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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Nummer 65 Einzelpreis: Wochentags-10 Mennig. Sonntag, 17» MLrz 1929 Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang

Poineare erzwingt das Vertrauen

Zreun-lichere" Atmosphäre in Paris Der Herzogsbesuch ein AnnSherungszeichen?

Alles will sparen

Notetat und Rcgierungsschicksal.

Fast könnte man sich freuen, daß auch von den Volksbeglückern im Parlament wieder ein­mal verantwortungsbewußte und rationelle Wirtschafts, und Staatspolitik getrieben wird, wenn auch die Parteiagitatoren sich jetzt in Sparsamkeits-Purzelbäumen überbieten, eben« fo wie sie sonst bei jeder Gelegenheilskonjunk­tur sich mit unerfüllbaren Millionenanträgen den gaffenden, ungläubigen politischen Messe-. Bummlern zur Schau stellten Plötzlich haben die Etatspezialisten ihr kreuzbraves Herz und ihre eisklare Vernunft wieder entdeckt und streichen an der mühsam von Kabinett und Reichsrat zusammengestutzten und gezimmerten Sraatsschatulle herum, daß die Späne fliegen Dem geschmeidigen Finanzoperateur Hilferdtng, dem es vielleicht im Aerztekittel früher wohler war als in der Finanzministerhaut unter dem Schüttelfrost des Milliarden-Desizits, kann man freilich keinen größeren Liebesdienst erweisen, als daß man ihm zunächst wenigstens die recht unpopulären 165 Biersteuer.Millio. wen etnsparen hilft, die ihn um den letz­ten Rest der bajuvarischen Sympathien brach­ten und mit der drohenden Ministerflucht Schätzels fast den Bestand des Kabinetts in Frage gestellt hätten.

Mit diefer mehr aus Not als aus fugend geborenen Gefügigkeit hoffen freilich Httserdivg und die Seinen ein zweites und einträglicheres Geschäft zu machen, wenn gleich nach Ostern und der ausgiebigen, natürlichwohlverdien­ten" Regierungs- und Parlamentspause der Kuhhandel um die Ministersitze und das Bör- sensieber um die Regierungsaktien wieder akut werden. Hat man erst einmal den Notetal un­ter Fortfall der Biersteuer mit Unterstützung der bayrischen Volkspartei durchgebracht, so möchte man die zwangsweise so zusammenge- kyotete Weimarer Koalition (256 von 491 Retchstagsstimmen) nicht wieder ausein­anderlaufen lassen, sondern aus dieser bitter­süßen Vernunstebe weiteres Kapital schlagen. Durch den Korb der spröden Volksparteischön­nen, die sich gegen Hilferdings Steuerbukett schmollend verschloß, ist man klug geworden. Müller-SeveringL Getreue haben eingesehen, daß mit Prinzipienreitern vom Schlage Scholz-Curtius weder Steuer-, noch Kul­tur-, Rechts- oder andere Gesetze zu machen sind. Ja, man versuchte sogar, die Verstimmung des zugänglicheren Volksparieihaupts Strese- m a n n über die letzte Desavouierung durch den schwerindustriellen Rechtsflügel seiner Par­tei auszunutzen und trug ihm durch ein Ber­liner Demokratenorgan ganz unverhohlen den Uebertritt z urdemokratischen Par- t e i natürlich mit den glänzendsten Aus­sichten an.

Der alte Parteilöwe wird im Frühlings­balsam der Riviera sich behaglich gereckt ooer auch gereizt geknurrt haben angesichts diefer Dompteurkünste, die ihn gern vor den eignen humpelnden Fraktionswagen spannen möchten. Aber was geschieht mit diesem besten Pferd im Stall der Volkspartei, wenn diese selbst vom Rennplatz abtreten muß? Wird der ge­fürchtete Außenseiter auch gegen und über den Parteiklüngel hinweg der Gesamtheit sich zur Verfügung stellen, die den Vielumworbenen und Geschmähten zur Zeit allein die Liqut- datwn des Locarno- und Weltkriegsgeschäfts überhaupt zutraut? Und würde der Rückzug der Volkspartei im Reich nicht auch die Auf­lösung oder den Abbau in Preußen bedeuten? Fühlt das Zentrum sich stark genug, fast allein vor dem Bürgertum die Verantwor­tung für die Gestaltung der Zukunft zu über­nehmen? Nach wenigen belustigenden Katzbal­gereien werden die Parteien den Notetat passieren lassen müflen, wenn die Reichskafle am 1. April, in der bis jetzt noch etwa eine Milliarde fehlt, überhaupt zahlungsunfähig bleiben soll. Das eigentliche Notexamen für die Regierungsfähigkeit des Parlamentarismus überhaupt setzt dann ersi spät nach Ostern ein, und zwar zugleich mit dem letzten Pariser Handicap um die deutschen Tribut- und Blut­zinsen, die heute noch immer als Phantafle- summen in den Häuptern der Alliierten spuken.

