Nr. 79. — 19. Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
Freitag, 5. April 1929.
Letzte Depeschen
StohetttaN eine« Trunkenbolde«
Prag, 4. April. «Eigene Drahtmeldung.) Der zweiundvierzigjährige Reisende Flora, ein Gewohnheitstrinker, kam betrunken nach Hause. Er begann seine Frau derart zu verprügeln, daß sie besinnungslos liegen blieb, ebenso seine fünf kleinen Kinder. Dann zertrümmerte er die Wohnungseinrichtung, Übergoß sie mit Petroleum und zündete den Hausrat an. Die Frau, die wieder zu sich gekommen war, konnte sich mit knapper Not mit ihren Kindern retten Flora, der vor dem Hause stand, wurde verhaftet.
Drandkaiaftkvpden in Südtirol« Dörfern
Mailand, 4. April (Eigener Drahtbericht.) In dem Dorfe Mafo-Prrror in Südtirol, dem Nachbarort des vor einigen Tagen eingeäscher. ten Dorfes Mortaso, griff ein Brand, vom Wind begünstigt, aus mehrere Häuser über. Zehn Häuser wurden ein Raub der Flam- nicn. Sechzig Personen sind obdachlos. Während der Löscharbeiten wurden fünf Feuer» w e h r l e u t e verletzt. Durch ein zweites Groß, feuer in dem Orte Grea wurden zwanzig Säufer eingeäschert. Der Sachschaden beträgt mehr als eine Million Lire.
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Auwpfer bei» vnesterstündchen ,
Mailand, 4 April. (Eig. Drahtbericht ) In dem holländischen Dorfe Sittard brachte vor einer großen Menschenmenge ein Verein einem Priester ein Ständchen. Plötzlich fuhr eine Autotaxe, die mit drei Personen besetzt war, in vollem Tempo in die Menschenmenge hinein, wodurch zwanzig Personen verletzt wurden, darunter eine schwer. Der Führer des Autos, der betrunken gewesen fein fall, wurde verhaftet. Das Auto ist schwer be- fchädigt.
Tragische Llnfalwerkesiung
Witten, 4. April. (Privattelegramm.) An einer Straßenecke stieß ein Motorradfahrer mit einem Radfahrer zusammen. Dabei wurde die Soziusfahrerin schwer verletzt. Als ein Polizeibeamter, dem der Motorradfahrer den Unfall gemeldet hatte, auf dem gleichen Motorrad mit ihm zur Unfallstelle fuhr, stieß derselbe Motorradfahrer an der gleichen Stelle mit einem Omnibus zu- fammen. Der Polizeibeamte wurde ü b e r f a h - ren und erlag kurz darauf feinen schweren
Hessische Denkwürdigkeiten
In zwangloser Folge zusammengestellt
Das überaus kostbare Grabmonument Landgraf Philipp des Großmütigen in der St. Mar- rinskirche zu Kassel wurde auf Veranlassung des Landgrafen Wilhelms IV. von den französischen Künstlern Godefroy und Beaumont aus inländischen Alabaster ausgeführt und 1580 vollendet, bischen Alabaster ausgeführt und 1580 vollendet v Im sogenannten gelben Kabinett des Schlosses zu Wilhelmshöhe befindet sich ein sehr bemerkenswertes Oelgemälde von dem Landgrafen Moritz im Kreise feiner 14 Kinder.
In der Plutogrotte des Parkes zu Wilhelmshöhe befanden sich früher mythologische Figuren und kleinere Wasserkünste, die durch rote Glasscheiben schauerlich beleuchtet wurden
Bis zum Jahre 1866 war die Gemäldegalerie in Kastel schwer und nur gegen ein Eintrittsgeld von mindestens 1 Taler, worin sich Hof und Hofgesinde teilten, zugänglich, feit der preußischen Herrschaft war der Eintritt frei.
