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[ QonnerStag, 18. Sprfl 1929.

Kasseler Neueste Nachrlchteu

19. Jahrgang. Rr. 90.

Die freien Berufe steuerfrei

i Gewerbesteuergesetz im Landtag gefallen. Im nächsten Entwurf werden die freien Berufe fehlen.

Berlin, 17. April. Das wichtigste Ereignis im Landtag war gestern die Wiederholung der Abstimmung über die Gewerbesteuervorlage für 1929. Bekanntlich hatte der Staatsrat Ein­spruch gegen die Einbeziehung der freien Be­rufe, also der Aerzte, Rechtsanwälte usw. er­hoben. Ter Landtag hätte nun seinen ur­sprünglichen Beschluß nur durch eine Zwei- drittel-Uiehrheit bestätigen lassen können. Zu der entscheidenden Abstimmung waren von den 450 Abgeordneten 400 im Saale Auf den Tri­bünen bemerkte man zahlreiche Vertreter der freien Berufe. Abg. Conradi (DU.) erklärte, daß seine Freunde das Gesetz als Mittelstands- feindlich ablehnen würden Ladendorff kW. P.) begründete seine Zustimmung damit, daß, nachdem es unmöglich gewesen sei, die ganze Gewerbesteuer als Söndersteuer abzu­lehnen, die Kampffront gegen dieses Gesetz durch Einbeziehung der freien Berufe verbreit tert und zugleich das Steueraufkommen auf eine weitere Basis gestellt werden müsse, um die Tarife senken zu können. .

Mit Ja stimmten nur 232 (bie Zweidrittel. Mehrheit betrug 266), mit Nein 167 Abge­ordnete. Außerdem wurde eine Stimment­haltung festgestellt. Damit war das Ge- Werbesteuergesetz gefallen. Die freien Be- rufe sind also vor der Gewerbesteuer be­wahrt geblieben. -

Soweit bisher bekannt ist, haben die Sozial­demokraten geschloffen für das Gesetz gestimmt, abgesehen von einigen freien Beruflern, die, übrigens auch bei mehreren anderen Parteien, einfach den Saal verlaffen hatten. Bei den übri­gen Fraktionen wurde größtenteils getrennt gestimmt. Da weder Staat noch Kommunen auf die Einnahmen aus der Gewerbesteuer ver­zichten können, ist damit zu rechnen, daß die Regierungsparteien einen Jnitiativ-Ge- f e tz e n t w u r f über die Gewerbesteuer ein- , bringen werden, der nunmehr die

freien Berufe nicht enthalten dürste. In den Abstimmungen zum Bergetat fanden die Anträge auf Schutz und Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit für die deutsche Kohle sowie auf immer weitere Verbefferung der Sicherheitsverhältniffe im Interesse der "Berg­arbeiter Annahme. Beim Kultusctat begründet Abg. Dr. Rhode (W. P.) Sparanträge auf Kosten der pädagogischen Akademien und trat für eine christliche Jugenderziehung ein. Die letztere Auffaffung entwickelte auch Abg. P r alle (Dt. Fr.), während Abg. Dr. L eti (Rat. Soz.) der Meinung war, daß die gegen­wärtige Kulturkrise auf den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Marrismus und Bürger­tum in der Regierung zurückzuführen sei. Heute:Höhere Lehranstalten".

SchnellarbeU für bas neue «Sefetz

Berlin, 17. April. Der neue Regierungsent- den bisherigen gesetzlichen Zustand hinsichtlich der Gewerbesteuer lohne die freien Berufe) auf ein weiteres Jahr verlängern. Die neue Vorlage soll ohne Verzug vom Staats­rat beraten werden, sodaß sie schon am kom­menden Freitag in erster Lesung im Plenum des Landtags vorliegt. Vielleicht am kom­menden Dienstag soll dann die zweite Beratung stattfinden, an die sich möglichst ohne Verzögerung die dritte anschlietzen soll, damit dre Vorlage baldigst zur Verabschiedung ge­langt. Die beschleunigte Behandlung ist not­wendig, da der Steuererhebungster­

min bereits der 10. Mai ist und bis da- hin eine gesetzliche Grundlage geschaffen sein muß.

