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Kasseler Neueste Nachrichten

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Hessische Abendzeitung

Dormerstag, 18. April 1929

Nummer 90 Einzelpreis-. Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. jg Jahrgang

Schacht macht die Gegen-Rechnung

Trotzki geht nach Norwegen? — Paris soll an die Weltwirtschaft denken

Die letzten Lage des Parlaments | Barto mahnt in letzter Stunde

Polen auf dem Wege zur offenen Militärdiktatur. Opposition u. Minderheiten in Besorgnis Der Industrie- und HandclStag im Zeichen der Reparationskonferenz.

(Bon unserem Warschauer Sonderberichterstatter.)

die Auflösung des SefmS

wohl unmittelbar bevor Der Bries de? Sejm-

Warschau, 17. April. (Eig. Drahtbericht.) Das neue Kabinett von PtlsudSkis Gnaden ist offenbar als entscheidender Schritt auf dem Wege zur offenen Diktatur zu werten. LuS dem »Offenen Briefs des früheren Kabine,is- chefs Bartel gebt klar hervor, daß die An­hänger PilsudskiS keinen anderen Ausweg mehr sahen, sich weiter an der Macht zu hal- len. als einen entscheidenden Vorstoß gegen den Sejm zu führen, der im übri- gen von Ptlsudski durch seinen bekannten, von unparlamentarischen Ausdrücken strotzenden Artikel eingeleitet wurde. Jedenfalls kann die Regierung jetzt mal einheitlicher dem Parla­ment ihren Willen aufzwingen. Barrel selbst galt als Exponent derjenigen Tendenzen im alten Pilsudskikabinett, die ihren Einfluß stets für einen Ausgleich der Gegensätze zwischen Diktatur und parlamentarischem Sy­stem einsetzen. Bartels Erklärungen enthüllen die schroffen Gegensätze, die sogar innerhalb der Regierung gerade in Be-,ug auf die Ein­stellung zum Sejm bestanden haben. Sicher ist, daß Bartel seinen hohen Posten, ebenso wie der zurückgetretene Finanzminister Czechowicz

seiner Ueberzeugung zum Opfer gebracht hat. Durch seine Demission wurde der Weg für ein Kabinett frei, das entschlossen ist, den Parlamentarismus in Polen endgültig nie­derzuringen.

Vom Standpunkt der nationalen M i n- derhellen ist der Abgang des bisherigen Kabinetts kaum zu bedauern, denn die Re- gierung Bartel hat, ihr Versprechen, die Mi­noritäten als gleich« und vollberechtigte Bür­ger zu behandeln, nicht gehalten. Man brauch, nur an die Bedrückungen der Deutschen in Ostoberschlesien zu denken und die Spaltungs­manöver der Regierung sich in Erinnerung zu rufen, die durch die Gründung des .Deut- schen Kultur, u. WirtschaftsbundeS" betrieben wurden, um zu erkennen, mi, welchen Mitteln man die deutsche Einheit zerschlagen wollte

Aussichten auf eine Berücksichtigung der kulturellen Forderungen der nationalen Mi­noritäten bestehen wohl kaum. S w t 1 a l S k t. der neue Ministerpräsident, ist aus seiner bis­herigen politischen Tätigkeit als

offener Minderheitenfeind zur Genüge bekannt. Der neue Premier hegt angeblich den Plan, beim Mintsterpräsidium ein besonde­res Minderheitenami zu schaffen, in welchem die Behandlung sämtlicher Fragen der verschiedenen Nationalitäten vereinigt werden soll Ob sich jedoch diese Reform mf eine würdigere Behandlung der Minderheiten auswirken wird, muß vorerst bezweifel, werden

Jedenfalls sind ebenso wenig wie di« na- tionalen Minderheiten auch die Opposition der Linken und Rechten aewillt, den Kamps gegen die Vergewaltigung deS Rechtes durch eine kleine Gruppe politischer Führer aufzugeben Selbst im RegterungSlager. das in feiner Stimmenzahl zur Opposition wie etwa 3:10 steht, billigt man keineswegs durchweg die Absichten der .Oberften-Gruppe" Da also mit einer weiteren Stärkung der Opposition zu rechnen ist so steh, bei nächster Gelegenheit auch

Marschalls Daszynski an den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Bartel wende, sich tu energischer Tonari gegen die Methode Ml- sudSkiS, den Sejm erziehen zu wollen und laß, es kaum mehr möglich erscheinen, daß danach eine Zusammenarbeit zwischen Regierung und Sejm überhaupt noch denkbar sein könnte.

