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Nr. 83. IS. Jahrgang.

Kasseler Neu esse Nachrichten

Miitteoch, 10. «pr« 19».

Bluttat eine« Etsetsüchttgen

Herzberg, S. April. (Privattelegramm.) Der Schlosser R i e r l e hatte seine frühere Geliebte, die 26jährige Rosa Scheer, auf die er seit länge- rer Zeit eifersüchtig war, um eine Unterredung gebeten. Lei dieser Gelegenheit schoss Rierle das Mädchen nieder. Darauf tötete er sich selbst durch einen Revolverschuß. Der Zustand be­schwer verletzten Mädchens ist hoffnungslos.

Steel Tote und ein Lebender geborgen

Kattowiü, 9. April. (Privattelegramm.) Auf dem Hildebrand-Schacht der Antonienhüttr, wo am Sonnabend Abend sieben Bergleute ver­schüttet wurden, sind nunmehr auch die letzte« drei Verschütteten geborgen worden. Zwei von ihnen waren bereits tot, während der dritte iwch lebt. Die Zahl der Toten hat fich demnach auf drei erhöht.

Ausklang de« Eowjetdrama« in Polen

Warschau, 9. April. Die Untersuchungsbe- Hörde hat die Frau des an Herzschlag im La­zarett verstorbenen Sowjetvertreters Avauaie- witsch, der zwei polnische Sicherheirsbeamte erschossen hatte, aus der Hast entlassen u. über die russische Grenze gebracht.

Dtaufd&glft&eute aus dem Sange-

Kalkutta, 9. April. (Durch Funkspruch.) Den Behörden in Indien gelang es, auf dem Gan- gesflutz Kokain im Werte von 15000 Pfund zu beschlagnahmen. Es handelt sich um eine der größten Beschlagnahmungen, die bisher aus dem Ganges erfolgt sind.

Der Velroleum-Magnat mußsitzen"

Sinclair, 9. April. Der Oberste Gerichtshof hat die Berufung des Petroleummagnaten Sin- clair gegen seine Verurteilung zu drei Monate» Gefängnis verworfen. Sinclair hatte sich seiner Zeit bei der Untersuchung des Skandals durch den Petroleum-Ausschuss des Senats geweigert, mehrere Fragen zu beantworten und war da- mals wegen Ungebühr vor Gericht verurteilt worden.

Dlerzedn Tote unter dem SeschSfteaulo

Rewyork, 9. April. (Funktelezramm.) Nach einer Meldung aus Guayaquil (Ecuador) ist ein Geschäftsauto in der Nälse von Guano in voller Fahrt umgcschlagen. Vierzehn Personen wurden getötet.

Einsturz von Hafenanlagen

Mailand, 9. April. (Eigene Drahtmelduug.) Am Korner See sind die gesamten Hafenaula- gcn von Argcgna ringestürzt uud im See ver­sunken. Bian befürchtet infolge der starken Un­terspülung der Ufer weUere Einstürze.

Der Jtoofebelt-aittentäter geisteskrank?

Rewyork, 9. April. Die Bombe, die wie ge- meldet, in einer an den Gouverneur Roosevelt adressierten Schachtel gefunden wurde, euthieU nach den neuesten Feststellungen nur Schwarz- pulver, sodaß sie ziemlich harmlos war. Es wird nunmehr angenommen, dass es sich um die Tat eines Geisteskranken handelt.

Tödlich abgestsirzt

Paris, 9. April. (Eigene Drahtmelduug.) Ein Militärflugzeug stürzte über Avord auS tausend Nieter Höhe ab. Der Fliegorleutuant lst seinen Verletzungen erlegen. Der Apparat wurde vollkommen zerstört.

Letzte Ieyeschen » MM Mil* U MM...

Trödler als Geigenfälscher

Auch die Mufikwell wird betrogen.

Rom, 9. April. (Eigene Drahtmelduug.) Die gerichtliche Untersuchung über die kürzlich aufgetauchten und in der Mufikwell großes Auf­sehen erregenden vermeintlichen Strädivari- Funde von Bergamo hat ergeben, daß die Hand­schriften des berühmten Geigenbauers von Tre- mono, sowie seine Biographie auf raffinierten Fälschungen beruhen. Als Urheber sind zwei Trödler von Bergamo verhaftet worden. Sie werden des mehrfachen Betruges angeklagt.

