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Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Aesstsche Abendzeitung

Nummer 124

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Mittwoch, 28. Mai 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Rätsel um Englands Wahlen

Hartnäckiger widerstand in Paris — Chinas Vorgehen gegen Moskau

Dramatische Wahlkampf-Momente

räumen deutscher Siudenten in Prag einge- schritien und har ein Siras verfahren eingeleitet.

London, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Die Dramatik des Wahlkampfes steigert sich noch in den letzten.Augenblicken dadurch, daß die liberiale Partei eine Bombe in das Lager der Gegner geworfen hat, die nicht zu unterschät­zende Folgen haben dürfte. Ein Manifest der Industriellen befaßt sich mit den nachtei­ligen Einflüssen der Arbeitslosigkeit. Sie seien überzeugt, daß das Programm Lloyd Georges sich als praktisch brauchbar erweise und auch durchgeführt werden könne. Es sei wirklich das einzige Programm, das die Unterstützung der Wähler finden müsse. Baldwin wird vorgewor­fen, die Krone absichtlich in den Wahlkampf hin­eingezogen zu haben, was eine strafwürdige Handlung bedeute, da er auf ein Wahldokument ohne Unterschrift das königliche Wappen setzen ließ. Mit Spannung wartet man auf den Ge­genzug der Konservativen. Viele Kreise glau­ben, daß noch sensationelle Enthüllungen über Verbindungen der Arbeiterklasse, insbesondere der Führer der Liga gegen den Imperialismus mit Moskauer Bolschewisten und deren Verbin­dungen nach Indien erfolgen werden, daß also das Manöver des Sinowjewbriefes in abgeän­derter Form wiederholt werden soll. Lloyd George verwahrte sich in einer Rede dagegen, er habe seinerzeit gesagt, Kaiser Wilhelm müsse gehängt werden.

Maeöonalb beruhigt Paris

Wie der Arbeiterpartestag regieren will.

Paris, 29. Mai. Eigener Funkdienst). Der englische Arbeiterführer Macdonald be­stritt einem Sonderberichterstatter des Malin gegenüber, daß seine Partei, Frankreich feindl. gesintt sei. Man sei jedoch inEngland verstimmt darüber, das Frankreich mit ferner blühenden Industrie die großen Opfer und Schulden­lasten nicht recht würdige, die den wirtschaft­lichen Aufschwung Englands behinderten. Aus diesem Gefühl heraus habe Snowden, das von der Regierung getroffene Schulden­abkommen verurteilt. Wenn er, Macdonald, wieder in die Regierung komme, werde er das Problem in Angriff nehmen, damit zwi­schen England und Frankreich ein gegen­seitiges Verständnis und freundschaft­liches Zusammenarbeiten erzielt werde. Mac­donald verurteilte die Haltung Englands in Genf,, die der Initiative ermangelte. In dem großen Kreuzzuge für den Weltfrieden dürfe England nicht anderen Mächten Gefolgschaft leisten, sondern müsse tn der Vorhut kämpfen.

*

Filebensfanfaren der Konservativen

London, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung. > Sir Austen Chamberlain rühmte in einer Wahl­rede in Birmingham die Mithilfe Briand-Stre- femanns bet seinem Friedenswerk. Man kann der Konservativen Regierung nicht den Vor­wurf machen, daß sie es unterlassen hätte ihrem Vertrauen zum Frieden in praktischer Rü­stungsverminderung Ausdruck zu geben. Lord Cushendun sagte in einer Wahlrede in Tiver- wn: Man suche eine unbegründete Besorgnis wegen der Sicherheit des Weltfriedens hervor­zurufen. Ich wünsche so bestimmt wie möglich und bet voller Sachkenntnis zu erklären, daß nicht die geringste Kriegsgefahr besteht. Lloyd George würde ein größeres Recht haben, über Abrüstung zu reden, wenn er aufhörte, Bemerkungen zu machen, die geeignet sind, un­sere Beziehungen zu Frankreich zu stören.

Belgiens Programm nach den Wahlen

Lüttich, 29. Mat. (Eigene Drahtmeldung.) Ministerpräsident Jaspar teilte in einer kacholi- schen Versammlung den Sieg der Regierung bei den Wahlen mit und erklärte dann, man werde zu einer Regelung der Scheldefrage gelangen müssen. In der Zkeparationsfrage werde sich die Regierung fest zeigen. In der Sprachen­frage werde man eine Lösung herbeizuMren suchen.

