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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 106 Einzelpreis- Wochentags 1(1 Pfennig.

Montag, 6. Mal 1929

EinizelpreiS: Sonntags 20 Pfennig. 19. ZahtglMg

Rotfront in Preußen aufgelöst

Den Ländern freigestellt — pockentod -es Oberst Bauer in China

RotftonttSmpferbund verboten

Ausblicke auf morgen

Von

9er große Bluff

Von Abrüstung keine Spur.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Zur Beurteilung besten, was wir m Paris, nach oer mißglückten Attacke aus die deutsche Mark und Währung zu erwarten haben, muffen einige Momente der augenblicklichen Weltlage herangezogen werden. Das nächste davon ist, daß größere auswärtige Kredite für Deutschland jetzt kaum zu erwarten sind, und daß danach zwei Bestimmungen des Dawes- plans wirksam werden müffen: 1. daß die deutschen Zahlungen normalerweise aus Uebcr- schüssen der deutschen Wirtschaft, praktisch ge­sprochen also des deutschen Außenhandels, ge­zahlt werden, 2. daß, wenn infolge des Fehlens solcher Ueberschüffe die Mark durch den Trans­fer in Gefahr geraten würde, die Daweszah- hingen zinsentragend in Deutschland ange- sammelt werden sollen. Die Maximalhöhe solcher Ansammlungen beträgt bekanntlich fünf Milliarden Mark: soviel, tote zwei volle Dawesjahre. In das jetzige französische Bud- get ist jährlich eine deutsche Milliarde Mark eingestellt, wovon beinahe die Hälfte der s r a w- zöfischen Militärausgaben bestritten werden kann. Dazu kommen am 1. August dieses Jahres fällige vierhundert Millionen Dollar .kommerzielle' französische Schulden an Amerika. Außerdem ist es kein Geheimnis, daß die Finanzlage Frankreichs noch andere dunkle Punkte enthält, die durch eine .kom­merzialisierte' deutsche Riesenzahlung aufge­hellt werden sollen — wogegen die französi­sche Wirtschaftslage, die Handels- und Zah­lungsbilanz, im Vergleich zu den übrigen Staaten allerdings glänzend erscheint.

Mitten in die französische Wut gegen die deutsche Delegation fiel eine Rede des Mit- glieds der englischen Arbeiterpartei, Snow- den. Dieser war unter Macdonald Finanz­minister und würde eS im Fall eine» starken Erfolge- der Arbeiterpartei bei den bevor­stehenden Wahlen wohl wieder werden. Snow. den legte sehr ckräftig den Finger auf drei, für das englisch-französische Verhältnis bedeutsame Stellen: die a>rsgezeichnete Wirtschaftslage Frankreichs, seinen schlechten Zahlungswillen und feinen großen Vorteil infolge des .unver- dienten und unbegründeten' Schulden­nachlasses, den ihm der konservative Finanzminister Churchill gewährt hat. Snow­dens eigenltiches Programm ist die gegen­seitige völlige Streichung aller Kriegsschulden; wenn das aber nicht zu er» reichen ist, so ist er dafür, die englischen Steuerträger selbst auf Kosten Freankreichs zu entlasten. Es ist unbestrittene Tatsache, daß seit zwei Jahren eine, bald nach der Zusam­menkunft von Thoiry abgesckloflene enae Er­neuerung des englisch-französischen Bündnisses besteht. Diese gehört in doS Svstem der Heu- tigen englischen Konservativen, die den Ge­fahren, die das Imperium bedrohen, einschließ, lich des wachsenden amerikanisch-englischen Mißbehagens, durch enge Anlehnung an Frankreich begegnen wollen Selbstver­ständlich bedeutet das ihre Gefolgschaft bei jedem gegen Deutschland gerichteten Zug der französischen Politik.

Siegen jetzt bei der Parlamentswahl die Arbeiterpartei und die Liberalen, so ist eine Auflösung der neuen Entente mit Frankreich umso wahrscheinlicher zu erwarten, je stärker die Arbeiterpartei aus dem Wahl, gang hervorgeht. Zugleich kann man eS als sicher ansehen, daß eine Arbeiterregierung, die allerdings ohne Unterstützung der Liberalen kaum aktionssähig wäre, das Verhältnis zu Amerika dahin bereinigen würde, daß sie alle Versuche zu einem offenen oder versteckten Ueberrüften der Amerikaner aufgibt. Die Kon­servativen merken auch ihre beiden schwachen Punkte, indem sie jetzt, unmittelbar vor Tores, schluß. in der Seeabrüstungsfrage ein Ent» geaenkommen zeigen, und indem sie andeuten kaffen, der besinnungSlosesie Franzosenfteund mi Kabinett, der Außenminister Chamber­lain, den die Franzosen buchstäblich in der Tasche haben, könne auch auSgeschifft werden.

