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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Dienstag, 7. Mai 1929

Nummer 107 Einzelpreis; Wochentags 10 Pfennig.

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Das letzte Ringen um die Zahlen

Gin politisches Drama in Litauen — Amerikas neuer Lrrftfchifftyp

oldemaras

Offiziere und der kleine Neffe getroffen.

*

MmaiMerbot Mit Wien

Energische Haltung des Bürgermeisters Seitz

Wien, 7. Mai. (Prlvattelegramm.) Mit Rückstcht auf die Borkommniffe bei den letzten Aufmärschen hat der Bürgermeister von Wien, Deitz bei sofortiger Gültigkeit ein Verbot für Aufmärsche »er Selbftsch Formationen für Wien erlaffen. Damit ist ^ch der Heimwehr- Aufmarsch am nächsten Sonntag unmöglich ge- DtJ<Dl

dürste die Entscheidung nicht vor ein bis zwei Tagen fallen.

Lin langer Doaarbeürrstrrik

L. ®Zoi- (Eigene Drahtmeldung.) Nach einer Meldung aus Le Havre dauert die Spannung im Konflikt der Dockarbeiter an Ntehrere Schiffe haben deshalb das Anlaufen diese« Hafens »ufgegeben und ihren Kurs ge­ändert.

Schachts Gegenvorschlüge

Young's hohe Ziffern.

Attentat aus

Der Diktator unverletzt. — Zwei

Gin Zweiminister-Aabinett

Thüringen wieder regierungsfähig.

Weimar, 7. Mai. (Privattelegramm ) Di« neue Thüringische Regierung wurde heute vormittag mit 28 gegen 25 Stimmen bei einet Stimmenenthaltung gewählt. Dagegen stimm- tr außer den Sozialdemokraten und den Ko«- mnnisteu der Abg. Marschler (Rat. Soz). Die Regierung setzt sich danach zusammen: Dr. Riedel, Minister, Justiz und Jnmres. Dr. Oaulsen Volksbildung, Wirtschaft und Finan­zen, dazu fünf StaatSräte: Dielfeld, Mache!« dcy, Port, «raufe und Woenne.

(Xotfront-Stratoane in Danzig

Danzig, 7. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Bei einer verbotenen Kundgebung de« hiefigen Rotfrontkämpferbunde« gegen da« Verbot in Preußen, mußte die Polizei von dem Gummi-

Das Reich hat wieder Gelb

Keine ratenweise Gehaltszahlung.

Berlin, 7. Mai. (Funkdienst.) Angesichts der ernsten Kaffenlage war, wie der Demokra­tische Zeitungsdienst mitteilt, beabsichtigt, die Beamtengehälter nicht in voller Höhe am 1. Mai zu zahlen, sondern den Rest im Laufe de« Monats. Aus diese Weise wäre man über die Schwierigkeiten des Ultimo hinweggekommen. Nachdem die Reichsregierung sich zur Aufle­gung der Anleihe entschloffen hat, wird dieser Plan nicht weiter verfolgt. Auch Maßnahmen ähnlicher Art kommen einstweilen nicht in Frage.

Memel, 7. Mai. (Eig. Drahtberichi.) Das „Memeler Dampfbot' meldet aus Kowno: Wie verlautet, sind die Schüffe auf Woldemaras von zwei oder drei Personen abgegeben wor­den. Die Täter sind im Gedränge des Thea­terplatzes entkommen. Man nimmt an, daß es sich um Anhänger des Führers der litau­ischen Emigranten im Wilnagebiet Pleschkaitis gehandelt hat, zumal der schwer verwundete Hauptmann V erb i cka s bevor er das Bewußtsein verlor, ausgerufen haben soll: »Sie haben polnisch gesprochen-. Der Neffe von Woldemaras wurde noch in der Nacht operiert und dürfte gerettet werden. Frau Woldemaras hat zwei Schüffe durch den Mantel erhalten ist aber unverletzt, ebenso wie Woldemaras selbst. Auf dem Platz sand man nachher noch zwei scharfe Handgrana- t e n und Muniton. In der Nacht sind etwa 15 Personen verhaftet worden. Es wurden auch Haussuchungen abgehalten und heute stüh wurden die Preffe der aus den Vororten nach der Stadt kommenden Personen kontrolliert. Nach einer anderen Lesart sind die Täter nach dem Anschlag in einem hinter dem Theater wartenden Auto davongefahren. Wol­demaras und seine Begleiterin gingen den an­beten etwas voraus und so wurden nur die Begleiter ve-'etzt, da die Schüsse von rückwärts i -len. In Kowno herrscht Ruhe