Tschechendrrrck auf Deutsche

Gegen deutsche Sprache und Lieder.

Prag 29. Mat. (Eigener Drcchtbericht.) Die tschechischen Parteien in der böhmischen La«.

desvertretung haben beschlossen, daß den deut- schen Beisitzern der Gebrauch v.r deutschen Sprache nicht gestattet werden soll. Die Ver­handlungen mit beut Deutschen sind wegen des starren Standpunktes der tschechischen Parteien gescheitert. Letztere sind weiter bestrebt, auch den deutschen Gemeinden neue Ver­pflicht u n g e ». in Bezug auf den Gebrauch der deutschen Sprache anfzuzwingen.

Prag, 29. Mai. (Privattelegramm.) Die Polizei ist aufgrund von Anzeigen gegen hn» Singen deutscher Lieder in d-n Vercins-

5)ie gestrichenen KuNur-MiNlonen

Berlin, 29. Mai. Die preußische Akademie der Wissenschaften verlangt in einer Denkschrift Stellung zum Nachtragsetat in Höhe der am Etat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissen­schaft gestrichenen Million, da die Stellung Deutschlands im Kreise der Kulturvölker nur durch die Mittel der Notgemeinschaft zu erhal­ten sei. Der Buchhändler-Börsenverein wendet sich in einer Landtags-Eingabe gegen die Her­absetzung der Büchervermöhrungsfonds für die staatlichen Bibliotheken.

Razzia im Ruffenkonsulat

Peking, 29. Mai. (Durch Funkspruch.) Gegen die von der chinesischen Polizei bei dem russi­schen Konsulat Charbin abgehaltenen Razzia haben die Russen in Mulden Protest eingelegt. Die Razzia wurde in dem Augenblick vorge­nommen, als gerade eine Versammlung der 3. Internationale in den Kellerräumen des Kon­sulats stattfand, woran über hundert Russen teilnahmen. Die Polizei mutzte erst mehrere Türen einschlagen, ehe sie an den Versamm­lungsort gelangte. Die Teilnehmer versuchten Dokumente zu verbrennen, wobei das Gebäude in Brand geriet, sodatz die Feuerwehr alar­miert werden mußte.

Bei Qüteniä er verherrlicht sich selbst

Belgrad, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) In feiner zweistündigen Verteidigungsrede be­zeichnete der Hauptangeklagte Punica Raschitsch

bei der Schilderung der politischen Lage vor dem Attentat diekroatischeBauernpar- t e i als eine Verschwörerbande, die die Einheit des jugoslawischen Staates untergraben wollte, um den Staat schließlich zu zertrümmern. Als er sich zu Schimpfworten gegen führende Abge­ordnete verstieg, wurde er zur Ordnung geru­fen. Raschitsch beschwerte sich darüber, daß er nach der Bluttat in der Skupschtina von der öf­fentlichen Meinung der Welt als gemeiner Mör­der und Attentäter hingestellr worden sei. Er habe nur seine Pflicht getan und durch seine Tat das Parlament gerettet. Er sei nur das Opfer der furchtbaren Zustände im Parla­ment. Der ehemalige Justizminister Obrano- witsch gibt der Meinung Ausdruck, daß die Schießerei unterblieben wäre, wenn der Abg. P e r n a r seine beleidigenden Aeutzerungen ge­gen Raschitsch zurückgezogen hätte. Raschitsch sei sehr aufgeregt und besinnungslos gewesen.

Paris täuscht sich in Berlin

Berlin, 29. Mai. (Eigener Informations­dienst.) Der Temps glaubt aus den Dar- legungen Dr. Stresemanns vor der deutschen Presse schließen zu sollen, daß die Reichsregie­rung unter allen Umständen einen Bruch in Paris vermeiden will. Die Miierten würden nur fest zu bleiben haben, um ihre Forderun­gen durchzusetzen. Demgegenüber ist zu sagen, daß das Außenministerium schon im Novem­ber v. I. ausdrücklich erklärt hat, Deutschland werde, falls die Forderungen der Gläubiger­mächte bestimmte Ziffern überschreiten, über- Haupt nicht zur Sachverständigenkonferenz er­scheinen. Dte Reichsregierung ist also fest entschlossen, unmögliche Zumutungen der Ge­genseite ebenso nachdrücklich abzuwehren, wie die deutschen Sachverständigen. Außerdem hält sie entgegen der Praxis der übrigen be­teiligten Kabinette, strikte an der Auffassung fest, daß die Experten in Paris vollkommen unabhängig sein müßten.

