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Donnerstag, 11» April 1929

19. Jahrgang

Einzelpreis.- Sonntags 20 Pfennig.

Kabinett Müller bleibt im Amt

Gin Kabinett Ramek in Wien? — Der Fußball erregt -ie hohe Politik

Fußball ■<

Politik beim

Jetzt hat China die Grippe

Zehntausend Kopfgrippekranke in und um Schanghai. — Biele Opfer.

Ramel wird Kanzler?

Der Stand der Regierungsbildung in Wien.

Wien, 10. April. (Privatmeldung.) Wie von zuvrrläsfiger Seite verlautet, soll Dr. Ka­mel in den allernächsten Tagen an die Spitze der neu zu bildenden Regierung treten. ES verlau- tet, daß das Finanzministerium dem christlich­sozialen Abgeordneten Streeruwitz über­tragen werden soll. Dr. Samet ist in diesem Falle als Vertreter der Länder gedacht, da er auS Salzburg stammt.

„Die verlöschende Kriegsfockei

London, 10. April. (Eigener Drahtbeiichi., Aus Schanghai verlautet: Die Schiffahrt auf

Pariser Bilanz von heute

Schacht soll 357 Millionen Dollar jährlich bieten. — Ein Kompromiß für 15 Jahre?

Schanghai, 10. April. (Funkdienst.) Rach Meldungen aus Schanghai herrscht von eine chwere Kopfgrippe-Epidemie. Im Monat Mär, find auch 32 Ausländer von der Krank­heit befallen worden, davon find acht gestor­ben. Bon 137 in der ausländischen Rieder- lafsung ertränkten Ehinesen seien 68 gestor­ben. Im chinesischen Gebiet wütet die Krank- heil weit schlimmer. Die Zahl aller Erkrankten wird ans 10000 geschätzt.

Die ganze Familie verbrannt

Akron (Colorado), 10. April. (Durch Funk» spruch.) Beim Brand eines FarmhauseS fand eine ganze Familie von fünf Personen den Tod.

Nummer 84 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Wiens Gesicht

Der Hintergrund für die Regierungsbildung.

(Von unserem Wiener Mitarbeiter.)

V Wien, den 9. April

In der gegenwärtigen Krisis spielt der Kamps der Bauernländer gegen die Großstadt Wien selbstverständlich die Hauptrolle Von Seiten der überwiegend bäuerlichen und klein­städtischen Rechtsparteien wird wieder einmal der Kampfruf gegen den „Wasserkopf" Wien er- hoben, gegen dieses unverhältnismäßig ange- fchwollene Organ, das zu seiner Ernährung alle Säfte des Landes in sich sauge, dem Lande aber nichts davon zurückgebe. Tatsächlich er­folgte die wirtschaftliche Umstellung von der Hauptstadt eines fünfzig Millionenreiches zum Vorort eines Sechsmillionenländchens so plötz­lich und so gewaltsam, daß in Wien wirklich Ratlosigkeit, ja Verzweiflung herrschte. Na­mentlich als man aus dem Taumeltanz der Inflation erwachte, der die klägliche Wahrheit mit Zifsernebel verdeckt hatte, sah man zu­nächst nur eine trostlose wirtschaft- liche Wüste. In Wien hatte sich das gesamte Beamtentum eines Großstaates versammelt, das aus den abgetretenen Ländern abgeschoben worden war. All das strömte nach Wien, mußte dort untergebracht und gefüttert werden. Dazu war Wien als Jndustrieplatz, Haudelsmarkt für den Balkan und den nahen Orient und als Geldmarkt zunächst vernichtet. Abertansende von beschäftigungslosen Arbeitern und Ai.ge- stellten lagen

Die Kaffeler Neueste« Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal »achmittaas. Der Aborr- «emenisoreiS beträgt für den Monat S.80 Jt Sei freier Zustellung inS Sau», in der Ge» fchäfrSstelle -bgebolt 2.10 Jt. Durch die »oft monatlich 2.80 Jl auSfchliebltch ZustellungSge- bübr. RüKaSlungen des BezuaSgeldeS gier Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungs. mStzrger Lieferung in auSgeschloffen. Kür unverlangt eingekandte Beiträge kann die Redaktion eine Beraniwortung oder Gewähr in keinem Kalle übernehmen. Tchriflleimng, Verlag und Druckerei: Kassel, Schlachthofftrahe Nr. 28/80. Kernivrecher 951. 952, 6317.

Verzicht auf die Große Koalition

Vor einem RegierungSappell an die Parteien. — DaS Zentrum als Zünglein an der Wage.