Da hat der Meister der Regiekünste Poincars gegenüber seiner Oppositionsmeute wahrlich einen leichteren Stand. Der starke Mann ist einfach vorläufig garnicht aus dem Sattel zu heben. Ob er die Zulassung religiöser Orden gegen die geschloßene Front der Linken durch­setzt, ob er ihren Entrüstungsstürmen gegen die

Freundfchaftswinke aus England

Die Verwandten des Königs als Gäste Berlins

London. 16. März. (Eig. Drahtberichl.) Die Londoner Blätter nahmen den kurzen Besuch deS Herzogs und der Herzogin von ?)ork in Berlin freundlich auf. Es handele sich um den ersten Besuch eines Mitgliedes des englischen Königshauses seit dem Krieg in Deutschlands und es sei heute ebenso natür lich, wenn ein englischer Prinz in Deutsch- land eine» Besuch abftatte, als wenn dies in Paris oder R e w y o r k geschehe. Eine en- «erc englisch-deutsche Freundschaft, in der keine Herabsetzung der englisch-französischen oder der englisch-amerikanisllicn Beziehungen zu se­hen sei, würde einen F o r t s ch r it t für dir Zivilisation und für Europa bedeuten.

Der alte HerzensbunH

London-Paris sollen den Frieden verbürgen.

London, 16. März, (Eigene Trabtmeldung.) Im Rahmen einer Artikelsreie über das Thema

Der nächste Krieg" sag' der bekannte franzö­sische Publizist Pertinax, daß heute in Europa mehr denn je vom Krieg gesprochen werde. Der Völkerbund sei nicht in der Lage, den Frie­den zu erhalten, ebensowenig könne der Frie­den durch den Kellogpatt oder durch Locarnover­träge gesichert werden. Die einzig mögliche Si­cherheit für den Frieden 'n den nächsten 50 Jahren liege im Abschluß eines starken franzö­sisch-britischen Bündnisses.

Sin Bond mit litau'fchen Derttügen

Berlin, 16. März.(Funkdienst.) Dem Reichs­tag wurde ein stattlicher Band mit den deutsch­litauischen Verträgen vorgelegt. Es handelt sich um einen Schiedsgerichts- und Vergleichs­vertrag, ein Grenzabkommen, eines über die Fischerei, einen Konsularvertrag »sw- Das Werk wird am Montag beraten.

Das Soldatensterben am Rhein

Poineare-Painleve werfen den Parlamentssturm nieder.

Der Sturm abgeschlagen

Poincares Sieg in der Nachtsitzung.

Paris, 16. März. (Eig. Drahtbericht.) In der Rachtsitzung wurde eine Tagesord- nung Poincares angenommen, die den Soldaten die Teilnahme bezeugt, Fürsorge für die Familien ugp gerechtfertigten Maßregeln ordert, um die Gesundheit der französischen Truppen mit allen möglichen Mitteln zu schüt-

PariS, 16. März. (Eigene Drahtmeldung.) Bei der Kammerdebatte über die Soldatensterv- lichkeit in der Rheinarmee führte Barths (Soz.) aus: In Soldatenbrieken wird geklagt, daß die Ernährung und Bekleidung und Heizung unge­nügend waren. In den Schlafräumen sei die Heizung so schlecht, daß die Soldaten sich voll bekleidet ins Bett legten. Beim Drill seien die Offiziere mit unerhörter Härte vorgegangen. Der Redner führt Uebunge i int Trikot und Strammstehen bei 15 Grad Kälte, ungeheizte Krankensäle usw an. Durch gebrauchte Bett­tücher habe man auch Gesunde angesteckt. Ein Soldat sei zu sechs Monaten Gefängnis ver­urteilt worden, weil er beim Posienstehcn das Gewehr abstellte, um sich die halb erfrorenen Hände in der Tasche zu wärmen. In Trier sei zur Zeit, als gerade vierzig Soldaten gestorben waren ein

