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Nummer 137
Donnerstag, 13. Juni 1929
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19. Jahrgang
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Berlins Kritik an Madrid
von Schubert mutz gehn? — poincare erschwert Hie Versöhnung — DSnensorgen um Riel
3er sechste Statt nach Amerika
Schatten über Madrid
In Madrid liegt jetzt doch, aller Welt spürbar, ein dunkler Schatten über der Diploma- lensreundschastBriand-Stresemanns, die seinerzeit in Locarno, dann auch noch in Gens und Lugano in weit hellerem Licht zu erstrahlen schien. Auf keinen Fall will Briand die Saar- fr a g e berühren. Das Statut des Saargebietes sei durch den Versailler Vertrag bestimmt so tönt es im Chor der Boulevardpresse und könne nicht — ohne Befragung des saarländischen Volkes vorzeitig abgeändert werden. (Ein Advokatentrick, der dem Haupte Poinca- res entsprungen sein dürfte.) Und was die Räumung des Rheinlandes anbelange, so fehle ein verantwortlicher englischer Außenminister in Madrid. Aber wenn Herr Strese- mann sich einstweilen mit seinem .Freunoe" Briand über die Einrichtung einer ständigen Rheinlandkontrolle (nach Räumung des besetzten Gebietes) unterhalten wolle, dafür habe der französische Außenminister alle Unterlagen in der Tasche. An diesem Punkte könne man die Verhandlungen von Locarno in Madrid fortsetzen . . .
Dämmert es Dir jetzt, deutscher Michel? Die Pariser Regierung, die am Dienstag einen geheimen Kabinettsrät über ihre Politik für Madrid abhielt, hat ihrem Außenminister die strenge Weisung mitgegeben, sich Stresemann und v. Schubert gegenüber vorsichtig und zurückhaltend zu benehmen, jedes bindende Gespräch zu vermeiden, alles zu verschieben und zu vertagen, bis wieder dieallierteFront und sei es auch mit einem Henderson, gegen Deutschland zustande gebracht sei. Nur über eines darf Briand mit Stresemann ernsthaft sprechen, das ist die von den Berliner Regierungen schon dutzendmal abgelehnte .Ver- söhnungskommission*. So nennen sie die Pariser Leitartikler immer noch in der B sicht, den Arbeiterminister, der aus London nach Madrid kommen soll, für die Sache ein zufangen Jv Wahrheit ist biefe Kommission nichts anderes als das alte .Jnvestigalions- komitee" zum Zwecke der Einmischung, Untersuchung und militärischen Kontrolle des geräumten Rheinlandes. Juristisch abgeleitet ist der Gedanke — man sieht immer von neuem den Schatten Poincares — aus dem Artikel 213 des Versailler Vertrages, durch den Deutschland sich verplichtet hat, jede Untersuchung zu dulden, die der Rat des Völkerbundes mit Mehrheitsbeschluß für notwendig erachtet. Danach ist der VölkerbundSrat berechtigt, sich durch eine Untersuchung davon zu überzeugen, ob die Militärbestimmungen des Versailler Verttages — das wäre also im besonderen Fall des Rheinländer die Unversehrtheit der neuttalen Zone — innegehalten werden oder nicht.
Während die Völkerbundssatzung sonst bei wichtigen Beschlüssen des Rates Einstimmig- keit verlangt, genügt hier einfache Mehrheit. Die Siegermächte von Versailles wollten sich damit die Möglichkeit sichern, auch einem wiedererstarkten Deutschland jederzeit den Daumen aufs Auge zu drücken. Daß die deutschen Vertreter diesen gefährlichen Angriff abschlagen und sich auf nichts anderes einlaffen, als auf sofortige Rheinlandräumung ohne Kuhhandel, ohne Trinkgeld, das ist die Hoffnung aller Deutschen, die nicht in Madrid dabei sein können.
