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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Abendzeitung

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Nummer 98 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Sonnabend, 27. April 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Parteizwist um die Arbeitslosen

Schacht bietet wieder mehr? — Wetterzeichen im Sowjetparadies

Moralisch gerichtet

Von

Bauernunruhen im Sowjetreich

Schacht zahlt mehr!

Eine neue Summe für die ersten zehn Jahre.

Dr. Paul Rohrbach.

Im Deutschen Reichstag hat der Kanzler auf die These: »Die Kriegsschuldlüge ist der luristische Anfang der Reparationen- erwi» dert: „Nein, alles beruht daraus, daß Deutsche lanv den Krieg verloren hall" Aehnl-ch hat sud leider auch der preußische Ministerprasi- dem geäußert. Boi dem Gegensatz dieser Aus. saffungen handelt es sich um eine Frage von großer moralischer und politischer Bedeutung. Ob auch von rechtlicher, mag die folgende Er­örterung zeigen. Der englische Historiker Tem- perley schrieb in seiner "Geschichte der Pari­ser Friedenskonferenz": Dem Friedensvertrag liegt der Gedanke zugrunde: 1. Deutschland übernimmt die moralische Verantwortung für die Verursachung aller infolge des Krieges er­littenen Schäden. 2. Der Vertrag bestimmt welchen Teil dieser Schäden Deutschland alS finanzielle Belastung zu übernehmen hat." Der Amerikaner Professor H. E. BarneS schreibt über die Kriegsschuldfrage: „Das ganze logische und juristische Fundament des Zesankens von deutschen Reparotionen.. be­steht in der Annahme der vollkommenen und einzigen Verantwortung Deutschlands für ven Ursprung des Weltkrieges. Selbst Poincars war einmal unvorsichtig genug, zuzugcben, daß der Beewis geteilter Verantwortung für den Ausbruch des großen Kampses das Ver- schwinden ver deutschen Reparationen mit sich brächte." Poincartz spricht in dem bezeichneten Artikel von den deutschen Bemühungen, au» die andern kriegführenden Nationen, bis zu einem gewissen Grade" für den Krieg verant­wortlich zu machen, und er fährt dann fort: .Welche Genugtuung für Deutschland! Die Hauptursache der Verpflichtungen, die eS ein. gegangen ist, würde verschwinden, und hin­fort würden ihm alle Hoffnungen gestattet sein In der Tat, wenn eS nicht die Zentralmächte gewesen sürd. die den Krieg verursacht haben, warum sollen gerade sie verurteilt sein, den Schaden zu bezahlen? Folgt nicht auS einer geteilten Verantwortlichkeit gerechterweise stets eine Aufteilung der Kosten."

Denselben Standpunkt vertrat 1921 bei den Dawesverhandlungen in London Minister­präsident Lloyd George, als er ausführte: Ge- rade diese Verantwottlichkeri am Kriege sei für die Alliierten grundlegend. Wenn die deutsche Regierung sie anfechte, so fechte sie die eigentliche Grundlage des Versailler Ver­trages an.

Wr wünschen deshalb ein für allemal eS ga«rz klar auszusprechen, daß die veutsche Verantwortlichkeit für den Krieg als ein ab­geurteilter Fall behandelt wird. Auch von amerikanischer Seite ist dieselbe Auffassung vertreten worden. Staatssekretär Hughes er­klärte 1923, Amerika wünsche .Deutschland keineswegs entlastet zu sehen von seiner Ver­antwortlichkeit für den Krieg und seinen ge­rechten Verpflichtungen." Auch der frühere englische Botschafter in Berlin, Lord Abernon stellte kürzlich in der deutschen Presse fest daß die Verpflichtung Deutschland«, Reparationen zu zahlen, seitens der Alliierten aus die Be. hauptung gestützt werde, Deutschland sei für den Krieg verantwortlich. Dann fährt er fort: .Da di-sse Behauptung sich durch eine unpar­teiische Entscheidung oder eine überzeugende Feststellung beweisen läßt, ist sie zu einer ge­fährliche» Basis für eine vertragliche Ver­pflichtung geworden."

