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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Mittwoch, 24. April 1929

Nummer 95 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19 Jahrgang

Polens Sprengpulver für Paris

Nein gutes Ende in Paris? - Poinearös Schatten über -er Konferenz

Das rote Tuch für Polen

Falsche Romantik

ES gibt einen Kultus fanatischer Znkunsts- und gortschrittsanbeter, wie es einen Kultus der Bergangenhettsschwärmer gibt. In Italien ist zur Zett die Romantik am Ruder. Man kann diese Stimmung aus dem Kriegsersolge heraus leicht begreifen. Am Rande des Ab­gründe« wir durch ein Wunder gerettet, ist man geneigt, an übermenschliche Kräfte zu glauben und an das Walten von Mächten, die über menschliches Begreifen hinausgehen. Es verbindet sich damit der Glaube an eine ganz besondere Mission der eigenen Ra- tion, für die gewissermaßen Gott selbst sich eingesetzt hat. Dieser Wandel von nüchterner Gegenwartseinstellung zur religiösen Verklä­rung des Lebens und der Geschichte findet noch seinen besonderen Ausdruck in der Persönlich­keit Mussolinis, in seinem Uebergang vom trockensten rationalistischsten Sozialismus zur geradezu ekstatisch naiionalistischenRo- mantiL Ihn selbst hat das Schicksal so wun- derbar emporgetragen, hat aus dem Volks-

Warschau, 23. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der polnische Außenminister Zaleskt bemerkt zur Denkschrift Dr. Schachts, daß sie ernste Be­fürchtungen erweck-, da sie di- heiligsten Rechte der Völker um den Preis geldlicher Zugeständ- nisse anzu tasten u. zu verhandeln versuche. Wer so denke, der kehr, zu der Sinnesart der Vorkriegs­zeit zurück (!) die zu der furchtbarsten Kata­strophe der Geschichte, dem Weltkriege, geführt habe. Darum sei auch Schachts Vorgehen in der ganzen Welt verurteilt worden. (?) Die halb­amtliche Epoca erklärt: Durch die Erklärungen Aaleskis wird die einmütige Auffassung der ganzen polnischen Oeffentlichkett wiedergege­ben, daß man von polnischen Gebieten nicht wie von HandelSobjekten sprechen dürfe. Wenn Deutschland seine wirtschaftliche Basis durch die Abtretung verengt fühle und seine Zahlungsfähigkeit dadurch verändert sehe, dann gebe es dafür einen guten Rat, den Ab­schluß eines Handelsverträge» mit Polen.

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Warschaus Minen für Paris

der Minderheit werden vorlegen können, die nur geringe Meinungsverschiedenheiten aufwei- sen würden. So könnte man die Konferenz der Regierungen erfolgreich einleiten, aber warum sollte man sich eigentlich nicht unter Sachverstän­digen einigen? Alles in allem war man gestern nicht hoffnungslos. Am Gegenteil, man sah kei­nen tristen Konferenz-Zusammenbruch voraus. Man kann noch auf vierzehn arbeitsreiche Tage gefaßt sein.

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Nichts bleibt geheim

Ein gebrochenes Schweigegebot in Paris.

Paris, 23. April. (Eigener Drahtbertcht.) Di: Veröffentlichung des deutschen Repa- rations-Memor.indums hat bei der deutschen Abordnung große Entrüstung hervorgerufen. Es handelt sich um eine unverantwortliche In­diskretion, da daS Memorandum unbedingt geheim bleiben sollte. Welche Schritte in der fraglichen Angelegenheit unternommen werden»

steht z. Zt. noch nicht fest. Auch in Berliner amtlichen Kreisen herrscht peinliche lieber- raschung.

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Sine variser Vorbilanz

Dresden, 23. April. (Privattelegramm) In einer Jndustriellenversammlung berichtete Abg. Dr. Schneider (Bp.) über den Stand der Re- parationSverhandlunge. auf Grund von Un­terredungen, die er in Paris mit deutschen Sachverständigen und anderen Persönlichkeiten gehabt hatte. Er forderte u. ». daß der im Dawes-Guthaben zugestcherte Transfer- schutz endlich in Wirksamkeit trete. Falls in Paris Ersparnisse durchgesetzt werden, müßten diese im vollen Umfange zur Steuerer­leichterung verwendet werden.

