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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Sesfische Abendzeitung

Dienstag, 4. Juni 1929

19. Jahrgang

Einzelpreis: Sonntag- 20 Pfennig.

Nummer 129 Einzelpreis: wochentags 10 Pfennig.

Kein Räumungshieb in Madrid?

Wie Alae-onal- regieren will Vor der Unterzeichnung in Paris

Kabinett Baldwin tritt zuriilk

teil werden ließ. Wenn nicht die allgemeinen Regeln des Anstandes gewahrt werden, wird praktische Zusammenarbeit unmöglich sein.

Bilanz von Madrid

Von

Berlin, 4. Juni. (Durch Funkspruch.) Wie amtlich bekanntgegeben wird, ist Premier­minister Baldwin zurückgetreten.

London, 4. Juni. (Eigener Funkdienst). Man nimmt an, daß der König heute nach Ent- gegennah me des Rücktritts Baldwins den Füh­rer der Arbeiterpartei, Macdonald, mit der Kabinetts-Bildung betrauen wird, der seine Ministerliste im wesentlichen schon fertiggestellt haben soll. Die Blätter ergehen sich in Mut- maßungen über die Zusammensetzung deS neuen Kabinetts. Daily Telegraph erwartet als Staatssekretär des Aeutzeren Henderson. Ein Blatt erwähnt ein Gerücht, daß Lord Ro­bert Cecil Staatssekretär des Reicheren werden soll, betont aber, erfahrene Sozialisten hätten Thomas als wahrscheinlichen Nachfolger Chamberlains bezeichnet. Morning Post äußert sich in gleichem Sinne. Von der ge­meinsamen Sitzung des BollzugsauS- schufses der Arbeiterpartei und des parla­mentarischen Vollzugsausschuffes sind wichtige Entscheidungen zu erwarten.

London, 4. Juni. (Eigener Funkdienst). Bisher ist noch kein Beschluß über die Ver­tretung Großbritanniens im Völkerbundsrat gefaßt worden, dach glaubt man, daß der bri­tische Botschafter in Madrid, Sir Georg Gra- hame, diese Vertretung übernehmen dürfte, wenn ein besonderer Delegierter nicht entsandt werden sollte.

* * *

Ausblicke in die Zukunft

Der Autzenpolitiker Macdonald.

Berlin, 4. Juni. (Eigener Funkdienst). Zum Londoner Vertreter desVorwärts" äußerte sich der Führer der Arbeiterpartei Mac­donald: Die Wahlen haben zwei Dinge ein­deutig bewiesen. Das Land will eine andere Regierung und zweitens: Das Land wünscht, sein Interesse von der Labourparty in der Re­gierung vertreten zu sehen. Die dritte Schluß- folgerung sei: Die Nation betrachtet jede dritte Partei als unerwünscht.Beinahe gereizt er­wähnte Macdonald zweimal: die Liberalen interessierten ihn nicht. Auf eine Frage zur Außenpolitik erwiderte et: Wenn wir mor­gen an die Macht kommen, werden wir am nächsten Tage mit derSondierung der St- tuatton und der Ausstreckung von Fühlern be- ginnen." Macdonold ließ sich auch nicht auf bestimmte Aktionen und Formeln festlegen. Die richtige Methode ist, die internationale

Aussprache der Staatsmänner ständig in Fluß

menten. Sonst aber könne seine Regierung eine Aera des Fortschrit 1 s und der Wohl- fahrt herbeiführen. Ein politischer Korrespon­dent erwartet jetzt eine Periode ruhiger Ent­wicklung, da die sozialistische Regierung nur solche Vorlagen einbringen werde, die die Unterstützung der liberalen Par- lei finden würden. Die Liberale Partei ist, so meint ein liberales Blatt, im Unterhaus die Zunge an der Wage. Sie tritt ein für Freihandel, Wahlrechtsreform, für Friedens- und Abrüstungspolitik uni) Ueberwindung der Arbeitslosigkeit. Wenn die Arbeiterpartei unter Weglassung der extremeren Punkte ihres Wahlprogramms sich auf diese

großen nationalen Fragen beschränken

will, dann werden die Liberalen ihr eine faire Möglichkeit zur Bewährung ihrer staatsmän­nischen Eigenschaften geben. Aber in zwei Punkten wird Macdonald seine früheren Methoden ändern müssen; in erster Linie muß er bedenken, daß er der Diener nicht des Voll­zugsausschusses seiner Partei sondern des Par­laments und der Nation ist. In zweiter Linie muß er seine Haltung gegenüber den Liberalen einer vollkommenen inneren Umwand­lung unterziehen. Die Liberalen werden sich niemals wieder den kleinlichen Ränken unter­werfen, bte ihnen 1924 die Arbeiterpartei zu-

* * *

Auch ein weiblicher Minister?