Ja oöer nein

Genf beugt sich dem Protest BernstorffS.

Genf, 17. April. (Eig. Drahtbericht.) In der Abrüstungskommission gab es eine sonder, bare Ueberraschung. Graf Bern stör ff ver- langte, die Kommission solle sich klar darüber aussprechen, ob st« eine zweite Lesung vorneh­men wolle, wie sie es im März 1928 beschlossen habe, oder ob sie diesen Beschluß umzustoßen beabsichtige. — Auf diese kategorische Frage, d,e die Verschleppung der Abrüstung zur Evidenz offenbar gemacht hätte, erklärt Prast- dent Loudon, die Fortsetzung der Beratung derienigen Punkte, die im März v. I. noch offen geblieben Wären, bedeute ja schon eine Art zweiter Lesung. In der Eröff­nungsrede hatte Loudon noch ganz klar und eindeutig erklärt, daß an eine zweite Lesung unter keinen Umständen zu denken sei.

* * *

Litwinow rechnet ab

Brandmarkung der Abrüstungs-Heuchelei.

_ ®e"f, 17. April. (Eigene Drahtmeldung.j Nach Bernstorfs wies der Sowjetdelegierte Ltl- winow rücksichtslos der Kommission alle bisher gemachten Fehler nach und forderte sie auf, end- sich einen anderen Weg zur Abrüstung zu su­chen. Könne der Präsident irgend einen Punkt nachweisen, in dem sich die Lage seit dem vori­gen Jahre geändert habe? Im Gegenteil, die Schwierigkeiten in der Seeabrüstung seien z. B. größer geworden. Heute hätten sich England und Frankreich über ihre eigenen Interessen in dieser Angelegenheit verständigt, aber zwischen ihnen und den Vereinigten Staaten und Ita­lien hätten stch infolgedessen die Meinungsver­schiedenheiten vergrößert. Wenn man wirk­lich außerhalb der Kommission in der Seeab­rüstung zu einer Verständigung gelange, wer gäbe dann die Gewähr dafür, daß das Heber» einkommen auch sämtlichen anderen Mächten, wie ,. B. Italien, gefalle? Wohin solle es füh- ren, wenn man die ganze Abrüstungsfrage auf den Ansichten der einzelnen Länder von ihrer Sicherheit und ihren Abrüstungsbe- dürfntssen aufbaue., die sich die Länder häufig selbst aufottrohierten. Wenn die Kom­mission so weitermache, dann werde sie sicher irgendwo andershin, als zu einem erfolgreichen Ende gelangen. Litwinow wies auf die Be- w e g u n g unter den M a f s e n hin und auf den Abschluß deS Kelloggpaktes, der für die Abrü­stung eine günstige Lage geschaffen habe. Man müsse diese neuen Dinge ausnutzen. Der ein­zige Weg. weiterzukommen, sei, daß man auf der Grundlage deS zweiten russischen Entwurfes vorgehe. Er, Litwinow, habe aber die Be­fürchtung, daß man den russischen Entwurf nur deshalb an den ersten Platz gestellt habe, um ihn möglichst bald auf die Seite zu schieben.

Norwegen nimmt Trotzki ans?

Das Berliner Hilfskomitee hält bei Mowinkel an

Kopenhagen, 17. April. (Eigene Drahtmel- düng.) Rach der Ablehnung deS EinreifegesuchS von Trotzki durch die deutsche Regierung hat stch daS Berliner Hilfskomitee an den Präsi­denten der norwegischen Arbeiterpartei M o w i n k e l um eine Aufenthaltserlaubnis für Trotzki gewand Mowinkel will daS Einreise gesuch der norwegischen Regierung vorlegen Trotzki soll bereits ein Zimmer in einem Sana torium bestellt haben

Verflen bleibt neutral

Teheran, 17. April. Die Moskauer Nach­richt, wonach angeblich Persien aus Anstiften Großbritanniens beabsichtige, afghanisches Ge­biet in Besitz zu nehmen, wurde heute im Par lament amtlich als völlig unwahr erkläri. Persien werde seine Neutralität aufrecht erhal­ten, wenn eS auch Schritte unternommen habe um afghanische Streifzüge auf persischem Gebiet zu verhindern. — Dem persischen Botschafter in Moskau war angedeutet worden, daß Rußland Persiens Eingreifen nicht gleich- gültig hinnehmen würde.

