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Meier Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 70 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Sonnabend, 23. März 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Diktatorsegen in Belgrad

Ernste Garung in Indien Mexikos Rebellen gewinnen die Oberhand?

Gen Südost!

Die Wirtschaft führt zum Anschluß.

Wetterzeichen in Indien

Diegoldene Zeit

Jugoslaviens König als Reformator.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Englands Truppen schlagbereit.

Aufstand der Landarbeiter.

Reichskanzler a. D. Dr. Cuno hat einmal den Ausdruck gebraucht, Wien werde zukünftig für Deutschland das Hamburg des Südasiens sein. Auch die Thesen des Wirtschaftlers Dr. Schlenker bei einem Vortrag in München waren kürzlich folgende: Deutschland hat leine wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr nach dem Westen, wohl aber innerhalb deS südosteuropäi- fchen Raums, die Zukunft der deutschen Wirt­schaft weist unter allen Umständen nach Osten und Südosten. Gegenüber der deutschen hat z. B. die französische Eisenindustrie allein an Arbeitslöhnen, ganz abgesehen von den viel höheren sozialen Lasten und Steuern, einen Vorteil von etwa zweihundert Millionen Mark jährlich. In der Richtung nach Südosten be­steht die einzige Möglichkeit für Deutschland, diesen Nachteil auszugleichen. Dies ist ein Ge­sichtspunkt, unter dem auch der Zusammen­schluß Deutschlands und Oesterreichs betrach, tet werden muß zunächst der wirtschaftliche. Für Deutschland bildet das österreichische Wirt­schaftsgebiet die natürliche Brücke und den gegebenen Mittler zu den östlichen und südöstlichen Ländern. Oesterreich wird wirtschaftlich auch von anderen Seiten umwor­ben. So sind z. B. die österreichischen Master- kräfte ein Objekt starkeninternationalen- In­teresses. Der Industrielle in Tirol, Reitlinget, hat dafür das Bild gebraucht, Oesterreich be­trachte sich zwar aus Herzensneigung als die Braut des Reichs, wenn aber der Bräutigam in einer endlosen Brautzeit sich dauernd spröde zeige, so sei es der Braut nicht zu verargen, wenn sie auch einmal einen anderen Bewerber schöne Augen mache. Dir schönen Augen sind in diesem Vergleich allerdings auch nur wirt­schaftlich gemeint, denn in nationaler Be­ziehung muß das Verlöbnis als endgültig gelten. Auch die Münchener Entschließung der Wirtschaftler spricht von einer national» Politischen Notwendigkeit.

Bedeutsam ist, daß diese Entschließung dies­mal von maßgeblichen Vertretern der deutschen und der österreichischen Wirtschaft gemeinsam gefaßt wurde, und daß die wirtschaftlich« An­näherung ausdrücklich im Namen des natio­nalen Gedankens, der für das Reich und Oesterreich derselbe ist, verlangt wurde. Bei dieser Gelegenheit sei ein Wort über die heu­tigen Verhältnisse in Oesterreich gestattet. Jede gute Konjunktur und jede Krise der deutschen Wirtschaft kommt auch in Oesterreich zur Wir­kung. Oesterreich durchlebt gegenwärtig eine gewisse Unruhe. Die Position der Sozial­demokratie ist durch die ihnen votgewor- fene Mißwirtschast in den Gemeinden beein­trächtigt. Und auch eine Krise des von ihnen verwalteten Sparkasten-Jnstituts, wirtschaftlich eine Gefahr fast für ganz Oesterreich, würde politisch einen sehr schweren Schlag gegen die Sozialdemokratie bedeuten. Der Sozialdemo­kratie gegenüber steht die Heimatwehr­bewegung. Diese macht nach außen einen starken Eindruck, ist aber abhängig von ihren Geldgebern» der Großwirtschaft. Auch Musso­lini hat seinerzeit in Italien so angefanqen, daß die Organisation seiner Schwarzhemden von den Großindustriellen bezahlt wurde, de­ren Betriebe er vor den Arbeitermasten retten sollte. Auf diesem Umweg ist Mussolini da­bin gelangt, daß er schließlich die Stvatsma- schine und die Staatsmittel in die Hand be­kam. Von einer solchen Entwicklung kann aber in Oesterreich nicht die Rede sein, weil die ge­genseitigen Kräfteverhältnisse hier nicht mit denen Italiens vergleichbar sind. Stabile Verhältnisse können in Oesterreich nur durch ein engeres Verhältnis zum De«t- schen Reich geschaffen werden, und der Ge­danke, daß die Wirtschaft hier der Politik vorangehen muß und vorangehen kann, ist ab­solut richtig.

