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Kasseler Neueste Nachrichten

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Nr. 76

Neunzehnter Jahrgang

Eines schickt sich nicht für alle. Im Dorfe ist ein« große Leiche, so wird in Reclams Uni­versum erzählt. Nach dem Begräbnis sitzt die ganze Trauergemeinde im Hause der Witwe beim Kaffee. Da will einer der Bauern sich den Zucker mit der silberen Zuckerzange nehmen, die als Prachtstück da liegt. Aber die Witwe werft ihn streng zurück: »Willst Du wohl die Hände davon lasten! Die Zuckerzange ist nur für den Herrn Pastor und den Herrn Lehrer da, Ihr Bauern könnt Euch den Zucker mit den Finaorn rausnehmen.'

Die letzte Rettung. Das Glück war von der Filmdiva gewichen; sie zog im Leihhaus ein Päckchen aus der Tasche und fragte unter Trä­nen: »Was bekomme ich dafür?' Der Beamte betrachtete streng die Wertsachen - es waren ihre acht Trauringe!

5. Beilage

Montag, 1. April 1929

Panik in -er Oberen Rönigstratze

Das für den Aue-Zoo bestimmte Krokodil beim Transport entwichen.

vollkommen entfernen, sodaß man die Kohlen­säure fast umsonst hat.

Dieser Umstand hat einen großzügigen Plan reifen lasten: Man will dies« Kohlen­säure an den Entstehungsorten, namentlich in den großen Kraftwerken wie Golpa u. Zschor­newitz erfassen und sie durch Fernleitungen in die Städle leiten; dort will man sie dem Lei- ttmgswasser zusetzen, indem man sie in der Nähe der Pumpwerke vor der Wzweigung zum ersten Verbraucher in die Leitungen ein­

bläst. Die Vorteile dieser Maßnahme sind un­geheuer. Ganz abgesehen davon, daß das Wasser durch den Kohlensäurezusatz entkeimt wird, ist das Trinken von Selterwasser natür­lich weit erfrischender als das von gewöhnli­chem Wasser. Es wird dann auch jedermann ut der Lage sein, ohne weiteres Kohlensäurebäder mit ihrer namentlich für die Nerven förder­lichen Wirkung zu nehmen. Ganz besondere Vorzüge hat das kohlensaure Wasser aber auch für die Feuerwehr, da Kohlensäure bekanntlich geeignet ist, die Flammen zu ersticken.

Das sind nur einige Beispiele von den gro. ßen Vorzügen des Zusatzes von Kohlensäure zum Leitungswaffer. Biem Kochen entweicht übrigens die Kohlensäure, sodaß Speisen eben­so schmecken wie bisher. Roch vor kurzer Zeit hätte niemand gedacht, daß vor der Verwirk­lichtung der geplanten Ferngasleitungen Koh­lensäureleitungen gebaut werden würden Die durch ihren Bau erreichbaren Fortschritte sind aber für die Volksgesundheit ungeheuer wich­tig. Daß Deutschland aus diesem Gebiet wie­der einmal in der Welt voraus ist, ist beson­ders zu begrüßen.

Sin neue- Vollzeiverbot in Raffel

Von dem geschätzten hessischen Komponisten Johann Lewalter erhalten wir heute folgende Zuschrift:

Kastel, den 1. April 1929. Ein mit dem heutigen Tage in Kraft tretender Erlaß ordnet an, daß von nun an dürre Hunde nur noch an der Leine geführt werden dürfen. Die neue Verordnung hat vor allem in den Kreisen der hessischen Metzgerschaft Aufsehen und Befremden erregt.'

Der aufmerksame Leser mertt den Scherz, den sich der alteMarabu' zum 1. April lei­stete leider konnten wir ihn nur mit dieser gleichzeitigenAufklärung' veröffentlichen, da ja am 1. April keine Ausgabe der Neuesten Nachrichten erscheint.

Wie bekannt, entsteht bei der Verbrennung von Kohle CO, Kohlensäure, in ungeheuren Mengen. Diese Kohlensäure hat man bisher mit wenigen Ausnahmen in die Luft geschickt hauptsächlich, weil sie andere Beimengungen enthielt, die namentlich bei unvollkommener Verbrennung entstehen. Nachdem es nun aber

Die KasselerBlaue Zuniwoche 1929

Di« Nachfolgerin derGrünen Maiwoche". Großzügige Werbeveranstaüung de- Kasseler Verkehrsamtes. Einzelheiten aus dem Programm.