Zwei Präsidenten in Mexiko

Ter geschlagene Rebellenführer proklamiert sich selbst.

Juarez, 9. April. (Durch Funkspruch». Trotz seiner anscheinend unvermeidlichen Niederlage hat der Führer der mexikanischen Aufständi­schen General Jose E s c o b a n, sich selbst zum vorläufigen Präsidenten proklamiert und erwägt die Ernennung eines Kabinetts.

* * *

Die Aufständischen halten durch.

Mexiko, 9. April. (Durch Funksruch.) Tie Insurgenten ziehen sich in die unwirtlichen Ge­genden des Staates Sonora zurück. Ihr Füh­rer Escobau hat Juarez mit sechs Trupepn- transportzügen und zahlreichem requirierten Automaterial verlassen.!

Durch aimertfanci bomben zeistökt

London, 9. April. (Eig. Drahtbericht.) Wie aus Honduras bekannt wird, sollen amerlla- nische Flugzeuge, die im Aufstandsgebiet vor Nicaragua gelegene Stadt Las Limas bombardiert und zum größten Teil zer­stört haben.

Lstinas Berater: Ein Journalist

Rewyork, 9. April. (Durch Funkspruch.) Wie aus Schanghai verlautet, wurde der New- Norker Korrespondent Thomaß F. Millard von der Nankingregierung zum politischen Berater ernannt und tritt eine halbjährige Reise nach den Vereinigten Staaten und Europa an.

Gereizte Stimmung in Oesterreich

Prügeleien in Innsbruck.

Drohende Worte der Heimwehr.

Wien, 9. April. (Privattelegramm.) Die Blätter melden aus Innsbruck, daß es in der vergangenen Nacht im Anschluß an eine sozial­demokratische Versammlung in der Vizebürger­meister Emmerling-Wien gesprochen halle, zu ernsten Ausschreitungen gekommen sei. Meh­rere Personen seien mißhandelt worden. Der Tiroler Heimwehrschutz verlangte von der Polizei eine Erklärung, daß sie gewillt und in der Lage sei, den angegriffenen Mitgliedern der Heimatwehr Schutz angedeihcn zu lassen, widri­genfalls sie selbst eingreifen und Sturmtrupps alarmieren werde. Die Polizeileitung verpflich­tete sich gegen jede Ruhestörung mit den schärf­sten Mitteln vorzugehcn.

Der Diktator läßt Intellektuelle frei

Madrid, 9. April. (Eigene Drahtmeldung.) Der wegen Krllisierung der gegenwärtigen poli­tischen Lage in Spanien am Sonnabend verhaf­tete Schriftsteller Ramon de Balle -Jnclan ist ebenso wie ein wegen Propaganda gegen die Regierung verhafteter Rechtsanwalt wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

... aber Bewährungsfrist auf drei Jahre.

Berlin, 9. April. Tas Gericht fällte im Lang- lopprozeß folgendes Urteil: Ter Angeklagte Langkopp wurde wegen Nötigung und Be­drohung zu fünf Monaten Gefängnis und 50 Mark Geldstrafe verurteilt.. Wegen Erpressung erfolgt Freispruch. Zwei Monate und zwei Wochen werden auf die Untersuchungshaft an­gerechnet, für die restlichen drei Nionate wird Bewährungsfrist auf drei Jahre gewährt. Der Angeklagte Loos wurde freigesprochen. Die Ko­sten des Verfahrens wurden, soweit Verurtei­lung in Frage kommt, dem Angeklagten Lang­kopp, soweit Freispruch erfolgte, der Staatskasse auferlegt.