Einzelne der eingelegten Fußböden in den Prunkräumen des kurfürstlichen Palais am Friedrichsplatz brachten einem Kaffeler Schreiner eine Einnahme von 24, 28l und 30000 JH. ebenso beliefen sich die Ausgaben für die Wandbekleidung in dem Thronsaal auf 12000 Mark. Diese Beträge waren in Anbetracht der damaligen Zeit sehr bedeutende. (Gustav Wentzell
Die kleinste RepAblik öee Lr-e
Die Republik Andorra in den Pyrenäen pro «estieri gegen den spanischen Diktator Primo de Rivera, der die wehrfähige Bevölkerung Andorras in dir spanische Armee einstellen und damit die Selbständigkeit des Ländchens antasten will. — Unser Bild zeigt die Hauptstadt der kleinsten Republik der Erde..;
Der LanMp-Ieuge in Tranen
Erschütternde Aussagen eines
Berlin, 4. April. Im Langkopp-Prozeß kam es heute bei der Vernehmung der Zeugen, die über ihre Erfahrungen mit dem Reichsentschädigungsamt berichten sollen, mehrfach zu bewegten Szenen. Ein junger Mann im Zuhörerraum, der sich bereits gestern durch Zwischenrufe bemerkbar gemacht hatte, versuchte den Vorsitzenden des Gerichts zugunsten der Angeklagten zu interpellieren, wurde aber aus dem Saal geführt, wobei er ausrief: Die 5 sozialdemokratischen Minister, die 2% Milliarden Mark jährlich an das Ausland zahlen, sollte man vor Gericht stellen. Der frühere Justizrat Ruhland hat sich der Verteidigung freiwillig als Zeuze zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um einen 76- lährrgen, schwer leidenden Mann, der vom Justizwachtmeister gestützt, auf Krücken den Saal betrat. Nach dem Kriege wurde sein Haus in Kolmar von den Franzosen beschlagnahmt und verkauft, ohne daß er einen Heller dafür bekommen hatte. Auch sein Vermögen von vierhundertfünfziq Tausend Mark ist und zwar durch die Inflation verloren gegangen. Ruhland äußerle sich fehr erregt über feine Erfahrungen mit den Entschädigungsbehörden. Seine Ansprüche seien bisher nur in ungenügender Weise befriedigt worden (im Zuschauerraum wurden Pf ui-Rufe laut). Er sollte 1940 20 000 Mark erhalten, hat aber bis jetzt nur kleine Abschlagszahlungen bekommen, die etwa 18 000 Mark erreichten. Der Zeuge
bricht wiederholt in Tränen aus und erklärt: „Ich habe oft gehungert." Er ist beim Entschädigungsamt grob abgewiesen worden, als er versuchte, den Präsidenten Karpinski persönlich zu sprechen. Aus Fragen des Verteidigers Dr. Frey bracht der Zeuge erneut in Tränen aus und erklärte dann: Ich habe nur auf Rücksicht auf meine Tochter von diesem Schritt des Selbstmordes Abstand ge-
greisen Kriegsgeschädigten.
nommen. Schließlich hat mir der Reichspräsident eine Monatsrate von 100 Mk aus seinem Dispositionsfond bewilligt. So bin ich am Leben geblieben. Sonst hätte ich mich erschossen. Ich weiß fünf Selbstmorde." Der Verteidiger bittet den Staatsanwalt, den Zeugen bei diesen erschütternden Aussagen noch nicht zu unterbrechen. Seine Worte seien von entscheidender Bedeutung. Der Verteidiger regte an, Präsident Kaxpinski zu vernehmen. Regierungsrat Lazarus vom Reichsentschädigungsamt erklärt sich bereit, aus den Enrschädigungsakten im Falle Ruhland zur Aufklärung das Nötige vorzutragen. Der Verteidiger lehnt den Regierungsat Lazarus als befangen ab.
(Vergl. auch Bericht 1. Seite 2. Beil. D. Red.)
Das Rätsel von Jannowitz
Die letzten Vernehmungen in Hirfchberg und Jannowitz haben die Untersuchung der Mordaffäre Stolberg um keinen Schritt weiter gebracht. Es verlautet vielmehr, daß das am Ostermontag vorgenommene zehnstündige Kreuzverhör des Grafen Christian die Mordkommission fehr enttäuscht habe, da die letzten Aussagen des Grafen keine Klärung, sondern nur neue Verwirrung hervorgerufen haben. In Anbetracht der unlösbaren Widersprüche mehren sich die Stimmen, die eine Lösung des Rätsels in dem Geisteszustand des verhafteten Grafen Christian sehen, der als nervenschwacher und körperlich und geistig nicht vollwertiger Mensch bezeichnet werden muffe. Es wird behauptet, daß er zeitweise, so auch während des Verhörs am Ostermontag, mystische Anwandlungen gezeigt und sich laut mit seinem Vater unterhalten habe. Auch der Gutsdirektor Gombert hat bei seinen Vernehmungen auf die mystische Veranlagung des Grafen Christian und anderer Familienmitglieder hingewiefen.