Jtüdhrlti in Thüringen wegen her Steuern

Weimar, 17. April. Die thüringische Regie­rung beschloß gestern ihren Rücktritt, nach­dem es in einer vorausgegangenen neuen Be­sprechung der der bisherigen Regierungskoa- lition angehörenden Landiagsfraktionen (Deutsche Volkspartei, Landbund, Demokraten und Wirtschaftspartei) nicht gelungen war, die schroffen Meinungsverschiedenheiten zu be­heben, des über Maß und Wege der Herabmin­derung für 1929 zu erwartenden Fehlbetrages und über die verschiedenen Deckungsvor- schlage durch Mietzinssteuer-Erhöhung usw sich eingestellt hatten. Ob zunächst ein Versuch gemacht werden wird, eine neue Regierung zu bilden, oder ob es gleich zu einer Landlags­auflösung kommt, ist noch ungewiß.

Weimar, 17. April. Tas Landtagspräsidium beschloß, die W i r t s ch a f t s p a r t e i zu be­auftragen, einen Unterhändler für die Neubil­dung einer Regierung zu stellen. Der Aeltesten- rat soll dann je nach der Antwort der Wirt­schaftspartei entweder die Neubildung einer Regierung oder die Auflösung des Landtages beraten.

Letzter Akt im Sauern-rama

Verteidiger gegen Staatsanwalt.

Itzehoe, 17. April:

Im Beidenflether Bauernprozetz erklärte gestern der Verteidiger R.-A. Dr. Luetge- brune abschließend, daß nirgends ein Be- weis für die Absichten eines gewalttätigen Vorgehens vorhanden sei. Wo aber kein Auf­ruhrwille erwiesen fei, könne keine Bestrafung für Aufruhr erfolgen. Durch drakonische Strafen fei der Bauer nicht zur Mitarbeit am Staate zu gewinnen Diese Bauern kämpf­ten für ihr Recht. Für das Gericht gelte es das Recht in Einklang mit den Gefetzesformen zu bringen. Nach Dr. Luetgebrune plädierte ebenfalls auf Freispruch Dr. Trenkner (Flensburg) und Rechtsanwalt Kap (Husum). Staatsanwaltschaftsrar Junker hob hervor, daß nicht das Srrafmaß, sondern das Gesetz drakonisch sei. Jeder, der glaube, im Rech: zu sein, habe voll für feine Handlungen ein- zustehen. Er hielt seine beantragten G e s ä n g- nis st rasen aufrecht. Urtetlsverkündigung Mittwoch 12 Uhr.

Auf -em toten Punkt

Roch keine Klärung in Wien.

Wien, 17. April. Auch der gestrige Partei- Großkampftag verlief ergebnislos. Die Ent­scheidung soll zwischen drei Landesbauptleuten, nämlich Dr. Rintelen-Steiermark, Dr. Ender- Vorarlberg und Dr. Burefch-Niederösterreich fallen. Doch wäre die Wahl des früheren Bun­deskanzlers Dr. Ramek keine Ueberraschung. Die Agrarier scheinen mit ihrer Forderung, daß kein Wiener Regierungschef werden dürfe, durchgedrungen zu sein. Dies wäre eine völ­lige Niederlage Seipels in der öster­reichischen Innenpolitik. Eine Verständigung über die Mietzinsskala wurde noch nicht erzielt. Damit ist die österreichische Regierungskrise an einem toten Punkt angelangt.

China wünscht weitere Besatzung

Tokio, 17. April. Wie verlautet, beschlos' fen führende Beamte die Genehmigung des

Kaisers für die Verschiebung der Zurück- ziechmg der japanischen Truppen aus Schan- tung einzuholen. Da die chincfischen Rationa­listen erklärten, daß sie augenblicklich nicht in der Lage fein würden, die Sicherheit des Lebens und Eigentums der Japaner zu ge­währleisten, wenn die japanischen Truppen zu­rückgezogen würden.