Maskenball der Offiziere

veranstaltet worden unter der Devise: »Ganz Trier lacht". Den Kranken seien nie heiße Ge­tränke verabreicht worden, sondern immer nur eiskaltes Wasser. Es habe durchweg an Medi­kamenten gefehlt. Der Redner forderte scharfe Sanktionen gegen die Verantwortlichen. Ca- chim (Kommunist) betonte, der Hauptverant­wortliche sei der Kri,egsministe r. Bei der Untersuchung sei alles vertuscht worden. Die Hauptursache der Todesfälle fei die Unter- ernährung. Man sorge mehr für die Pferde, weil diese Geld kosteten, als für die Menschen, die nichts kosteten. Fünfzehn Soldaten feien nach einem Manöver bei zwanzig Grad Kälte gestorben. Abg. Robert gibt an, man habe den Truppen erfrorene Kartoffeln und Rüben als Ernährung gegeben. In einer Batterie fei während zwei Taßen fein Brot verteilt worden. Die Schlafsäle seien oft tagelang nicht geheizt worden.

zen. Um drei Uhr früh wurde nach westerer Aussprache die einfache Tagesordnung, gegen die die Regierung die Bertranensfrage gestellt hatte, mit 308 gegen 262 Stimmen ab ge­lehnt. Die Tagesordnung Seapini-Poincare wurde dann mit 314 gegen 236 Stimmen an­genommen. Abg. R o l l i n (Lintsrepublika- ners hatte noch erklärt, die Söhne Frankreichs feien nicht mit der notwendigen Sorgfalt und Menschlichkeit behandelt worden, die man von den verantwortlichen Führern hätte erwarten muffen, was Kriegsminister Painleve bestritt, indem er ausführie: Er habe fofort einen Ge neralinfpekleur bei Auftreten der Grippe an den Rhein entsandt. Allerdings sei das Sa­nitätspersonal unzureichend und wegen der auch in Jnnerfranlreich herrschenden Grippe­erkrankungen habe man nicht die notwendigen Zivilpersonen rekrutieren können. Die festge- stellten Einzelfälle seien übertrieben. Der

Kommandant von Trier werde bestraft werden. Die in der Epidemiezeit vorgenom­menen Uebungen trotz großer Kälte usw. wür­den Strafe für die Verantwortlichen nach sich ziehen, ebenfalls die unzureichende Versorgung mit Kohlen. Die Familien der Opfer würden durch Pensionen entschädigt werden. Aög. Dorio t (Komm.) erwähnte noch: Es seien Sol­daten zu insgesamt 495 Jahren verurteilt, weil sie für bessere Lebensbedingungen ge kämpft hätten.

Die Faust -es Diktators

Strenge Studentenmatzregelungech

Madrid, 16. März. (Eig. Drahtberich!.) Auf Beschluß des Kabinettsrats sollen die zuständigen Minister gegen die Studenten der Universität und der Spezialschulen, die an den Unruhen der letzten Tage schuld sind und gegen die Dekane und Professoren, die die Ordnung nicht aufrecht zu erhalten verstanden, die er forderlichen Maßnahmen ergreifen. Gegen die Studenten fallen strenge Haftstrafen verhängt werden und die Väter der unter 18 Jahre ab ten Studenten sollen mit Geldstrafen belegt merben. Alle übrigen Studenten der Univer- sität und der anderen Hochschulen, deren Familien in der Provinz wohnen, sollen sofort nach Hause zurückkehren, da die Universität und di- anderen Hochschulen für längere Zeit ge- schlossen bleiben. Der gestrige Tag und die heutige Nacht sind ruhig verlaufen.

Soldatenschinderei und das Massensterben in den Rheinkasernen beschwört: Jeder Parla­mentsdonner verstummt, wenn er die Ver­trauensfrage stellt. Der gewiegte Staatsmann nützt geschickt die schwierige Situation des Re- parations« und Schulden-Endkampfes aus, um eine Unersetzbarkeit sich immer wieder beschei­nigen zu lassen. Und selbst die oft bewährte Abnützungstheorie wird an seiner Schwarz­kunst zuschande. F. R.

Dorgriffe auf den Haushalt 1929

Berlin, 16. März. (Funkdienst.) Dem Haushalisausschutz lag heute zum Notetat vom

Finanzminister eine Zusammenstellung von insgesamt 144 Positionen im Betrage von über 100 Millionen vor, in denen er die Ermächti- 0ung zu Vorgriffen auf den Haus- halt 1929 erbittet. Es handelt sich nach den Erläuterungen eines Regierungsvcrtreters na­mentlich um die Fortführung bereits begönne, ner Bauten. Die Regierung erklärt sich damit einverstanden, datz zunächst der Notetat beschleu­nigt verabschiedet und dann erst diese Zusam­menstellung beraten werde.

Eine Zumutung

Halbamtliche Phantastische Jahreszifsern.