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Berlin, 10. April. (Eigener Informations­dienst.) DaS Reichskabinett sucht zur Zeit einen Ausweg aus den von neuem heraufbeschwore- nen Schwierigkeiten zu finden. Eine Demission deS Kabinetts ist nach unseren Erkundigungen ausgeschloflen, da vor allem die Pariser Sach- verständigenkonserenz, dem Kabinett das wei­tere Verbleiben im Amte zur unbedingten Pflicht mache. Wie wir hören, bestätigt eS sich, daß die Reichsregierung den Versuch machen wird, im Rahmen des von den Finanz-Sachver­ständigen ausgearbeiteten Etat-Kompromisies die Beratung und Verabschiedung des Haushal­tes von dem Reichstag zu erreichen. Die Regie­rung beabsichtigt, einen

starken Appell an die Frattionen

lition in einem späteren Zeitpunkte gescha - fen. In dieser Beziehung liegt die Entschei­dung bei der Zentrumsfraktion des Reichs­tages. die noch heute Stellung nehmen wird

Dar verschollene Schulschiff

Die sechzig Mann noch am Leben?

Kopenhagen, 10. April. (Eigene Drahtmel­dung.) Seit vier Monaten ist das Schulschiff „Höoenhain" der Ostasiatischen Company mit sechzig Mann an Bord von Buenos Aires auf der Reise nach Australien verschollen. Bon Kapstadt aus werden jetzt Nachforschungen an- gestellt. So wird ein Verkehrsdampfer mit ei­ner starken Radioanlage ausgeschickt wer­den, um auf der Reise nach Australien nachzu- sorschen, ob daS Schulschiff bei einer der sud- lichen Inseln auf Grund geraten ist oder im Eise festsitzt.

gung über eine EntschSdigungsziffcr von w c» Niger als einer Milliarde jährlich zu suchen. Man spricht jetzt von 750 Millionen, was eine Ansangsannuiiäi von 1650 Millionen ergeben würde.

Im übrigen berichtet Avenir: Wenn man sich nicht verständigt, widr Owen Young ein provisorisches Abkommen für die Dauer von fünfzehn Jahren auf Grund eines von dem Dawesplan ziemlich »erschiedenen Zahlungsplanes Vorschlägen. Das Blatt fragt selbst, ob es sich hierbei nicht um inen Ver- fuchsballon handele.

* * *

wieviel Schacht bietet

Jährlich 357 Millionen Dollar?

Paris, 10. April. (Eig Drahtberichl.) Der Pariser Vertreter der Chicago Tribüne will von zu verläffiger Seite erfahren haben, daß die Ziffer der von deutscher Seite anaebotenen Kriegsentschädigung sich auf 357 Millionen Dollar im Jahre stellt. Die Alliierten hätten demgegenüber in Paris 405 Millionen Dollar gefordert. Nach Ansicht des Blattes ist Dr. Schacht entschlossen, nicht mehr als 357 Millio­nen Dollar zu bieten, weil das deutsche Reich eine hölzere Belüftung nicht zulasse

Und selbst die opponierenden .dcfferen Klaffen" müssen anerkennen, daß die Steige- rung der Konsumfähigkeil der Arbeiter infolge ihrer kulturellen Hebung das einzige Mittel ist, um der österreichischen Industrie wieder einen inneren Markt zu schaffen. Die soziale Hebung des Arbeiterstandes wirkt also durch­aus produktiv. An einen Sturz der heutigen Wiener Kommunalverwaltung ist nicht zu den­ken. Wien ist die einzige Stadt des Konti­nent-, wo die Sozialdemokratie sick al« produktive soziale Kraft gezeigt hat. Richt, daß sie tadellos verwaltet oder in streng sozialistischem Sinne gewaltet hätte, aber sie hat praktisch geschafft, sie kann etwas zeigen, wovor auch die anderen Parteien Re­spekt haben. Wer auS Berlin kommt, empfin­det das sehr lebhaft — durch den Gegensatz. Alle Wiener wiffen. daß der Anschluß der ein­zige Ausweg bleibt. Aber bevor man hier po­litisch redet, sollte man von Deutschland au- alle Kräfte auf die Verkebr-frage konzentrie­ren: Rhein-Main-Donau-Kanal, Verbesserung der Bahnverbindnngen Berlin-Men. wozu noch die innere Gesetz- und Verwaltunz-an- aletchung auf allen Gebieten käme- — da­würde mehr für den Anschluß leisten all 25 Sängerfeste.

