konferenz, teilweise bestehe aber Die Ansicht, daß deren Bedeutung eine längere Zeit des Ueberlegens erfordere. Der August fei die einzige Ruhezeit der Staatsmänner. Im Juli dagegen könnten sich die Parlamentarier in voller Kenntnis der Gesamtlage übet die

Schulden- und KriegSentschädigungsfragen aus- sprechen.

Dem Ternps zufolge kann irgendein ent­scheidender Beschluß nur im Einvernehmen mit den übrigen Mächten gefaßt werden Die Verständigung hierüber müsse auf dem ge­wöhnlichen diplomatischen Wege erfolgen. Strefemann werde bei feiner Rückkehr nach Berlin eine nicht eben leichte Situation Dor* finden, wenn auch die verzweifelten Bemü- Hungen der Reaktionäre, die die Kriegsliaut- Dietunfl zum Scheuern bringen wollen, leinen Erfolg haben würden.

Der wettfriede soll regieren

London begrüßt Amerikas Botschafter.

London, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Aus Dem Essen zum Empfang des amerikanischen Botschafters General Dawes führte Außenmi­nister Henderson u. a. aus, daß beide Böl- ler den Krieg aus der Sphäre internationaler Beziehungen beseitigen und das mächtige Frtedensgesühl der Völker in praktische Frie- densmaßnahmen umwandeln wollten. Er hoffe gemeinsam mit den anderen Nationen einen neuen und erfolgreichen Versuch unternehmen zu können, das Ziel endgültiger Abrüstung zu erreichen. Die Welt braucht Abrü­stung, die Völker sehnen sich danach, die Regierungen würden sie begrüßen. Die Völ­ker der Welt sind der Ansicht, daß die Zeit zum Handeln gekommen ist. Auch Dawes hielt ein baldiges Abrüstungsabkommen für not­wendig und erklärte, eine Vereinbarung über die Methoden der Verhandlungen müsse von Anfang an alle interessierten Flottenmächte umfassen und müsse die Sanktion nicht nur eines Teiles der Wett, sondern der ganzen Welt haben. Bei den Verhandlungen müß­ten die technischen Marinesachverständigen und die Staatsmänner Hand in Hand arbeiten.

Dem Staatsmann obliege in erster Linie bW Pflicht, für den Frieden zu sorgen, und er müsse bei den Verhandlungen die Jnt- ltative behalten.

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London, 19. Juni. (Eigener Drahtberlcht). sir Austen Chamberlain, der nach Gene­ral Dawes sprach, versicherte, daß hinter dem warmen Entpsang für General Dawes das ganze englische Volk stehe. Die bestehen, den MeinungsverschieDenheiten pflegten im täglichen Meinungsaustausch auch zwischen den besten Freunden aufzutauchen. Er habe das Vertrauen, daß die Schwierigkeiten bald be­hoben und die Flottenfrage eine glück­liche Lösung finden könnte.

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Ein günstiges Echo

Londons Presse für Seeabrüstung.

London, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Die Morgenblatter stimmen der gestrigen Rede des amertkantschen Botschafters warm zu. Nur .Morntng Post* preist in einem sauersüßen Leitartikel Die lichtvolle Rede des General«, erinnert aber daran, daß England letzten En­des von seiner Kriegsflotte geschützt werde und Daß der Wunsch nach einer Verein­barung mit Amerika diese Tatsache nicht außer Betracht lassen dürfte. Andere Blätter bezeich­nen den Seeabrüstnngsvorschlag des Botschif- ters als gesund und verständig. Er richte sich aber nicht an Großbritannien al- lein. Die Rede sei zwar nur ein Anfang, aber in diesen Dingen fei ein Anfangserfolg zuweilen schon ein Sieg. Hoffentlich gelinge es dem General, das Gefühl des Mißtrauen- und Der Gereiztheit, welches unter der frü­heren Regierung wegen des Mißlingens der Abrustungssrage umsichgegriffen habe, zu be- fettigen. Das wichtigste an der Rede sei die Tatsache, daß nicht gesagt wurde, was nach Drohung klinge oder danach, das Recht Groß» brttanniens zu bestreiten, eine Kriegsflotte zum Schutze seiner Gebiete und seines Handels zu besitzen.

China gegen Moskau

Sondergericht gegen 39 Russen?

London, 29. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Nach Meldungen aus Peking wird der aus­wärtige Ausschuß in Nanking heule die chine­sisch-russischen Beziehungen prüfen. Mulden wird alle im russischen Kosulat in Chardin ge­fundenen Dokumente nach Nanking senden. Der Oberbefehlshaber in der Mandschurei soll beabsichtigen, einen außerordentlichen Gerichtshof zur Aburteilung der im russi- slhen Konsulat verhafteten 3 9 Ru ff en ein- zusetzen. Die im Konsulat gefundenen Kisten sollen die Namen von 57 chinesischen und 22 russischen Spionen in verschiedenen Orten ent- halten, nach denen jetzt gefahndet werde.

Schanghai, 19. Juni. (Funkdienst.) Die Be- dmgungen der Nankingregierung zur Beendi­gung des Kriegszustandes mit General Feng schließen folgende Paragraphen ein: General Feng hat das Land zu verlassen. Nanking be» zahlt ihm für seine Verbindung mit der Kuo­mintang 8,5 Millionen chinesischer Dollar pro Monat. Fengs Armee wird nicht aufgelöst und bleibt in den Zentralprovinzen stationiert.

Erregung in Agram

Kommunistenverhaftungen in der Gesellschaft.

Belgrad, 19. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Auf Grund der Verbreitung kommunistischer Flugschriften in Agram wurden gestern nach längeren Nachforschungen vier Personen verhaf­tet. Da es sich durchweg um unbekannte Per­sönlichkeiten handelt, erregten die Verhaftungen in Der kroatischen Hauptstadt ungehuereS Aussehen. Der dramatische Schriftsteller K r l e s ch a, ist einer Der bekanntesten jüngeren Theaterdichter Jugoslawiens. Ein Schauspiel von ihm wird zur Zeit in einem Belgrader Theater mit großem Erfolg gespielt. Auch der verhaftete Journalist Galogascha ist in Agram sehr bekannt. Bei Haussuchungen wur­den zahlreiche kommunistische Broschüren be­schlagnahmt. Auch in einer Agramer Druckerei wurde belastendes Material zutage gefördert. Der Schriftsteller Krlefcha wurde inzwischen auf freien Fuß gesetzt, gegen die verhafteten Aerzte Dr. Löwy und Dr. Fischbach liegen je* doch schwere Verdachtsmomente vor.