Rr. 89. — 19. Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichte«
Mittwoch, 17. April 1929.
Rücktritt im rLii i^rmk
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Dr. Carl Hagemann, der Intendant des Berliner Rundfunks, tritt von seinem Posten zurück Dr. Hagemann war von 1906—10 und 1915—20 Intendant des Nationaltheaters in Mannheim, 1910—13 leitete er daS Deutsch« Schauspielhaus in Hamburg und wurde 1921 Intendant des Staatsthcaters von Wiesbaden. 1927 übernahm er die künstlerische Leitung der Funkstunde BerNn.
HausmusiKabenö
Im Hessischen Landesmuseum.
Gestern abend fand im Saale deS Landesmuseums ein Hausmusikabend statt, x-tu Beginn wurde ein Notturno für Flöte (Kammermusiker R. Wille) Viola (Kammermusiker W„ Kruse) und Guitarre (K. Israel) von Küffner in feiner Ausführung gespielt. ES folgten alsdann Lieder von Dowland, die Nora Fiege (Sopran) und Erika Behle (Alt) mit Begleitung sangen. Sie waren nicht recht ansprechend, es mag vielleicht daran gelegen haben, daß sie ihnen zum Vorträge nicht so zusagten, zudem schien mit die Sopranstimme Mluiani, welches die Künstler seelisch tief er» ventionen in B-dur von Bach eine Violine (Dr Pickerodt) und Guitaire-Duett wurden von den Zuhörern mit großem Bei falle aufge- nommen, jedoch die Glanzleistung des Abends war nach meinem Empfinden das dann folgende Menuett für Flöte und Guitarre von Ginliana, welches die Künstler seelisch tief erfaßten u. mit Virtuosität uns zu Gehör brachten. Herr Israel beherrschte die Guitarre met» fierhaft, das bezeugten seine drei Solo-Vorträge. Die Mondlieder von Hensel für Alt von Eri-ka Behle frisch gesungen, wurden von zwei Flöten und Guitarren begleitet. DaS Trio von Molino für Flöte, Viola, Guitarre wurde als Letztes mit viel Temperament u. Innigkeit aufgesührt. Dr. *. v. C
Srgauisalion der „Gottlosen^
Der Kampf um die Kirche. — Weltanschauliche Kämpfe im Sowjetstaat.
Von Graf Valerien O’Rourke
Die griechisch-orthodoxe Kirche hat in Rußland dem Staat gegenüber eine Loyalitätserklärung abgegeben. Die Verfolgung der „Aus über des Kultes" mit polizeilichen Mitteln hat daher bis zu einem gewissen Grade nachgelassen. Sogar die Ausbildung des prie- sterlicben Nachwuchses wird wieder geduldet. Durch diese Regelung wird nach außen hin der Anschein erweckt, als ob das religiöse Leben im Sowjetstaat bestens gedeihen kann. Nichtsdestoweniger bildet aber der Kampf um die religiöse Weltanschauung nach wie vor unter dem Sowjetstern eines der gefährlichsten und umstrittensten Gebiete des öffentlichen Lebens.
Aus der innerpolitischen Einstellung des Sowjetstaates geht hervor, daß die Sowjetregierung es gegenwärtig nicht mehr für opportun hält, den Kampf gegen die Kirche mit staatlichen Machtmitteln fortzusetzen, da alle bis herigen Versuche, die Kirche und Religion auszurotten, zu keinem Erfolg geführt haben. Um in dieser Hinsicht keine weiteren Mißerfolge zu erleben und auch deshalb, weil die große Masse der Bauern, auf die das Sowjetregime sich wirtschaftlich stützen mutz, noch religiös eingestellt ist, hat die Sowjetregiernng den aktiven und direkten antireligiösen und
antikirchlichen Kampf aufgeben müssen, ohne dabei aber von ihrem Grund Prinzip, — Bekämpfung der Religion und
des religiösen Kultes — abzurücken.
Sie hat ihre diesbezüglichen Funktionen privaten Organisationen, den sogenannten Verbänden der „Gottlosen", übertragen, die in ihrem Kampf mit der Religion von der Regierung weitestgehend unterstützt werden.
Die Organisationen der „Gottlosen", die nach sowjetamtlichen Daten etwa 250 bis 300 000 Mitglieder umfassen, entwickeln eine rege antireligiöse Tätigkeit. Sie besitzen eigene Presse-Organe, geben Literatur in großer Menge heraus, veranstalten Volksversammlungen und treiben Plakatpropaganda. Man könnte behaupten, daß die Intensität, die von diesen Organisationen an den Tag gelegt wird, beinahe der Aktivität der kommunistischen Partei in der ersten Zeit des Sowjetregimes gleichkommt. Das liegt in der Natur der Dinge, denn die kommunistische Staatsordnung hat stets als ihre größten und mächtigsten Gegner >en Monarchen auf Erden und den im Himmel bezeichnet. Während der irdische, sichtbare Monarch in Rußland scheinbar bekämpft worden ist, hat die Bekämpfung des himmlischen Herr» chers bisher nut Mißerfolge und Niederlagen ergeben. Das paßt keineswegs in den Nahmen der kommunistischen Geistesverfassung hinein, und daher wird der Himmel, allerdings mit an
deren strategischen Mitteln, weiterbestürmt. In diesem Kamps werden die Verbände der „Gottlosen" von der offiziellen Sowjetpresse wirksam unterstützt. Ihren Aufrufen wird in großzügiger Weise Raum zur Verfügung gestellt und alle ihre Bestrebungen werden fördernd besprochen.