Paris, 10. April. (Eigene Drahtmeldung.! Die Sachverständigen berieten gestern darüber, ob die Annuitäten während der ganzen Zah lungSperiode glrichbleibend sein sollen, oder ob eine Staffelung rorgenommen werden soll Diese Frage beeinflußt auch die geplante Mobil­machung eines Teiles der deutschen Repara tionsschuld. Ein Beschluß wurde jedoch noch nicht gefaßt. Die Stimmung ist noch optimistisch. Ein Blatt meint daß Deutschland in Ueberein- stimrnung mit Amerika feit Angebot reduziert habe.

Paris, 10. April. (Eig. Drahtbericht.) Einem Blatt zufolge konnte Schacht gestern nicht mit den Alliierten verhandeln, weil deren Berech­nungen nahezu jedermann, vor allem aber den italienischen Delegierten Pirelli enttäuscht hät­ten. Wenn man die Gesamtsumme der Ent­schädigung, die man von Deutschland fordert, auf eine Milliarde schätzt, dann würde das Reich zu Beginn Annuitäten von <900 Millio­nen zu bezahlen haben, die auf 2700 Millionen steigen und nach 37 Jahren, also nach Til­gung der eigentlichen Reparationssumme aui 1700 Millionen zur Deckung der interalliierten Schulden zurückgehen würden. Da Dr Schacht sich kategorisch weigert, höhere Ziffern als die Normalannuitäien des Dawesplanes von 2’4 Milliarden Jn Erwägung zu ziehen, bemühen sich die H jubiaer, eine Verständi-

Doch eine Flottenkonferenz?

Rach Britton'S Ansicht schon im August.

London, 10. April. (Gig. Drahtbericht) Der Ausschuß-Vorsitzende im amerikanischen Re­präsentantenhaus Britton äußerte sich, daß sein Plan für die Einberufung einer tnosfiziel- len Flottenkonferenz Erfolg haben werde. An der im August geplanten Konferenz würden zehn Amerikaner neben englischen, französisch-n japanischen und italienischen Abgeordneten teilnehmen.

Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Müller soll weiterregieren

Presseecho zu den Koalitionsnöten.

Berlin, 10. April ,Privattelegramm). Mäh- rend gestern nachmittag die Stimmung aus Grund der geschilderten Koalitionsschwierig­keiten noch ziemlich pessimistisch war, und man bereits mit der Gesamtdemission des Kabinettes rechnete, hat sich nach erneuter Aussprache zwischen den Fraktionssührern, die später in getrennten Lagern fortgesetzt wurde, eine gewisse Beruhigung bemerkbar gemacht Einem Demokratenblalt zufolge siegte die Auffassung, daß die Regierung am Ruder blei­ben und den Versuch machen müsse, den Etat in der Form parlamentarisch durchzubringen, die ihm durch die Vereinbarungen zwischen Kabinett und Parteien gegeben worden sei. Auch das Sozialistenblatt, das sich scharf ge­gen eilfertige Krisengerüchte wendet, steht kei­nen Grund, eine

außwegSlose Krise zu inszenieren weil man von den Sozialdemokraten keinen anderen Beschluß erwarten konnte. Dem Zen­trumsorgan zufolge will man einen Modus finden, der es auch dem Zentrum gestatten würde, sich an der Regierung zu beteiligen. Natürlich müßten zuvor nach der sachlichen Seite Bindungen gelingen, ohne die ein Zu­sammenarbeiten der Regierungsparteien al« unmöglich erscheint.

dem Jongtsee wird wieder ausgenommen In Hankau beginnen wieder normale Verhältnisse zu herrschen und der Handel kommt allmählich wieder in Gang. Finanzmii ister Sung saniert die Finanzen der Stadt.

London, 10. April. Ein Blatt meldet aus Schanghai: FengyuksiangS Streitmacht steht dreißig Meilen nördlich von Hankau und setzt ihren Vormarsch in südlicher Richtung fort. ES herrscht »rotz der veröffentlichten amtlichen Er­klärungen einige- Mißtrauen bezüglich seiner Absichten

zu richten und sie aufzufordern, ohne Rücksicht auf besondere Wünsche und Forderungen sich der Regierung zur Verfügung zu stellen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird es allerdings notwendig sein, gewisse Vereinbarungen zwischen den Fraktionen zum Abschluß zu bringen. Wie man hört, will die Reichsregierung den Fraktionen den dringenden Wunsch übermitteln, oder sie gar veranlassen, auf jegliche agitawrischen An­träge während der Etatbetatung zu verzichten. Daneben wird auch erwogen, durch die

Ernennung von drei Zentrums-Ministern

die Aktionsfähigkeit deS bestehenden Reichs- kabinettes zu erhöhen. Hierzu sei sogleich be- merkt, daß durch die Rückkehr des Zentrums in die Regierung die große Koalition natür­lich nicht geschaffen wird, denn es würde die koalitionsmäßiae Bindung der Fraktio- nen fehlen. Immerhin hatte man ein Vor- stadinm zur Verwirklichung der großen Koa-

Jtalienischer Sport-Zwischenfall in Wien.