Ofkiziell sind also die Alliierten der Mei­nung, daß die These von Deutschlands Schuld — im Sinne ver Alleinschuld — am Weltkrie­ge in der Tat .der juristische Anfang der Re­parationen" ist. .Keine Macht kann diesen Ar­tikel 231 aufhcben, der völlig unsere Forde­rung rechtfertigt, von den für den Krieg ver­antwortlichen Nationen die Wiedergutma­chungen zu verlangen, die ihnen von den Alliierten auserlegt worden sind." So laßt sich die Londoner Presse noch heute aus Auch im neutralen Ausland urteilt man so, wie der englische Botschafter in Berlin geurteilt Pat Die holländische Zeitung .Maasboden" schrieb kürzlich: ....Falls die Lasten die künftigen (deutschen) Geschlechter zu sehr drücken, so werden sie eines TageS die Schuldfrage zur (5rSrterung stellen Hierdurch aber würde die Tr'biitfrage in ihrem Kern getroffen. Allem Kochet« »ach fühle« die Franzosen diese 6«-

Bukarest, 26. April. (Eigene Drahtmel­dung.) Nach Berichten von Ukrainern, die über den Dnjcstr-Flutz nach Rumänien ge­kommen sind, soll es in Podolien fast täglich zu blutigen Kämpfen zwischen der roten Ar­mee und den Bauern kommen. Besonders in der Gegend von Charkow sei ein regel­rechter Aufruhr der Bauern im Gange. Die rote Armee stehe im Kampf gegen zwei Sei­ten, gegen die Bauern, die sich gegen die strenge Beschlagnahme der Lebens­mittel auflehnen und gegen die Separa­tisten ,die sich mit den Trotzkisten vereinigt ha­ben. Es wird weiter berichtet, daß es in der

Nähe von Odessa viele Tote und Verwundete gegeben habe.

SSauernaufiuör in Sibirien

Moskau, 26. April. In Westsibirien ist es in einer Reihe von Dörfern zu Unruhen getont men, weil die Sowjetbehörden von vielen Bauern eine fünffache Steuer erheben hallten und zwar wegen angeblicher gesetzwidriger Zu­rückhaltung von Getreidevorräten. Es handelt sich ausschließlich um Kulaken (Großbauern), doch ist auch von Mitbeteiligten aus anderen Bauernschichten die Rede, die spottweise als „Unterkulaken" bezeichnet werden. Im Kreise Barnaul rotteten sich die Bauern zusammen, verhinderten die Aufstellung der Strafliften und verprügelten die Sowjetbeamten, welche die Maßnahme angeordnete hatten. Daraufhin wurden 59 Bauern verhaftet.

Paris, 26. April. (Eigene Drahtmeldung.) Ein Blatt will erklären können, Dr. Schacht habe Oven Young mitgeteilt, daß Deutschland geneigt fei, eine Erhöhung der Jahreszahlungen für bte ersten zehn Jahre zu versuchen. Deutschland könne 1,77 Milliarden zahlen, wenn die lieber* Weisung eines gewissen Teiles aufgefchoben werden könnte und die wirtschaftlichen Berhätt- nisse Deutschlands es zulietzen. Auf Setten der Gläubiger könnte, fo erklärt das Blatt Wetter, eine Beschneidung der Ansprüche die zu der von deutscher Seite genannten Zahl führen. Große Hindernisse stehen allerdings der Höhe der dar- auftolgenden Zahlen entgegen.

Paris, 26. April. (Eigene Drahtmeldung.) Von der rechtzeitigen Rückkehr Sir Jofuah Stomps aus London hängt es ab, ob die für Freitag angesetzte Sitzung des ReparationsauS- schuffes pattfinden soll.

An neuer Regierungsriß

Berlin, 26. April. Eigener Informations­dienst.) Die Soztalveuwtraieu ^nrsMeden R4 gestern dahin, daß die Fraktion einen Abbau der Leistungen der Arbeitslosenversicherung nicht für geeignet halte, die Finanznot des Reiches zu beseitigen, noch fei sie sozial oder Wirtschaftspolitisch tragbar. Die Fraktion er» klärte sich deshalb bereit, einer notwendigen und befristeten Beitragserhöhung ihre Zustimmung zu geben, die ein Sachverständi- genausschu ßprüsen soll. Finanzminister Hil- ferblnfl hatte sich kurz vorher im Haushalts­ausschuß nachdrücklich für eine grundlegende Reform der Arbeitslosenversicherung einge­setzt, dürste jedoch den Beschluß seiner Fraktion gutheißen. Wie wir hören, macht jedoch die Deutsche Volkspartei eine