* von Schubert in Ungnade
Berlin, 13. Juni. (Eia. Informationsdienst) Zum unbefriedigenden Ausgang der Minder- beiten-Dehatte in Madrid wird hier in Polin- schen Kreisen darauf hingewiesen, daß Staatssekretär von Schubert vor der Ankrunft Dr. Stresemanns sich allzu nachgiebig gezeigt habe, so daß Dr. Stresemann gezwungen war, die weitgehenden Konzessionen seines Staatssekretärs soweit abzuhauen, wie das irgend möglich war. Immerhin bleibt für die deutsche Politik ei» recht peinlicher Nachgeschmack be- halten. Infolgedessen wird bereits die Frage erörtert, ob Staatssekretär von Schubert bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit aus dem Innendienst der Auswärtigen AmreS auS- scheiden soll. Irgendwelche Entscheidungen hierüber können natürlich zurzeit noch nicht genossen werden. Erwägungen dieser Art sind jedoch bereits im Flusse.
vrobefavrt de« neuen Kreuzer«
WilhelmShasen, 13. Juni. (Privattelegramm) Der neue Kreuzer Königsberg hat seine Ostsee- fahrt zur Erledigung der großen Prsbesahrt und der Meilensahrt angetreten.
Reykjavik, 13. Juni. (Eig. Drahtbericht). Nachdem der schwedische Fliegerhauptmann Ahrenberg die Reparaturen an seinem Flugzeug beendet hat. versucht er heute, Donnerstag, zum sechsten Male, über Grönland nach Newyork zu fliegen. Der Finanzier dieses Fluges, Bankdirektor Cenvln, sowie der Chef des Stockholmer Flughafens raten Ahrenberg von feinem Weiterflug ab, während andere Sachverständige dagegen optimistisch sind und die Fortsetzung wünschen. Die Wetteraussichten find z. Zt. nicht günstig.
Vater und Söhne
Barrikadenkampf in der Wohnung.
Berlin, 13. Juni. (Funktelegramm.) In der vergangenen Nacht kam es zu einem heftigen Kampf zwischen dem siebenundvierzigjährigen Schlächter Schlisiki und seinen drei Söhnen im
London, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Ein diplomatischer Korrespondent erwartet mit Bestimmtheit, daß die britische Regierung in der nächsten Woche nach der Rückkehr Macdonalds und Hendersons nach London die diplomatische Initiative in Sachen der Reparations- und Rheinlandskonferenz ergreift. Offenbar bestehe in Frankreich Abneigung gegen diese Konferenz oder doch wenigstens Neigung, die Teilnehmer und die Tagesordnung dieser Konferenz zu begrenzen. Die Anwesenheit der Außenminister sei aber unentbehrlich, auch die Anwesenheit der Premierminister. Macdonald beabsichtige undingt an der Konferenz teilzunehmen. Der deutsche Kanzler werde dies wohl auch tun und auch PoincarL werde sich schließlich von der Zweckmäßigkeit direkter Erörterungen überzeugen. Einem Pariser Berichterstatter zufolge werde Poincare, der zur Zeit den Young-Be- richt genau prüft, zweifellos mehrere Bedingungen formulieren, die erfüllt werden müssen, bevor die französischen Truppen aus dem Rheinland zurückgezogen werden. Die französische Regierung sei der Ansicht, daß das Problem des Saargebietes nicht in die Rheinlandkonferenz einzubeziehen, sondern es gesondert zu besprechen sei.
* * * wohin ’ kommt öie Zentralbank Räumungs- und Saarkompromiß in Madrid.
Paris, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Einem Madrider Sonderkorrespondenten zufolge soll Stresemann bei Briand für Z ü r t ch als Sitz der internationalen Zahlungsbank eingetreten sein. Die Gegenseite möchte sie jedoch nach London oder Brüssel verlegen. Die Räumung werde auf deutscher Seite für Oktober erwartet. Bei der Erörterung der Ueberwachung der entmilitarisierten Rheinlandzone habe Srre- semann die Einrichtung ständiger Kontrollposten abgelehnt. Endglütiges darüber könne erst im September in Genf beschlossen werden. Die Saarfrage habe Stresemann nicht eingehend behandelt, aber den Gedanke« eines lieber- gangregimes, einer wirtschaftlichen Interessengemeinschaft und einer Entschädigung für den RücAauf der Saargruben wieder aufgegriffen. Briand Wolle die Saarfrage nicht erörtern, um durch das verwickelte Problem nicht die Durch- führung des Sachverständigenplanes zu verzögern.
23 rüffel al« Sitz?
Paris, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Die Information meldet auS Brüssel, daß man dort damit rechne, Brüssel werde als Sitz der Zahlungsbank gewählt. In einer Besprechung im Finanzministerium habe man sich bereits mit den in Frage kommenden Lokalitäten für die Bank befaßt. Wahrscheinlich werde zu diesem Zweck daS Palais Egmont zur Verfügung gestellt werden.