Berlin ehrt Max Schmeling

Ein Mar Schmeling-Denkmal hat bit Stadt Berlin ihrem hervorragenden Boxer in der Siegesallee errichtet.

satz: immer hübsch eins nach dem anderen! Man soll nie zwei Dinge gleichzeittg tun wol­len, es geht meistens schief. Man soll nie bei Glatteis auf der Sttatze gehen und gleichzeittg eine Zeitung studieren, denn sonst steht man am nächsten Tage s e l b st in der Zeitung unter Verkehrsunfall'. Man soll nie mit der Lent im Kaffee sitzen und gleichzeittg dem Waffer- mädelchen Aeugelchen machen, denn sonst tritt einem die Leni auf die Hühner-Aeugelchen, daß man nicht mehr weiß, hat man Zehen oder Schwimmfüße. Ein Chauffeur soll nie wäh­rend des Fahrens daran denken, warum er ge­stern im Skat Klein-Eichel gespielt statt Trumpf zu ziehen, denn sonst wird er selbst ge­zogen. nämlich aus dem Straßengraben. Eine Stenotypistin soll nie während des Tippens gleichzeittg in den aufgeschlagenen Roman schielen, denn sonst schreibt sie mitten in den Geschäftsbrief:Ha, schrie der Graf und er» erdolchte sie.' Und der Chef soll nie während des Unterschreibens gleichzeitig über die hüb- " ' *' -------ttn schmun-

.Jch führte mir eine neue Flasche zu Ge­müt, las weiter in her Zeitschrift und er- kannte: Halt, so ists doch nicht. Nämlich der Wendelstein wandert nordwärts, Richtung München, und in fünfundzwanzig Millionen

Dr. ing. Zacharias Wackel t

Der Entdecker des Wackeltontattes gestorben.

In Berlin starb gestern abend im Alter von achtundneunzig Jahren in aller Stille und von den meisten Zeitgenossen fast vergessen, Dr. ing. h. c. Zacharias Wackel. Wackel ist bekanntlich der Entdecker des nach ihm benannten Wackel­kontaktes, der schon manchen Funkfreund und Elektriker zur Verzweiflung gebracht hat. Ne­ben seinen hervorragenden Geisteseigenschaften war Wackel wie kein anderer befähigt, die fragliche Entdeckung zu machen, da er eine sehr unsichere Hand hatte, sodaß er im Alter von dreißig Jahren gelegentlich des Zusam­menhaltens zweier Drähte, die Stromschwan­kungen verursachte, die beim Wackelkontakt ein­treten. Wackel wurde damals zum Dr. h. c. ernannt und erhielt 1853 den Nobelpreis für Elektrotechnik.

VlUUJÜtlll kN HUH UUVX. gelungen ist, die Verbrennung immer mehr zu vervollkommnen, gewinnt man dabei die Koh­lensäure immer reiner. Durch Reinigung kann man die nur noch geringen Beimengungen

Und dann wollte ich ins Bett. Ich ziehe mich aus, zuzzele noch schnell einen letzten Schluck zum Abgewöhnen, da, denkt euch meinen Schreck: das Bett wanderte! Ich nehme einen Anlauf (er fiel ein bissel ur- Pendelhaft aus), springe auf das Bett zu schwupp, wars schon wieder gewandert! Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Haus­wirtin zu rufen:Haltens amal das Bett fest, i möcht mitfahren!'

Und dann schlief ich wunderschön. Ich schlafe immer so gut mit nüchternem Magen. Aber schad is doch, daß ich nicht in 25 Millionen Jahren lebe! Denn dann braucht der Münche­ner nicht mehr auf den Nockherberg zu pilgern, wenn er in den Salvatorkeller will, nein, dann kommt der Nockherberg zu ihm.

Und das ist im Hinblick auf den Heimweg manchmal recht gut.

neuen Rennstrecke zwischen Niederzwehren und Fritzlar und zurück das erste Autorennen Rund um di« Knallhütte' als Ersatz für das Herkulesbergrennen steigen. Es liegen bis jetzt

sämtlicher Waffersporivereine, verbunden mit einer Segelregatta, statt. Der Abend soll eine Wiederholung des Festspiels im Staatstheater bringen. Wichtige Kongresse werden den of­fiziellen Teil der Woche bilden. Der amerika­nische Eisenbahnerverband, eine Organisation, von etwa 200 000 Beamten, wird seine Früh­jahrstagung am 19. Juni an der Stadthalle abhalten. Der Konzertgarten erhält zu die­sem Zwecke eine Zeltüberdachung. Am gleichen Tage beginnt in sämtlichen Rathaussälen die Generalversammlung der Deutschen Bühnenge­nossenschaft, die die meisten deutschen Schau- fpieler in Kassels Mauern führen wird. Der 20. Juni bringt als besondere Sensatton

Zielsahri sämtlicher deutscher Autoclubs nach Kassel. Im Anschluß daran soll auf der

Flasche Salvator genehmigen._______

teswilleu,' dachte ich mir,was wird denn dann aus den dazwischen liegenden Ortschaf­ten? Die werden ja zerquetscht! Entsetzlich, wenn da eines morgens der Bua seinen Vater weckt:Data, aufstehn! Der Weudelstoa kimmt!'