Paris, 16. März. (Eig. Drahtbericht.) M- gen der glücklichen Tendenz und günstigen At­mosphäre zwischen de« Delegierten darf man annehmen, wie halbamtlich verlautet, daß sehr bald die Frage der Höhe und der Anzahl der Annuitäten der deutschen Schuld in Angriff genommen werden. Uebrigens scheint man geneigt zu fein, die Annuitäten in zwei Teile zu teilen. Der eine, der bedingt sein würde, könnte mit 900 Millionen Rm. beginnen, um während einer Periode von 58 Jahren 1700 Millionen Reichsmark jährlich zu errei­chen (!) womit die Kriegsschulden bezahlt wä­ren. Der andere Teil für die Reparationen würde sich auf eine Milliarde Rm. belaufen, könnte aber schneller in Form einer Anleihe mobilisiert werden. Dieser Annuitäten­teil würde aus diese Weise ziemlich schnell abgetragen sein, während der andere bedingte sich progressiv erhöben würde.

Der durch ein Transfer-Moratorium ge« schützte Teil der Zahlungen würde zur Beglei- chung der interalliierten Schulden verwendet werden. Die Bank für internationale Zahlun­gen, die diese Summe von Deutschland erhal­ten würde, würde sie den Vereinigten Staaten gutschreiben, was eine ban'- mäßige Verschmelzung der deutschen und de alliierten Schulden ermöglichen würde. Jh»e Zahlungen würden progressiv gestaffelt wer­den tn einem Zeitraum von 58 Jahren ent­sprechend den alliierten Schuldenabkommen mit .Washington.

London, 16. März. (Eigene Drahtmeldung.) Ein Blatt meldet aus Paris, in Sachverständi­genkreisen besteht ein Gefühl des Optimismus. Es bestehe güter Grund zu der Hoffnung, daß die Organisation der Reparationsbank vor O st e r n vollkommen entworfen und daß da- "t das Stadium erreicht fein wird, die ent - scheidende Frage der Höhe und der Zahl der deutschen Annuitäten zu erwägen.

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Die variier »reffe hat die gleichen Mansche

Paris, 16. März. (Eig. Drahtberichl.) Die Presse spricht nach der Rückkehr Schachts von einer Entspannung. Die Lösung gehe dahin, daß die deutschen Zahlungen ohne Transfer- schütz dazu dienen sollen,Wiederausbauausgaoen der Alliierten besonders Frankreichs zu decken. Dieser Teil soll mobilisiert und das Kapital den in Frage kommenden Mächten innerhalb eines Jahres überwiesen werden. Die Amor­tisierung dieser privatisierten Schulden soll sich auf 37 Jahre (die Dauer der Dawesverpslich- tungen) erstrecken und mit den Zinsen etwa eine Jahreszahlung von eineinhalb Milliarden Goldmark ausmachen.

Paris, 16. März. Das in der geplanten Bank für internationale Zahlungen einznlegcnde Ka- pital soll verhältnismäßig niedrig sein und etwa 250 Millionen Dollar betragen. Die Bank wird einem Blatte zufolge, auf G 0 ldbasts operie­ren, wobei aber bisher noch nicht feststeht, wel­cher Goldstand zugrunde gelegt werden soll.

Lieber tot als unglücklich

Furchtbare Bluttat eines Bakers.

Leipzig, 16. März. (Privattelegramm.) Heute früh ereignete sich in Leipzig-Lindenau eine furchtbare Bluttat. Ein Handwerker durch- schnitt seinen drei Kindern im Alter von 14, 13 und 9 Jahren und sich selbst die Kehle. Alle Personen find tot.

Leipzig, 16. März. (Privattelearamm.) Bon der Kriminalpolizei wird noch mttgetettt: Der Täter ist der verwitwete Werkmeister F. Meyer der offenbar in einem Zustand geistiger Um­nachtung gehandelt hat. Darauf läßt vor allem schließen, daß er in einem feinem Bater hin- terlassenen Brief« mitteilt, er habe das Leben satt. Er fürchte geistig krank zn werden und wolle sich und anderen nicht zur Last sal- len. Bor allem wolle er seinen Kinoern das unerträgliche Leben auf dieser Welk ersparen. Außerdem hatte er geäußert, er würde in sei. nem Leben eine Aenderung eintreten lassen. Gr hatte sich kurz vor der Tat ein neues- chcnmeffer besorgt, das er bei dem grauen« vollen Mord benutzt hat. Die Wirtschafterin Meyers war heute früh in der Küche beschäf- tigt und hatte das Schreien eines der Kinder gehört, ober kein Gewicht darauf gelegt, in der Annahme, die Kinder hätten miteinander gescherzt. Als sie dann doch da« schlafjsimmer betrat, fand sie Meyer und die dkei Kinder in ihrem Blute tot auf.