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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung egsg Hessische Abendzeitung

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Mittwoch, 20» März 1929

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19. Jahrgang

Pilsudski greift zur Diktatur?

Sin Kabinett -er starken Han- in Sicht. Das Zahlenringen in Paris hat begonnen

Dkktaturkrife auch in Polen I

Vorgefechte oder mehr? Die Linke, die Rechte und das Zentrum gegen PilsudSkl. Machtkampf zwischenFreudenhaus" - Parlament und Diktatur.

Paris bleibt unersättlich

Selbst England über die ReparationS-Habgier schmerzlich überrascht Die Reparationskonferenz im entscheidenden Stadium.

Während der drei Jahre, in denen Pilsudski die Macht in Händen hält, wuchs die Gegner­schaft im Sejm gegen des Marschalls autokra­tisches Regime. Rach dem Maiumsturz verhielt sich die Linke anfänglich wohlwollend zu Pilsudski, während die Rechte der» schüchtert war, und sich daS Zentrum in vollerAuflösung befand. Seit den Wah­len von 1928, die ihm zwar eine starke Regie- rungspartei, aber nicht die Majorität sdazu fehlen mindestens 90 Mandate) ein brachte, hat sich seine Position verschlechtert. Die Oppo­sitionsgruppen haben sich nämlich seit den Wah. len konsolidiert und rüsten sich im Verein mit den Minderheiten immer mehr zur Schlacht. Schon fanden die ersten Vorgefechte statt Und PilsudSkis Gegner schnitten dabei nicht schlecht ab. Die Hauptschlacht wird bei der Debatte Lber di» Verfassungsreform geliefert werden. Bis dahin aber kann es Herbst wer­den Jedoch schon jetzt haben sich die Linke sdie Sozialdemokraten und die beiden radikalen Bauernparteien) zu einer parlamentarischen Front zusammengetan. Auch die Min­derheiten gaben ihren Entschluß kund, die Rückkehr zum Absolutismus* nicht rnitzumachen.

Ihren Verfassungsentwurf begründete die Linke z. B. mit den Worten:Solange die Minderheitenfrage nicht recht gelöst sei, kann auch, betonte der Redner mit deutlicher Spitze gegen Pilsudski, die polnisch« Armee auf die Treue der Soldaten aus den Reihen der Min­derheiten nicht rechnen.* Wie gesagt, der Kamps um die neue Versaflung dürste erst später ausgesochten werden. Augenblicklich be­nutzt die Opposition die Budgetdebatte, zur schärfsten Kritik. Im Dejm hatte die Linke den Antrag eingebracht, Finanzminister Czecho. wicz wegen Ueberschreituna der letzten Bud- geiz um 560 Miktionen Zloty beim Staats­gerichtshof zu verklagen. Zur großen Ueber- raschung her Negierungskreise war dieser An­trag der Linken nicht nur von den Minder­heiten, sondern auch von der rechten Opposi- tion und dem Zentrum unterstützt worden. Die Regierung mußte dann noch die Nieder­lage hinnehmen, daß gegen ihren Widerstand der Antrag der Kommunisten überwiesen wurde Bekanntlich besucht Pilsudski den Sejm nicht. Er will dadurch seine Mißachtung die­semFreudenhause* zeigen. Im Senat da­gegen. wo seine Anhänger über eine sichere Majorität verfügen, ist er ein oft gesehener Gast. Bei der Durchberatung deS HeereSbud- getS im Senat hielt der Marschall eine gepses. feite Rede gegen dar Parlament. In dieser erhob er schwere Vorwürfe gegen feine Vorgänger im KriegSmtnistertum Er warf ihnen nicht nur vor, daß früher im KriegSministerium viel gestohlen sei, sondern daß sich die Minister selbst ihre Mätressen vom Staat bezahlen ließen Diese Geißelung seiner intimen Freunde erregte natürlich größtes Aufsehen.