Macdonalds Liste schon fertig.

London, 4. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Die Berufung Ramsay Macdonalds ist für Mittwoch vorgesehen. Die Neubildung des Kabinetts wird dann sofort erfolgen. Für den Fall der Ablehnung Hendersons ist Sir Mosly und Ponsonby als Anwärter au das Außenministerium genannt. Die Rückkehr Snowdens in das Schatzamt sei eine Gewißheit, weil der Finanzsekretär im Schatz­amt unter Snowdens Leitung, Graham, voraussichtlich Handelsminister wird. Für das Innenministerium wird neuerdings Clynes genannt, während Thomas wieder für das Kolonialministerium gewonnen wer­den soll. Im Ganzen wird auch seitens der Opposition das wahrscheinliche Arbeiter­kabinett als ziemlich starke Regie­rung anerkannt. Fräulein Margaret B o n d s i e l d, die im ersten Arbeiterpartei« lichen Kabinett parlamentarischer Staatssekre­tär war, wird diesmal wahrscheinlich das Ar­beitsministerium erhalten und damit als erste Frau in England in das Kabinett einziehen.

Rätselhaftes Ende eines Stadtrats

Oberhof, 4. Juni. Privattelegramm.) Von Spaziergängern wurde hier auf einem wenig begangenen Holzweg eine männliche Leiche mit schweren Schutzverletzungen gefunden. Es handelt sich um den fünfzigjährigen Leip­ziger Stadlrat Weigel, der schon mehrfach in Oberhof zur Kur geweilt harte. Weigel war am Sonnabend zu einem Ausflug aufgebrochen, von dem er nicht mehr zurück­kehrte. Geld und Schmucksachen fanden sich bei der Leiche, sodatz ein Mord aus Raub­motiven ausgeschlossen erscheint. Selbstmord ist jedoch nach Ansicht der Sachverständigen ebenfalls ausge­schlossen, da die Wunde einen solchen Schutz nicht zulätzt. Der Tote ist Vorsitzen-

b«* des Verbandes der statistischen Aemter Deutschlands.

Spionage für Deutschland r

Prag, 4. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Der tschechische Kapitän Falout soll geständig fein, Spionage zugunsten Deutschlands getrie­ben zu haben. Dagegen wird uns aus ganz sicherer Quelle mitgeteilt, daß es sich nicht um besonders wichtige Mobilisierungspläne han­delt. Die geheimen Schriftstücke beziehen sich vor allem auf das russische Flugwesen und Ma- növrrpläne. Teils habe er die Schriftstücke ab- geschrieben, teils nach Deutschland mitgenom­men, wo sie photographiert worden seien. Die Dokumente seien auch nicht aus dem Stahlfach des Generalstabs genommen, da dieses ständig bewacht und mit Alarmvorrichtung versehen ist.

Sie letzte Hand am Voung-Abkommen

zu halten, um zu verhindern, daß eine Stag- Nation wie die gegenwärtige etntritt. Zur Abrüstungsfrage machte Macdonald ei­nen prinzipiellen Unterschied zwischen den klei­nen und den großen Nationen. Sie seien beide in durchaus verschiedener Lage: Es gibt kein kleines Land, das sich wirklich verteidigen kann. Wird es überfallen, so helfen ihm zehntausend Mann und ein Panzerkreuzer nicht im gering­sten. Es kann sich militärisch und machtpoli­tisch weder schützen noch sichern. Eine große Nation dagegen kann sich machtpolitisch bis zu einem gewissen Grade schützen, aber auch sie kann keinen Krieg verhindern. Fhre militärische Macht stellt für sie einen Einsatz (booty) dar, mit dem sie verhandeln kann. Ihre wirkliche Abrüstung hat daher ein inter­nationales Abrüstungsabkommen zur Voraussetzung das also zu erstreben ist.

* * *

Von den Liberalen abhängig

Macdonald soll sich festlegen.