Berlin, 17. April. (Durch Funkspruch.) Bei Eröffnung des Industrie- und Handelstages hob der Präsident von Me..delssohn den Geist der Gemeinschaft hervor, der bei den inneren Schwächen und den außenpolitischen Schwierig­keiten unserer Wirtschaft ganz besonders walten müsse. Retchswirtschaftsminister Dr. Cur- lius wies alsdann auf das schicksalsschwere Reparationsringen in Paris hin: Alles hängt davon ab, daß die Sachverständigen ihre Auf­gabe als eine wirtschaftliche mit unpolitischer Sachlichkeit durchführen. In Paris darf es nicht darum gehen, nach Art eines Handelsge­schäftes über die Höhe von Forderungen und Schulden zu markten, sondern um die gemeinsame Behebung einer die ganze Welt

drückenden Wirtschaftssorge durch di« dazu berufenen Sachverständigen. Ich muß auf nähere Darlegungen des ungeheuren

Ernstes der Lage verzichten. Ich setze, mit der gesamten deutschen Wirtschaft ra die Sach, künde, Unerschrockenheit und Be. sonnenheit der Vertreter Deutschlands das größte Vertrauen. Präsident von Men­de so n gab dann ein Bild der Wirtschafts­lage. In der Kapitalarmut und Zinsenüber- lastung liege mehr oder weniger der Schlüssel zur Regelung aller Erschwerung der Wirtschaft

Kein Nachlaß an BesadungSkosten

Paris, 17. April. (Eig. Drahtbericht.) Nach einer Meldung aus Washington Hai daS Staatsdepartement die Anregung der alliier­ten Mächte, Amerika möge auf Die rückständi. gen Besatzungskosten verzichten abgelehnt. Die Anregung sei von Owen D. Young nach Wo- shington übermittelt worden.

Schacht soll Zahlen nennen

Manöver zur Sprengung der Konferenz?

Pans, 17. April. (Eigener Drahtbericht.) Die Sachverständigen-Sitzung war gestern mit der weiteren Auseinandersetzung über die deut- sche Zahlungsfähigkeit ausgefüllt. Die Alliier­ten suchten zu beweisen, daß ihre bekannten Zif- fern für Deutschland durchaus tragbar seien. Dr. Schacht setzte der Konferenz auseinander, daß die alliierten Forderungen Deutschlands Leistungsfähigkeit bei weitem überstei­gen. Zum Schluß erklärte sich die deutsche Gruppe bereit, heute ein Memorandum zu überreichen, das sich einerseits mit der gesam­ten Wirtschaftslage Deutschlands und deren Voraussetzungen befassen wird, andererseits aber den alliierten Ziffern die

deutschen Zahlen entgegenstellt.

Zum ersten Male tritt damit die deutsche Dele­gation aus ihrer gewohnten Zurückhaltung her- aus, um selbst das Maß der annehmbaren La­sten zu umschreiben. Es dürfte sich dabei nicht um die Festlegung einer Maximalgrenze für die deutschen Zahlungen handeln, sondern um informatorische Darlegungen, wie ja auch dem alliierten Memorandum durch spätere einschrän kende Kommentare mehr und mehr der Charak­ter einer ultimativen Minimalofferte genom­men worden ist. Dieses neue Manöver der Al­liierten soll, wie man munkelt, nach Vorliegen des deutschen Angebots, daß sich durchaus im Rahmen der den deutschen Sachverständigen schon zu Beginn der Konferenz vorschwebenden Zahlen halten wird, vor aller Oeffentlichkeii auf die unüberbrückbare Differenz zwifchen den von den beiden Seiten vorgebrachten Zif­fern Hinweisen, die

Konferenz auffliegen lassen

und dem mangelnden Entgegenkommen der Deutschen die Schuld dafür aufladen. Man sieht aber auf der anderen Seite nicht, wie die Verhandlungen noch lange fortgesetzt werden könnten, ohne daß das von deutscher Seite be­

obachtete Schweigen in der Ziffernfrage geben- chen wird.

