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Freitag, 19. April 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang

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Nummer 91 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

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Pariser Wutgeschrei über Schacht

Heillose Verwirrung in Genf — Englands Arbeiterpartei hält die Schulbenabkommen

Kasseler Nemste Nachrichtea

Kaffeler Abendzeitung Hessische Abendzeitung ____

OffeneAbrüstungs-Sabotage

Der Vorstoß Moskau-Berlin schon gescheitert.

Schacht geht bis auf 2 Milliarden?

37 ->akre lana 1650 Millionen. — Den Alliierten dreizehn Milliarden gestrichen. Paris enttäuscht

9 H Tie Alliierten bieten dafür weitere Konzessionen.

Genf, 17. April. (Eig. Drahtbericht.) Im Abrüstungs-Ausschutz begründete heute der sowjetrussische Militärfachverständige Lango- woi den russischen Abrüstungsvorschlag. Gras Bernstorfs äußerte dazu, daß diese Vor­schläge als ein Mittel zur Herbeiführung der allgemeinen Abrüstungsbeschränlungen zu be> trachten seien. Der japanisckse Delegierte Sato lehnte höflich aber bestimmt die Vorschläge ab. Ebenso, aber sehr scharf, der franzg. fische Delegierte Maffiglio.

Genf, 18. April. Der russische Entwurf sieht vor, daß alle Armeen über 200 000 Mann auf die Hälfte, die Armeen über 40 000 Mann um ein Drittel, die kleineren Armeen um ein Vier- tel herabgesetzt werden sollen und daß die Flotten über 200 000 Tonnen und 40 000 Ton­nen im selben Verhältnis desarmiert werden. Außerdem wird die Beseitigung aller ausge­sprochenen Angriffswaffen, wie Bombenflug­zeuge, schwere Artillerie, Tanks, Flugzeugmut­terschiffe und Grotzkampfschiffe verlangt, wäh­rend Reserven und sämtliches Heeresmaterial in einem sehr scharfen Ausmaß beschränkt wer- den sollen.

* * *

Bernstorfs stützt -ie Aussen

Für fühlbare Abrüstungsverminderung.

Genf, 18. April. In der Abrüstungsdebatte setzte sich Graf Bernstorff sehr nachdrücklich für den russischen Entwurf ein. Man müffe fest­stellen, daß die Rüstungen, seitdem über Ab­rüstung gesprochen werde, sich im Gegenteil vielfach vermehrten und daß der günstige Zeit­punkt, zu einer allgemeinen Abrüstungskonven­tion zu kommen, schließlich verpaßt zu wer­den drohe. Die erste Etappe müsse eine fühl­bare Herabsetzung des gegenwärtigen Rüstungsstandes herbeiführen. Die russischen Vorschläge entsprächen der Forderung nach militärischer Entwaffnung und zwar personel­ler wie materieller Art. Sie brächten auch die Garantie der völligen Publizität aller Bewaff­nungen. Sie würden die bisherige Rüstungs­diskrepanz vermindern und die Staaten dem Rüstungsausgleich nähertreten.Sie nähmen ferner Bedacht auf den Schutz der fried­lichen Bevölkerung durch Unterbindung der Bombenabwürfe durch die Lust.

Außerdem bedeuteten sie die Verringerung oder Abschaffung wichtiger materieller Rü- stungsfakioren, die zum Angriff besonders ge­eignet erschienen. Man könne also nur feststel­len, daß dem

Ziel der russischen Vorschläge auch die Kommission zustreben müffe.

Die Abrüstungsztssern sollten nach dem Ent­würfe der Ruffen erst in der Konferenz eingesetzt werden und daher müffe man sich darauf gefaßt machen, daß ein sehr kompliziertes Handeln um die Ziffern einsetzen werde. Es sei zu wün­schen, daß dieses System (die Koeffizientenbe- rechnungs die Billigung der Kommission finden werde. Es käme weniger auf die Methode, als auf das Ziel an, nämlich eine fühlbare Herab­setzung der Rüstungen.