London, 4. Juni. (Eigener Drahtbericht.) liebet die erwartete Uebernahme der Regie­rung durch die Arbeiterpartei sagt TimeS: DaS Land wünscht keine neuen Wahlen. SS braucht vor allem Frieden tm Innern und nach außen. Wenn Macdonald diese Tatsache berücksichtigt, wird ihm keine unfaire Behandlung zuteil werden. Morning Post erwartet, daß die So­zialisten einen Kuhhandel mit den Liberalen abschließen werden und fürchtet schwere Fol- gen für daS englische Wirtschaftsleben von der Aufhebung des Jndustrieschutzes und der Reichsvorzugsbehandlung. Dailn-Erpreß warnt Macdonald vor allen Nattonalisierungsexperi-

Paris, 4. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Die Markverhandlungen mit Belgien sollen aus­schließlich in Berlin stattfinden. Unter diesen Umständen wird über die Frage denn auch in Paris gegenwärtig nicht mehr gesprochen. Der Sachverstäudigenvericht wird in 12 Kapi­tel zerfallen: außerdem wird es eine ganze Reihe von Zusatzberichten über Spezialsragen geben, so z. B. über die Organisation der Zahlungsbank, die Sachlieferungen usw. Das ganze dürfte 120, vielleicht auch 150 Schreib- maschinenseiten stark sein. Der Bericht ist z. ZI. noch Aenderungen u. Erweiterungen aus- iesetzt. Gleichwohl ist schon jetzt mit der Ueber- etzung ins Deutsche und Französische begon­nen worden. Die deutsche uebersetzung ist bei­nahe vollendet. Die

Unterzeichnung wird noch vor Ende der Woche erfolgen, wahrscheinlich Donnerstag oder Frei- tag. Am Samstag wird Owen Young Paris verlassen. Anläßlich der Unierzeichnung im Hotel Georg 5 werden keinerlei besondere Feierlichkeiten stattfinden Unter den noch un­geregelten Fragen befindet sich vor allem die der Besatzungskosten, d. h. die Frag.-, ob nach dem Inkrafttreten des Aoungplancs also vom 1. September ab, die Besatzungsko- sten weiterhin von Deutschland bezahlt werven müssen, wenn bis dahin die Rheinland- räumung nicht verwirklicht wäre Mil dieser Möglichkeit ist Wohl zu rechnen, oa bis zur Ratifizierung durch die Parlamente noch mehrere Monate vergeben dürften. Eine umfassende Einigung auch über bie Reparationsbank dürfte heute erfolgen So­wohl der deutsche als auch der französische An­teil am Bankkavilal sind mit je ein Achtel vor­gesehen. Der Anteil der Reichsbahn an den Reparationszahlungen ist jetzt auf 660 Millio­nen festgesetzt worden. Das bedeutet, daß der

ungeschützte Teil der Annuitäten, der bekanntlich ebenfalls 660 Millionen beträgt, in vollem Umfange von der Eisenbahn ge­leistet werden wird.

Dieser Teil kommt für die Kommerzialisie­rung in Frage. Ferner wird Frankreich mit 500 Millionen Reichsmark beteiligt sein Die Dachlieserungssragen werben z. T. den Re­gierungen zur Entscheidung überlassen. Das Boungabkommen kann nur als Ganzes, b. h ohne Veränberung angenommen oder abgc- lehnt werden. _____

Die Räumung wieder verbaut

In Madrid kein verantwortlicher Engländer.

Paris, 4. Juni. (Eigener Funkdienst). Ein offenbar beinflutzter Artikel, befaßt sich mit den Verhandlungen, die außerhalb der Völkerbund-Tagung in Madrid gepflogen wer­den Dürften, angesichts der Tatsache, daß nach dem Rücktritt des engl. Kabinetts Chamber­lains nicht in Madrid fein wird. Das Blatt schreibt, es sei natürlich erschienen, daß nach der Einigung tn Paris ein Meinungsaus­tausch zwischen Briand, Chamberlain und Stresemann über die Abmachungen erfolgen würde. Briand wollte sich in Be­gleitung des Generalsekretärs Berthelot, nach Spanien begeben. Die englischen Wahlen, hätten die Lage vollkommen verändert. Me Unterebungen, bie während der Ratstagung stattfinden könnten, könnten also nur noch ei­nen persönlichen Charakter tragen und infolgedessen nur eine beträchtlich verminderte Bedeutung haben. Erst nach der Regie­rungsbildung in England werde man von der Rheinlandräumung sprechen können. Bis zu diesem Zeitpunkt könne man nichts unternehmen.