Berlin, 7. Mai. (Eigener Jnsormations- dienst.) In Berlin hat man den Eindruck, daß Dr. Schacht von Deutschland vor allem bol Odium des Scheiterns der Konferenz abtoen- den wollte. Sodann aber scheinen beim Reichs- bankpräsidenten auch gewifle Hoffnungen etwa der Art mitzusprechen, daß es mit Hilfe der Reparationsbank gelingen werde, über di« ersten zehn Jahre ohne ernsthafte WährungS- und Wirtschaftsschwierigketten hinweg zu kom­men und daß bis dahin Deutschlands Wirt- schasts- und Finanzkrast so weit gestärtt seien, daß von da ab alle weiteren Leistungen in­nerhalb des Rahmens der deutschen Leistungs­grenze blieben. Vorsorglich fordert das deut­sche Memorandum auch noch eine Revist- onSklausel, um später di« deutschen Tri­butzahlungen herabsetzen zu können, falls eS nicht gelingt, eine leistungsfähige deutsche Wirtschaft auf die Beine zu bringen. Bedenk­lich bleibt die Umwandlung von 600—700 Millionen in fremde Valuten ohne Trans­ferschutz. Bedenklich bleibt weiter, daß auch nach dem zur Debatte stehenden Kompromiß­plan die deutschen Sachlieferungen ab­gebaut werden sollen. Bisher stellten gerade sie den w i r k s a m st e n Schutz für die Mark­währung dar. Eine große Gefahr steckt aber unzweifelhaft noch in der geplanten Neurege­lung des Transferschutzes. Anstelle der wirksamen Maßnahmen des DawesplanS soll jetzt bekanntlich nur eine Moratioriumsklausrl treten, mit anderen Worten, Deutschland wür­de unter Umständen für ein oder zwei Jahre seine Zahlungen, vielleicht auch die innere Aufbringung einstellen können, müßte aber später die sistierten Beträge mit Zins und Zinseszins nachzahlen. Das Risiko, daS hier für unsere Wirtschaft und Währung, vor allem aber für die deutsche Politik steckt, kann nicht überschätzt werden.

Leere Rotfrontkaffen

Die Polizei findet nichts mehr vor.

Köln,.7. Mai. (Privattelegramm.) Bor der Durchsuchung des Hauses des Roten Front- kämpferbundeS hatten die anscheinend gewarn­ten Kommunisten sämtliche Mitgliederlisten und organisatorisch« Rundschreiben beiseite ge- schafft. Bei Beschlagnahme der «affe stellte es flch heraus, daß sämtliche Beträge abgehoben waren. Lediglich das Postscheckkonto wie« noch ganz geringe Beträge aus.

Eine Kriegsepisode in Kabul

Von Chefingenieur Emil Beitz-Lübeck, früher Kabul. lRachdruck auch auszugsweise verboten.)

Kowno, 7. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Als sich Ministerpräsident Woldemaras in Be­gleitung seiner Gattin, seines kleinen Neffen, seines Adjutanten, Leutnant Gudinas, der Or­donnanz des Kriegsministers, Hauptmann Ver- bickaS, zu einem Glaftmoff-Konzert begaben, feuerte eine noch unbekannte Person in einem Wege des Gartens am Nationaltheater im Küt­ten der Gruppe mehrere Nevolverschüffe au diese ab. Der Ministerpräsident und Frau Wol­demaras blieben unverletzt, dagegen wurde Leut- nant Gudinas durch einen Kopfschutz auf der Stelle getötet. Dem Hauptmann VerVickas wurde die rechte Lunge durchbohrt und der Heine Neffe erhielt einen schweren Bauchschuß. Der Täter ist noch unbetannt, die Untersuchung ist eingeleitet.