An-ere werte statt Geld?

Die Reparationslösung auf neuen Geleisen.

Paris, 17. April. (Eigene Drahtmeldung.) Dr. Schacht, Sögeler und Melchior haben mit den Hilfsarbeitern begonnen» das Memoran­dum mit den deutfchen Gegenvorschlägen aus­zuarbeiten. Während der gleichen Zeit werden die Gläubiger-Abordnungen eine gemeinsame Sitzung abhalten, um die kleineren Gläubiger anzuhören. Die Pariser Presse ergeht stch in Vermutungen über die Höhe der deutschen Vor- schlage. In letzter Stunde wirst man nun, un­verkennbar auf ein höheren Orts ausgegebeneS Stichwort hin, den Begriff des Wertes der deutfchen Jahreszahlungen in die Debatte. Wenn das deutsche Angebot nicht mit diesem Werte, der mit 2,2 Milliarden Mark eingesetzt wird, zufammenfalle, würde der deutsche Vor­schlag zurückgewiesen werden. Ein Blatt fragt, ob die deutsche Abordnung nicht ihrer Regierung Vorschlägen könnte, einen AuS- gleich, der auf finanziellem Gebiet schwer zu erreichen fei, auf wirtschaftlichem oder gar politifchem Gebiet zu erzielen?

*

Zwischen Hoffnung und Zweifel

London, 17. April. (Eigene Drahtmeldung.) Im Gegenfatz zu der zukunftsfreudigen Hal- tung der englifchen Blätter steht der Bericht von Pertinax, der erklärt, es fei noch nicht be- könnt, was Dr. Schacht am Mittwoch den <Satf). verständigen unterbreiten werde. Was jedoch die Kommerzialisierung der deutfchen Schuld anbelange, fo wird behauptet, daß Dr. Schacht hierin eine starke Zurückhaltung zeige. Darin könne man sicherlich nichts Gutes über die weitere Entwicklung sehen.

Berlins kategorisches Rein

Schachts fchwieriger Stand gegen die Pariser Presse.

Berlin, 17. April (Eigener Informations­dienst.) Wie hier seftsteht, wird' die deutsche Delegation in Parts die Frage entschieden ver­neinen, ob Deutschland unter Berücksichtigung einer Wirtschaftslage jemals imstande wäre, Die übertriebenen Forderungen der Gegenseite u erfüllen Ferner dürfte sich die deutsche De­legation erneut auf eine Gesamtleistungsdauer von 37 Jahren festlegen und Zahlungen für 58 Jahre kategorisch ablehnen. Daß die deutschen Ziffern weit unter der Höchstgrenze der Alliier- ten liegen werden, versteht stch von selbst Die Financial Times nennen als Ansangs- annuHäfen, die das deutsche Memoran­dum Vorschlägen soll, 1000 bis 1200 Millionen Mark, die bis zu einem Betrage von 1600 Millionen Mark steigen sollen. Das genannte Blatt dürste zu den Ziffern aus

Grund eigener Errechnungen gelangt fein. Be­merkenswert ist der

Druck, den die französtfche Presse inzwischen auf Dr. Schacht

auszuüben versucht. Die Pariser Morgenblät- ter behaupten im Chor, daß die Gegenseite nicht unter die genannten Ziffern hinunter- geben konnte. Wie stets im kritischen Augen- blick, versucht man der deutschen Presse, tnsbe- sondere Dr. Schacht, mit den unsinnigsten Be- bauptungen am Zeuge zu flicken. Jedenfalls zeigt es sich deutlich, daß die Sachverständigen der Gegenseite maßgeblich von ihren politischen Instanzen beeinflußt sind, ja, in der Hand ihrer Regierungen mehr oder weniger willenlos« Werkzeuge sind.