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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Sonntag, 14. April 1929

Nummer 87 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: LonntagS 20 Pfennig. 19* Jahrgang

Mecklenburg als Sorgenkind

Der jüngste polizeiskan-al in London1930 Diktatur-Abbau in Spanien

Mit halber Kraft

Harte Arbeit für das neue Kabinett.

Wir find tu unseren Ansprüche» an einen regierungsfähigen Parlamentarismus schon so bescheiden geworden (die Parteileuchten sind es »mb mehr), daß wir uns glücklich preisen, we­nigstens eine Notstands- oder auchSommer- Regierung", wie man sie getauft hat, an der Arbeit zu wissen, die uns unser täglich Brot gibt und neuen (Steuerfegen von unseren be- Wmmerten Häuptern abwendet. Der äußeren, imposanten Koalitions-Fassade nach ein Staats- und Volksheim, in dem sich's gastlich und geborgen hausen ließe, wohnen in feinen roh gezimmerten Räumen Tür an Tür und Wand an Wand noch so starke unausgeglichene Spannungen, Fehden, Mißtrauen, Groll und Unversöhnlichkeiten, daß nach der großen Etat- Abrechnung der luftige Bau bei der geringsten Erschütterung wieder zusammenstürzen kann. Wie will man dem Veto der Sozialdmeokra- ten die zweite Panzerreuzerrate abringen, wenn man auch die Minister der Parteihörig­keit entband? Wie werden sich die in weit ge­trennten Zonen beheimateten Grenzminister Wirth und Außenminister Stresemann vertragen, denen beiden das Blut sehr schnell zu Kops zu steigen pflegt? Werden auch die ErfWunaspolitiker gegenüber den in Paris nach wüstem Feilschen endlich von den Alliier­ten herausgetuftelten, noch immer maßlosen Knechtschaftszinsen den Racken steif behalten? Wenn man schon fast unaufschiebbare soziale und kulturpolitische Lösungen noch einmal bis zum Herbst liegen lassen mutz, um den nach Atem ringenden Regierungskonzern nicht zu belasten, so wird die, en doch schon in nächster Zeit die steigende Lohnbrandung hart zusetzen, zumal der den Arbeitermassen verpflichtete neue Zentrumsminister Stegerwald die Gunst seiner Wählerkolonnen nicht wird ver­lieren wollem

"Immerhin kann man jetzt doch von einem Kabinett der, wenn auch parteipolitisch beeng­ten, Persönlichkeiten sprechen, nachdem das wiederversöhnte Zentrum mit feinen drei stärk­sten Säulen in die Wilhelmstratze eingezogen ist. Wirth-Stegerwald, die Sorgenkinder und freimütigsten Frondeure ihrer Parteigenossen, könnten neben dem unerschrockenen Kämpen Stresemann auch ihren Kollegen zur Linken ein Beispiel geben, wie man einmal feiner Ueberzeugung auch gegen den Druck und das Geschrei der Herde durchgeführt und Staats­wohl über den Parteikatechismus zu stellen berufen ist. Den sichersten Rückhalt hat die lockere Regierungsfront in dieser allein frucht­baren Gemeinschaft auch an der ehernen Ge­stalt des Reichspräsidenten, dessen richtungge­bender Einfluß ohne direkte Einwirkung im­mer ein heilsames Regulativ gewesen ist. Eben­sowenig wie die Pariser Kammer ihren Haupltrumps, Poincarö, für die Reparations­schlußrunde aus der Hand geben wollte, eben­sowenig durfte Stresemann seine Unterhändler in Paris und Genf ohne die beglaubigten Vollmachten und ohne die breite Basis einer von allen Volksschichten getragenen Regie­rungsmehrheit lassen.