Mussolinis Zwiesprache mit der Lllrkei

Rom, 23. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der türkische Außenminister Tewfik Ruchti Bey wird demnächst zum Besuche Mussolinis in Rom erwartet. Obwohl nur von einem Gegen­besuch für Grandi in Angora die Rede ist, er­wartet man wichtige politische Be­sprechungen.

schullehrer und Redakteur eines Parteiblattes den einflußreichen Gebieter einer modernen Großmacht und einen entscheidend einfluß­reichen Faktor der Weltpolitik gemacht, daß man verstehen kann, wie solche außergewöhn­lichen persönlichen Schicksale auch Blick und Glauben für alles Außergewöhnliche und Wun­derbare in dem römlfchen Diktator erwecken konnten. Auf dem heiligen Boden Roms ist die Diktatur für den Politiker eine Versuchung be­sonderer Art. Hier findet dte politische Roman- tik Anknüpfungspunkte, rote nirgends sonst in der Welt. Hier ist es besonders schwer zu ent- schelden, was von antiken Ueberlieferungen nur noch historische, was anuelle Gegenwartsbedeu­tung haben kann.

Musiolini läßt den »Geburtstag der Stadt Rom- feiern. Er macht aus diesem Geburts­tag einen Nationalfeiertag. Um ihn wenig­stens etwas an die moderne Zeit anzupasken, wird dieser Feiertag zugleich als »Tag der Ar. beit- bezeichnet, natürlich mit der teichi er­kennbaren Absicht, den sozialistischen Feiertag der Arbeit, den 1 Mai, dadurch zu diskredi­tieren. Mussolini, der ehemalige Sozialist, in dem die Romantik Den Sozialismus uberwun- hat, hält sich nunmehr für den endgültigen Ueberwinder des Sozialismus selbst. Er steht ja im Faschismus nicht künst­lich belebte Formen Der Vergangenheit, son­dern neue epochale Zutuuftssormen. Aus dem Boden Roms gedieh schon vor Jahrhunderten der Cäsarenwahn, jene besondere politische Form des Größenwahn. Es ist psychologisch tote historisch verständlich, wenn auch der rö- mische Diktator von heute einen Anflug die­ses Wahnsinns zeigt; umso verständlicher, je einfacher dementsprechend seine persönlichenAn- fange gewesen sind, je größer dementsprechend der wunderbare Kontrast zwischen seiner heu­tigen und seiner ehemaligen Position Musso­lini läßt auch Den alten römischen Frie» denStempel. die ara pacis. wieder aus­bauen. Schon äußerlich eine Anknüpfung an Kaiser Augustus und an die relegtöse Ler- ehrung, mit der ihm Senat und Volk von Rom schmeichelte. Aus aller Herren Länder läßt jetzt Mussolini die zerstreuten Bruchstücke dieses Tempels wieder hcranholen, um durch feine Wiedererrichtung seinen Namen mit dem Namen deS Kaisers Augustus in unlösbare Verbindung zu bringen.

Er selbst als »FriedenSbringer- für die heutige Welt! Den Widerspruch zwischen sei­ner faschistisch-imperialistischen Politik und den redlichen Friedensbemühungen anderer Regie- rungen vermag er natürlich nich, zu erkennen Er empfindet eS auch nicht als Widerspruch, wenn er diesen Frledenstempel errichtet, gleich­zeitig aber am Geburtstage RomS nach antt- fern Muster die 18jährigen Jünglinge mit der Waffe beiebnen und dadurch erst für mannbar erklären läßt. Logik ist nie die stärkste Seite der Romantik gewesen. Da ist alles Stim­mung — Rausch — und oft genug Theater Gewiß ist man auch In Gens zur Zeit noch weit genug davon entfernt, den wahren Frie- denStempel der modernen Menschheit zu er­rieten. Aber dort zeigt sich doch wenwften? bei Deutschen u. Russen ein ehrlicherer Ville, als im heutigen Rom mit seiner theatralsischen und nicht gekährüchen Romantik.

Spricht Müller im Reichstag?

Berlin, 23. April. (Eigener Informations­

dienst.) Im Reichstag werden heute die Regie- rungsstl rungsparteien ihre Etatreferenten sprechen las- frühere

erfeier nach Kiel kommen.

An der Bahre einer Friedens-Dolkampserin

Paris, 23. April. eigener Drahtbericht.) Heute früh starb in Compiögne, 74 Jahre alt, die französische Schriftstellerin Frau Seve­rine. Sie war durch -chwere leidenschaftliche Campagne zugu. n des Dre futz-Pro- zesses hecvorgetreten und kämpfte für den Weltfrieden, die Verständigung mit Deutschland und soziale Verbesserungen.

