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Nr. IW,- IS. Jahrgang.

Aus aller Wett

Ls wir- kälter

Die Wettervoraussage für heute.

Berlin, 1. Mai (Funkielegramm.) Rach der raschen Erwärmung in ganz Deutschland, die Temperaturen bis 20 Grad brachte, droht eine neue Abkühlung Kältere Lustmassen strö men nach Süden, sodaß die Zufuhr wärmerer Luft dadurch abgeriegelt werden dürfte und ein Rückgang der Temperatur bei stark bedeck­tem Himmel und Regcnfällen zu erwarten ist.

Wir ernähren uns billiger

Reichsindexziffer leicht gefallen.

Berlin, 1. Mai. (Durch Funkspruch.) Die Reichsindexzifser für die Lebenshaltungskosten beläuft sich laut Statistik für April aus 153,6 gegenüber 156,6 i m Vormonat Sie ist danach um 1,9 zurückgegangen und zwar durch Senkung der Ernährungsaus- gaben. Insbesondere haben die Preise für Eier, Milch, Butter nachgegeben.

Das vierte Todesopfer beim Nennen

Stendal. 1. Mai. Das Kilometerrennen hat nun das vierte Todesopfer gefordert, und zwar in dem Tierzuchtinspektor Götze aus Stendal. Bei den übrigen Verletzten besteht keine Lebensgefahr. Die Annahme, daß ein Radfahrer die Katastrophe verursacht hat, triff« nicht zu. (Siehe auch den Sportteil der Diens­tagausgabe. D. Red.)

Autobrama durch die platzenden Reisen

Köln, 1. Mat. Auf der Landstraße nach Jülich platzte an einem Auto ein Reifen, wo­durch der Wagen ins Schleudern geriet und gegen einen Baum fuhr. Die Insassen flogen auf die Straße. Ein fünfzehnjähriger Junge blieb auf der Straße mit gebrochenem Genick liegen, während ein anderer vierzehn­jähriger einen schweren Schädelbruch davon- trug. Der Führer des Kraftwagens, der Va­ter des Toten, ist nur leichter verletzt.

Dorfbrände im Gewitter

Würzburg, 30. April. (Privattelegramm.) In Steinbach bei Lohr brach gestern abend beim Gewitter infolge Blitzschlages und Kurz- fchlusies in der Scheune des Landwirts Bern­hard Feuer aus, das sich durch den Wind be­günstigt, auf eine zweite Scheune und das Wohnhaus ausdehnte und außerdem die Scheunen von den Nachbarn einäscherte. Die alarmierten Feuerwehren wurden des Feuers Herr.

Spaziergänger als Brandstifter

Berlin, 30. April. (Durch Funkdienst). In Kranipnitz bei Berlin standen gestern nicht weniger als zweihundert Morgen Wald und Wiesen in Flammen. Die Feuerwehren konn­ten eine größere Ausdehnung nicht verhindern. Erst Dienstag morgen war ein Ablöschen mög­lich. Der Brand dürfte durch unvorsich­tige Spaziergänger entstanden sein.

Nichard Straust such« im Süden Heilung

Berlin, 1. Mai. (Durch Funkspruch.) Rich. Strauß hat sein Gastspiel in Aachen abgesagt, da er wegen Bronchitis mehrere Wochen nach dem Süden reisen muß. Die Erkrankung scheint also ernste Formen angenommen zu haben, sodaß er wobl auch bei den großen Wiesbadener Festspielen absagen muß.

Das oeuifche Dostschlff verloren

Hamburg, 1. Mai. (Privattelegramm.) Die Mannschaft des deutschen havarierten Vollschif­fesPinnas" ha» der argentinische Regie­rungsdampferAlfonso" ausgenommen. Der Versuch, das Schifs zu retten, mußte wegen schweren Unwetters ausgegeben werden.