«SrSstere Sichethett auf Seefahrten

London, 17. April. Das Ziel der gestern er­öffneten internationalen Schiffssicherheitskon- ferenz, Deutschland ist durch Botschafter Scha- nter vertreten, ist die Revision der internationa­len Konvention, die 1914 aufgrund der Erfah­rungen des Titanic-Unglücks unterzeichnet wor­den war. Ter König ließ seine Befriedigung äußern, daß so viele Länder jetzt wieder in Zu­sammenarbeit in der großen Sache der Sicher­heit des Lebens zur See vereint sind. Nach dem Präsident des englischen Handelsamtes sprach der deutsche Botschafter. Tie deutsche Regie­rung stehe den Bestrebungen äußerst wohlwol­lend gegenüber, die technischen Erfahrungen der Welt gemeinsam im Interesse der Mensch­heit auszunutzen, um das Leben der Seeleute und der Passagiere zu schützen.

vutschumtrtede auch In vortugal

Lissabon, 17. April. (Eig. Drahtberrchi). Amtlich wirb bestätigt, baß bie politische Poli zei zahlreiche Verhaftungen vorgenommen hat. Zwei frühere Minister werden gesucht, da sie der Teilnahme an der revolutionären Bewe­gung dringend verdächtig seien. Eine zweite

O. E. Moskau, 17. April. (Eigener Drahtbe­richt.) Im Fernöstlichen Küstengebiet der Sow- ictuniou befindet sich die Getreideversorgung in einem kritischen Stadium. Die Holzarbeiter verlassen daher die Wälder vorzeitig, wodurch große Erportverluste und Schwierigkeiten bei der Belieferung des Jnlandsmarktes entstehen. Erwiesenermaßen gehen fast täglich Geheim- transporte von bäuerlichem Getreide an private Händler, die höhere Preise als der Staat bezahlen. Alle Versuche der Behörden, dies zu verhindern, ünd fehlgeschlagen. In der Gegend von Nikoslk-Uffnriisk wurden drei Beamte der G. P. U. bei der Entdeckung eines solchen Transports gelötet. Obgleich die Brotrationierung in diesem Gebiet bereits seit über einem Monat eingeführt worden ist, sind die

Schlangen" vor den Läden nicht verschwunden. Ta der Kreis derwerktätigen Bevölkerung", die Anspruch auf Brotkarten besitzt, sehr eng gezogen wurde, spielen sich vielfach aufge­regte Szenen vor den Behörden ab. Die Brotrationen wurden bereits bei Arbeitern von 800 Gramm auf 600 Gramm, bei Angestellten von 500 Gramm auf 400 Gramm usw. täglich herabgesetzt.

Mehl wird überhaupt nicht mehr aus­gegeben. Der Arbeiterschaft hat sich große Aufregung bemächtig». In Chabarowsk ist es bereits mehrfach zur P l ü n d e ru n g von Brot­wagen gekommen. Es wird erwartet, daß die Sowjetbehörden beträchtliche Weizenmengen aus der Mandschurei werden importieren müs­sen. In Sibirien wurden Bauern, die Getreide gehamstert haben sollen, gezwungen, mit einer schwarzen Fahne mit der InschriftWir sind

Rote dementiert dagegen das Gerücht von einep monarchistischen Revolution.

Unblutige Siege in Mexiko

Mexiko, 17. April. (Durch Funkspruch.) Ge­neral Calles berichtet dem Präsidenten Gil, daß der ganze Staat Sinaloa von den Rebellcu befreit ist. General Cardoua wird heute San Blas besetzen.