Beerdigung seine- Bruders mit den Regie­rungsstellen Fühlung zu nehmen, ist salsch. Der srühere Kaiser Hai überhaupt nicht die Absicht geäußert, nach Deutschland zu kommen. Seine Gemahlin wird auch nicht aus Anlaß der Tra-

poincarös harter Schabet

Deutschland soll Schulden und Schäden ersetzen. — Oder: Der WohlstandSindex.

Paris, 23. April. Poincarö rühmte vor dem Generalrat in Bar le Duc die von ihm voll­brachte Wiederaufrtchtung Frankreichs, die in der Währungsstabilisterttng, Der Annahme eines ausgeglichenen Budgets usw. bestehe All das sei jedoch nur ein Anfang. „Wir müssen aber durch Einziehung unserer eigenen Guthaben die Mittel zur Bezahlung unserer ehemaligen Verbündeten zu erhalten suchen. Wir haben immer unsere Zustimmung zur Abänderung des Dawesplans von der Gewißheit abhängig gemacht, neben Zahlungen, die an Höhe und Dauer unseren Schulden-Annuitäten gleichkom­men, einen kleinen

Ueberschutz als Ersatz der Kriegsschäden zu.

erhalten und die Forderungen der übrigen Gläubigermächie stauoen keineswegs im Widerspruch zu den unsrigen. Die Sachverstän­digen haben Denn auch die Richtigkeit unserer These zugegeben, und man durste hoffen, daß man rasch zu einer gerechten Lösung gelangen würde Jetzt haben die Vertreter Deutschlands unglücklicherweise diese Hoffnung illuso­risch gemacht, und niemand weiß, ob eS .nög- lich fein wird, Die Besprechungen erfolgreich fortzusetzen Wenn es zu einem Fehlschlage käme, wäre Dies nicht Frankreichs Schuld (!> Wir würden uns im Interesse Europas beglückwünschen, wenn diese undaiik- bare Schulden- und Reparationsfrage endlich geregelt würde Wir haben das Bewußtsein, weitgehende Konzessionen gemacht zu haben, um dahin zu gelangen. Wenn unsere Bemühungen vergeblich bleiben sollten, wür­den wir uns unter dem Zwang der Dinge an die Ausführung des Dawes-Abkommens halten, das uns überdies dank der bevorstehen- Den Anwendung des Wohlstandsindcx eine bedeutende Erhöhung der gegenwärtigen Annuitäten in Aussicht stellt."

Wilhelm ii. kommt nicht zur Beerdigung

Berlin, 23. April. Die Pressegerüchte, wo­nach die Hohenzollernsche Hausverwaltung be­auftragt worden fei, wegen einer Einreise-Er­laubnis Wilhelm« H. zur Teilnahme an der

sen, was darauf schließen läßt, daß die sonst Üb­liche politische Aussprache keine besonderen Mo­mente zeitigen wird. Zu befürchten ist lediglich, daß die Oppositionsparteien die Regierung in den verschiedensten Fragen interpellieren wer­den und der Kanzler so gezwungen wurde, zu antworten. Die Deutschnationalen dürften sich einige Zurückhaltung auferlegen. Der Kanzler wird sich vermutlich in Anbetracht der außen­politischen Interessen auf die Erörterung i n - nerpolitischerFragen beschränken. So ist zu erwarten, daß außer den Tiraden der ra­dikalen Rechten und Linken die Sprecher der Fraktionen sich Darauf beschränken werden, Etat und Steuerkompromitz zu beleuchten und die grundsätzliche Seite der innenpolitischen Fragen zu behandeln. Ueberraschungen sind trotz der ruhigen Beurteilung der Situation nicht ausgeschlossen. Wir glauben aber zu wis-

Die alten Verleumdungen Deutschlands.

Warschau, 23. April. (Elg. T rahtberlcht.) Ein Blatt führt aus, daß Deutschland die alten Grenzen im Osten wieder gewinnen will. Es werde die erneute Aufteilung Polens (!) auf friedlichem Wege und bei sich b,eiender Gelegenheit auch mit anderen Mitteln, anstre­ben. Der Vorstoß Dr. Schachts sei ein unwi­derlegbarer Beweis dafür, daß die ganze L o - rarno-Politik Bankerott gemacht hat Rur die innere Machtentfaltung der durch die deutschen Hegemonie-Bestrebungen bedrohten Staaten (!) sowie militärische Bündnisse tonn­ten vor einem neuen furchtbaren .Kriege schüt­zen. Bon einer Räumung der Rhein- lande könne keine Rede fein, denn diese würde nur eine neuerliche Anspannung der deutschen Energie in der Richtung auf die Weichsel und Donau bringen. Dagegen müsse man Mittel und Kräfte sammeln, um Deutsch­land ein für allemal die Luft zu Forderungen und Vorftößen zu nehmen.