Gesunöheits-A-V-L zum Schulbeginn
Bald werden unsere 6jährigen Jungen und Mädel ihren ersten Einzug in die Schule halten Der Weg dorthin ist stets mit einer Menge guter Wünsche und Erwartungen für das geistige Gedeihen des kleinen ABC-Schützen gepflastert Aber über alledem vergesse man nicht als oberste Voraussetzung die Anwendung deS alten Lehrsatzes, daß nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt.
Die Verantwortlichen dafür sind die Eltern, besonders ist es die Mutter. Sie muß mit den Vorbereitungen ihres Kindes für die Schule rechtzeitig am frühen Morgen beginnen: sie muß selber aufstehen und ihr Kind zur rechten Zeit wecken. Sie muß dann dafür sorgen, daß es sich sorgfältig wäscht, die Zähne putzt und ordentlich anzieht. Vor allem muß das Kind genügend Zeit für das Morgenfrühstück haben. Das Frühstück mutz so vorbereitet sein, datz eS das Kind sofort und bequem einnehmen kann. Schon am Abend vorher müssen die Kleider in Ordnung gebracht und zum Anziehen zu- rechtgelegt sein, auch die Schulmappe mutz gepackt sein, um jeden Zeitverlust am nächsten Morgen zu ersparen. Richt nur für das körperliche, auch für das geistige und seelische Wohlbefinden des KtndeS ist es notwendig, datz die Mutter beim Frühstück des Kindes dabei ist und es durch liebevolle Unterhaltung und Zureden überwacht.
Für das Schulgepäck ist immer noch am zweckmäßigsten und gesündesten der an zwei Riemen befestigte und aus dem Rücken getragene Schulranzen. Nur er ermöglicht eine gleichmäßige Belastung des Körpers und Der« mag durch seine Lage Verkrümmungen der nachgiebige.« jugendlichen Wirbelsäule wirksam vorzubeugen. In der Frühstückstasche gebe man dem Schulkind ein zweites Frühstück mit nicht zu wenig aber auch nicht zu viel, damit der Appetit für das Mittagbrot nicht verloren geht. Man vergeffe dabei das Obst nicht!
Kommt das Kind aus der Schule, so laffe man es nicht sofort die Schularbeit machen. Man gewähre ihm eine Freizeit, laffe es in aller Ruhe Mittag effen, spielen oder im Freien sich tummeln Die Schularbeiten selber müffen In guter Beleuchtung, an einem dem Kinde angemessenen Tisch und ebensolcher Sitzgelegenheit erledigt werden Dabei ist nötig, datz der Rücken des Kindes eine feste Stütze am Stuhle hat. Nach beendeter Schularbeit ist natürlich für ein Ausloben be£ jugendlichen Körpers durch Sport und Spiel und Bewegung, möglichst im Freien, tu sorgen Der schädliche Einfluß, der durch das ungewohnte Stillsitzen in der Schule und bei der Hausarbeit auf die Gesundheit ausgeübt wird, soll nicht bloß durch die Turnstunde in der Schule, sondern durch ausreichende Körperbewegung zu Hause unbedingt ausgeglichen werden.
Von großer Wichtigkeit ist schließlich die Innehaltung einer regelmäßigen und ausreichenden Nachtruhe Man gewöhne die Kinder daran, täglich zu bestimmter Zeit ins Bett zu gehen und störe sie bann nicht im Schlas durch falsche Eitelkeit, etwa wenn Besuch kommt oder jroenn es gilt, irgendwelche Künste des Kindes andern vorzuführen. Die Abendmahlzeit soll nicht zu reichlich und wiederum möglichst von Obst begleitet sein.
Ae heutige Nummer umsakt 18 Leiten
S<eiiintwottlttb ttt> den pol. Teil litte a n: flii den >okal. u. Heimatieil i. V. Ed. S ck u l z-K e 1 i e!: für den unterhaltenden Teil Gei man Bon au: *ür Svott und Technik Serben Speick, Pboio-Acdak- teur Eduard Schul».Keile!. — Anzeigen: «er» antwortlich Konrad WackSmann. — Druck und
Verlag: Kalleler Neueste Nachrichten G m. b. S
diesem als Psyhokatharsts (Seelenreinigung) bezeichnet; es wird auch heute noch von einzelnen Aerzten erfolgreich angewandt.