Bundeskanzler Dr Seipel ist ein Mann von hoher persönlicher Kultur, der von der römisch-katholischen Welt­anschauung beherrstht wird. Für ihn ist der primäre Gesichtspunkt weder der grundsätzlich- nationale, noch auch der geschichtlich habsbur­gische, sondern der katholisch weltanschauliche. In dem Augenblick, wo dieser mit dem An- schlußgedanken zusammenfallen sollt«, wird der österreichische Bundeskanzler auch den Anschluß zu seiner Sache macken. Solange und soweit es nicht der Fall ist, wird er ihn aufschiebend be­handeln. Das aber gilt nur auf dem politischen

London, 22. März. (Eigener Drahtbericht.) Aus Allahabad wird berichtet, daß dort zahl­reiche Studenten an einer Sympathie­kundgebung für einen verhafteten Studen­ten teilgenommen hätten. Die Nachricht über die Maffenverhaftungen und Haussuchungen in den Städten riefen das größte Aufsehen in der Gesetzgebenden Bersammlung in Delhi und im Rat von Bengal hervor. Die Arbeit wurde so gut wie vernachlässigt. Alle Ange­klagten werden nach Meerut gebracht werden. Die Behörden treffen Vorsichtsmaßregeln, ins­besondere in Bombay. Polizeivffiziere, die die Verhaftungsbefehle überbringen, sind von star­ken Polizcimannschaften begleitet, und

Truppen sind auf strategischen Punkten aufgestellt. In Bombay wurden vierzehn Fa- briken gezwungen, die Arbeit einzustellen. Die Zahl der Streikenden wird auf 25 000 geschätzt. Im Schahabad-Bezirk von Bihar sei ein ernster Landarbeiteraufstand aus­gebrochen. Ein englischer Gutsverwalter werde vermißt. Seine Leiche soll von den Aufständi­schen mitgrschlrist werden.

London, 22. März, (Eigene Drahtmeldung.) Laut Morning Poft wird die Lage in Indien als ernst angesehen. In amtlichen Kreisen glaubt man an ein weitverzweigtes Komplott gegen die Regierung Indiens.

Mehr Kultur für die Muffen!

Külz-Srvering über denTag des guten BucheS". Hin zu einer neuen geistigen Schicht

Berlin, 22. -März. Bei einer Kundgebung des vom Reich unterstützten »Tag des BucheS-, der der Förderung des guten Buches als Kulturgut dienen soll, war ein Schreiben des Reichspräsi­denten zum Erfolge der Veranstaltung eingelau­fen. Reichsminister a. D. Dr. Külz, der Vor­sitzende des Arbeitsausschusses äußerte den Wunsch, daß die Veranstalmng lauten Wider­hall in der Bevölkerung finden und der beute Sen Kultur zum Segen gereichen möge. Reichs-

nister S e v e r i n g, der gleich zu Beginn sei­ner Ansprache von einer Anzahl

radaulustiger junger Leute

unterbrochen wurde, die er selbstal$ eine Gruppe von Deutschen- bezeichnete, die der Un­kultur dienen führte u. a. aus: Es wäre auf dem Gebiete der Volkserziehung das hätte bereits die Demonstration des Abends gezeigt nochvielzutun. Der Minister wandte sich weiter gegen die Uebertteibung int Sport und die Verflachung in der Literatur und betonte, daß die Teilnahme der breiten Volksmaffen an den Errungenschaften der Kultur noch zu

Ein abtrünniger Regierungsgeneral.

London, 22. März. (Eigene Drahtmeldung.) Die mexikanischen Aufständischen lassen durch ihre Agentur in El Paso Mitteilen, daß der Re­gierungs-General MustieleS zu den Rebellen übergegangen ist. Er hat sich dem General Al- mada angeschloffen, der bereits die Stadt Pueb­la auf seinem Vormarsch nach Mexikv-Eity be- setzt hat. Die Aufregung in Mexiko-City ist im Wachsen begriffen, denn es wird berichtet, daß |

wünschen übrig lasse. Es komme nicht nur dar­auf an, aufnahmewillige, sondern auch

aufnahmefähige Massen zu schaffen.