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Der Russenvorstotz gescheitert

Ueberrunipclung und heilloses Durcheinander

Genf, 18. April. (Eig. Drahtbericht.) Die Abrüstungsvorkommission schloß gestern mit einer vollkommenen Verwirrung. Nach einer längeren Debatte zwischen Litwinow-Sato (Ja­pan) unternahm Präsident Loudon unerwartet einen Uebcrrumpelungsversuch, der die ganze Kommission in ein heilloses Durch­einander brachte Er erklärte, Litwinow sei sich wohl darüber klar, daß die Kommission sei­nen Entwurf p-icht als Grundlage ihrer Arbei­ten annchmen wolle, weshalb er vorschlage, ohne Abstimmung zur B e r a t u n g des d e u 1- schen Vorschlages für Offenlegung der Rüstungen überzugehen. Litwinow erhob je­doch schlagfertig sofort

Protest gegen dieses Verfahren.

Der Präsident habe kein Recht, im Namen aller Delegationen zn sprechen und es könne auch unmöglich zur Regel in der Kommission wer­den, daß die verantwortlichen Vertreter der ver­schiedensten Regierungen sich bei jeder wichti­gen Entscheidung hinter einer anonymen Kom­

mission verschanzten. Er verlange ein Votum, bei dem jede Delegation ihre Haltung vertrete. Auch der türkische Delegierte und Graf Bern- storsf sprachen sich für Beratung des russischen Entwurfs aus. Litwinow schlug zum Schluß vor, die Kommission solle darüber abstimmen, ob sie seine drei Prinzipien: Diskussion des Abrüstungsproblems, Abrüstungsmaßnahmen und Koeffizient zur Rüstungsbesprechung, an­nehme oder ablehne. Präsident Loudon fand aus diesem Wirrwarr keinen anderen Ausweg, als über den Vorschlag heute vormittag abzu­stimmen, ob sie über feinen oder Litwinows Vorschlag abstimmen wolle.

poinearö rührt sich wieder

Zähes Festhalten an der Reparationssumme.

Paris, 18. April. (Eig. Drahtbericht) Laut Pressebericht wird Ministerpräsident Poincarö in seiner Rede am Montag zur Eröffnung des Generalrates in Bar-le-Duc auch den franzö­sischen Standpnnkt über die deutschen gestern von Dr. Schacht gemachten Reparations-Vor­schläge berühren. Er werde entschlosse­ner denn je den französischen Standpunkt aufrecht erhalten, so wie er ihn in seinen Reden in Caen und Chambery auseinandergesetzt habe, das heißt, die abso­lute Notwendigkeit für Frankreich, von Deutschland all das zu erhalten, was für die Zahlung der Schulden beiden Alliierten notwendig sei, mit einem für die Reparationen annehmbaren Ueberschutz.

Bestrafte Bauern

Gefängnis für die Steuerrevolte.

Itzehoe, 18. April. (Privattelegramm.) In dem Prozeß gegen 58 holsteinische Bauern wurden die Angeklagten Kock und Kühl zu je acht Monaten Gefängnis, 24 andere Angeklagte wegen öffentlicher Zusammenrot­tung Widerstand gegen Beamte und Nötigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte Hansen erhielt eine Geldstrafe von 150 Mart, 31 Angeklagte wurden frei- gesprochen. Den zu sechs Monaten Ver­urteilten wurde eine Bewährungsfrist von drei Jahren zugestanden. Die Kosten trägt die Staatskasse.

In der Urteilsbegründung hebt das Gericht lurz hervor, daß das Gesetz keine Sentimentali­täten anerkennen könne. Niemand könne das Gesetz so auslegen, wie es ihm gerade passe. Der Tatbestand des Aurfuhrs liege klar vor Augen Die Schuldigen müßten nach dem Ge­setz bestraft werden. Zwar hätten die Haupt­angeklagten nicht den Plan zum Aufruhr selbst erdacht, doch hätten sie sich führend beteiligt. Bei den Freigesprochenen habe das Gericht den inneren Willen zum Aufruhr licht klar fest­stellen können

England muß sein Work halten

Auf Ersuchen Churchills äußerte sich sodann Macdonald: Churchill habe durch seine Rede nur reine Partetzwecke fördern wollen. Er selbst werde später antworten. Chamberlain führte alsdann weiter aus, die Zusage nicht mehr zu übernehmen, als Großbritannien braucht, um die von ihm verlangte Schuld zu bezahlen, sei die Grundlage jedes Schrittes im finanziellen Wiederaufbau Europas gewesen. Er bat Macdonald vor Ende der Debatte, Worte der Beruhigung gegenüber der Welt zu sprechen und zu erklären, daß, welche Partei auch immer im Amte sei, England sein Wort hal­te n w e r d e. Für die Liberalen erklärte Run- ciman, daß sie nicht an internationalen Ver­pflichtungen abweichen würden, ob sie mit der Regierung überetnstimmen oder nicht.