Man fragte den Marschall tm Sejm mit Recht, warum er «J nicht für nötig gesunden habe, gegen die Diebe vorzugehen, zumal eS sich um hohe Offiziere handle. Auf den weite­ren Verlauf der Sache darf man hei dem Tem­perament PilsudSkis gespannt sein. Inzwi­schen forderte einer dxr Angegriffenen, Gene- ral Szeptycki, in einem offenen Schreiben Pilsudski aus die Namen dersentgen zu nen­nen, hie ihreOrgien* mit StaatSgeldern ve- zahlt hätten. Jetzt wandt« sich auch der Se­nat von seinem Liebling und strich dem KriegSminiSer Pilsudski den v«r- sönlichen DiSposttionSsond. Man hat in War­schau dar Gefühl, die politischen Gegensätze in Polen seien so gespannt, daß man daran zwei­felt. ob sich die Entscheidung-schlacht bi> zum Herbst vertagen läßt. Es ist zwar nicht sicher, daß der Marschall im parlamentarischen Rin­gen Sieger bleibt, da die Lage in Wirtschajt und Finanz immer ungüstiger wird. In Amerika rief die Klageerhebung gegen den ehemaligen Finanzminister einen hefttgen Rückgang der polnischen Staatsanleihe hervor In Polen glaubt jedoch niemand, daß Pil- sudSki vor einem Mißtrauensvotum des Scjm die Segel streichen werde. Die Frage: Was dann? beginnt sich hinter den Parlamentart. scheu Kämpfen abzuzeichnen. Scheut dann die Opposition nicht davor zurück, ihre Drohung

mit dem Appell an die Straße zur Wahrheit zu machen, so muß es »u offenem Macht­kampf zwischen Demokratie und Dik­ta t u r kommen.

* * *

pilsu-ski auf -em Sprung

Schasst er sich ein Diktoturkabinett-

Warschau, 19. März. (E'g. Drahtbertcht.) Die Ost-Agentur meldet: Aufgrund der Hau«. haltSfrogeu de« polnischen Sejms erwartet man eine sehr weitgehende Neubildung des ge­genwärtigen Ministerkabinetts. Nach dem Rück- tritt des Finanzministers Czezchowicz stellen grundsätzliche Aendcrungen im polnischen po­litischen Leben bevor« Gerüchten zufolge be­steht im RegierungSlager die Absicht, radikale Mittel anzuwcnden, um die Lage zu meistern und zwar durch

Schaffung eines Kabinetts der starken Hand unter Führung PilsudSkis. Weiter wird die Auflösung des Sejm, die Erneuerung der Verfassung und eine Politik aus neuer Grundlage gefordert: jedoch sei Marschall Pil­sudski so weitgehenden Bestrebungen angeblich , abhold. Ein Blatt vermutet, daß diese Mit­teilung der Ost-Agentur durch die sogenannte Oberste Gruppe ausgegeben worden ist.

Wahlkniffe -er Faschisten

Aufmarsch für Mussolini am nächsten Sonntag.

Rom, 19. März. (Eigener Drahtbericht.) Ter Wahlkampf für die Kammerwahlen am nächsten Sonntag besteht lediglich in einer offi­ziellen Werbetätigkeit dafür, daß am 24. März möglichst viele Wähler an die Urne treten Mn für die Liste der 400 Regierungskandidaten zu stimmen. Alle Kandidaten Haven sich zwecks Propaganda in ihre Heimatbcizrke begeben. Auch die Leitartikel der Blätter würdigen fast nur die Leistungen deS faschistischen Regimes auf politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet. Dadurch, daß der zehnte Jahrestag der Gründung der italienischen Fasci auf den Vorabend deS WahlsonntogS fällt, bietet sich für die Regierung ein willkommener Anlatz, der Wahlpropaganda durch festliche Ver- anstaltungen großen Stiles einen beson­ders wirkungsvollen Abschluß zu geben. Die Zentralsitzung der Katholischen Aktion unter dem päpstlichen Unterstaatssekretär ließ sämt­liche Katholiken daran erinnern, daß sie ihrer Wahlpslichtzugenügen haben, um den Lateranverträgen in der Kammer zur Annahme zu verhelfen.

Alle Heere mechanisiert

Jetzt macht auch Amerika bei der Infanterie den Anfang.

London, 19. März. Das amerikanische Kriegsministerium hat jetzt beschlossen, die Me- chanisterung des amerikanischen Heeres mit Nachdruck durchzusühren. Zunächst wird das Infanterieregiment Im Staate Virginia mit den modernsten Ueberland-, Motoren-, Gerä­ten. und Transportmitteln ausgerüstet werden und aus Grund dieser Erfahrungen wird dann die Mechanisierung der übrigen Heeres- teile erfolgen.