Die Urteilsbegründung

In der Urteilsbegründung erörterte Landge­richtsdirektor Ziegel zunächst ausführlich die Gründe, aus denen das Schöffengericht ein Ver­gehen gegen das Sprengstoffgesetz als nicht vor­liegend angesehen hat. Im allgemeinen ist Schwarzpulver Schießmaterial und kein Spreng­stoff. Das Gericht ist dem Angeklagten dahin gefolgt, daß er den Koffer nur als Druckmittel benutzt hat, um nicht aus dem Zimmer hinaus- gewiesell zu werden. Ter Tatbestand der Er­pressung setzt die Absicht voraus, daß der Täter sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil ver­schaffen wollte. In diesem Puickt ist das Ge­richt wiederum den Angaben Langkopps gefolgt, daß er, nachdem er eingesehen hatte, daß er das Geld nicht erlangen würde, die Geldscheine, mit denen er sich ein Gut hätte kaufen können, nur noch einmal vor sich auf dem Tisch sehen wollte. Tas Gericht hat auch angenommen, daß Lang­kopp sich nicht bewußt war, daß er zu jenem Zeitpunkt keine Rechtsansprüche hatte.

Da Langkopp aber die Uebcrzeugung hatte, daß ihm ein Rechtsanspruch zustand, so konnte er wegen Erpressung nicht bestraft

werden. Dagegen hat das Gericht angenommen, daß eine fortgesetzte Nötigung von dem Augen­blick, als Langkopp das Zimmer des Geheim­rats Bach betrat, bis zu dem Zeitpunkt, als an­kere Beamte auf dem Korridor hinzueilten und er sich mit der Waffe gegen sie wandte, Vorgele­gen hat. Der Tatbestand der Drohung lag ebenfalls vor. Der Angeklagte hatte Geheimrat Bach mit dem Sprengstoff und mit Schießen bedroht. Das Gericht ist der Verteidigung darin nicht gefolgt, daß Langkopp sich zu seinem Vor­gehen berechtigt fühlen konnte. Langkopp, der sich wieder lange Zeit in Deutschland ausgehal­ten hat, mußte wissen, daß er mit solchen Me- choden, die auch in Afrika nicht berechtigt gewe­sen wären, nicht vorgehen durfte. Einen Not­stand hat das Gericht verneint. Bei der Straf­zumessung hat das Gericht der Persönlichkeit des Angeklagten und seiner Gemütsverfassung Rechnung getragen. Langkopp hat alles, was er sich als Selfmademan erworben hatte, verloren. Alle seine Bemühungen, sich eine Existenz zu schaffen, waren mißglückt. Er befand sich daher in begreiflicher Erreguüg. Das Gericht hat dem Angeklagten geglaubt, daß er sein ganzes Un­glück der Handhabung seiner Ansprüche durch das Reichsentschädigi.ngsamt zuschrieb und daß er so hochgradig nervös war, daß er mit seinem Leben bereits abgeschlossen hatte. Strafmil­dernd wurden die tadellose Vergangenheit und die hohen Verdienste des Angeklagten für das Vaterland in Rechnung gestellt. Nach reiflicher Ueberlegung hat das Gericht für die Nötigung vier Monate und für die Bedrohung zwei Mo­nate Gefängnis eingesetzt. Diese Strafen waren zusammenzuziehen in fünf Monate Gefängnis. Dazu kam noch eine Geldstrafe von 50 Mark für den unerlaubten Waffenbesitz. Für die Bewilli gung der Bewährungsfrist waren, die zur Per­sönlichkeit des Angeklagten angeführten Gründe

Die Urteilsbegründung des Gerichts.

ebenfalls maßgebend. Der verbüßte Teil der Strafe dürste genügen, um ihn abzuhalten, wei­tere Straftaten zu begehen. Außerdem kam noch in Betracht, daß Langkopp aus Not gehattdelt hat.

Der Angeklagte Loos war aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Eine ganze Anzahl von Umständen haben für den Verdacht gespro­chen, daß Loos von dem Inhalt des Koffers un­terrichtet war. Die Beweise genügten aber nicht, um eine Beihilfe zu begründen.

Ueber die Einlegung einer Berufung hat sich Langkopp Bedenkzeit Vorbehalten.

Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich große Menschenmengen angefammelt, die auf das Ur­teil warteten und die durch starke Schutzmanns­posten bewacht tourben. Als Langkopp erschien und mit Rechtsanwalt Dr. Frey in dessen Wa­gen davonfuhr, erschollen

vielstimmige Hochrufe auf Langkopp.

Hinterher fanden auch noch einige Feststellungen von Kundgebern durch die Polizei statt. Im allgemeinen aber zerstreuten sich die Massen in aller Ruhe.

©tetnbombarbement auf dieTrockenen"

Rewyork, 9. April. In einer Vorstadt von Philadelphia bewarf die Menge sechs Prohibi- tionsbeamte, die in einem Hotel mit besonderer Rückflchtswstgkeit nach Alkohol gesucht hatten, mit Steinen und verletzte sie schwer. Erst als die Polizei einschritt, z^gen sich die Angreifer zurück. Im Staate Illinois ist eine starke Be­wegung im Gange, um das Alkoholverbot von staatsmegen abznichaffen, obwohl dies verfas­sungsmäßig nicht zulässig ist. Die Devise lau­tet:Illinois zuerst."

Denorrne Sparpfennige

Stockholm, 9. April. (Durch Funkspruch.) Obwohl es möglich ist, daß zu den acht ge­schloffenen schwedischen Sparbanken, die dem gleichen Konzern angehören, noch einige hin- zukommen, Dürfte die Höhe der Verluste nicht mehr steigen. Zu irgendwelchen Tumulten vor den Banken ist es nicht gekommen, obwohl vie­le Tausende kleiner Sparer betroffen sind.

Harry Domeia teieoer frei

Berlin, 9. April. (Funkspruch.) Auf An- trag Der Staatsanwaltschaft in Hamburg wur- De bet gegen Harry Domeia erlassene Haftbe­fehl ^gehoben.

Schuüervtuch unseres ReteyorkerlRettsiegers

Münster, 9. April. (Privattclegramm.) Ter Sertat reifer Oberleutnant Schmalz, Der ieger im Rewyorker Turnier, ist gestern gestürzt und hat sich einen Schulterbruch zu- gezogen. Oberleutnant Schmalz wur zum hie­sigen Reiterregiment 15 kommandiert.

Frauenptttgel auf dem Standesamt.

Budapest, 9. April. (Eigener Drahtbericht.) Auf dem Standesamt wurde ein 38jähriger Kaufmann vor den Angen der Braut und der Umstehenden von zwei früheren Freundinnen mit Regenschirmen überfallen und mißhandelt. Er niutzte mit Der Braut im Auto flüchten. Die Trauung fanD nicht mehr statt.

Früfllngsgeteitter und Wolkenbrüche

Loudon, 9. April. (Eigener Drahtbericht.) Nach Meldungen aus Ontario sutd während des Wochenendes hier schwere Gewitter und wolkenbruchartiger Regen niedergegangen. Den bisherige» Schäden schätzt man auf mindestens vier Millionen Mark. Der Eisenbahnverkehr war z. T. gestört. Zahlreiche Ortschaften sind vom Hochwasser bedroht.

Sie heutige Nummer umfaßt 16 Seiten

Verantwortlich für Politik: Srib Rau: für den lo- taten und Hcimattetl L B. Ed. Sch u l z - A e f f e l. für das Kcuilletou: German M. Bonau: mr den Svortteil: Herbert Sv eich: Photoredaktenr Eduard S ch u I , - S e f f e l: für den Anzeiaent-U: Konrad «ncks mann. - Druck und Verlas: Kasseler Neueste Nachrichten. G. m. b. H Kaffel.

Kirchenkonzert

Les RaffelerGratorienvereins

Zwei Werke Passionsmusik, die verdienten, nach langer Pause einmal wieder dem Ver- geflenheitsschlaf entrissen zu werden, wurden durch den Orawrienverein am Sonntag abend in der Lutherkirche zur Aufführung gebracht. PergolesisStabat water", ein Werk für zwei Einzelstimmen, Frauenchor, Streichorchester und Orgel und Eherubinis Requiem C-Moll für gemischten Chor und Orchester. DasStabat water" ist das letzte Werk des mit 26 Jahren verstorbenen, gottbegnadeten Pergolesi. Eine Schöpfung voll Todesahnung, voll süßer Tröstung; aus jedem Takt spricht ein Vertrauen in den Schöpfer, eine Hoffnung auf Erlösung von bitteren Todesqualen, die heute nod), so rührend und erschütternd wirkt, wie am ersten Taa. Es wäre müßig, einzelne dieser insgesamt zwölf Nummern bervorzuheben: Der Ausdruck der Empsindungen der am Kreuze stehenden Gottesmutter ist im ganzen Werk gleich vollendet.