(Vergleiche auch den nebenstehenden Bericht: »Schuldenduelle im Unterhaus*).

Reichstag am 22. April

Berlin, 18. April. Der Reichstag ist für Moutag, den 22. April einberufen worden. Div-.Tagesordnung sieht die internationalen Abkommen und Verträge vor.

Paris, 18. April. (Eigene Drahtmeldung.) Die Morgenblätter melden, daß Dr. Schacht in seinem den Alliierten überreichten Memoran­dum 37 gleichbleibende Annuitäten von 1650 Millionen Y.ldmark vorschlägt, waS einem Gegenwartswerte der deutschen Schuld von rund 26,5 Milliarden Goldmark gleich­kommt. Die Forderungen der Alliierten hätten sich auf 39—40 Milliarden Goldmark belaufen sodaß eine Differenz von rund dreizehn Milliarden bestehe. Das dentsche Angebot laffe nach Zahlung er cn Amerika nichtdasGe - ringste für die alliierten Reparationen übrig

In einem offiziellen Communique wird her­vorgehoben, daß diese Gegenvorschläge vollkom men außerhalb dessen lägen, vas die amerika nische Delegation am 28 März als eine für alle annehmbare Diskusfionswne angesehen habe

Paris, 18. April. (Eigene Drahtmeldung.) Laut Presseberichten dürfte die Note Washing­tons auf das Recht Amerikas eingehen, von allen deutschen Zahlungen 2% vom hundert zu beanspruchen

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London, 18 April. (Eigener Drahtbericht.) Entgegen den Zusammenbruchgerüchten aus Paris bemerkt der Pariser Korrespondent der „Times", daß die von Dr. Schacht angegebenen Jahreszahlungen in Höhe von 1,65 Milliarden Goldmark auf den ersten Blick entmutigend wirken könnten, aber die Möglichkeit, sich auf einer mittleren Basis von zwei Mil­liarden (!) Goldmark zu einigen, laffe den Schluß zu, daß die deutsche Delegation aus eine Reduzierung der alliierten Ansprüche in diesem Sinne hoffe. Es sei durchaus möglich, daß die deutsche Delegation diese Durchschnitts- summe annehmen werde, wenn ihr auf der anderen Seite andere Konzessionen zugestanden würden.

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Die Wut der Unersättlichen

Presse-Ausfälle gegen Schacht-Young. Wenigsstens 850 Millionen mehr.

Paris, 18. April. (Eig. Drahtbericht.) Der deutsche Gegenvorschlag hat »« der Pariser

Presse einen Sturm der Entrüstung hervorge- rufen, die sich sowohl gegen Dr. Schacht wie gegen den Vorsitzenden Owen Young wendet, dem man schwache Verhandlungsführung vor­wirst. Schacht's Memorandum bedeute sicher­lich noch nicht den Abbruch der Verhandlun­gen, aber man müsse alles wieder von vorn anfangeu. Man rechnet der deut­schen Abordnung vor, daß der Vorschlag k e > - nenPsennig für die Reparationen in Höhe von dreizehn Milliarden übrig lasse. Man versichert, daß ein solches Angebot, beson­ders nach neun Verhandlungswochen Bedau­ern hervorgerufen habe. Ein Blatt schreibt: Bei einer solchen Unverschämtheit (!) bedeutet das Feilschen schon eine politische Kundgebung der deutschen Abordnung, die darauf abziele, daß das Reich jede Schuld an dem Angriff von 1914 zurückweise und keine Erörterung über den Kriegstribut zulasse. Das Journal erklärt, die Deutschen hätten sich nur über ihre Gläubiger lustig gemacht (!) Das Echo de Paris schreibt: Die Konferenz sei zwar abgeschlossen, aber der Unterausschuß werde versuchen, Dr. Schacht zu bewegen, 250 Millionen seinen vorgefchla- genen Jahreszahlungen hinzuzufügen Wir widersetzen uns der Sabotage des Dawesplans (!) Wir werden die Rhein- landbesetzung aufrecht erhalten (!) Briand hat Schuld an dem Zustand.

„Figaro" schreibt: Dadurch, daß Dr. Schacht 37 Annuitäten bewilligt, hofft er zweifellos, Amerika in Versuchung zu führen; denn es wird alles Geld erhalten, das er anbietet, aber er weigert sich, die Reparationen zu bezahlen. „Oeuvre" erklärt, das deutsche Memorandum enthalte nur lächerliche Vorschläge.