Freud fand bald datz die Wiederbrtngung entschwundener, ober wie er bann sagte, ver- brängter Seeleninhalte auch ohne Hypnose bei genügenb beharrlicher Ausforschung gelingt, unb btefe Methode einschließlich der an» schlietzenben Heilungsvorgänge nannte er Psychoanalyse. Freud stieß damit in bisher von der Fachpsychologie noch nicht untersucht gewesene Seelenbereiche vor, die er als das Unbewußte bezeichnete und in denen er die Heimat des gesamten Trieblebens sah. Es gelang ihm zu zeigen, daß hier die treibenden Ursachen für außerordentlich viel menschliches Tun und Handeln ihren eigentlichen Sitz haben; daß Handlungen, die vom Bewußtsein ganz anders begründet und ost ethisch umkleidet werden, in Wirklichkeit auf lebendige Triebregungen, welche nicht zum Bewutztfein gelangen, zurückzuführen sind Daß er in der Sphäre des Unbewußten nur ein Triebsystem wesentlich wirksam sah, die Sexualität, ha« ihm erbitterte Feindschaften eingetragen, und er selbst hat, ohne den Kem seiner Lehre preiszugeben, doch manche Abänderung und Erweiterung seiner ursprünglichen Ansichten vor- genommen. In der psychoanalytischen Be- wutztmachung des Verdrängten sucht Freud die Heilung des inneren Konfliktes herbeizuführen Die wesentlichste und für alle Zukunft unser» lierbare Entdeckung Freuds besteht darin, daß er als erster seelenforschender Arzt die ungeheure Bedeutung der Wechselbeziehung zwischen Bewußtsein und unbewußtem Seelenleben erkannt hat. Daß das Unbewußte von großen Denkern, voran yon Goethe, längst ge» sehen und erkannt war. sei aber nebenbei oe- merkt Die gewaltige Anregung, die Freud damit aller ärztlichen Seelenforschung und weit über sie hinaus vielen anderen Wissens- lebieten brockte, hat in den letzten zwanzig Jahren zahllose bedeutsame Untersuchungen und Ergebniffe gezeitigt. Während die ältere Psychoanalyse auch heute noch beanspruchen kann, eine wichttge Heilmethode zu fein, so ist
Kranke Seele
kranker Mensch Zum Kongreß der „Allgemeinen ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie" vom 12. bis 14.
April in Bad Rauheim.
Von
Dr. Karl Haeberl n Bad Nauheim
Die ärztliche Heilkunde trägt bei allen Wandlungen, durch die sie im Lause der Jahrhunderte gegangen ist. stets das Gesicht des je- welligen Zeitalters, und ihre Fragestellung ebenso wie ihre Maßnahmen werden von den Leitgedanken der jeweiligen Epochen mitbestimmt Wie in der Zeit stärkster naturwiffen- fchaftlicher Entwicklung, dem w Jahrhundert, die physikalisch unb chemisch erfaßbare Seite bes Geschehens am gesunden und kranken Menschen für die Medizin im Vordergrund stand, so hat. feit sich eine neue Hinwendung zu seelischen Wirklichkeiten auf vielen Gebieten um die Wende des 20 Jahrhunderts vollzog, auch in der ärztlichen Heilkunde eine zunehmende Berücksichtigung des Seelenlebens und feelen» behaudelnder Methoden sich entwickelt.
Ansätze finden sich nach dieser Richtung bereits in der Medizin des 18.. stärker in der des beginnenden 19 Jahrhunderts, wo die deut- schm Aerzte Reil und Helnroth auf die Notwendigkeit seelischer Behandlung nachdrücklich in ihren Werken hinwiesen, allerdings ohne stärkeren Widerhall bei den Zeiigenoflen zu wecken Seit der Mitte des 19 Jahrhunderts stand im Vordergründe der ärztlichen seelischen Behandlung die tn den 40er Jahren von dem englischen Arzt Braid gefundene Hypnose Bei ihr handelt es sich um die Herstellung eines veränderten Bewußtseinszustanbes. von einer leichten Einengung des Bewußtseins bis zum Tiesschlas, bei welchem allem die Verbindung «Rapport) mit dem die Hypnose leitenden und in ihr auf den Kranken einwirkenden Arzt bestehen bleibt Die Hypnose hat sich für die Behandlung vieler Einzelerscheinungen (Schlaf
störungen, funktionelle Organstörungen und viel sogenannte neurotische Symptome) als ein sehr brauchbares Mittel bewiesen und wird auch heute vielfach in sorgfältig ausgebauter Technik zum Wohle des Kranken angewandt. Neben der Hypnose steht feit langer Zeit als seelische Behandlungsmethode die Suggestion. Das Wort Suggestion bedeutet Eintragung bezw Einflößung, hier also von seelischen Inhalten. Jede Fühlungnahme zwischen Arzt und Patient enthält zwar schon einen von der Persönlichkeit des Arztes ausgehenden suggestiven Anteil; eine besondere Behandlungsmethode wird die Suggestion bann, wenn sie planmäßig in einer ihrer verschiedenen Formen, der indirekten, der bireften ober auch ber vom Patienten erlernbaren Autosuggestion ausgegeführt wirb. Währenb bei Hypnose unb Suggestion ber Patient mehr ober weniger passiv bleibt; bemüht sich bte ärztliche Psycha- gogik «Seelenführung), ben Kranken zur aktiven Mitarbeit zu bewegen. Altbewährte Grunbsätze erziehlicher Erfahrungen unb Bil- bung bes Menschen im erzieherischen Sinne werben mit Hettbestrebungen unb heilenden Behanblungen verknüpft. Die ärztliche Psy- chagogik bat eine Reihe ernster unb erfahrener Anhänger, beren Tätigkeit an pädagogische Arbeit nahe grenzt.