Moskau als Antreiber

Raffinierte Erprefier

M. C. München, 1. Mai.

Der Erpresser, der den anderen durch Be­drohung mit der Strafanzeige in Angst jagt, um ihm Geld abzuzwtngen, ist wohl der ge­meinste und niedrigste unter allen Gaunern. Denn er besitzt das. Was man auch beim gefähr­lichsten Einbrecher und Betrüger kaum jemals findet: die absolute, abgebrühte Schamlosigkeit, die schmierige, verächtliche Gesinnung, die keine Scheu und keine Grenzen kennt und zu allem bereit ist, wenn es Geld bringt.

Zwei solche Erpresser standen vor dem Mün­chener Gericht, ein noch verhältnitzmäßig jun­ges Ehepaar, das mit kaum überbietbarer Schamlosigkeit einem Bauern durch Erpressung zugesetzt und ihn so drangsaliert hat, daß der Mann schließlich in hil.wser Angst auf Den Knien vor den beiden herumrutschte und wei­nend und seine Unschuld beteuernd um Scho­nung bat. Und doch hat ihm das zunächst we­nig geholfen, denn das saubere Paar ließ nicht eher locker, bis er sich zum Zahlen bereitfand und die verlangten Wechsel ausstellte.

Man muß die Geseichte in ihren Einzelhei­ten hören, um die Schurkerei in ihrer ganzen Ruchlosigkeit und Niedertracht zu erfassen.

Die beiden Eheleute übten die Naturheil­kunde aus, nachdem t er Mann es zuvor in allen möglichen Berufen, wie Kellner, Chauffeur, Ausgeher usw. versucht und manche Vorstrafen, darunter auch eine dreijährige Zuchthausstrafe, erlitten hatte. Für die Naturheilkunde hatte er sich ein wenig vorgebildet; und die beiden ar­beiteten in der Weise, daß die Frau umherreiste, die Leute r suchte, Urinproben sammelte und sie etwa allwöchentlich heimbrachte, während der Mann nur zu Hausepraktizierte".

Eines Tages sanden sie in ihren Büchern die Adresse eines Bauern in Anderl-Oed, der angeblich einmal im Jahre 19^4 durch die Frau Naturheilkundige einen verbotenen Eingriff an seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau hatte machen lassen. Das schien dem sauberen Ehe­paar ein geeigneter Fall zum Geldmachen. Im Auto fuhren sie nach Anderl-Oed, unterwegs wurde die Frau abgesetzt und der Mann fuhr allein weiter auf den Bauernhof. Dort trat er sogleich forsch auf. Er stellte sich als Polizei­beamter vor, erklärte, in den Büchern der Frau in München habe man einen besonders hohen Betrag für Heilbehandlung seiner, des Bauern, Frau gesunden; es bestände der Verdacht, daß eine zweimalige Abtreibung vorgenommen wor­den sei, und außerdem der weitere dringende Verdacht, daß er, der Bauer, seine Frau umge­bracht habe. Die Bücher seien von der Geheim­polizei beschlagnahmt. Dann ließ er noch aller­hand düstere, unheilschwangere Andeutungen fallen, fragte den wie vor den Kopf geschlage­nen Bauern scharf und genau nach allen Einzel­heiten seiner Vermögensumstände und verließ ihn dann.

Aber das war nur Vorgeplänkel. Denn kurze Zeit darauf wurde der Bauer von der Natur- heilkundigen aus München angerufen und drin­gend ersucht, nach München zu kommen, es sei etwas Wichtiges passiert. Der Bauer, der nur die Frau von früher her kannte, nicht aber den Mann.fuhr auch am nächsten Tage hin. Und hier empfing ihn die Frau und erzählte ihm mit gutgespielter Aengstlichkeit, daß ihre Bücher beschlagnahmt seien und daß sie, und ganz be­sonders er, schwere Strafen zu erwarten hät­ten. Denn er stehe noch unter dem Verdacht, seine erste Frau beiseite geschafft zu haben.

Aber sie hatte auch schon einen Ausweg be­reit. Der Geheimpolizist sei ihr bekannt und sie wisse, daß er sich mit Geld schmieren lasse. Wenn also der Bauer zahle, w-rde alles vertuscht.