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London« Kritik am Aoungbericht
London, 13. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Snowden und die anderen Führer des britischen Schatzamtes schweigen sich auffallend über
Alter von 21 bis 27 Jahren. Schon seit langem bestanden in der Familie Streitigkeiten, da die Frau auf den Verkehr ihres Mannes eifersüchtig war, und wiederholt war es zu Schlägereien gekommen. Gestern nun hatte der Schlächter in Abwesenheit der Söhne seine Frau vor die Tür gesetzt und versuchte darauf, sich vom Dach auf die Straße hinabzustürzen. Nachdem Hausbewohner ihn daran gehindert und ihm gut zugeredet hatten, begab er sich in seine Wohnung zurück und verbarrikadierte die Tür. Die heimkehrenden Söhne überwanden schnell das Hindernis und drangen auf den Vater ein. In seiner Not griff er zu einem Schlächtermesser und verletzte seine Angreifer, darunter den jüngsten schwer. Den Polizeibeamten gelang es erst mit dem Gummiknüppel, die Kämpfenden zu trennen. Der Schlächter wurde zu seiner eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen.
den Young-Bericht aus. Es ist zum mindesten neuen diplomatischen Korrespondenten zufolge Tatsache, daß in Finanzkreisen Londons der Sachverständigen-Bericht z. T. scharf kritisiert wird. Insbesondere wird Frankreichs Anteil von 25 Millionen Pfund an den bedingunglosen deutschen Jahresleistungen von 33 Millionen Pfund bemängelt, ferner das Weiterbestehen der deutschen Sachlieferungen auf zehn Jahre und die Gründung der internationalen Zahlungsbank, über bereit einwandfreies Arbeiten Zweifel laut werben. Zwischen Paris und London wirb zurzeit über die Einsetzung eines Ausgleichs- Komitees für bie Entmilitarisierung bet Rheinlandzone verhandelt.
Mussolinis Bajonette Hrohen
Scharfmacherrebe des FlugsekretärS Balbo.
Bukarest, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Der italienische Unterstaatssekretär für das Flugwesen, Balbo, der sich zur Zeit mit dem italienischen Wasserflugzeuggefchwader in Konstanza aufhält, führte bei einem Empfang beim rumänischen Fliegerkommandanten auS: Italien sei isoliert und von Feinden umgeben und habe durch den Friedensvertrag bitteres Unrecht erlitten. Eine halbeMillion italienischer Bajonette seien bereit, Italien das Recht, das man ihm beim Friedensschluß vorenthalten habe, zu erkämpfen. Der Rumänengeneral Ru- beanu erwiderte, daß es Rumänien nach tausend Jahren gelungen sei, feine nationale Einheit zu erringen und daß es diese Errungenschaft bis zum letzten Blutstropfen verteidigen werde. Die Rede BalboS wurde auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung in der rumänischen Presse nicht veröffentlicht.
Ein verlorenes Spiel
General Feng verläßt China-
London, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Nach amriichen Pekinger Berichten hat General Yen der Nanking-Regierung mitgeteilt, daß Feng mit ihm in Juntschen zusammentreffen werbe, und baß beide im Anschluß daran sich inS A u S l a n d begeben würden. Ändere Mel- düngen besagen, daß Yen seine Truppen nach dem südwestlichen Schanfi zurückzieht.
23elagerun g«»uffanö über Willemstabi
Caracas, 13. Juni (Funkspruch.) Nach Meldungen von der Insel Caracas scheint man dort mit wetteren Unruhen zu rechnen. Uebcr die Festung Willemstad ist der Belagerungszustand verhängt worden. Der Gouverneur hat auch weitere Vorsichtsmaßregeln getroffen, um eine Wiederholung deS UeberfallS zu ver- meiden.
London, 13. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Der venezuelanische Kriegsminifter gibt bekannt, daß die Ausständigen, die in der Provinz Falcon gelandet waren, nunmehr vollständig geschlagen seien und in die Berge zurückgewor- fen wurden. Die Regierungstnippe« habe« die Verfolgung ausgenommen.