Eine Form der Psychotherapie hat seit ihrem Entstehen vor etwa dreißig Jahren eine ungemein starke Wirkung weit über alle ärztlichen Kreise hinaus ausgeübt, die Psychoanalyse, deren Begründer, der Wiener Nervenarzt S Freud, ganz neue Wege etngeschlagen hatte In den 90er Jahren halte ber Wiener Arzt Breuer gefunben, baß gewisse nervöse Krankheilssvmptome bebingt waren burch Erlebnisse erheblich gefühlsbetonter Art, bte aber völlig ans bem Bewußtsein verschwunden waren und erst bei hypnotischer Ausforschung ber Erinnerung zugänglich wurden; wenn eS gelang, bem Kranken diese Erlebnisse bewußt zu machen und sie ihn nochmals durchlebe-- zu lassen, so kam es zu einer völligen Erledigung «Abreaktion) der Störung und damit zur Hei» lung. DaS Breuersche Verfahren wurde von
ihre größte Bedeutung doch darin zu sehen, datz ihre Erkenntnisse auch autzerhalb ihres engeren Kreises alles seelenärztliche Handeln befruchtet haben Auch da, wo man ihre Deu- hingen nicht anntmmt, wertet man doch zahlreiche analytisch gewonnene Befunde aus
Während bte von ber Psychoanalyse ausge- henben Bewegungen unablässig burch weit« Bereiche welterztehen, haben sich tn 'hrem engeren Umkreis zwei besonders bemerkenswert« Richtungen von ihr abgezweigt, beren Jebe wieder ansehnliche Gefolgschaft hat Zunächst bi« Schule bes Wiener Arztes Alsreb Abler, ber seine heute zu einer sozialen Erziehungsm«. thobe geworbene Richtung als Jnbivtdualpsy- chologie bezeichnet. Hatte Freub in ber Verdrängung ber Sexualität bte ftörenbe Ursache der Reurose gesehen, so sieht Adler sie im Organminderwertigkeitsgefühl, im Versagen des Willens, in ber Entmutigung. Anjehnlicke praktische Erfclge stehen ihm und feinen Schülern zu Gebote. Eine große Bedeutung kommt ferner der sogenannten Schweizer Schute zu, deren wichtigster Führer, C G. Jung, auch ur- sprünglich dem Freudschen Kreise angehörte. Er Hai bem Gebanken ber Analyse, ber See» lenjerglieberung. ben der Synthese, des seelischen Aufbaus ber Gesamtpersönlichkeit angeschlossen unb hat seiner fruchtbaren Arbeitsweise eine theoretische Unterbauung gegeben.
Mit all btefen tief tn das Seelengefüge sich btneinarbettenben Methoben war bas uner» fchöpsliche Problem ber lebenblgen Persönlich- fett für bte Pfychotherapie von immer grösserer Wichtigkeit geworben. Um diefes kreisen beute eigentlich alle psycho-therapeutischen Be- rnühungen. Denn ber eigentliche Gegenstand aller seelenärztlichen Behandlung ist die in ihrem inneren Gleichgewicht irgendwie gestörte, neurotisch erkrankte und veränderte Persönlichkeit Von hier führen Verbindungen zu den Erziehungswissenschaften, zur Charakterwissen, schäft und vielen anderen Forschungsbereichen; nicht zuletzt zur eigentlichen Seelsorge wovon eine ganze Anzahl in den letzten Jahren ent- standener Arbeitsgemeinschaften von Aerzten und Theologen Zeugnis ablegen.