Sroener ehrt den toten Bringen

Berlin, 23. April. (Funkdienst.) Reichs- wehrminister Gröner veröffentlicht für den toten Großadmiral Heinrich Prinz von Preu­ßen folgenden Nachruf: Ueber vier Jahrzehnte hat er der alten Marine angehört und sich um ihren Aufbau und um ihre Schl iqfertigten in hervorragenden Stellungen, zuletzi als Ches der Hochseeflotte, unvergängliche Verdienste erwor­ben Im Kriege hatte er als Oberbefehlsbabel der Ostfeestreitkräfte an der Verteidigung des Vaterlandes bedeutenden Anteil Ein begeister­ter Seemann, ein hochverdienter Offizier und ein treuer Kamerad, der bis zuletzt der alten Waffe sich eng verbunden fühlte, ft mit ihm dahingegangen. Ehre seinem Andenken!

Geschwundener Optimismus

Kaum noch Aussichten für Paris?

London, 23. April. (Eigene Drahtmeldung.) Halbamtlich verlautet aus Paris: Nach den gestrigen Unterredungen Dr. Schachts mit den Alliierten wird es sich heute zeigen, ob es Zweck hat, die Verhandlungen fortzusetzen, ober ob der Ausschuß seinen Bericht an die Regierun- 5en aufstellen, und seine Tätigkeit beenden soll, fn britischen Kreisen herrscht große Zurückhal­tung. Französische Kreise waren nicht opti­mistisch Die Deutschen waren undurch­dringlich, wünschten aber dringend, womög­lich einen Abbruch zu vermeiden Sie werden jedoch die alliierten Vorschläge in ihrer jetzigen Form ablehnen und Poinearös Rede sei, daß die französischen Ansprüche nicht herabzn- setzen seien Ein Pariser Korrespondent sagt: Poinearös Erklärung, daß die deutschen An­nuitäten mit den französischen Schuldenzahlun­gen gleichlaufend sein sollten, wird die Verhandlungen kaum erleichtern. Pertinax meint, daß in der heutigen Plenarsitzung be­schlossen werden wird, den Bericht an die Re- gterungen aufzustellen.

Schellen sie, scheiten fle nicht r

Paris, 23. April. (Eigene Drahtmeldung.) Neben der pessimistischen Aufsaflung besteht auch eine optimistischere. Ein Blatt meint: die Gläubiger sind von dem Schuldner nicht nur durch die Frage der Zahlen getrennt, sondern vor allem auch durch Meinungsverschiedenheiten über die Umwandlung der dreizehn Milliarden Mark von insgesamt 39 in ire Handelsschuld Es ist möglich, daß in letzter Stunde Owen D. Poung die Konferenz zu retten versucht, je- voch steht der von ihm ausgearbeitete Entwurf dem der G l ä u h i g e r zu nahe. Von einer pro­visorischen Lösung für 10 ober 15 Jahre will bie franz. Delegation nichts wissen. Dem Matin zu- salge erwartet man, baß wenn bie Delegierten ich schon letzten Endes über bie Zahlen nicht verstänbigen sollten, immerhin den Regierungen einen Bericht bet Mehrheit und einen Bericht

sen, baß der

Reichskanzler auch dann nicht zu sprechen gedenkt, wenn bis zum Beginn der Reichstags­sitzung in Paris die Entscheidung gefallen wäre. In politischen Kreifen ist man der Meinung, daß die Regierung auch in diesem Falle einen erschöpfenden Bericht über den Abschluß der Sachverständigen-Konferenz abwarten müßte, ehe ein Wort von Der Regierungsbank fallen kann.

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Prüfung der Itelchsfinanzen

Berlin, 23. April. Die Regierungsparteien wollen heute mit dem Reichssinanzminister Dr. Hilserding die Kassenlage des Reiches und die Anlecheermächtigung der Reichsregierung be­sprechen. Auch das Reichswirtschaftsratsgesetz wird beraten.