Wechsel der Jhrlchowedr-Kommanbeure

Berlin, 19. März. (Funkspruch.) Der Ge­neral von Tschischwitz, Oberbefehlshaber bei Gruppenkommandos 1, scheidet mit dem 31. März mit der Berechtigung zum Tragen der Uniform aus dem Heeresdienste aus. Als Nach­folger wurde der Befehlshaber tm Wehrkreis 3, Generalleutnant Hasse, zum Oberbefehls­haber der Gruppe 1 ernannt.

Kellogg kommt nach Europa

Washington, 19. März. (Funkdienst.) Staats­sekretär Kellogg plant eine europäische Reise, die er einige Zeit nach der Amisübertragung an seinen Nachfolger, Henry Stirnson, antre­ten will.

Tluch Vatter Silben steM sich ein

Paris, 19. März. (Eig. Drahtbertcht.) Der GeneralzahlungSagent Parker Gilbe« ist ge­stern aus Berlin kommend hier einfletroffen.

London, 19. März. Ein diplomatischer Korre­spondent schreibt: Sogar amtliche Kreise in London sind schmerzlich überrascht über die französischen Forderungen im Sachverständigen- aussckmtz, die auf folgendes hinauslaufen: 1. Eine Milliarde Mark der abgränderten deut- schen Annuftät soll für die Dauer von sieben- unddreitzig Jahren ausschließlich zur Entschädigung für die zerstörten Ge­biete bestimmt werden. 2. Dieser Teil der Annuität, an dem das britische Reich keinen Anteil haben soll, würde Zahlungsprio- rität, das heißt, Transserpriorität gegen­über dem anderen Teil gewinnen. Dieser andere Teil soll für ben Dienst der alliierten Kriegs­schulden an die Bereinigten Staaten unter Be­teiligung Englands dienen. 3. Auch bezüglich seiner Schuld an Amerika würde Grotzbritan- nien aufgefordert werden, auf die Zahlung der Annuitäten zu verzichten, die es an Washington geleistet habe, bevor es an fing, die ihm von Frankreich, Italien usw. geschuldeten Gelder einzuziehen. Dies würde einen Ver­lust von rund 190 Millionen Psund Sterling bedeuten. 4. Pom britischen Geld­markt würde Beteiligung an der Kommerziali­sierung erwartet werden, aber die Ergebnisse dieser Anleihe würden nahezu auSschlietz- lich Frankreich zu Gute kommen. Bel- gien, Serbien und eventuell Italien würbet; verhältnismäßig unbedeutende Beträge erhal­len, und Großbritannien gar nichts. Die Zu­stimmung zur Priorität der Zahlungen für die zerstörten Gebiete hätten bisher vier britische Regierungen abgelehnt. Es frage sich, ob die amerikanischen Delegierten die französischen Forderungen unterstützen wollen.

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Auch die Frontkämpfer mischen sich ein

Paris. 19. März. (Eig. Drahtbericht. In einer Kundgebung der Frontkämpferverhände wurden die Kriegsschuldenabkcmmen mit Washington und London als eine 62 Jahre

lange Knechtschaft deS siegreichen Frankreich bezeichnet, das geblutet habe, um der Welt den Frieden zu erhalten (!) Die Versammlungs­teilnehmer würden sich jeder Regelung wider­setzen, die nicht aus folgenden Grundsätzen auf- gebaut sei: Die Regelung der Kriegsschulden sei ein internationales Problem, das von allen Nationen im Geist der Eintracht, der Ge­rechtigkeit und des Friedens ins Auge gefaßt werden müsse. Frankreich, das bereits alle nur möglichen Konzessionen gemacht habe, werde und hülfe für die Regelung der Gläubigeran- sprüche nur die Summen verwenden, p i« von Deutschland (!) gefordert und von diesem nach gerechter Begleichung der Reparationen auch gezahlt würden.

Das kritische Stadium beginnt

London, 19. März. (Eig. Drahtbericht) Nach einer Meldung aus Paris werde man sich jetzt über die Annuitäten und Zahlungs­bedingungen einigen müssen. Mit der Rück- kehr Schachts nach Paris werde die kritische Phase der Konferenz beginnen. Allerdings sei kaum wahrscheinlich, daß es vor Ostern eine endgültige Vereinbarung geben könne.