Wir schließe« heute die Eindrücke unseres Mitarbeiters vom Kriegsschauplatz in Asgha- nistan mit der folgenden reizvollen Episode ab: Die Wache der deutschen Gesandtschaft zu Ka- bul-Äabur waren noch königlich« Truppen; sie gingen zu den Aufständischen über und er er­schien nunmehr eine Abteilung Aufständischer um die Gesandtschaft zu besetzen. Vergebens versuchte der Pförtner und zwei bis drei Deut, sche, mit den Kerlen fertig zu werden. Ich ging dem Lärm nach, begrüßte di« Beute freundlich und fragte: .Was wollt ihr hier?" Zehn Mann antworteten gleichzeitig und be- sonders unsere ölte Wache wurde unverschämt Den Unteroffizier derselben griff ich mir her­aus und fuhr ihn an- »Gestern seid ihr auS- gerissen und heute kommt ihr wieder. Was wollt ihr? Ich sprech' nur mit Leuten, die nicht heimlich ausreißen. Warum hast du dich nicht abaemeldet? Wer ' ist jetzt Euer Füh- rer?/ »Ich Herr". Einem im Grunde seiner Seele friedlichen, nur wild aussehenden Bau­ern blickte ich tnS Gesicht.

„Was bis du, Herr» war mein« Gegen- frag«.

»Oberst'. '

_ »AW. Herr Oberst, was sind nun deine Leute? Bereitwillig zeigte er mir feine Leu­te, die so von Mitläufern und der alten Wache getrennt wurden, hie dann mit Ausnahme des Unteroffiziers zurückgeschickt wurden. ES war nur noch die eine Hälfte übrig geblieben. et. tvaS Lust war schon geschafft.

»Was wollen Sie hier nun, Herr Oberst?' „ Die selten gehörte vornehme Anrede flößte ihm Mut etn: »Den Gesandten sprechen'. »Gut kommen Sie mit mir.'

Wir traten ins Amtszimmer des deut­schen Gesandten, der leicht erregt im Zimmer umherging.

Es dauerte eine Weile, bis der Oberst si<b wiedergefunden hatte. Wohl selten in seinem Leben hatte er anders vor Ministern gesprochen als der demütig gehorchende Bauer; am lieb- sten wünschte er sich jetzt hinter seinen ihm bekannten Pflug oder hatte mit Gleichgestnn- len friedlich die Wasserpfeife geraucht. Run Mmd er sogar einem Minister eines großen Staate« gegenüber, der sicher ungeheure Mit­tel zur Verfügung hatte, ihn mit Haut uno Haaren sofort unschädlich zu machen.

Meine wiederholte Frage: ^WaS wollen Sie' zwang ihm zur Antwort. „Wir kommen nur, um die Gesandtschaft ,u schützen und den Berg hinter der Gesandtschaft zu besetzen.'

Ich dolmetschte. „Wieviel Mann hat er?* „Sechzehn ohne die alte Wache.'

Ich bat den Gesandten, unter keinen Um« ftänben zu dulden, daß flch einer der Bewaff­neten auf deutschem Boden, ganz gleich unter

knüppel Gebrauch machen. Der dem DolkStag angehörende «6g. PlenikowSki, der auf- reizende Reden an die Menge richtete, wurde verhaftet, konnte aber von den kommunistischen Parteianhängern wieder befreit werden Erst in den späten Abendstunden gelang es der Sriminalpolizei, den Abgeordneten erneut zu verhaften. ES wurden noch vier weitere Perso­nen festgenommen. Bei kleineren Zusammen- stützen wurden di« Beamten auS den Fenstern mit Flaschen beworfen. Die Demonstranten wurden auseinandergetrieben.

•

-Such In Hamburg aufgelöst

Hamburg, 7 Mai. (Privattelegramm.) Der «enat hat dem Ersuchen de« Innenministers entsprechend, den Roten Frontkämpferbund, so­wie die rot« Jungfront und die Rote Marine für das Hamburger Staatsgebiet aufgelöst und ÜCTuÜltlt.

welchem Vorwande, befinde und dolmetscht« in diesem Sinne.

„Herr Oberst, wir freuen uns sehr, daß Sie die Güte haben, uns mit Ihrer großen Vor­sicht zu beschützen, und wir sind dem neuen Emir außerordentlich dankbar, daß er in so trefflicher Weise für uns sorgt und nehmen Ihre Freundlichkeit gern an. Sie können so­fort die Wachräume vor der Gesandtschaft in Besitz nehmen.'

„Ja, mit der alten Wache', fragte der Oberst gleichzeitig mißtrauisch und erfreut.

„Ganz, wie Eure Güte es für richtig hal­ten.'

„Ganz wie es der Herr Gesandt« wünscht* entgegnete er.