Mussolini greift ein. <

Rom, 10. April Einem Blatt zufolge tarn es bei dem Sonntag Futzballkampf Italien- Oesterreich in Wien, bei dem Italien mit 3:0 verlor, infolge der feindseligen Haltung des österreichischen Publikums zu Zwischenfällen, dem das Blatt offenbar eine symptomatische Be- beutung beilegt. Das Blatt führt besonders darüber Beschwerde, daß die italienischen Fuß­ballspieler von der Wiener Polizei nach Hause geleitet werden mußten. Der Artikel polemisiert ferner gegen die Berichte der Wiener Blätter über das Match und deutet an, daß der italie­nische Gesandte lPracn der Zw isch ensälle einer Schritt LolerS 'österreichischen Regierung unternommen h jeütSer Hatz Oesterreichs gegen Italien ha.-e die Zwischenfälle verschuldet. Auch einige andere italienische Blätter beschweren sich über den Mangel an Gastfreundschaft, den die Wiener bei dem Futzballmatch an den Tag ge­legt hätten. Dagegen erkennen zwei andere Blätter an, daß hie österreichische Mannschaft ihren Sieg wohl verdient habe.

Wien, 10. April. (Privatmeldung). Wie jetzt bekannt wird, hat der italienische Gesandte keinen Protest einigebracht, weil ernstliche Zwischenfälle beim Fußballspiel gar nicht statt­gefunden haben. Nachdem die italienische Hymne gespielt und die italienische Fahne ge­hißt, aber vom Winde zerrissen wurde, wurde mangels eines zweiten Exemplare- die gleich­farbige ungarische aufgezogen Di« Protest­kundgebungen gegen das scharfe Spiel der italienischen Mannschaft gingen über da- ge­wohnte Matz nicht hinaus. Die römi­schen Blätter sind nur wegen der Niederlage der Jtaltener aufgeregt. Jedenfalls waren die Kundgebungen gegen die österreichische Mannschaft in Rom weitau- hef­tiger. Der englische Schiedsrichter erklärte, die Oesterrcicher hätten nicht nötig, die unfaire Spielart der Italiener zu dulden, die zumeist erst die Beine des Gegners und bann den Ball behandelt hätten

buchstäblich auf dem Pflaster.

Dazu wuchsen um alle Länder herum hohe Zoll- und Grenzzäune. Es sah verzweifelt schlimm um Wiens Zukunft aus. Wer Wien heute wie- der sieht, spürt nichts von Verzweiflung. DaS Antlitz der Stadt hat eine große Wandlung er­fahren. Noch immer hat Wien mit dem — namentlich durch die kurzsitbttgen Tschechen­häupter Masaryk und Benesch verschuldeten — Hebet des zu kleinen Wirtschaftsgebietes zu kämpfen. Aber wirtschaftliche Zusammenhänge überwinden die politischen Trennungen. Wien hat allmählich wieder die Rolle der

führenden HandelSgrotzstadt

für daS östliche und südöstliche Europa über­nommen. Es ist wieder der Mittelpunkt einer Reihe von wirtschaftlichen Unternehmungen ge­worden, die ihren Zentralimpuls und ihre Geldversorgung nicht von Prag, Budapest, Bel- grab, Bukarest, sondern von Wien aus erhalten. Der Fremdenverkehr nimmt zu: er betrug 560000 im Jahre 1927, 650 000 fm Jahre 1928. Meist sind es Leute, die in Geschäften nach Wien kommen. Wahr ist es ja, daß das Wien von heute dem Vergnügungsreisenben nicht mehr soviel Genüsse bietet, wie bas Vorkrtegs- unb teiber auch das sich selbst ausverkaufende Inflations-Wien. Die städtische Verwaltung ist heute daS Muster einer sozialpoli­tischen Fürsorgeverwaltung. Sie hält die Mietspreise bet kleinen Wohnungen niedrig, baut ausgezeichnete saubere, luftige, lichte Wohnungen sür Arbeiter unb kleine Mit­telständler, nimmt sich der Kinder vom Säug- lingsalter bis zur Enllaffung aus bet Schule an, sorgt für Lehrlingsausbildung usw