Denn wenn auch Schacht mit den geldhung­rigen und unerbittlichen Wucherern an der Seine um das Schicksal der nächsten Genera­tionen ringt, so muß Bernstorfs in Genf doch nicht minder gegen die unfairen Fechter- künste der bis an die Zähne gewappneten Mi- litärkolosse der Welt seinen Mann stehen. Seit fünf Jahren bemühen sich die Kriegsge­winnler und Wortbrüchigen von Versailles die entscheidende Vollabrustungskonferenz ... zu hintertreiben. Roch immer klammern sich die Pariser Sophisten an den Begrift desguerre potentille", d. h. sie wollen zur Kriegsstarke auch den Mobilmachungsapparat, ynbuitrie» maschine», Reserven usw. rechnen, sodaß unsere winzige Reichswehr noch immer stär­ker wäre als die Riesenheere der Entente. Auch mit dem PhantomSicherheit" glaubt man überängstige Gemüter schrecke» zu können, wobei man unter dem Störenfried immer den ander», in jedem Falle aber den völlig wehr­losen deutschen Michel versteht. Auch diesmal dürfte die Moskowiter umsonst ihre Mine» springen lassen, dürste Graf Bernstorff mit Menschen- und mit Engelzungen die verhee- renden moralischen und wirtschaftlichen Folgen der Abrüfiungsverweigerung der schlecht bera­tene» Menschbeit vor Augen führen. Man wird sich in Theorien verbeißen, mit Nichtig­keiten herumschlagen und neue Aufgabenge- biete abstecken, um wenigstens den Schein eines Fortschritt- hervorzurufen. Der artige Deutsche gber tonn Wetter harre». » 8L

Moskau tat Londoner Polizeiskandal. Verdächtige Verbindungen der Detektive von Scottland Yard.

London, 13. April. (Eig. Drahtbericht). I» einem neuen sensationellen Polizeiskandal wer­den Beamte der politische» Sonder- abteilnng schwer beschuldigt, die mit der lleberwachnng von Ausländern In England, dem Schutz der Kabinettsminister und der strenge» Bewachung der Kommunisten usw. beauftragt find. In Scotttond Yard fanden die ganze Nacht Untersuchungen statt, deren Ergebnis jedoch geheim gehalten wird, solange die Untersuchungen noch im Gange find.

London, 14. April. (Eig. Drahtbericht.) Ein Blatt deutet an, daß gewisse hochwichtige Mitteilungen an in England befindliche Agen­ten einer kontinentalen Macht, wie verlautet, Rußland, gelangt seien. Es heiße, daß auch ein Zivilist geheime Meldungen erhalte» haben soll.

Geheime Aachrichten-ttanäle

Auch eine fremde Gesandtschaft verwickelt.

London, 14. April, lieber den neuen .Scotland Aard.Skandal", sichtet ein Blatt: Die Anschuldigungen richten sich gegen Kom­munisten, die in ständiger Fühlung mit Mos­kau stehen. Die Polizeichefs prüfen alle gegen bestimmte Geheimpolizisten erhobenen Be­hauptungen. Kürzliche Zwischenfälle führten zu der Annahme, daß geheime Informationen die Bolschewisten durch eine ausländische

Agentur in England ereicht habe». Seit einiger Zeit wurde» Beobachtungen angestellt, um die Quelle dieser Nachrichten zu entdecke». Es wird angenommen, daß die

Behörde» jetzt den Kanal kennen, durch beu die Informationen gegangen sind. Gestern wurde ein bekannter Kommunist von der Geheimpolizei verhört. Besondere Beamte wurden im Polizeikraftwagen »ach den Woh- uuttge» der Detektive gesandt, gegen die die Anschuldigungen erhoben worden sind. Die Beamten haben bann eine Anzahl von Doku­menten zurückgebracht.

London, 13. April. (Eig. Drahtbericht.) Laut Pressebericht zieht die neue Sensation Beamte von Scotland Darb in internationale Verwicklungen hinein. Auswärtige Interes­sen berührende Frage» sollen mit der Untersu­chung Zusammenhängen. Aufsehenerregende Enthüllungen über die angebliche Verbindung von Scottand Dard-Beamten mit Emissären auswärtiger Mächte werden vielleicht aus die erschöpfende Untersuchung gegen drei Beamte folgen, die auswärtige Agenten mit geheimen Information vdrstlM habeips'n?:». Diese Informationen wurden, wie verlautet, durch in einem benachbarte» Lande befind­liche Kanäle geliefert und Nachforschun­gen find von der Polizei bei einer auswärti­ge» Gesandtschaft in London angestellt worden.

Unter Kuratell des Reichs

Wenn Mecklenburg-Strelitz fich nicht selbst regieren tonn.