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Noch keine Lösung

Schwieriger Beratungsstoff in Paris.

Paris, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung). In den Sachverästndigenberatungen sind auch heute keine wesentlichen Aenderungen eingetreren. Nach dem „Temps* dürste eine Reihe von Fra­gen den Regierungen zur Entscheidung über­lassen werden, vor allem die Frage, wann der Youngplan in Kraft treten solle und wielange die Besatzungskosten und die Kosten für den Da­wesorganismus noch zu bezahlen sind, vor allem aber natürlich bie Frage der Dauer der' Rheinlandbesatzung. Owen Young gedenkt demnächst nach Amerika zurückzukehren.

Paris, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Halbamtlich verlautet: Die Delegierten suchen vor allem 1. nach neuen Mtteln, "um die Fort­führung des Dawesplanes zu ermöglichen, ohne daß durch das Inkrafttreten des Youngplanes eine Zahlungssteigerung eintritt, 2. eine Formel dafür, daß mit dem Zeitpunkt des Inkrafttre­tens des Youngplanes nicht die Kosten für das Befatzungsheer fortfallen und S. durch den Youngplan die notwendige Deckung der Schul­den stcherzustellen unter Sicherung eines Betra­ges für die Reparatwn und zwar unt-r An­

wendung eines Systems, das die progressive Mobilisierung ermöglicht.

Paris, 29. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Nach dem „Exzelsior" haben sich die Gläubiger­mächte gestern in die Arbeit geteilt. Während der eine Teil sich besonders damit beschäftigt, die Zahlungen des Owen Young bezw. des Al- liierten-Planes von Grund auf zu ändern, er­örtern andere die Zahlung der letzten 22 Jah­reszahlungen, deren Bezahlung durch die öster­reichisch-ungarischen Nachfolgestaaten sich die Alliierten widersetzen. Man prüfe deshalb, un­ter welchen Bedingungen der voraussichtliche Gewinn der internationalen Bank diese Rege­lung decken könnte. Aber auch der Pariser Ti­mes Bericht sprick ; von einem Kompromiß über das Datum für das Inkrafttreten des Young- Planes, für die Zahlungen, sowie über die wich­tigeren deutschen Vorbehalte und die Vcrtet- lungsfrage. Die Aussichten für die Festsetzung der Laufzeit des Youngplanes lauten für den 1. Septemher und ein Uebereinandergreifen des Dawes- und Youngplanes wird als günstig hin- gestellt.

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Doch noch Einigung möglich?

Auch die Besatzungskosten mache« Pein.

Paris, 29 .Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Die Besprechungen zwischen Owen Young Geheimrat Kost! und einigen alliierten Sach­verständigen erstrecken sich aus die redaktionelle Abänderung derjenigen deutschen Vorbehalte, denen von alliierter Seite eine polittswe Be­deutung beigemeflen wird. Namentlich beschäf­tigte man sich mit der Frage, wie die Ucber- schneidung des Dawesplanes und be3 Youngplanes vom 1. April 1929 bis 1. Januar 1930 vermieden werden könnte. Man wüßte vor allem den Unterhalt der Besayungs- truppen für den bekanntlich der Youngplan keine Mittel vorsieht, von dem Aushören des Dawesplanes unabhängig machen: o. h. ez müßten zur Deckung der Besatzungsrosten be­sondere Einnahmen von etwa zehn Milli­onen Goldmark monatlich gesunden wer­den. Roch keine der Lösungsmöglichkeiten ist endgültig angenommen.

Irr Lambourmajor

(Von unserem Londoner Berichterstatter.) London, 29. Mai.