Aber ich bin ja unschuldig", jammerte der Bauer.

Das hilft nichts", sagte die Frau,das glaubt Ihnen niemand. Es sind schon viele ver­urteilt worden." Und dann rückte sie mit der Summe heraus, die zur Bestechung des Geheim­polizisten nötig sei: Fünftausend Mark!

Der Bauer wand sich vor Schreck und Angst. Er blieb auf Einladung der Frau in ihrer Wohnung, verbrachte eine schlaflose Nacht und wurde am anderen Tage von neuem bearbeitet. Ich hole jetzt den Geheimpolizisten", sagte die Frau, ging und holte ihren Mann.

Der tat wieder sehr streng und amtlich, zeigte ganz flüchtig einen Ausweis vor und erklärte, er sei mit Rücksicht auf die Frau, die er kenne, bereit, die Sache aus der Welt zu schaffen. Aber: Zahlen, Bauer!

Der Bauer beteuerte wieder seine Unschuld, er warf sich auf die Knie und bat mit aufgeho­benen Händen weinend, ihn zu schonen und in .Ruhe zu lassen. Schließlich einigte man sich so, 'daß der Bauer 2500 Mark zahlen solle, die an­dere Hälfte der 5000 Mark wollte die Frau über­nehmen, wie sie erklärte. Der Bauer hatte kein Geld. Aber man ließ ihn nicht aus der Schrau­be, bis er fünf Wechsel zu je 500 Mark ausge­stellt hatte.Alle zwei Monate zahlen Sie fünf­hundert Mark", schärfte ihm die Frau ein, dann ist die Sache abgetan."

Das feine Ehepaar machte vor Gericht den Versuch, durck Kniffe und geschickte Verstellung die Richter irrezuführen, den als Zeugen auf­tretenden Bauern zu verwirren und sich beide als Unschuldige hinzustellen. Sie erklärten die ganze Sache für erfunden. Aber die Aussage des Bauern war klar und bestimmt, und das Erpresserpaar wurde verurteilt: Der Mann zu zwei Jahren, die Frau zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis.

Irrwege -er Liebe

Wien, 30. April. Die Liebe ist zumeist blind ist oft grotesk und immer allmächtig. Draußen in Lainz steht ein Versorgungsheim. Die Pavillons, aus denen es besteht, umschlie­ßen eine Welt von Elend, armseligste kranke Leiblichkeit und verbitterte, weltabgewandte Seelen. Und doch war der kleine helle Amor geschmeidig genug, sich in diese kleine Jammer­gemeinde einzuschleichen. Ein 34jähr. Pfründ­ner, der dort seit Jahren wegen schwerster Tu­berkulose untergebracht ist, liebt eine an beiden Beinen gelähmte junge Frau, die ebenfalls un­ter dem Schutze des Heims steht. Drei Jahre lang dauert diese Liebe; drei Jahre lang schürt das verspielte Teufelchen Amor das Liebesfeuer im Versorgungsheim. Und mit einem Male ge­fällt der Kranken der Kranke nicht mehr. Und er? Er reagiert mit der Vitalität eines Ge­sunden: er droht mit Umbringen der wankel­mütigen Angebeteten. Mit Mühe gelingt es dem Pflegepersonal zu verhindern, daß er in den Krankensaal eindringt und der Frau ihr Leben bedroht. Aber schon am nächsten Tage dringt er wieder vor, und nun muß er die An­stalt verlassen. Einige Tage später wird er aus der Straße dabei angetroffen, die er sich, we­gen unglücklicher Liebe, die Pulsadern durch­schneiden will. Man bringt ihn in die psy­chiatrische Klinik. Bald entlassen, betrinkt er sich und schleicht sich nachts in das Versorgungs­heim, um sein Vorhaben, die Geliebte zu töten, zur Ausführung zu bringen. Er wird vom Personal entdeckt, als er sich in den Pavillon schmuggeln will; seine Verhaftung wird veran­laßt. Und auch jetzt noch droht er laut, daß er die Frau umbringen werde. Amor ist der Stär­kere; er ist stärker als Krankheit, Nervenklinik, Haft und Kerker.