Im entgegengesetzten Sinn wie Frankreich ist Italien am Ausfall der englischen Wahlen interefftert. Chamberlain hat den Versuch ge. macht, durch seine Verhandlungen mit Musso- lini einen italienisch-französischen Ausgleich herbeizuführen. Einen Erfolg könnte er damit nur haben, wenn dt» Konservativen bei de,

Berlin, 6. Mai. Eigener Funkdienst). Wie die „Montagpost" ersahren haben will, hat der preußische Innenminister Grzesinski auf Grund der Vorgänge der letzten Tage den Ro­ten Frontkämpferbund für ganz Preußen ver­boten. Das Verbot tritt mit sofortiger Wir­kung in Kraft. Die amtliche Zustellung an die Leitung des Bundes, in der auch die Gründe für das Verbot enthalten sind, erfolgt heute Vormittag, lieber die Ausdehnung dieses Ver­botes auf das ganze Reich wird ebenfalls noch heute entschieden.

Berlin, 6. Mai. (Eigener Informations­dienst.) Das Verbot wurde auf Grund des Republikschutzgesetzes ausgesprochen. Gleichzei­tig mit der Auslösung des kommunistischen Frontverbandes wird deffen Vermögen be­schlagnahmt. — Die Frage, ob das Ver­bot aus die übrigen deutschen Länder ausge- oehnt werden soll, ist im Reichsministerium des Inneren dahin entschieden worden, daß sich der Reichsniinister daraus be­schränkt, die in Preußen ergriffenen Maß­nahmen den übrigen Länder-Regierungen mit» zuteilen. Man nimmt aber an, daß die Be­

gründung durch Preußen mehrere Län- berregierungen noch veranlassen dürfte, ebenfalls in ihrem Gebiete den roten Front- kämpferbnnd aufzulösen.

Berlin, 6. Mai. (Funkdienst.) In der Ver­fügung des Innenministers heißt es u. a.t Aus Grund des Republik-Schutzgesetzes usw. wird der Rote Frontkämpferbund e. V. einschließlich der Roten Jnngsront und der Roten Marine mit allen seinen Einrichtungen aufgelöst, weil aus seinem Verhalten hervorgeht, daß fein Zweck im Widerspruch zu den gesetzlichen Be­stimmungen steht. Das Vermögen der betref- senden Organisationen wird beschlagnahmt und eingezogen. Die Durchführung obliegt den ört­lichen Polizeiverwaltungen.

Lüneburg, 6. Mai. (Privattelegramm.) Bei einer ohne Zwischenfälle verlaufenen Demon­stration der Kommunisten auf dem Rathausplatz kündigte ein Vertreter der Hamburger K. P. D an, daß sich die Partei um das Hamburger Ver­bot des internationalen Rotsrontkämpsertages zu Pfingsten nicht kümmern werde. Das Tref­fen solle trotz des „Polizeiterrors" durchgeführt werden.

Schacht'doung nähern sich

Paris, 6. Mai. (Eigener Funkdienst). Die Blätter hatten geglaubt daß sich der Vermitt- lungsvorschlag Youngs den alliierten Forde­rungen annähern würde. Dies ist nun jedoch nicht der Fall, denn Owen Young hatte be­kanntlich zunächst für die ersten 37 Jahre eine Annuität von 2,105 Milliarden vorgeschlagen, während das nun vorliegende Angebot auf 2,06 Milliarden lautet, also eine Konzession von 45 Millionen in bet Richtung nach bem deutschen Angebot bedeutet. Die Blätter verhalten sich daher meist reserviert, an den „legitimen' Ansorderungen der Miierten hält man nicht mehr so gereizt fest, sondern glaubt an eine Einigung. Dem „Malin' zufolge soll Dr. Schacht erklärt haben, daß das gestrige Angebot das letzte Wort der deutschen Dele­gation darstelle. Owen Young habe seiner­seits erklärt, daß durch das „deutschamerika­nische' Angebot alle wirklichen Bedürfnisse der Alliierten vollauf gedeckt würden. Das Blatt glaubt, daß eine etwaige Herabsetzung der ame- kanischen Forderungen an die Alliierten aus» schl. Deutschland zugute komme. Ferner wolle Deutschland an den Gewinnen der Reparati­onsbank tn ansehnlichem Umfang beteiligt fein Der französifche Reparationsanteil werde von acht auf sechs Milliarden Reichsmark fallen. Mehrere Blätter verhalten sich schroff ableh­nend Ein radikales Organ meint jedoch, daß das neue deutsche Angebot schließlich von den Alliierten angenommen werde Der .Ternps' verhält sich zunächst noch ablehnend, gibt je- doch zu. daß eine neue Diskussionsbasis ge­schahen worden sei.