Di« Ober« Königstraße wurde an ihrer ver­kehrsreichsten Stelle zwischen Opernstraße und Residenzkaffee im Laufe des gestrigen Nach­mittags Schauplatz einer furchtbaren Panik. Das für den Zoo im Park-Restaurant Karls- auebestimmte Krokodil, das zusammen mit dem neuen Dromedar eingetroffen war, entwich in der Theaterstraße aus seinem Transportwagen und flüchtete quer über die Königstraße zum Oriedrichsplatz hinüber. Die sofort alarmierte chutzpolizei sperrte die Straße, wie unser Bild zeigt, unter eigener Lebensgefahr ab und

Selterswaffer umsonst!

Von Professor Dr. K. Oh km an«.

Ädern gefährlichen Gegner mit Tränengas- ben zu Leibe, sodaß es beherzten Wacht­meistern im Verein mit dem Wärter gelang, das Tier im Laufe einer knappen halben Stunde einzufangen und seinem Bestimmungs- zuzuführen. Die Verkehrsstockung in der- nigstraße war die gewaltigste, dte je stattge­funden hat. Bis zum Rathaus hinauf und den Königsplatz hinunter stand Straßenbahn an Straßenbahn. Die Folge des Vorfalles dürfte ein Verbot des Transportes von Raub­tieren durch die Sttaßen der Stadt sein.

Nach langen Erwägungen hat sich das Kas­seler Verkehrsamt aufgrund des gewalttgen Erfolges der vorjährigenGrünen Maiwoche' entschlossen, auch in diesem Jahre eine ähnliche Großveranstaltung zu inszenieren, die bedeu­tend erweiterten Rahmen erhalten wird. In einer Pressebesprechung legte Verkehrsdirektor Dr. Rehorn heute vormittag Ziel' und Zweck der großen Festwoche, die den Namen

Kasseler Blaue Juniwoche 1929" tragen wird, bar. Zur Rechtfertigung des Na­mens wies Dr. Rehorn zunächst auf die Wei- tervoraussagungen des Hundertjährigen Ka­lenders hin, der einen außerordentlich schönen Juni verheißt, sodaß der Fremde wirklich nur blaue' Sonnentage vorfinden wird, wenn er in der Zeit vom 17.24 Juni in Kassels Mauern weilt. Besonders reizvoll wird sich der blau-weiße Fahnenschmuck der gesamten Stadt ausmachen, den die Stadtverwaltung auf ihre Kosten einheitlich durchführen wird. Von besonderem Interesse sind die Veranstal­tungen, die Künstler von Weltruf und bedeu­tende Vereinigungen in dieser Zeit nach Kas­sel führen werden. Den Anstatt der Festwoche wirb am Abend des 17. Juni

ein großes Festspiel im Staatstheater geben, das die Entwicklung der Stadt Kassel nach dem Kriege behandelt. Das Textbuch stammt von Dr. Bleybaum, Dr. Sarrazin und Gustav Pickert, die Musik komponierte Eugen Bodart, der Leiter des Kasseler Rundfunkor­chesters. Die Regie führt der neue Intendant des Staatstheaters Äerg-Ehlert. In den tta- genben Rollen werben wir neben Fritzi Mas- jarö alsChaffalla' unb Henny Porten als Dibbenmillerin' Paul Wegener alsHerku­les' betounbern können. Am Dirigentenpult steht Längs. Der Morgen des 18. Juni bringt bann einen großen Festzug, der ben der Tau- senb-Jahrfeier in den Schatten stellen soll. Er bewegt sich aus das städttsche Gelände auf dem Forst, wo die

große AusstellungAlles in Blau" um 14.30 Uhr feierlich eröffnet wirb. Gleich­zeitig findet auf der Fulda eine Auffahrt

Unb wenn gar ber Wendelstein die Richtung verliert und wandert nach Berlin aus, die Preußen geben den nie mehr heraus! Die sind froh, wenn sie dasWendeljebirje' haben!

Auf dies fatale Aussicht hin, mußte ich so­fort wieder ein Flascherl Salvator trinken, dann kam mir die Sache etwas rosiger vor. eigentlich muß das ganz nett fein, wenn die Serge so in ber Geographie herumtippeln! (@uat is er, ber Salvator!) Wenn man in 25 Millionen Jahren auf einen Berg kraxeln will, steckt man einfach ben Finger in den Mund und pfeift:Heda, Zugspitze! Kemma S amal her, i möcht gern auf Gahna herum kraxeln! Hopla, einsteigen!'