Amerika ebnet die Angleichung

Paris, 18. April. (Eig. Drahtberichl.) Ge­stern abend soll Owen D. Young von der ame- rikanischeti Regierung eine Mitteilung über die Eventualität einer Herabsetzung des amerika- niftfj€n Anspruchs auf die rückständigen Besat- znngskosten erhalten haben. Diese Mitteilung, so berichtet ein Blatt, laffe die Tür zurAn- gleichung offen.

SchuldeN'Luelle im Unterhaus

Arbeiter-Offensive gegen die Konservativen.— Snowden schwächt seine Angriffe ab. — Auch Chamberlain greift ein.

London, 18. April. Den Gegenstoß gegen die gestrigen Angriffe des Arbeiterparteilers Snowden auf die Churchillsche Schuldenpo­litik hatte die - Regierung dem Kriegsminister Worthing ton^vans übertragen.Evans berechnete im Unterhaus, daß der englische Schuldennachlaß gegenüber Frankreich und Italien nur unwesentlich großer sei als der von Amerika zugestandene. Jetzt sei es $u fpat, wenn Snowden dieses Abkommen ablehne, nachdem es im Unterhaus eingehend erörtert worden sei. Schließlich fragte Evans snow- den auf den Kopf, ob die Arbeiterpartei feine Erklärungen zur offiziellen Politik er- hebe Snowden hatte nicht unerhebliche Schwierigkeiten, sich wieder aus der Lage her­auszumanövrieren. Er nahm zwar kein Wort zuruck, erklärte aber, er fei überrascht, daß man seinen Worten eine solche Bedeutung bei­gemessen habe. Anscheinend wollten die Kon­servativen das Versagen ihrer Budgetpolitik vertuschen. Die Arbeiterp-llllki setze sich für

eine allgemeine Streichung aller alliierter Schulden unb RepaMtionen ein

und stehe in UebereinstimnÄMg mit dem dies­bezüglichen Paragraphen »er Balfournote England habe zum Vorteil- der Kontinental­mächte Verpflichtungen auf-Pch genommen, ge­gen die die Arbeiterpartei ^Einspruch erhebe Alle Behauptungen, daß er die Schuldenab­kommen nicht anertenne, seien unzu­treffend England wtfiffe sich nur den Weg offen halten, die Bedingungen der Balfour­note dann abzulehnen, m>enn die Umstande sich dementsprechend cstttoickelt hätten Glaube die Regierung etwa,. daß die gegenwärtigen Bedingungen ohne einen Wechsel 60 Jahre dauern würden? Die Pariser Konferenz

haben den ganzen Fragenkomplex der inter­nationalen Schulden erneut aufgeworfen

Shurchilis letzter Trumpf

London, 18. April. In der Budgetdebatte hatte Macdonald noch versichert, seine Partei beabsichtige nicht, irgend welche internationale Verpflichtungen zu verleugnen. Snowden habe durchaus nicht sagen wollen, daß Großbritan­nien irgendwelchen Profit bei den Schulden­regelungen machen sollte. Aber es sei doch er­laubt zu fragen, ob die Kriegsschuldenlast in ge­rechter Weise verteilt worden sei. Churchill fragte zum Schluß, ob Macdonald nun eigent­lich Snowden vollkommen desavouire, und ob die Arbeiterpartei sich zu dem Grundsatz der Balfournote bekenne ober nicht. Da keine Ant- wort erfolgte ,rief Churchill unter lang andau­erndem Beifall der Regierungsanhänger „Die Arbeiterpartei und ihr Kandidat für das Pre­mierministeramt sind also nicht imstande, eine einfache und deutliche Frage zu beantwor­ten. Sie wagen es nicht, ihrenMund auf* zutu n."

Die ArbetterpaNkt gefährdet den britischen Kredit

London, 18. April. (Eigene Drahtmeldung.) Berichte aus Newyork stellten fest, daß Snow­dens Rede als eine Bedrohung des Kreditschul- denabkommens auf Grund der Balfournote an­gesehen wird. Eine solche Handlungsweise von einem früheren englischen Schatzkanzler werde in führenden amerikanischen Kreisen einen sehr ungünstigen Einfluß haben. Tie Politik der Arbeiterpartei könnte später den nationalen Kredit Großbritanniens in der ganzen Welt 1 erschüttern.