Die breiten Kreise müßten dem guten Buch nä­her gebracht werden. Tie Freizügigkeit des Geistes dürfe indeß nicht beschränkt werden, sonst würde nicht nur der Kultur, sondern auch dem Leser ein schlechter Dienst erwiesen werden. Dr. Leo Weismantel verwies darauf, daß es hier um das geistige Schicksal des deutschen Volkes gehe. Dr. h. c. Eugen Diederichs be­zeichnete u. a. die Bildung einer neuen geistigen Sckicht als erforderlich, die alle Gruppen und Stände zu einem Willen ergreift und diesen Willen zur Gemeinsamkeit ausbildet. Walter von Molo beklagte u. a., daß daS deutsche Publikum, das aus richtigem Erkennen heraus den Dienst für die Zeit vom Schriftsteller er­sehne, leider das Aktuelle in einem Werk höher schätze, alS da» Dichterische. Es sei nicht jeder Schriftsteller, der der Zeit diene, wertvoll. Frau Professor Siemsen M. d. R. behandelte die Be­ziehungen der Lesers zum Buch.

Vormarsch der Aufständischen auf die Hauptstadt?

die Aufständischen bei Mazaplan Fortschritte er- zielt hätten, wodurch der Weg auf Mexiko frei geworden sei. Fernerhin hätten sie bereits die Stadt Durango angegriffen und auch die Städte Leon und Guanajuato besetzt, wodurch die Eisenbahnverbindung für die Armee des Gene­ral Calles und seine BafiS in Jrapuato unter­brochen sei. Auch von Nogales aus sollen sie weiter vorrücken. Sie find durch Napui-Jndia- ner verstärkt worden.

Amschwmrg in Mexiko

Gebiet, und auf diesem sind ja bis aus Weite­res auch die Ententemächte hinderlich. Wirt- chastltch, das muß immer betont werden, würde die Herstellung eines engeren Verhalte nisses zwischen dem Reich und Oesterreich viel dazu beitrage«, den Markt von Södosteuropa gemeinsam für di« retchsdeutsche und die öster­reichische Industrie zu öffnen und Deutschland einen Ausgleich dafür zu bieten, daß itim, um mit Dr. Schlenker zu sprechen, nach Westen keine neuen wirtschaftlichen Mög­lichkeiten mehr offen stehen.

Jetzt sitzt Byrd fetz.

Bei der Rettungsaktion verschlagen. Wer wird die Südpolforscher retten?

London, 22. März. (Eigene Trahtmeldung.) lommander Byrd und zwei seiner Begleiter inv «ach Rewyvrker Berichten immer noch aus dem Rvckefrller Felsen. 128 Meilen vom Stützpunkt des Expeditionsschiffes einzeschlos- sen. Man hofft, daß bei »effercm Wetter eine Rettung mittels Flugzeug möglich fein wird Byrd ist in Radioverb ndung mit der Expedi­tion und auf eine neue Wartezeit vorbereitet. Da aber nur noch ein Monat bis zum Eintritt

der Winterzcit verbleibt, wird die Frage, ob Byrd zu Fuß zurückwandern muß, bald akut, da hierfür mindestens drei Wochen notwendig sind. Hundeschlitten find zu ihm unterwegs.

Dar Massengrab im Kino

114 Opfer einer Brandkatastrophe

Moskau, 22. März. (Eigener Drahtbertcht.) In dem Dorfe Jgolkino im Gouvernement Wladimir brach in einem Holzgebäude, in dem eine Kinoausführung stattfand, infolge Ent­zündung eines Filmstreifens ein Brand ans, der das ganze Gebäude erfaßte. 114 Personen kamen bei der Katastrophe ums Leben, während 17 Personen mit Brandwun­den davonlamrn. Das Holzgebäude hatte nur eine« Ausgang. v

Dir ersten 21 Token

ParuaffuS, 22 März, iFunktelegramm.) 21 stark verbrannte Seid,en sind jetzt aus dem Bergwerk in Ballcyraüp geborgen worden.

(Vcrgl. auch Berichte 2. Bciliagc 1. Seite)

Belgrad, 22. März. (Eigener Drahtbericht.)' DaS gestern beschlossene RegierungSprogramm bezweckt in der Innenpolitik die Entpolitisie­rung des Personals und seine Auswahl flach sittlicher und beruflicher Tüchtigkeit. Die strikte Durchführung des Gesetzes, die Aufrechterhal­tung von Ruhe und Ordnung und die gründ­liche Verbesserung der Verwaltung sind die Hauptsorgen der Regierung. Zu diesem Zweck werden eine Reihe von Gesetzen angekündigt.