Anbererseits ist es natürlich peinlich, wenn man in Tegernsee weilt, auf ben Wallberg will unb bie Auskunft kriegt:Geht heut net! Der Wallberg ist heut grab bei ber Kampen- wand zum Kaffee! Vor morgen sruah kimmtr bo net z'ruck, ber Hallodri!' Aus Mitleid mit bem armen Touristen trank ich schnell noch ein Flascherl Salvator. Ich hab halt a guats Herz! Prost, Karlchen!

Unb wie mutz das erst in ber Schweiz wer­den! Wenn ba berRigi' der .Jungfrau' nachsteigt, unb betMönch' verbittet sich eine solche Genehmigung, unb basFinsteraarhorn' bläst bie Polizei herbei, es tst nicht auszu- benken! Drum bacht ichs auch nicht aus, son- betn trank lieber noch eins.

Abschluß ber Festwoche bilbet am 24. Juni ein Großflugtag in Waldau, zu bem das Luftschiff Graf Zeppelin' Kassel anfliegen wird. Au­ßerdem wird Raab-Katzenstein feinRaketen­flugzeug mit Anhänger' D. R. P., vorführen. Am Abend findet im Ausstellungsgelände ein Riefenfeuerwerk statt und als flammender Ab­schluß werden die ganzen Berge des Kasseler Fuldabeckens in blauem Lichte erstrahlen. Das sind kurz Umrissen die wichtigsten Punkte des bewundernswert geschickt . zusammengestellten Programms. Es versteht sich, daß auch die Kasseler Vereine mit Sonderveranstaltungen aufwarten, daß die Lichtspielhäuser besondere Festfilme laufen lassen und nur das eine wird man abwarten müssen, ob Petrus wirklich auch eineblaue* Juniwoche befeuert. Und das wollen wir unserem Verkehrsamt wünschen und ber Stabt Kassel, für bie diese Großver­anstaltung eine Werbung in bisher unbekann­tem Stil bebeutet. -schk.

Die Alpen unö -as deutsche Starkbier

Von

Karl Ettlinger, gen. Karlchen.

Aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, daß der große Julius Cäsar bie verschieden­sten Dinge zu gleicher Zeit erledigen konnte: er konnte gleichzeitig einen Bericht anhören, seine Memoiren dittieren und einen Brief schreiben. Unb wenn er nicht ermordet worden wäre, hätte er vielleicht auch noch gelernt, gleichzeittg einen Purzelbaum zu schlagen.

Ich bin kein Julius Cäsar, ich bin nur das Karlchen, und deshalb lautet mein Grund-

Und ferner soll ber Mensch nie Salvator Jahren wirb er in München angelangt fein. trinken unb gleichzeitig eine Zeitschrift lesen. Aus biefen Schrecken hin mußte ich gleich eine Das aber habe ich getan. Ich saß auf meiner neue Flasche Salvator genehmigen.Um Got- Bube, trank ein Fläschel Salvator nach dem ' " '

anderen unb las dabei etwas ganz Merkwür­diges in dem Blatt: Die Berge wandern. Jawohl, o Leser, deine blldschönen Aeuglein täuschen dich nicht, der Druckfehlerteufel hat nicht feinen Pferdefuß im Spiel, es ist Tat­sache: bie Berge wandern. Unantastbar hat die Wissenschaft festgestellt, daß zum Beispiel der trigonomettische Puntt auf bem Wendelstein sich in ben letzten hundert Jahren um einen Viertelmeter verschoben hat, baß ber Wenbel- Sein also toanbert (Wer nicht weiß, was er trigonometrische Puntt ist, tröste sich mit mir, ich Habs auch erst im Lexikon nachge­sehen.)

Hm!' sagte ich mir unb öffnete eine neue Me Salvator,jetzt ist mir alles klar! Als

i vorigen Herbst auf ben Wenbelstein kraxelte, und fchon totmüde war, fragte ich unterwegs einen Mann:Wie weit ist's noch nach bem Wendelstein?'Zwoa Stundn!' fagte er.Danke schön, Grüaß Gott!' Nach einer Stunde begegnete mir abermals ein Mann, den fragte ich wiederum.Auf'n Weudelstoa? Dees fan noch guate zwoa Stundn!' Nach einer weiteren Stunde erkun­digte ich mich neuerdings.Ausn Wendel- stoa? Halt so drei Stundn werns fcho fan!' Damals konnte ich mir das gar nicht erklä­ren, aber jetzt weiß ichs: ber Wendelstoa war einfach gewanbert. Ausgekniffen war er vor mir, ber Feigling!

- f L MMWD