Kowno, 1. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Wie aus Moskau gemeldet wird, erklärt die Presse zum Aufruf des Berliner Polizeipräsidenten, daß die Arbeitermaffen sich dadurch nicht ab­schrecken lassen würden. Die Versuche der So­zialdemokratie, ihren Einfluß in der Arbeiter­schaft aufrecht zu erhalten, seien gescheitert. DaS Proletariat der Sowjetunion sehe mit Stolz aus die deutschen Brüder, die ihre Pflichten erfüllen würden. ____

Gan-his Sün-enbekenntnis

Gandhi, der Führer der indischen nationa­listischen Bewegung, hat wieder einmal einen Beweis von dem heiligen Ernst seiner Bestre­bungen und der Größe sernes Charakters ge­geben. Ein Artikel bekennt Sünden, die in der von ihm geleiteten Musterkolonie zu Sabarmati vorgekommen sind. Er nennt diese Siedlung, in der Anhänger seiner Lehre Auf­nahme und Arbeit finden, jetztUdyoga Man- dir", Da er jede Verheimlichung einer Sünde selbst für eine Sünde hält, so sühlte er sich zu dieser Anklage seiner Schüler und Anhänger, unter denen sich auch seine Frau besindet, vor der Welt für verpflichtet.

Einer seiner Vettern, der in Madir lebt, hatte während einer Reihe von Jahren eine Anzahl kleiner Diebstähle verübt. ,Hch würde diese Verirrung nicht so schwer beurteilen," schreibt Gandhi,wenn seine Reue freiwillig gewesen wäre, aber die Sache wurde ganz zu­fällig entdeckt, und er machte sogar den Ver­such, sein Verbrechen zu verbergen.Nachdem Gandhi ihn ins Gewissen geredet hatte, brach er in Tränen aus und gelobte Besserung, aber er mußte die Siedlung verlassen, in die er nur gereinigt" zurückkehren darf.

Die nächste auf der Liste der Sündigen ist Gandhis Frau.Ich glaubte von ihr, daß sie ein untadeliges Leben führe," schreibt ihr Gat­te,aber die weiße Oberfläche ihrer Tugenden ist nicht ohne dunkle Flecken. Obwohl die Welt glaubt, daß sie aus Liebe zu mir auf jeden irdischen Besitz verzichtet habe, besteht doch das Verlangen danach noch immer in ihr fort." Die Verfehlungen, die Gandhi seiner Frau vorwirft, bestehen in kurzem darin, daß er ent­deckte, sie habe 200 Rupien als ihr Eigentum verborgen. Nachdem diese Untat ihr vorgehal­ten und von ihr bereut war, fand man bei ihr später noch einmal vier Rupien.Ich glaube, daß ihre Reue echt ist," schreibt Gandhi.Sie hat erklärt, daß sie sich selbst von unserer Ge­meinschaft ausfchlietzen will, wenn sie noch ein­mal in die alte Begier zurückfallen oder der kleinste Verstoß in ihrem Benehmen offenbar werden sollte."

Das dritte Verbrechen, das Gandhi anpran­gert, besteht in der Verführung einer Witwe durch einen der Insassen des Mandir. Der strenge Richter sieht darin eine ernste Tragödie und beklagt das Schicksal seiner Siedlung, das er letzten Endes auf seine eignen Fehler zu- rücksührt. In eindringlicher Selbstprüfung ent­hüllt er feine eigne Unvollkommenheit und ruft aus:Was soll ich tun? Soll ich fliehen oder Selbstmord begehen oder durch strenge Fasten und Kasteiungen mich läutern oder ablehnen, noch weiter ein Führer zu lein?" Aber er kommt zu dem Schluß, daß er von seinem Po­sten nicht weichen darf:Ich will weiter leben in der Hoffnung, daß das Mandir noch eines Tages seine Daseinsberechtigung erweisen wird."

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