Wien-Berlin
Salzburg, 13. Juni. (Privattelegramm.) Am 12. Juni fanden hier unter dem Vorsitz von Nationalrat Dr. Drexel Besprechungen zwischen Vertretern der deutschen und österreichischen Landwirtschaft über die im Rahmen der Han- delsvertragsverhandlungen erhobenen Forderungen und Wünsche der österreichischen Landwirtschaft auf dem Gebiete der Vieh- und Pferde-Aussuhr statt. Es besteht der Wille, die wirtschaftlichen Vereinbarungen der beiderseitigen Landwirtschaften soweit als möglich zu fördern und die einschlägigen Interessen in freundschaftlicher Art zu behandeln. Das Ergebnis brachte eine wertvolle Klärung der besprochenen Fragen und erreichten den Zweck der Fortführung der Handelsvertragsverhandlungen.
Paris, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Einer Entschließung zufolge geht der einstimmige Wille der früheren Kriegsteilnehmer dahin, daß auf keinen Fall die französischen Zahlungen an die Alliierten jemals die deutschen Zahlungen übersteigen dürfen.
Paris, 13. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Dem Echo de Paris zufolge wird Poincare verschiedene finanzielle Bedingungen darlegen, die erfüllt werden müßten, ehe er die französischen Truppen aus dem Rheinlande abberufe. Die französische Regierung scheine dem Plan einer Internationalen Konferenz nicht stattgeben zu wollen. Die Saar-Frage wünsche man nicht in die Regelung der Kriegsentschädigung und Rheinlandfrage einzubeziehen, sondern gesondert zu behandeln.
Die Danen verstimmt
Keine Grenzreviston auf der Kieler Woche.
Kopenhagen, 13. Juni. (Durch Funkspruch.) Am 15. Juni beginnt in Kiel die kulturelle Deutsch-nordische Woche für Kunst und Wissenschaft. Die dänischen Verbände befürchten jedoch eine Erörterung der Grenzreviston und sagen in einem Aufruf: Es habe peinliches Aufsehen in Dänemark erregt, daß einzelne deutsche Blätter einer politischen Ausnutzung der Veranstaltung das Wort geredet haben und daß grenzrevisionistischeAeußerungen laut geworden seien, die in entschiedenem Widerspruch zu dem Zweck der Kieler Woche ständen. Wenn Aeuße- rungen dieser Art getan würden, so würde dadurch eine Atmosphäre geschaffen werden, die einer ehrlichen neutralen Ausbeute eines deutsch-nordischen Gedankenaustausches nur schädlich sein könnte.
Wahlausfall in SüHafrika
Verluste der Arbeiterpartei.
Kapstadt, 13. Juni. (Funktelegramm.) Die Wahlbeteiligung bei den gestrigen Wahlen im südafrikanischen Parlament war eine außerordentlich rege. Um Mitternacht war der Stand wie folgt: Südafrikanische Par- tei (General SmutS) 27. Rationalisten (Premierminister General Hertzog) 4, Arbeiterpartei (Gruppe Creswell) 4 und Arbeiterpartei (Gruppe Madeley) 2. Die Gewinne bezw. Verluste verteilen sich wie folgt: Südafrikanische Partei 4 Gewinne, Rationalisten 1, Arbeiterpartei (Gruppe Creswell) 0, Gruppe Madeley 1 Verlust. Die Gewinne der übrigen Parteien scheinen also auf Koste« der Arbeiterpartei erfolgt zu sein.
voensgen contra Bernhard
Berlin, 13. Juni. Im Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller wieS der Vor- sitzende Dr. Ernst PoenSgen im Zusammenhang mit dem Rücktritt Dr. Vöglers gegen diesen sowie gegen Fritz Thyssen und gegen die deutsche Eisenindustrie geschleuderten Angriffe scharf zurück. Hierauf fuhr Dr. Poens- gen, wie uns ein Augen- und Ohrenzeuge be» richtet, Wörtlich fort: „Als Teilnehmer jener Essener Besprechung kann ich sagen, daß auch die neuerlichen Mitteilungen des Herrn Georg Bernhard unrichttg und frei erfunden sind. Herr Georg Bernhard, daS möchte ich betonen, mag diese Mitteilung hinnehmen als die eine» nicht durch die Immunität geschützten deutsche» Mannes. Ich möchte mich nicht weiter mit de« Ausführungen deS Herrn Bernhard befasse», denn sie richten sich selbst. Ihre Wirkung abzuschwächen, wäre zu schade." Hier setzte Sa» kes Beifallklatschen ein,-
Poincare als RSnmnngshindernis