Aus Politik un- wirtschaft

Englische Schüler studieren Berlin. Zur Zeit befinben sich 48 englische höhere Schmer mit fünf Lehrern als Gäste der Stadt Berlin im Landesfchulheim Birkenwerder, wo sie zu- fammen mit einer Gymnasial-Klasse unterge­bracht sind. Es handelt sich um einen Gegen­besuch. Die jungen Engländer werden in der Reichshauptstadt die größeren Werke, sowie die wichtigsten öffentlichen Gebäude besichtigen.

Der Franzosen-Adjutant als Lebensretter. Das Preußische Staatsministerium hat dem französischen Adjutanten L i s f e die Rettungs­medaille verliehen. Der Unteroffizier hatte einen fünfjährigen Knaben bei Koblenz unter Lebensgefahr aus dem Rhein gerettet.

700 verlassene Chiuescudörfer. Nach Berich­ten eines Missionars sind infolge der jahrelan­gen Banditenherrschaft in der Provinz Schan- tung etwa siebenhundert Dörfer vollkommen vernichtet, bezw. von ihren Bewohnern verlaf­fen und gehen dem Verfall entgegen. Verschie­dene Städte sind von den Banditen besetzt. Eine Stadt mußte einem Banditenführer Kontribu­tionen zahlen.

Freunde pon Chamberlain" durch das ganze Torf marschieren! In demselben Dorfe wurde die Kirche als Repressivmaßnahme gegen die Bauern geschlossen, worauf es zu einer Frau­enversammlung kam, die bei eisiger Kälte mit einer

Feuerspritze auseinandergetrieben wurde. Die Mitglieder des Kommunistischen Jugendbundes (Komsomol) veranstalten vor den Häusern der reichten BauernKatzen­musik", beschmieren ihre Tore mit Teer usw. Es wurde sogar eine Bande organisiert, die un­ter Gewaltanwendung Getreide bei den Bauern raubte.

Infolgedessen wird auch der

Steuerdruck verschärft.

Diejenigen Bauern, die Getreidevorräte 6e» sitzen sollen, werden mit dem fünffachen Be­trag der Selbstbesteuerung belegt. Die

Stimmung der Bauern ist verzweifelt.

Zahlreiche Bauern wandern nach der Mongo­lei aus. An eine Erweiterung der Getreide* anbaufläche ist nicht zu denken. Ja sibirischen Truppenteilen wird den Soldaten kein Stadlurlaub mehr gegeben, um die Rotarmi­sten nicht in Berührung mit der Zivilbevölke­rung kommen zu taffen Gleichzeitig ist strenge Briefzensur eingeführt. In der Ukraine ist die Lage ebenfalls kritisch. In Odessa war Zucker vorübergehend überhaupt nicht zu ha­ben. Roch schlimmer ist die Lage auf dem Lan­de. Erhebliche Teile der Bevölkerung hungern. In den deutfchen Kolonien sind bereits Todes­fälle wegen Unterernährung zu verzeichnen gewesen.

Lebensmittelnot im Sowjetteich

Krisenstimmung an der Küste und in Sibirien. Brottumulte und Bauern- chikanen. Urlaubssperre und Briefzensur in der Roten Armee. Die Deutschen­kolonie hungert schon.

wie -er -eutsche Roman entftan-

Der Roman ist heute das Lieblingskind der Literatur, und nichts wird mehr gelesen als Romane, während sich der Genuß an Versdich- tungen auf immer kleinere Kreise der Ken­ner beschränkt. Dieses Vorherrschen der Prosa zeigt das Alter unserer Dichtung an, denn an ben Anfängen jeder Poesie steht der Rhythmus steht der Vers, und die Prosa tritt erst in einem gewissen Stadium der Reife auf. Die ritterliche Dichtung des Mittelalters hielt die ungebundene Sprache noch für unwürdig, um sich ihrer für hoho Stoffe zu bedienen. Nur mehr wissenschaftliche oder erbauliche Werke waren in Prosa gehalten, wie Chroniken und Rechtsbücher, Predigten und Legenden, die ersten Natur- und Reisebeschreibungen. Es bedurfte des Anbruchs einer neuen Zeit, des Ausstieges einer neuen Kulturschicht, um die Prosa literatursähig zu machen und den deut­schen Roman entstehen zu lassen.