Einen ganz anderen Eindruck hinterläßt das Requiem von Cherubini. Man muß es Karl Hallwachs, dem verdienstvollen Leiter des Ora- torienvereins, ganz besonders danken, daß er diesen mit Unrecht verschollenen Komponisten wieder einmal ans Tageslicht gezogen hat. In diesem Requiem ist nichts von der Gedanken- beschweriheit des Mozart'schen Requiem. Aber man wird entschädigt durch Die Innigkeit des musikalischen Glaubensbekenntnisses, durch die wundervolle abgeklärte Form, und wird dann plötzlich geradezu erschüttert durch die Groß­artigkeit des musikalischen Gedankens im Dies irae. Hier ist die musikalische Form geradezu aufwühlend.

Die Aufführung beider Werke unter Hall­wachs war ganz ausgezeichnet. Der Dirigent wahrt erfreulicherweise die schlichte Form der Dirigententechnik, nichts Uebertriebenes, nichts nach außen wirken sollendes, dafür aber ein?

heute nicht häufige Verinnerlichung, verbun­den mit einer ganz ungewöhnlichen Kenntnis des Historisch-Richtigen. Ich muß die Tempo- nähme Hallwachs geradezu als vorbildlich be­zeichnen. Kein einziges Largo war schleppend; Hallwachs verzichtet höchsterfreulicherweise auf die billige Wirkung des langsamen Tempos in der Kirche, dafür erfüllt er die einzelnen Stücke mit tiefer Ehrlichkeit und Grobheit. Er will nichts glauben machen; er gibt tatsächlich. Nein technisch war alles in bester Ordnung, es klappte vorzüglich. Der Oratorienverein sang tadellos sauber und rhythmisch. Er folgte sei­nem Dirigenten recht gut. Das Orchester war der Jnftrumentalverein. Er entledigte sich sei­ner gar nicht leichten Aufgabe mit bemerkens­werter Akkuratesse.

Die beiden Solostimmen inStabat mater" waren mit den Damen Pennrich (Sopran) und Maria Schaefer (9(11) besetzt. Ich habe Fräulein Pennrichs Stimme noch nicht so glockenllar und vornehm klingen hören, wie gestern abend. Ter Kirchengesang scheint ihr eigentliches Feld zu sein. Ihre Arien wurden geschmackvoll und mit vornehmer Tongebung geboten. Auch die Altistin Schaefer gefiel mir gestern abend weit besser als das erste Mal vor einigen Wochen. Tie Tongebung war freier, edler, die Gesänge beseelter dargeboten, als da­mals. Ihre schönen Stimmittel lassen den Werdegang der Sängerin noch nicht als abge­schlossen erscheinen. Dr. P.

Aus Runst un- wissen

** Ein dramatisches Experiment. Die Wiener Renaissance-Bühne kündigt als nächste UraufführungDas Blaue vom Himmel" an. Der Untertitel des Stückes lautet:Eine Im- provisation in etlichen Bildern". Das Stück das von Hans Chlumberg, Dem Autor des von Albert Bassermann oft gespielten Schauspiels Eines Tages" stammt, benötigt weder The­aterzettel, noch Personenverzeichnis. Es spielt im Zuschauerraum und im Publikum, hat auch

keine seftstehenden Personen und verzichtet so­gar auf eine Akt-Emteilung, indem der Autor anuimmt, daß die Pausen sich sozusagen von selbst ergeben würden.