Es fragt sich, ob die Liberalen nach den mor­gigen Wahlen überhaupt in irgendeiner Koali­tionsform zum Mitregieren kommen werden. Daß aber ihr Führer, Lloyd George, im nächsten Unterhause eine größere Rolle spielen wird, als er bisher gespielt hat, erscheint vielen Englän­dern als etwas Selbstverständliches. Man kann Lloyd George gewiß viele Vorwürfe machen. Er hätte vielleicht England verhindern können, mit hinein in den Krieg zu „schliddern", wenn er die Charaktrefestigkeit besessen hätte, seinen Abschied zu nehmen, wie es zwei seiner libera­len Kollegen getan haben. Er hat die wildesten Khakiwahlen mit dem Programm der Vernich­tung des deutschen Kaisers gemacht und die aufgestachelte Volksleidenschaft nur dazu be­nutzt, um im vorigen Parlament seinen Leu­ten Pfründen und Adelstitel zuzuschanzen. Er hat sich durch diese Sünden um ein gutes Teil seiner Volkstümlichkeit gebracht und hat eS durch den Niedergang der Liberalen Partei büßen müssen. Aher eines kann man ihm nicht vorwerfen: Mangel an Ideen. Davon hat er sogar zu viele.

Wie die Wahlen auch ausfallen mögen, kein Kabinett — es bestehe nun aus Konservativen, Sozialisten, Liberalen oder einer Koalition — wird sich an dem A r b e i t s p r o g r amm vorbeidrücken können, das Lloyd George für die Liberale Partei entworfen hat. Alle Schwierigkeiten überrennt Lloyd George mit der Parole: „Als Munitionsminister habe ich das Volk zum Kriege mobilisiert, jetzt will ich es zum Frieden mobilisieren." In der Tat ist sein Arbeitsprogramm, durch welches er die Arbeitslosigkeit in zwei bis drei Jahren zum Verschwinden bringen will, eine richtige M o- bilisierungsorder. Diese Order ist ist ausgearbeitet wie ein Generalstabsbefehl und läßt nichts außer acht. Auch nicht die Frage der Geldbeschaffung. Lloyd George greift an den Punkten ein, die von der konser- vattven Regierung vernachlässigt worden sind. Da ist zunächst der Straßenbau, der, genau so wie in Deutschland, einer durchgreifenden Neugestaltung, besonders wegen des Autover­kehrs, bedarf. Die Millionen aus den Aitto- steuern, die speziell für Straßenbau bestimmt sind, hat die konservative Regierung z.T. für all­gemeine Staatszwecke verbraucht. Lloyd Ge­orge tadelt das und will die Einnahmen der Straßenklasse zur Verzinsung einer Riesenanleihe verwenden, mit deren Hilfe die radikale Erneuerung nach Verbesse­rung des Straßennetzes vorgenommen werden soll. Mit diesen Straßenbauten verknüpfen sich insbesondere auch eine Menge von Arbei­ten, bei denen man ungelernte Arbeiter be­schäftigen kann. Ebenso sind eine Menge von Brücken neu zu bauen, und da erhält wieder die Eisenindustrie lohnende Beschäftigung, die natürlich auch auf die Kohlenförderung zuriick- wirtt und eine Menge von erwerbslosen Bergarbeitern in die Schächte zurückführt. Auch den Wohnungsbau als Schlüsselindustrie für andere Erwerbszweige, der in England fast ebenso klägliche Rückständigkeit aufweist, wie in Deutschland, will Lloyd George durch Gewährung von niedrig verzinslichen Dar» lehn an die Gemeinden in großartiger Weise fördern. Nicht vergessen hat Lloyd George einen großen Plan voii Meliorationsarbeiten, Trockenlegungen und Aufforstungen sowie zur Verbesserung des Fernsprechwesens. Man sollte es nicht für möglich halten, was in einem so durchkultivierten Lande, wie Eng­land, auch noch auf diesen Gebieten zu tun ist. Damit will Lloyd George die Produktion so steigern, daß die furchtbare Sorge. Arbeits­losigkeit, wenigstens auf das Vorkriegsmaß herabgedrückt würde.

Selbst die weiter rechts oder links eingestell­ten Engländer sind der Meinung, daß kein Kabinett sich wird halten können, das nicht die Frage der Arbeitslosigkeit auf Grund des Lloyd George-Programmes angreift. Der alte Lloyd George zeigt sich wieder einmal als der .Tam­bourmajor", der der Bewegung mit Trommel« voranschreitet. Er versteht es schon glänzend, für eine Sache zu werben. Auch wenn er nicht Premierminister wird, ja auch nicht einmal ein Plätzchen im Kabinett erhält, so wird er doch wieder ein volkstümlicher Mann. Daß er eine Persönlichkeit, ein Kerl ist, ein Mensch mit vie­len Fehlern, aber ein Mensch, der hinzureiße« versteht, das geben auch seine Gegner zu. Und so einer wird in England geachtet und verehr^