In diese Epoche einer .Weltwende" führt uns der soeben erschienene neueste Band der groß angelegten, gemeinsam bei Böhlau in Weimar und im österreichischen Bundesverlaa erfdwtnenben Sammlung »Deutsche Literatur" üt dem Pros Heinz Kindermann .Volksbü­cher vom sterbenden Rittertum" herausgibt In seiner Einleitung beschäftigt sich der Ge­lehrte mit der interessanten Entstehungsge­schichte deS Romans. Im Verlaus des 14. Jahrhunderts wurden die ritterlichen Lebens- sormen durch das aufstrebende Bürgertum immer mehr zurückgedrängt; es war eine Zeit des Verfalles und der Erneuerung, der größ­ten Gegensätze von Lebensgier und religiösem Aufschwung, ekstatischem Predigergeist, und nüchternem Wirklichkeitssinn. Diese Epoche fand kein Gefallen mehr an dem überstiegenen Mtealismus und der stolzen Vornehmheit rit­terlicher Dichtung, sondern verlangte eine gei­stige Kost, die ihr genehm war. An die Stelle des laut gesprochenen Vortrages von Dich­

tungen, wie tr im Mittelalter üblich war, trat allmählich das stille Lesen und damit an die Stelle des zum lauten Sprechen bestimm­ten Verses die Prosa. Mil der Erfindung des Buchdruckes kam das Buch, vorher das seltene Vorrecht der Wenigen, in breitere Kreise, und mit ihm strömte in der Massenkunst des Holz­schnitts Wort und Bild in die neue gährende Welt, die sich nun im Roman ihren eigenen literarischen Ausdruck schuf.

Man formte zunächst die ritterlichen Stoffe für die neuen Bedürfnisse um. erfüllte sie mit dem Geist der Kritik und der Erwartung, ver­gröberte und versinnlichte sie und die Vorbil­der dafür sand man zunächst in Frankreich, wo die bürgerliche Kulturentwickluna bereits weiter fortgeschritten war.

Die ersten deutschen Romane waren lieber» tragungen solch französischer Stoffe: das Ale- randerbuch Hartliebs und das Trojabuch Hans Maiers. Aber diese Uebernahme des frem­den Stoffes geschah dock bereits in sehr selb­ständiger Weise, vollzog sich in einem vollstän­digen Umdenken und Umfüllen in deutsche Verhältnisse. So unbeholfen auch der Aus­druck dieser jungen Pkosa war, so wußte et doch sofort den großen Fragen gerecht zu wer­den, die damals die deutsche Menschheit be­schäftigten, versetzte die Heldenfiguren bei Antike und des Rittertums in eine derbe bür­gerliche, kraftvoll aufstrebende Welt.

Besonders die Frauen, die ja von jeher gute Erzählerinnen gewesen sind, nahmen sich der neuen Prosadichtung an, und so begegnen wir gleich im Eingang der Geschichte des deut, scheu Romans zwei Romandichterinnen, der Gräfin Elifabeth von Nassau-Saarbrücken und der Gattin des Herzogs Siegmund von Tirol und Vorderösterreichs, Eleonore von Schott­land Die vier Romane der Gräfin Elisabeth, die französische Vorlagen sehr selbständig ver­arbeiten, bedeuten eine wahre Großtat; sie er- obern der deutschen Dichtung neue Leben s- und Stosflreise und stellen diese mit scharfer Beobachtungsgabe und anschaulichem Wirklich keitssinn dar. Ihre Erzählung vomHug Schapler", dem französischen König Hugo Ca-

pet, der sich als Enkel eines Metzgers durch wilde Liebesabenteuer mit brutaler Kraft zu den höchsten Ehren emporringt, erhält ein le­bendiges Kolorit, aus der der Dichterin be­kannten Umwelt und stellt so recht ein Gegen- bild des wüsten Emporkömmlings zu den rit­terlichen Heldengestalten aus Goldgrund dar Auch der RomanPontus und Sidonia" der Eleonore von Schottland enchüllt ein« bunte Liebes- und Jntriguenwelt, die eine bewußt demokratische Einstellung zeigt und daneben den christlichen Standpunkt gegenüber der Türkengefahr betont.