Beitragserhöhung zur Arbeitslosenversicherung unter keinen Umständen

mit, da sie erklärt, daß die Beiträge, die sich schon jetzt für Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Je 3 Prozent des Arbeitslohnes belaufen, sich dann indirekt als eine Steuererhö» hohung auswirken müßten. Bei den Demokraten ist die Stimmung ähnlich. Da­gegen wird von beiden Seiten ausdrücklich be­tont, daß sie an dem Grundgedanken der Er­werbslosenversicherung nicht rütteln wollten. Sie sind der Ueberzeugung, daß sich durch eine zweckentsprechende Rationali­sierung des Instituts Verwaltungsausga­ben in stattlichem Umfange einsparen lasse« und sie sind auch der Meinung, daß durch eine völlige Herausnahme der berussüblichen Ar- beitslosigkeit aus der Versicherung die Grund­lagen der ReichSanstall sich hinreichend festigen werden, sodaß eine Erhöhung der Beiträge nicht stattzufinden braucht. — Für die

Saison-Arbeiter wird dabei an ein eigenes Berficherungsinstttut

gedacht, das aus Grund wesentlich höherer Bei­träge in der Lage sein soll, diesen für die Zett der Erwerbslosigkeit angemessene Zuschüsse zu ihrem Saisonverdienst zu gewähren.

Heute eine Regierung?

Immer noch kein Kanzler in Wien.

Wien, 26. April. (Eigener Funkdienst). Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der Rationalrat heute doch die neue Regierung wählen, wenn eS auch noch ungewiß ist, wer an ihre Spitze treten soll. Die Kandidatur deS Vorarlberger LandrateS Mittelberger tonn, wie wir erfahren, als desttiniv erledigt gelten, da sowohl die Großdeutsche Bp. wie der Land- bund Ihn ablehnen, dagegen find sie berett an einem Kabinett unter der Führung eineS ande- christlich-sozialen PolttikerS teilzunehmen. Der Gedanke einer rein christlichsozialen Minder- heitenregierung MittelbergerS wurde mit Rück­sicht auf die Helmwehren fallengelaffen. well

eine solche notgedrungen auf die wohlwollende Dulder, durch t>L Opp ltion angewiesen g«. wefen wäre, was von den Helmwehrführern als eine verkappte schwarz-rote Koalition hätte angesehen werden können. Anscheinend soll eine bürgerliche Koalitionsregierung bet Christlichsozialen, Grotzdeutschen und des Land bundes wiederkehren.

Wild Gtteruwitz »talentiert?

Wien, 26. April. Wie verlautet, haben sich die Christlich-Sozialen noch spät abends auf einen Kanzlerkandidaten geeinigt, der heute den beiden anderen KoalltionSpartelen mttgetellt werden foll. Man nimmt an, daß es sich um den Abgeordneten und Kurator der nlederöster- relchischen Landeshypothekenbank Ernst Strern- wltz handelt, der fchon früher für den Posten des Finanzministers genannt worden war.

Die Seemächte einigen sich

Rur Vorarbeiten in Genf.

Genf, 26. April. (Eigene Drahtmeldung.) Die amerikanischen Marinesachverständigen ha­ben, wie verlautet, den übrigen Seemächtever­tretern genaue Vorschläge aufgrund der Aus­führungen Gibsons übergeben. Schon In den nächsten Tagen dürften sowohl Lord Cushen- dun wie der japanische Vertreter Sato Ge­genvorschläge machen. In Genf werden sich die Erörterungen über die Seeabrüstung auf einige Reden in der Abrüstungskommission beschränken. Sonderverhandlung en sind für Genf nicht vorgesehen, sondern werden erst später ausgenommen. — Die amerikani­schen Vorschläge enthalten als Leitidee die Möglichkeit einer Verschiebung der jedem Staat zugeteilten Gesamttonnage von einer Schiffskategorie aus die andere. Sie erstrecken sich auf alle Kategorien und sehen gewisse Kri­terien für die Berechnung der einzelnen Kate­gorien im Hinblick auf Armierung und Alter vor. Auf englischer Seite betrachtet man die Vorschläge alS diskutabel. Die Franzosen be­fürchten, daß Amerika bei diesem Verfahren seine Flotte großer Kreuzer soweit ausbauen könne, daß sie der englischen kleinen Kreuzer- siotte an Kampfweri unter allen Umständen überlegen sei.