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Mindestsumme: Fünfzig Milliarden

Paris, 19. Mürz. (Eig. Drahtbericht.) Einem Blatt zufolge hat die Reparationskon- screnz nunmehr die Besprechungen über L e Höhe der Reparationszahlungen begonnen, Das Verfahren sei folgendes: Owen D. Young werde zunächst weiter mit den Hauvt- delegierten beraten. Alsdann werde er die Forderungen der Gläubiger addieren, und sich mit Dr. Schacht in Verbindung setzen. Der Pariser Bank-Gouverneur Morecm habe Owen D. Young daraus hingewiesen, daß die öffent­liche Meinung Frankreichs es ab lehnen würde, unter 50 Milliarden Francs herunter- zugeyen.

Einzug der Kronprinzenbraut

Frühjahrs- und Fefistimrnung in Oslo.

Oslo, 19. März. (Durch Funkspruch) Arn Donnerstag findet die kirchliche Trauung des Kronprinzen Olaf von Norwegen mit der Prinzessin Märta von Schweden statt. BereiiS jetzt aber ist Oslo in Festsiimmung, zumal eS 700 Jahre her ist, seit der letzte norwegische Kronprinz geheiratet hat. Auch der Frühling hält jetzt Einkehr. Die Ausschmückung der Itadt ist bereits beendet. Die Straßen sind von Flaggenmasten eingefaßt, von denen Fah­nen wehen. Große Menschenmengen füllen bi« Straße», um die Frühjahrssonne zu genießen. Heute vormittag hält Prinzessin Märta ihren Einzug in Oslo. Gestern abend verließ das Brautpaar mit den Eltern der Braut Sivwe- den. Als Vertreter des dänischen Königs tref­fen Prinz Waldemar von Dänentark u. Prlnz Georg von Griechenland ein. Der Sonderzug mit der Braut, deren Eltern und einen ganzen Stab von Prinzen und Prinzessinnen trifft um 11 Uhr 20 vormittags ein. Am Nachmittag wird Oslo das Brautpaar auf einer Rund­fahrt durch die Stadl zu sehen bekommen,

Kein AnschlritzBramrschrveigs

Abgelehnte Vorschläge von rechts.

Braunschweig, 19. März. (Privatielegr) Im HauShaltsauSschuß des Braunschweiger Landtages wurde gestern bei der Debatte über Derwaltungsreform der Antrag der Deutsch- nationalen, sofort in Nnschlußverhandlungen mit Preußen einzutreten, von der Linken a b - gelehnt. Dem gleichen Schicksal verfiel der andere Antrag, Braunschweig solle Reichs - l a n d werden. Dagegen wurde vom Ausschuß der Antrag der Deutschen Bolkspartei einstim mifl angenommen, das Staatsministerium A» beauftragen, die im Reich seit Jahresfrist an gebahnten Bestrebungen aus eine Neurege­

lung des Staatsrechtlichen Berhältniffes zwi­schen Reick u. Ländern nachdrücklich zu fördern

Einspruch gegen das Femeutteil.

Stettin, 19. März. (Privattelegramm.) Im Feme-Prozeß Heines hat der Staatsan­walt Revision beantragt, sowohl in Bezug auf Heines, Öttow, Fraevcl und Baer, die zu @e. sängnisstrasen verurteilt worden sind, als auch bezüglich der Freigesprochenen. Die «ngeklag- ten Heine, Ottow, Baer haben gleichfalls Re­vision gegen das Urteil beantragt.

Braun auf Urlaub In der Schweiz.

Berlin, 19. März. (Durch Funkspruch.) Der Preußische Ministerpräsident ist gestern nach Ascona abgereist. Er plant, sich meh­rer Wochen zur Erholung in der Schwei« auszuhalten.

chraf Stolberg Im Schloß ermordet.

Liegnitz, 19. März. (Privattelegramm.) Di« Polizeistelle teilt mit: In Jannowitz, Rretl Schönau, ist der Graf zu Stolberg- 'Wernigerode heute vormittag in seinem Schlosse ermordet aufgefunden worden. Raub­mord liegt anscheinend nicht vor. Die Mordkommission hat sich an den Tatort begeben. Weitere Nachrichten fehlen noch.

Ein Sackeizug für Tirpitz

Berlin, 19. März. " (gunftdeatamm). Der Landesverband der Marine-Vereinigungen Bayerns ehrte den Großadmiral gestern zum 80. Geburtstag in Verbindung mit dem Stahl­helm, den vaterländischen Verbänden durch einen Fackelzug mir Zapfenstreich. Ein So» derzug brachte die Teilnehmer, etwa 1000 au