„Nein, wie Ihr es wollt, Herr Oberst!*

Wieder marterte er seinen Kopf mit Mög. lichkeiten, deren kein« ihn befriedigte. Ich hals ihm bei seinen Entschlüssen. „Herr Oberst, mit sechzehn Mann können Sie nur eins ma­chen, entweder die Gesandtschaft bewachen ober den Berg besetzen, beides zusammen ist un­möglich. Wenn Sie die alte Wache hinzuneh­men und ihr nicht trauen, so nehmen Sie doch einen Teil derselben mit auf den Berg, das ist das Wichtigste, und lassen den anderen Teil mit einigen von Ihren Leuten hier unten. Und wenn alles nicht geht, gehen Sie inzwi­schen zum neuen Emir, Gott schütze ihn, und lassen sich neue Truppen geben.'

„Ja*, sagte er einfach und atmete erleich­tert auf. Und nachdem wir beide die Sache wiederholt hatten, wurde sie gedolmetscht und vom Gesandten für richtig befunden. Der Herr Oberst verabschiedete sich. Als er die Leute einteilte.und zurechtwies, sah man ihm an, welche Wichtigkeit er dieser Staatshanv- lung beimaß, und welchen Gefahren er entron­nen zu sein glaubte. Er war ganz und gar nur Diener des „allerböchsten* Befehls eines deutschen Ministers. Und wie freundlich der Deutsche ihn behandelt hatte, gar nichts besah- len, hatte ihn nur gefragt, was er wünsche, man konnte alles mit ihm bereden, fast wie mit seinesgleichen, ja, die Deutschen, das wa- ren anständige Kerle: Nur Zigaretten hätte er ihm nicht anbieten sollen, ganz zu trauen ist ihnen nicht, ein bißchen heidnisch sind sie doch noch.

Ich ging, die Wachen teilten sich ein, einige Deutsche freuten sich an deren Eifer und am Nachmittag verschwanden alte Wache und neue Wache, alles in Eintracht, denn ganz ge­heuer war eS ihnen nicht bei den vielen Deut­schen. Und In dem vielen Bakschisch und der guten Verpflegung war scheinbar auch ein Haar gefunden worden.

Paris, 7. Mai. (Eig. Drahtbericht,) Die gestern überreichten deutschen Ge^nvorschläge auf Uoungs Angebot gehen davon ans, daß bet nötige Schutz für den Fall eingebaut wird, daß sich die Durchsühruna dieses Zahlungspla­nes als unmöglich Herausstellen sollte. Da man zu dem Bermittlungsvorschlag nicht mehr von rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus, son­dern unter Berücksichtigung politischer Zweckmäßigkeiten gekommen ist, mutz für all« Teile die Möglichkeit bestehen, diesen Vorschlag noch einmal später einer Betrachtung zu unterziehen. Im wesentlichen handelt es flch also um Bestimmungen über den TranS- fer und Aufbringungsschutz für den geschützten Annuitätenteil. Den Amerikanern sollen die deutschen Bedingungen nicht un­annehmbar erscheinen.

Nach dem Plan Owen Noungs werden die Annuitäten mit 1650 oder 1675 Millionen Goldmark beginnen. Sie werden von Jahr zu Jahr um 25 Millionen anwachsen, sodaß für das 37. Jahr eine Annuität von 1980 Millionen herauskommt. In den ersten zehn Jahren wird die Durchschnittsannultäi 1760 bis 1787 Millionen betragen. Rechne« man den Dienst der Dawesplan-Anleihe hin­zu, so kommt man zu einer

Durchschnittsannuität von 2,049 Milliarden lieber den ungeschützten Teil der Annuität ge­hen die Ansichten noch weit auseinander. Der Plan Owen Youngs ist bisher von allen De­legationen. mit Ausnahme der französischen und der belgischen, gutgeheißen worden.

Paris, 7. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Die heutigen Morgenblätter ergehen sich in Permu tungen über die etwaigen deutschen Vorbehalte und äußern sich teilweise recht pessimistisch. An­gesichts der erneuten Prüfung und Ueberlegung

Ein Luftschiff mit Dampf

Amerikanische Versuche mit dem Flettnerstzstem

London, 7. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Nach Newyorker Meldungen wird ein mit Dampf betriebenes amerikanisches Luftschiff im Juni die ersten Probeflüge unternehmen. Das Luft­schiff wird teilweise nach der F leit ner- sch en Methode angetrieben. Am Bug ist ein mit Dampf betriebener Motor angebracht, bet als vorwärtstreibender Propeller dient. DaS Luftschiff soll eine Geschwindigkeit von 170 Stundenkilometer besitzen.