** O' Reill'sSeltsames Zwischenspiel" in der bcutfdjcn Bearbeitung. Tie Dem Deut­schen Künstlertheaier für die nächste Saison vorbereitete Komödie O'Neill'sSeilsames Zwischenspiel" wird in einer stark verkürzten deutschen Bearbeitung auf die Bühne gelangen Während Die Rewyorker Aufführung, unge­rechnet der eingelegten Pausen, etwa sechs Stunden währte, hofft man. Die deutsche Auf­führung auf Drei Stunden zu verkürzen. Die europäische Erslaussührnnz findet übn» gens in der nächsten Woche bereits in einer verkürzten Form int Budapester Lustspielthea­ter statt, von Deren Erfolg auch wesentlich die Bearbeitung für die deutsche Fassung abhän- gen wird.

** Tagung der Raabe-Gesellschaft. Die Ge­sellschaft Der Freunde Wilhelm Raabe's wird ihre diesjährige Tagung vom 18. bis 20. Mai in Braunschweig abhalten. Auf dieser Tagung wird der Denkmal-Ausschuß den Bericht für das projektierte Raabe-Denkmal, das 1931 in Braunschweig errichtet werden soll, erstatten. Im Lessing-Theater zu Wolffenbüttel wird an­läßlich der Tagung eine Festausführung veran­staltet werden. Die Raabe-Gesellschaft verfügt in Deutschland über 24 Ortsgruppen.

** Der Zug zur neuen Romantik? Richt weniger als 4 bekannte dramatische Autoren: Max Brod. Kasimir Edschmid, I. H. Rehfisch und Andrs Maurois legen Werke vor. in de­nen die Persönlichkeit Lord Byron's das The­ma ist.

** Pariser Ausstellung des deutschen Werk- bunds. Der Werkbund ist von der SoctetL des Artistes döcorateurs in Paris, der führenden (Gesellschaft für kunstgewerbliche Gestaltung in Frankreich, eingeladen worden, an ihrer näch­sten Ausstellung in Parts teilzunehmen. Die Leitung des Werkbunds hat sich entschlossen, der Einladung Folge zu leisten, und das Reich

hat eine Subvention in Aussicht gestellt, die es ermöglicht, eine wirklich repräsentative Aus- stellung der deutschen Arbeit zu zeigen. Die Ausstellung wird von einem Arbeitsausschuß vorbereitet, dessen künstlerische Leitung Pro- fessor Bruno Paul, der Letter der Staatlichen Kunstschule in Berlin, und der frühere Direktor des Bauhauses, Dr. Walter Gropius, inne haben, während für die technische Leitung der Leipziger Museumsdirektor, Prof. Richard Graul gewonnen wurde.

Lin literarisches Preisausschreiben

Zur Förderung unseres jungen Schrift­tums erläßt der Eugen Diedrichs Verlag in Jena ein Preisausschreiben für Romane. Der Verlag bezweckt damit, daß unsere heutige Dich­tergeneration ans Innerer Verbundetzheit mit der Gegenwart wieder am organischen Aufbau mithelse und anstelle psychologischer Zerfase­rung zur Deutung des Lebens und so zur Ge­staltung der Wirklichkeit komme. Doch sollen diese Richtlinien keine stoffliche Begrenzung bedeuten. Der Verlag setzt für das vom Preis­gericht ausgewählte Werk einen Betrag von M. 10 000 aus.

Das Preisgericht setzt sich zusammen auS: Lulu von Strauß und Tornev, Paul Fechter, Mfons Paquet, Frank Thieß. Die Entscheidung des Preisgerichts wird spätestens am 1. Juli 1930 veröffentlicht. Das preisgekrönte Werk geht unabhängig vom Preise nach den im Ver­lag üblichen Honorarbedingungen in den Be­sitz des Verlages über und wird im Laufe des Jahres 1930 als Buch veröffentlicht. Der Verlag ist auch bereit, weitere vom Preisgericht empfohlene Werke auf ihre Eignung für den Verlag zu prüfen und zu erwerben. Die zur Prüfung bestimmten Manuskripte müssen spä- testens bis zum 1. April 1930 an den Eugen Diedrichs Verlag. Jena, der die Bedingungen mitteilt, eingereicht werden, _____ _.