Wie wirst nun diese Propaganda auf die Bevölkerung?
Als Antwort auf diese Frage fei auf einige Ausführungen der offiziellen sowjetrusstschen Zeitung „Prawda" verwiesen, laut denen die religiöse Gesinnung unter den Proletariern und Bauern in letzter Zeit erheblich an Boden gewinnen soll. Die Arbeiter besuchen wieder Kirchen, veranstalten Sammlungen zugunsten der Kirche und halten sogar die Kirchenfeiertage ein. Ferner beklagt sich die „Prawda" darüber, daß die Kirchenvorstände bestrebt seien, die Mängel der sozialen Fürsorge des Staates zugunsten der Kirche auszunutzen, um die Grundlagen der Sowjetmacht zu erschüttern. . Aehnliche Gedanken äußern auch andere sowjet- russische Zeitungen. Jedenfalls stellen diese Aeußerungen außerordentlich interessante und aufschlußreiche Bekenntnisse über die Stellungnahme der Bevölkerung zur religiösen Frage dar, denn ihnen zufolge scheint bis jetzt im Kampf mit der Kirche das Gegenteil dessen erreicht worden zu sein, was man beabsichtigt hatte.
lieber welche Kräfte verfügt nun die Kirche gegenwärtig in Rußland?
Auch auf diese Frage erteilt die Sowjetpresse Auskunft. Die religiösen Vereinigungen (so werden die einzelnen Konfessionen im Sowjetstaat offiziell genannt) verfügen über 250 000 „Ausüber des Kultes". Außerdem leben noch ungefähr 100000 Mönche in ihren Klöstern. Rechnet man noch die Sekten hinzu (Adventisten, Baptisten usw.), so umfasse die wohl- organisierte Armee der „religiösen Agitatoren" mindestens 500 000 Kämpfer. Auch seien die religiösen Jugendverbände durch die Zahl ihrer Mitglieder vielfach stärker als die kommunistischen Jugendorganisationen. Infolgedessen sei die Front der „Religiösen" bei weitem stärker als die Kampffront der „Gottlosen.
Wie verhält sich die Bevölkerung zu allen diesen ofsiziellen und offiziösen Bestrebungen und Maßnahmen der Sowjetregierung? Die Beobachtungen ergeben, daß das russische Volk in seiner großen Masse religiös und kirchentreu geblieben ist.
Noch nie sind die Kirchen in Rußland während des Gottesdienstes so überfüllt gewesen wie in der letzten Zeit.
Auch rein äutzerlich hat die russische Bevölkerung in Stadt und Land ihre Zugehörigkeit zur Kirche noch nie so ostentativ zur Schau getragen wie in den heutigen Zeiten des sozialen und religiösen Bedrängnifles Die kirchlichen Gebräuche werden strikt eingehalten, bi« kanonischen Vorschriften befolgt. Die religiös« Bewegung hat Formen angenommen, die dazu geführt haben, daß die eingeschriebenen Slit- gtiebern der kommunistischen Partei und di« Staatsbeamten öffentlich bezichtigt werden, an den „gottesdienstlichen Handlungen" teilgenont» men zu haben. Es seien sogar — wie die sow« jetrussische Presse berichtet — Fälle vorgekoiw men, daß sich unter den Ministranten (Kirchen. länger usw.) Kommunisten befunden haben. Ferner macht das religiöse Sektenleben erhebliche Fortschritte.
Aus diesen Beispielen geht deutlich hervor, daß im Kampf mit der Religion, der seit der Errichtung der Sowjetreplublik bis heute geführt wird, die Sowjetregierung bezw. die antt- religiöfen Organisationen bisher keine Lorbeeren ernten durften. Ganz im Gegenteil, — die Position der Sowjetregierung scheint sich im Verlaufe dieses Kampses erheblich verschlechtert zu haben, was sie gezwungen hat, ihre ursprüngliche Taktik zu revidieren.
Die religiösen Organisationen werden in der Sowjetunion nur zu den geduldeten Der- banden gezählt. Sie stehen unter ständigem Druck, der auf die kirchliche Propaganda läh- mend, auf die Entwicklung der Propaganda der „Gottlosen" dagegen aufmunternb wir», denn die Einstellung des Sowjetstaates ist generell antireligiös. Trotz aller Eingriffe der Sowjetregierung aber, — wie z. B. die Enteignung der Kirchenschätze, Verbot des Reli- gionsunterrichts in den Schulen, Verbannung der Geistlichen usw. - ist es dem Sowjetregime tedenfalls nicht gelungen, an der religiösen Gesinnung als solcher auch nur das Geringste zu ändern, denn schließlich bilden 300000 ,,®ott» lofe" innerhalb des russischen 160-Millionen. Volkes eine verschwindend kleine Einheit und die Anzahl der Dissidenten und Atheisten ist in der Vorkriegszeit kaum geringer gewesen.
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