London, 6. Mai Eigener Funkdienst). Auf englischer Seile verlautet, daß die Vor­behalte, die von deutscher Seite an die An­nahme des Young-Vorschlages geknüpft wer­den, rein wirtschaftlicher Ratur und in keiner Hinsicht politisch seien. Nach Abschluß der vor- beratenben Besprechungen mit Dr. Schacht

werde Sir Josuah Stamp mit den Gläubiger Mächten verhandeln, um für Dienstag die Ein­berufung einer Vollsitzung zu ermöglichen.

Ruhige Sonntagswahlen

Noch keine Uebersicht in Frankreich.

Paris, 6. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Die Gemeiu/dewahlen in Frankreich sind meist ru­hig verlaufen. Nur in Göns ras im Bezirk Nimes wurden die Wahlurnen zertrümmert, die Wahllisten zerriffen und es kam zu Zu­sammenstößen. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Ergebnisse aus den 37 984 Gemeinden dürften erst heute mit­tag vorliegen. Es ist mit zahlreichen S t i ch- wahlen zu rechnen. Hervorzuheben wäre bis jetzt die Wiederwahl des Pariser Ober­bürgermeisters Le Marchand und die Wie- derwahl Edouard H e r r i o t s und feiner An­hänger in Lyon. Im Elsaß kandidiert für die Äutonomisten in Colmar und zwar mit guten Aussichten der frühere Abg. Rosse. Es ist sogar mit der Möglichkeit zu rechnen, daß Rosse nachher zum Bürgermeister ge­wählt wird. In Mühlhausen kandidiert der autonomistische Rechtsanwalt Krähling. In Paris wurden angesichts der großen Zahl von Kandidaten so viele Wahlversammlungen ab» gehalten, daß das Leben in den Straßen und Cafös merklich nachließ.

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Zwischenfalle In Straßburg

Straßburg, 6. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) In Straßburg kam es bei den gestrigen Ge- meinderatstoahlen zu einem Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Sozia­listen. Die Kommunisten hetzten dabei Poli- zeihnnde auf die Sozialisten, von denen meu­tere von den wütenden Tieren gebiffen mür­ben. Einer wurde ins Krankenhaus einge­liefert.

Wahl siegen. Verlieren sie, so geht auch die jetzige französtscheRückendeckung bet England verloren. Was man dann an anderer Stelle von Italien erwartet (wozu auch die Aussöhnung zwischen dem Faschismus und der Kurie ein höchst wichtiger Schritt war!), das zeigen die fieberhaften Rüstungen in dem jetzt absolutistisch regierten Jugosla­wien. ES bedarf keiner Untersuchung darüber, wie sehr die weitere Entwicklung der Tribut­frage und die demnächstige Position Deutsch­lands davon abhängt, ob durch die englischen Wahlen eine merkliche Verschiebung der Weltlage eintritt, ober nicht.

Oberst Bauers Gude

3« Schanghai an den Pocken gestorben.

Schanghai, 6. Mai. (Funktelegramm.) Oberst Bauer ist hier heute nacht im Hospital an Pocken gestorben.

Oberst a. D. Dr. h. c. Max Bauer war wahrend des Weltkrieges die rechte Hand Lubendorffs in oer Obersten Heereslei­tung. 1890 war er Artillerieoffizier in Danzig unb kam 1905 in ben Großen Generalstab. Von 1908—1912 bearbeitete er bie schwere Ar­tilleriewaffe in ber Aufmarsch- und Mo­bilmachungsabteilung, die damals Ludendorfs unterstand. Als Bearbeiter des Hinden- burgprogramms ist Bauer weiten Krei­sen bekannt geworden. 1920 beteiligte er sich an bem mißglückten Kapp - Putsch. Er mutzte fliehen unb hat sich meist in Budapest anfgehalten. Im September 1925 wurde er amnestiert. 1928 ging er plötzlich nach China. In Schanghai äußerte er sich zu einem Preffr- dertreter, daß er nicht militärischer Ratgeber der NanNngregiemng, sondern ökonomi- scher und industrieller Ratgeber des Staatsratspräfldenten Tfchiangkai- schek sei. Die Behauptung, daß er den Feld- zug der nationale« Armee nach Peking geleitet habe, fei falsche