Berlin, 13. April. (Eigener Informations­dienst.) Im Vordergründe des Interesses steht die Krise .Reichstag Mecklenburg-Strelitz". die wieder einmal dringend beweist, wie not­wendig die alsbaldige Flurbereinigung in N rddeutschland geworden ist. Ein Land, des­sen Parlament mit der Verwaltung eines Ge­bietes, das dem eines preußischen Landkreises entspricht, nicht fertig wird, hat auf die Dauer keinerleiExistenzberechtigung. Das mecklenburgische Beispiel wird zweifellos von der Reichsregierung benutzt werden, um die Frage der

Reichsreform erneut eifrigst zu verfolgen.

Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß die Reichs­regierung einen hohen Beamten nach Strelitz entsenden muß,der die dort feit Monaten la­

tente und jetzt wieder durch den Rücktritt des Kabinettschefs von Reib nitz (Soz.) akut ge­wordene Krife lösen soll, weil das Parlament versagt. $er Beauftragte ber Reichsregie­rung hat zunächst nur eine Vermittlerrolle zwi­schen den streitenden Parteien übernommen, doch hören wir von unterrichteter Seite, daß der Ministerialrat Hantzel mit allen Vollmach­ten des Reichskommissars für den Fall ausge- stattet ist, daß es ihm nicht gelingt, die Bildnug einer parlamentarischen Regierung in Strelitz herbeizuführen. Für biefen Fall des völligen Verfagens von Parlament und Verwaltung eines Landes fehen die einfchlägigen Bestim­mungen die Entsendung eines Reichskommissars vor, der im Auftrage des Reichskabinetts bis zur Wiederkehr normaler Verhältnisse die Ge­schäfte führt.

1930 Ende der Diktatur

Ministerrücktritt i» Madrid wegen der Studentzenunruhen? Primo be Riveras Ausblicke.

Madrid, 13. April. (Eigener Drahtbericht.) Die für die Dlckwrandenkurfe an der Univer­sität in Betracht kommenden elf Universitäts- Professoren, darunter zwei Professoren des Kronprinzen und der StaatSrechtslehrer Alta­mira weigerte» sich, ihre Tätigkeit aufzunehmen, solange die Universität noch nicht wieder freigegeben ist. Dadurch hat sich die spanische Studentenbeweguna verschärft. Es ist aber damit zu rechnen, daß durch den Rücktritt des UnterrichtSministerS

Eallejo bet Studetttenkonflitt beigelegt wird. Primo be Sebera erklärte, daß die neue spanische Verfassung im Oktober b. I. der Na­tionalversammlung vorgelegt und nach gründ­licher DuröR>erattmg tat Juli 1930 einem Volksentscheide unterbreitet werbe. Im September 1930 könnte bann mit Beendi­gung ber Diktatur gerechnet werden. Ge­gen die morgige VertrauenSkuirbgebmtg für Primo be Revera haben die Studenten Demon­strationen angekündigt.

Sie jüngsten Gasopfer Londons

Auch Kinder schwerverletzt.

London, 13. April. (Eigene Drahtmeldung.) Durch eine heftige Gasexplosion der Hauptgas- leittmg wurden in einem Stadtteile Londons, dreizehn Personen, darunter mehrere Kinder, zum TeU schwer verletzt. Zwei Läden wurden vollständig zerstört, itod wettere sehr stark be­schädigt.

Zwei Läden zerstört.

Sine eingeascherie Fabrik

SBieSbabc», 13. April. (Privattelegramm.) Heute morgen geriet die Stanniol- und Kapsel- sabrik Flach in Brand. Das ganze Fabrikge­bäude ist dem Feuer zum Lpfe- gefallen. Sämt­liche Maschinen sowie das Kesselhaus wurden vernichtet. Die umliegenden kl-ineren Gebäude konnten gerettet werden. Der Brand dauert noch an.

Die alte Melodie

Politik ist in Paris Trumpf.