Der Nntzenminister erstrebt die Friedens- Politik, der Justizminister die Vereinheitlichung der gesamten Gesetzgebung und^ Gerichtsver­fassung und neue Bestimmungen über bie Aus­wahl der richterlichen Beamten. Außerdem soll ein Gesetz die

Zahl der Ministerien verringern und auch in anderer Hinsicht die VerwaltuntzS- reform rinleiten. Das Handelsministerium plant die Schaffung eines besonderen Außen­handelsamtes. Die Handelsverträge sollen au$» gebaut, die Kontrolle über die Ausfuhr, Ban­ken. Jndustriepaviete usw. eingeführt werden. DaS Kultusministerium bereitet den Abschluß eines Konkordats mit dem Heiligen Stuhl, ein Gesetz über bie Religionsgesellschaften usw. vor. $ie

Stabilisierung deS DinarS

ist vorbereitet, und zwar auf der Grundlage des gegenwärtigen Kurses. Die Noten btt Staatsbank sollen in Gold eingelöst sein. Auch die Programme der anderen Ministerien sehen umfassende Reformen und Modernisierungen vor. Die Diktatur werde durch keine bet Schwierigkeiten, mit denen das alte System zu kämpfen habe, gehemmt.

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Deutschenknebelung durch die Tschechen

Prag, 22. März. In ber gestrigen Sitzung der Landesvertretung von Böhmen brachte der deutsche Bertreter im Namen sämtlicher bür- gerlickzen Parteien einen P r »l e st gegen daS Borgel^n des Präsidenten in der Sprachrn- frage ein. Das Vorgehen bedeute eine Ge- fährduna der sachlichen Arbeit der Landes- Vertretung sowie eine Verletzung bes Grund­satzes der nationale» Gerechtigkeit und eine Be­drohung aller Bemühungen, die auf einen nn- tivnalcn Frieden im Lande gerichtet find. Di« deutschen Sozialdemokraten legten einen be­sonderen Protest ein.

Falsche Gersichke über Slresrmann

London, 22. März. (Eigener Drahtbericht.) Ein Blatt berichtet aus San Remo: Die Ge­rüchte, daß Dr. Stresemanus GesuudheitSzu- stand seinen baldigen Rücktritt zur Folge ha, den werde, sind grundlos. Ruh« und Sonnen­schein haben bereits Wunder gewirkt. Sein . Atzt ist jetzt überzeugt, daß in weiteren zwei Wochen Dr. Siresemann vollkommen wohl ^ein wird, um seinen Posten wieder anzutreten. Der Korrespondent ist ju der Er­klärung ermächtigt, daß, solange Stresemann das Vertrauen seines Landes genießt, et beab­sichtigt, dem Reich zu dienen. Er wird auch zur Juni-Tagung nach Madrid gehen,

Schacht schon tn Berlin

Berlin, 22. Mürz. (Durch FuaksdruS.) RrichsbankprSsident Dr. Schacht ist heute vor­mittag ans Paris hier eingetröM«, um te drr Genrralratssttzung der Rcichsbank teil,»- nehmen. >

Mulert« Thesen in Sevilla

Sevilla, 22. März. kDirrch Funtzsptuch.) Aus dem internationalen Städtemg sprach der Präsident des Deutschen StSbtebundeS. Dr. Mulett über die wirtschaftliche BeiStiguna der Gemeinden, die mit ihren sozialen Auswir­kungen dem ökonomischen uflb kulturellen Lo­ben wertvolle Impulse gibt. Sie trägt die ihr innewohnende Idee ber Förderung deS Se« meindewvhls in alle Schichten derBevölketung Darüber hinaus leistet sie unersetzliche Ertte» hungSatbeit, indem sie dnrch den Grundsatz bet Selbstverwaltung di« Gemeindeaugehörte gen zur Mitarbeit heranzieht und sie an ihrer Gesittung verantwortlich Mitwirken läßt Ihr starker ideeller Wert liegt schließlich darin, daß sie den Bürger aus dem engen Kreis eigen» wirifckafllicker Interessen hetaushebi und ihm die soziale Verbundenheit astet VolkSteile be­wußt werden läßt.