Gens, 6. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Der Sinn ber letzten Entschließung ber Abrüftungs- kommission ist ber, daß weder eine direkte Be­schränkung des gelagerten ober im Dienst be­findlichen Kriegsmaterials durch Festsetzung von Höchstziffern für jede Waffenart stattfindet, noch die Heeresausgaben und damit die Mög­lichkeit des Ankaufs von Kriegsmaterial be­schränkt werden, fiebrig oleibt lediglich die Verpflichtung der Staaten, ihre RüstnngsauS- gaben in der Form bekannt zu geben, tote sie bereits jetzt im Militärjahrbuch des Völkerbun­des erfolgen. Die Konzessionen sowohl von französischer als auch von amerikanischer Seite bestehen darin, daß weder bie eine noch die an­dere Methode der Beschränkung gewählt wird, sondern daß garnichts geschieht. Trotzdem fand Präsident Politis den Mut, dem Grafen Bern­storfs zu erklären, es sei verfrüht, über die Er­gebnisse der Beratungen schon jetzt ein Urteil zu fällen. Darüber werde die öffentliche Mei­nung entscheiden. Die Kommission erledigte zum Schluß noch im Eilzugtempo eine Unmasse von Anträgen und Kapiteln über die Land- unb Luftstreitkräfte. Ein Antrag Litwinows, für die künftigen Verhandlungen den Rüstungsstand vom L Januar 1929 als Ausgangspunkt zu nehmen, fiel dabei ebenso tote eine Reihe an­derer deutscher und russischer Verbesserungsan- träge in Bausch und Bogen unter den Tisch. Dafür stellte man es den Staaten jedoch frei, eine Unterscheidung zwischen ausgebildeten und unausgebildeten Rekruten zu machen, d. h. nach französischer Auffassung rechnen alle Rekruten, die noch nicht drei Monate dienen, nicht zur Stärke des stehenden Heeres.

Graf Bernstorfs rückt ab

Ein letzter Appell an bie Gerüsteten.

Genf, 6. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) In seinem Protest gegen die Abrüstungsmethoden der Alliierten erhob Gras Bernstorsf u. a. her­vor: Eine Lösung ohne Erfassung aller Rüstungsfaftoren und ohne fühlbare Verringe­rung der noch vorhandenen übermäßigen Rüstungen als eine erste Etappe ist für uns nicht akzeptabel. Ich fehe mich daher genötigt, klar abznrücken von bem Pro­gramm, das die Mehrheit der Kommission hier ausgestellt hat und ihr von jetzt ab die volle Verantwortung für bie Vorbereitung ber Konferenz zu überlassen. Roch schwerwie­gender würde mein Bebauern unb meine Kri­tik sein, wenn ich mir nicht vergegenwärtigen würde, daß wir hier uns nur in einem Vor­bereitungsstadium befinden. In ber Ab­rüstungskonferenz selbst wird bie endgültige politische Entscheidung über das gegenwärtige System fallen. Ich lehne es ob, das jetzige Verhalten ber Mehrheit ber Kommission in ber Frage der Landabrüstung als bas letzte W o r t ber hier vertretenen Regierungen an­zusehen. Angesichts bes Ernstes ber Lage ap- peliere ich an alle btefe Regierungen: Mögen sie bis zur Abrüftungskonserenz ben Willen der össentlichen Meinung und ben immer dringlicher werdenden Rus der Völker aller Länder endlich verstehen lernen und ibre De­legierten mit anderen Weisungen versehen, als es diesmal geschehen ist, unb zwar mit Wei­sungen, die wirklich dem Ziel des RüftnngS- abbaus entsprechen.

Deutfchenboykott durchpolen

Kampfansage ber Kaufmannswelt.

Warschau, 6. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Ge­stern sanden in Lemberg, Wilna unb Krakau Protestkundgebungen gegen bie Oppelner Bor- fälle statt, wo bekanntlich Schauspieler einet polnischen Gastspiels von jngenblichen Deut­schen belästigt worben waren.

Warschau, 6. Mai. (Eig. Drahtbertcht.) Laut Preffeuottz hat ber Zentralverbanb bes polni- scheu Kleinhandels unb ber Sleininbuftrie be­schlossen, ben gesamten Polnischen Kleinhandel zur rücksichtslosen Boykottierung alle» Waren bentschen Ursprungs aufzu- forbern. Auch in anberen polnischen großen Städten haben gleiche Berfammluugen statt- gefunden.