Von

Staatsfekretür Frhr. v. Rheinbabe», M. b. R,

Beim Herannahe» ber Entscheidung in Genf wird man sich von Tagesstimmungen sreizuhal- ten suchen und sich mehr und mehr auf gewisse grundsätzliche Gedankengänge einstellen müsse», Denn wie auch immer die Entscheidung aus- sehen mag sie wird die deutsche Politik zu gewissen grundsätzlichen Entscheidungen zwin­gen. Die Frage, ob es der deutschen Außen­politik gelungen ist, aus den schicksalsschwere» Dawes-Locerno-Berttägen das »Beste zu ma­chen" bermig ich im Hinblick auf die Verwor­renheit und Uneinigkeit itt unserem parteipoli­tischen Leben leider nicht zu bejahe». Umso ent­schiedener bekenne ich mich als grundsätzlicher Anhänger dieser Polittt und jedenfalls müsse« wir jetzt alle mit dem rechnen, was wirklich ge­schehen ist und nun als Tatsache bor uns liegt Es war richtig, auch die Verhandlungen zur Liquidation des Krieges unter ausdrücklicher Trennung der beiden Fragenkomplexe Räu­mung und Dawesreviiwn einzugehe», weil die deutsche Steuerkraft wett überzogen war, weil wir in Wahrheit mit geborgten Geldern Kriegstribute bezahlten und wett wir zur ord­nungsmäßigen Fortführung unserer gesamten inneren Stadtverwaltung, -loste, bat btr" Finauzgebarung in allerna-seitig geäußerten erheblichen Entlastung gegenüber der tut Dawesplan geforderten Höchstannuität von 2% Milliarden kommen mußten.

Jedenfalls hatten die Alliierten de» Dawes­plan nicht von innen heraus scheitern lassen, um bann über eine Reduktion der Tributlasten mit uns aus rein wirtschaftlichen Grundsätze» und Ueberlegungen heraus mit uns zu verhan­deln. Der Machtwille unserer früheren Geg­ner ist noch heute viel zu sehr entwickelt, als daß er uns bei Zahlungsstockungen nach dem Dawesplan nicht insbesondere vno ber franzö­sischen Seite her erneut mit aller Kraft gegen« übergeh: ten wäre und dis j tzt kenne ich seit 1919 nicht einen einzigen Fall ,iu dem die Ge­genseite einen Vertragsartikel oder ein Abkom­men nicht nach politischen Machtgesichtspunkten ausgelegt d. h. zu Deutschlands Ungunsten ver­dreht, gebeugt und verwandelt hätte. DaS heute in bWent Zusammenhang oft ausgespro­chene Wort vomM u t zur Krise" enthält wohl etwas Richtiges. kann aber docy sehr leicht mißverstanden werden. Die Verantwortung eines Staatsmannes im heutigen Deutschland, sehenden Auges eine neue .Krise" herbeizufüh- ren, ist aug.sichts unserer außenpolitische» Schwäche und . es Mangels innerer Konsolidie­rung und politischer Erziehung eine ungeheure. Niemand wird z. B. bestreiten, daß es etwa int Jahre 1922 richtig war, das Äußerste zu versu­chen, um den Ruhreinbruch zu vermeide». So wäre es jetzt nicht nur ein Fehler, sondern eine große Torheit gewesen, trotz aller Skepsis inbe- zug auf das Gelingen nicht den Versuch zu ma­chen, durch Verhandlungen mit ber Gegenseite eine neue schwere Krise wirtschaftlicher und außenpolitischer Art abzuwehren.

Zweifellos beruhte die trotz Not, Elend, Blut und Tränen letzten Endes eingetretene Gesun­dung von 1924 im wesentlichen darauf, daß 1923 der Grundgedanke des ganzen deutschen Volkes derselbe war: Abwehr des frevelhafte» Rechts­bruches des französischen Gegners und Zusam­menhalten des Reiches angesichts der Pläne, eS zu zertrümmern. So würde auch diesmal im Falle ber Krise die Möglichkeit zu einer politi­schen Wendung zum Besseren nur dann denk­bar sein, wenn wiedreum für jeden Deutschen über allen Parteihader hinweg der deutliche Beweis geliefert fein würde, daß angesichts deS politisch«! Niederdrückungswillens der Gegen­seite auch das Opfer einer neuen Krise nicht gescheut werden barf, um Deutschland als Volk und Staat den Wiederaufstieg offen zu halte». Die Außenpolitik ist kein Gebiet für sich, son­dern ist untrennbar mit dem inneren Fühle» und Denken des deutschen Volkes auch unter der Tagesarbeit und unter den Tagessorgen verknüpft. Nicht zuletzt waren diese Verhand­lungen auch deshalb notwendig, um selbst bei ihrem Scheitern eine große Mehrheit des deut­schen Volkes und nicht zuletzt gerade auch die Massen des arbeitenden Volles hinter eine Regierung zu scharen, die gegen unmögliche und unerträgliche Tributforderungen nach neuen Abwehrmitteln und Abwehrmetho­den sucht.

Es will mir scheinen, daß es höchste Zeit war, Wieder eine akiionssähige Reichsregierung