Anterhousjorgen wegen unserer Kreuzer

London, 26. April. (Eigene Drahtmeldung.- Auf die Frage Im Unterhaus welche Klaffe von britischen Kriegsschiffen als Einheit in der Lage sein würde, es mit den neuen deutschen Kriegsschiffen „Ersatz Preußen" bezw. „Königs­berg" aufzunehmen, erwiderte der erste Admira­litätslord: ES ist klar, daß ein Unterseeboot oder einzelne Zerstörer jedes dieser beiden Schiffe versenken kann. Ich zögere daher, den Gefechtswert brittscher Schiffe mit den auslän­dischen Schiffen zu vergleichen.

fahr herannahen. AuS diesem Grunde sind sie jetzt fo sehr daraus bedacht, sich ihre Repa- rattonsanteUe durch Kommerzialisierung zu sichern." Man wird hiernach kaum behaupten können, daß eS richtig gebandelt ist. wenn öf­fentlich deutsche Staatsmänner dahin äußern, die Schuldftage fei gleichgültig, bet entschei­

dende Gesichtspunkt für unsere Zah'ungSpslnht sei der verlorene Krieg, nichts weiter Auf solche Worte kann sich die Gegenseite zuküni tig berufen, wenn die deutsche Alleinschulv am Kriege einmal im umgekehrten Sinne, als Lloyd George eS seinerzeit behmtptet Hal." ein „abgeurteilter Fall" fein wird.

Besorgte Gläubiger

ReparationSkrife und deutsches Wirtschasts- elend.

Londons 26.' 'Tspril. (Eigene Drahtmeldung) Die alarmierenoe.. Meldungen der Pariser Presse über die deutsche Finanzlage werden einem Korrespondenten zufolge nicht voll in den anderen Kreisen der Sachverständigen ge­teilt. Die Aussichten für ein ruhiges Arbeiten des Dawesplanes seien zwar jetzt erheblich hosfnungsloser geworden alS vor der Konferenz. Eine Finanzzeltschrift bemertt, daß Deutschland einer sehr schwierigen W i r t s ch a f t s p e r l o d e für die nächsten zwei Jahre entgegengehe, falls nicht im letzirn Augenblick in Paris eine Lösung gefunden werde. In Newyork herrscht die Ansicht vor, daß der erhöhte Reichsbankdiskont ein Spiegelbild für die Reparationskrlfe fei. (Vergleiche auch den heutigen Handelsteil. D. Red.).

* * *

Paris wieder friedlicher

Gülliches Zureden neben neuen Drohungen.

Paris, 26. April. (Eigene Drahtmeldung.) Die Presseangriffe gegen die leichtsinnige Fi­nanzpolitik Dr. Schachts werden nach der Dis­konterhöhung durch Warnungen und Ermah­nungen abgelöst, sich zu einer Verständigung bereit zu finden. Rur durch eine schnelle Ver­ständigung. die immer noch möglich sei, könnte der deutsche Kredit wieder die frühere gute Grundlage erhalten. Pertinax meint, daß vor allem Parker Gilbert gegen feine Pflicht verstoßen hätte, als er Dr. Schacht nicht rechtzeitig wegen des zu niedrigen Dis­konts zur Ordnung rief. Der Transfer-Aus­schuß hesitze gewisse Vollmachten. Beispielsweise könne tr die aufgespeicherten Kapitalien dazu benutzen, der deutschen Finanz den Kopf zu­recht zu setzen (!). Er könne entscheiden, oh über die Grenze von fünf Milliarden Deutschland verpflichtet bleibt, feine Zahlun­gen sortzusetzen.

Dio wirtschaft hinter Schacht

Höhere Tarife wegen der Eisenbahnerlöhne?

Berlin, 26. April. Der Vorstand des Jndu- strieverbandes drahtete gestern der deutschen Delegation nach Paris, daß nur eine Repara­tionslösung, die der schweren deutschen Wirt­schaftslage voll Rechnung trägt, die notwendige internationale Beruhigt .g Herbeiführen und eine dauernde Gewähr für die Stabilität und Entwicklung der Wirtjchaft bieten könne. Prä­sidium und Vorstand schließen sich deshalb ein­mütig der Haltung der Sachverständiegn an. In den Debatten wurden unsere gegenwärtige Wirtschafts- und Sozialpolitik kritisiert und die Aufgaben umrissen. vor die Regierung, Parla­mente und Wirtschaft in der nächsten Zufttnft gestellt sein werden. Zum Antrag der Eisen­bahner, die Löhne um sechs Pfennig für die Stunde zu erhöhen, äußerte sich Generaldirek­tor Waibel, dieser Antrag würde eine Mehrbe- lastung von jährlich 31 Millionen 9JI bringen, nachdem die Löhne ttnd Gehälter in dreieinhalb Jahren um 856 Millionen R./k gestiegen seien. Die dadurch zwangsläufig sich ergebende Er­höhung der Eisenbahntarife wurde einmütig als untragbar bezeichnet.