Staatssekretär Frhr. v. Rheinbaben, M. d. 8t

Seine wegweisende« Betrachtungen über daS letzte Trrne« der Bblkerbundssrennde m Madrid schlicht n«ser cinslnhreicher Mit­arbeiter beute mit solgeuden förderlich«« Aus­blicken ab:

Man wiro sich mit Recht am Ende jeder internationalen Kongresses als Teilnehmer die Frage voilegen müssen, was bei der gan­zen Sache herausgekommen ist, ob Zeit und Mühe gelohnt hat. Diesmal bei der Tagung der Völkerbundsligen in Madrid, wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten, üherrag- te bte Diskussion über den Fragenkomplex der Schiebsgerichtsarbei^ SicherHeil uno Abrüstung einersetts, die Erörterung des Minderheilenproblems alles andere bei weitem. Wie stehts mit dem Ersten? Das unerquickliche Feilschen in Paris, die fest- gefahrenen Abrüstuitgsverhandlungen Enttäu­schung und Ernüchterung über die Ergebnisse der sogananntenLocarnopolitik": das war so ungefähr der Untergrund, auf dem die ver­schiedenen Völkerbunds-Gesellschaften, darun. ter auch bie deutsche, bestimmte Resolutionen vorbereitet und dem Kongreß vorgelegt hatten Das Ergebnis war bann folgende, auch für oie deutsche Oeffentlichkett interessante Resolu­tion: Der Weg zu weiterer Ausdehnung bet obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit auch auf politische Konflikte wirb grundsätzlich be­schritten, dabei jedoch darauf hingewiesen, daß es auf alle Fälle richtig sei, bie bisherigen Rkethoden des Völkerrechtes zunächst einmal äu unterbauen, ins Bewußtsein der Völker zu bringen und praktisch auszugestalten. Daß nun endlich die Abrüstungskonferenz selbst positive Herabsetzungen des gegenwärti­gen Rustttngsstandes vornehmen sollte, war die allgemeine Auffassung sämtlicher Delegier- ter,die hier ohne Verantwortung und Instruk­tionen sich leichter einigen konnten als bie von Generalen und Admiralen beeinflußten Regie­rungen in Paris und London. Einmutig auch war die Auffassung, daß nach Beendi­gung der Reparationsverhandlungen unver­züglich die Räumung des Rheinlan- des erfolgen müsse, wenn anders man über­haupt ernsthaft an eine Befriedung Europas benfe. Der Franzose, Jonvcnel, erfaßte b.e Zeichen der Zeit und rief pathetisch in Ent­gegnung auf entsprechende Ausführungen eines deutschen Delegierten aus: die Rhein­landbesetzung ist nicht nur ein Alpdruck für Deutschland, sie ist es auch für Frankrei.ü! Gewiß, all dieses und die wohlgemeinten Re- solutionen über Minocrheitenrechte und Min­derheitenschutz sind noch keine Politik, trotzdem manches wohl sehr bald in der Rats­tagung wiederklingen wird. Nach dem Vorbild von Genf beherrscht leider auch auf dem Kon­greß der Völkerbunosgesellschoften die wohl­tuende Phrase ein weites Feld. Die Formeln von derMenschheit", vomEthos" und vom Weltsrieden" kehren in mancher Rede ein wenig z u oft wieder, und es wäre dringend zu wünschen, daß bie Entwicklung dahin fuh­ren möchte, in diese zum großen Teil staatlich subventionierten VölkerbundSgesellsebaften möglichst wenig Ansichtspostkarten schreibende Alte Herren" und möglichst viel jüngere und einflußreiche, nach sachlicher Arbeit drängende Persönlichkeiten hineinzunehmen.

Zurück zum Gastland Spanien Es wrr von jeher überwiegend ein Land, bas Deutfch- lano unb deutschen Dingen freundlich gegen- überstand ES blieb im Weltkriege neutral und profitierte davon ES spekulierte in der Inflationszeit zum Teil in deutscher Mark und deutschen Häusern und betfor daran. Es ging nach dem Weltkriege ssit PrimoS Staatsstreich mit verstärkter Straft daran, feine Stellung zu verbessern Es trat 1926 verär­gert aus dem Völkerbunde aus, weil es ihm Nicht gelang, gleichberechtigt neben den Großen einen ständigen Sitz im Rate zu erhalten. E« kehrte im Herbst 1928 trotzdem wieder In den ?choß des Völkerbundes zurück und begnügte ich mit einem nicht ständigen Ratssitz Drei siidamerikanische Staaten des spanischen (und portugisischeni Kulttirkreises sitzen außer ihm im Völkerbundsrat und entscheiden mit über manche Deutschland sehr nahestehende Angele­genheiten, so über Fragen ces SaaracbieteS, Danzigs und der Minderheiten. Liegt da nicht bie Frage mche, ob neben der Freud« über die feit Jahren geregelten Wirtschafts­beziehungen, über enge Beziehungen' eine»