Diese Romane hotten einen großen Erfolg und fanden zahlreiche Nachahmungen. So ent- standen verschiedene farbig-abenteuerl'che Sit­tenromane. die zumeist nach französischen Vor- bildern gearbeitet waren. Der Buchdruck be­mächtigte sich sofort dieser beliebten Guitung und brachte immer neue Ausgaben, die sich an immer breitere Volkskreise wendeten und zu diesem Zweck umgeformt wurden. So wurden diese ersten deutschen Romane bald zuVolks­büchern", die in vergröberter und volkstümli­cher Form ein überaus zähes Leben führten und in der Zeit der Romantik sogar wieder in die höhere Literatur emportauchen. Ursprüng­lich aber sind sie die denkwürdigen Zeugnisse eines Uebergangszeitalterz gewesen, die Füh­len und Denken, Sehnsucht und Rot dieser Epoche widerspiegelten u. die frühste noch un­vollkommene Form bei deutschen Romans darstellen.

Kleines Theater

Madame Beliard, Schauspiel

von Charles Vtldrac.

In der Fassung, die das Kleine Theater dem Schauspiel gab, erscheintMadame Be­liard" als dramatisierte Backsischgeschichte Da hier der Schwerpunkt von der Titelheldin aus das Schicksal des Herrn Saulnier gerückt ist. stellt sich dem naiven Zuhörer die Geschichte so dar:

Ein junger Chemiker gibt, wie er selbst er* zählt, Zukunft uitd Weg in die Welt aus für die Liebe zu Madame Beliard, der Frau seiner Chefs. Herr Saulnier, der junge Chemiker, erzählt das, als er schon Direktor des Werkes Beliard und die geliebte Frau Witwe gewor­ben ist.

Bürgerliche Frage: Wieso hat Herr Saul­nier feine Zukunft geopfert und für wen? (Mit Hinblick auf dieMadame Beliard" des Kleinen Theaters").

Anmerkung: Er hat doch sogar Aussicht, durch Heirat der Nichte Besitzer der Fabrik zu werden

Leiser Einwurf des Dichters: Aber Herr Saulnier liebt doch Madame Beliard! Was ist ihm Titel, Fabrfl, Siebe eines Backfischs! Er liebt eben hemmungslos.

Mit folch naiven Fragen Widersprüchen. Glossen und bedauerndem Achselzucken sitzt man vor einer Szene, auf der nichts zu spüren ist von der Wirkung einer Frau, deren laues Ge- fühl einen Mann und ein junges Mädchen zur Verzweiflung treibt, weil sie nicht den Mut zu einem entscheidenden Wort findet Man sieht am Schluß, daß ein Mann, dem endlich die Augen geöffnet sind, feine Arbeit liqui­diert, einem jungen Mädchen ein paar treu* hefige Ratschläge gibt und verschwindet: Man verläßt ein Theater, dessen Lener wohl sor* mell einer Verpflichtung aus der Zeit Erich Fischs nachkommen, aber nicht dasOpfer" bringen wollten, sich mit Würde dieser Ver­pflichtung zu entledigen. Hätte man doch statt einer unmöglichen Aufführung mit fast lauter Fehlbefetzungen lieber die Verpflichtung durch eine runde Geldsumme abgeschoben und auf die Tragkraft des nächsten Lustspiels gebaut, das den einmaligen Verlust doppelt wieder einbringen würde! Wie die Dinge liegen, hat man durch diese Ausführung nur eine große Anzahl von Theaterbesuchern enttäuscht und der Geschichte des Theaters einen neuen Miß­erfolg. den man unfehlbar kommen sah ein* gereiht. G. M V.

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