Freitag, 15. Marz 1929
Nummer 63 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19, Jahrgang
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Kasseler Neueste Nachrichtm
Hessische Abendzeitung
Hilferdings Reichstag-Appell
Defizit unö Notetat — Abfall von primo -e Rivera — Vordem Schlußakt in Mexiko
Kaffeler Abendzeitung
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Bis Mitte April
Schwierige Entscheidungen über die Europabank.
Paris, 14. März. (Eig. Drahtbericht.) Einem Blatt zufolge ist der Gedanke der Gründung einer Kapitalbank nicht mehr aufzuhalten. Die Verhandlungen werden bis Mitt« April dauern. Es seien noch folgende Fragen zu prüfen. 1. Soll das Kapital durch private Zeichnungen, durch Zahlungen der Regierungen »der der Notenbanken aufgemacht werden? L Welches soll die Beteiligung Deutschlands in Aktienkapital sein? 3. In Welcher Währung soll das Aktienkapital ausgedrückt werden. Ein Blatt spricht sich gegen die Errichtung der Bank in Holland und der Schweiz aus, weil beide Länder zu stark in der deutschen Hochfinanz gefangen (!) seien und schlagt Brüssel vor.
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Sauerwein will Berlin überzeugen
Paris, 14. März. (Eigene Drahtmeld.) Sauerwein sucht in einem längeren Artikel Deutschland zu überreden, der Bank für Inter» nationale Zahlungen zuzustimmen. Es handele sich nicht mehr darum, eine mehr oder weniger große Zahl von Milliarden aus Deutschland herauszuholen; es könnte aber, wenn es allein dastände, Rückschläge spüren. Die internationale Bank werde das Gleichgewicht der Währungen sichern, trotz des umfangreichen Transfers von einem Land in das andere. Deutschlands Industrie, Landwirtschaft und Handel könnten sich das Kapital für die Ausbeutung ihrer Untern eh mung en beschaffen, ohne sich selbst durch wucherische Zinsen zu ruinieren.
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Englands Transportarbeiter stehen uns bei
London, 14. März. (Eigener Drahtbericht.) Der britische Transportarbeiterverband äußert sich in einem Schreiben an die parlamentarischen Führer: Die Reparationsregelung dürfe nicht einem bestimmten Teil des deutschen Volkes besondere Lasten auferlegen. So sei es unzulässig, daß die deutschen Eisenbahner im Vergleich zu anderen Schichten des deutschen Volkes noch besonders benachteiligt werden. Werde doch von diesen bittere Klage darüber geführt, daß die Folgeerscheinung des Dawesplanes ihnen viele ihrer Rechte genommen würden, daß ihre Lebensbedingungen verschlechtert und ihre Aufsichten aus Vorwärtskommen beschränkt worden seien.
Der Diktator in Nöten
Die neuen Steuer-Millionen
Falsche Jnflalionsgerüchie. — Keine Ausgaben ohne Deckung. Zuerst der Notetat.
Die heutige Haushaltsberatung im Reichstag leitet Reichsfinanzminister Dr. Hilferding ein. Der Etat für 1929 soll völlige Klarheit über die finanzielle Lage des Reiches schaffen. Es sei zwar gelungen, das Defizit des außerordentlichen Haushaltes von rund einer Milliarde zu senken, es betrage aber noch immer 738 Millionen. Eine Deckung durch langfristige Anleihen sei unmöglich. Nie Kassenlage habe sich verschlechtert, nicht zuletzt wegen der großen Arbeitslosigkeit. Die
Situation ist zweifellos ernst.
Aber es gehört schon ein Teil verantwortungsloser Böswilligkeit oder völliger Unkenntnis der Lage dazu, diese Gelegnheit zu benutzen, um das Schreckbild der Inflation an die Wand zu malen. Es handelt sich nicht um eine Schuldenwirtschaft des Reiches, sondern nur um einen vorübergehenden Mangel an Kassenmltteln. Er habe Maßnahmen vorgeschlagen, um in Zukunft zu erreichen, daß keine außerordentlichen Haushaltungs- ausgaben ohne tatsächliche Deckung vorgenommen würden. Angesichts de» Parier Verhandlungen könne er auf die Reparationsfrage nicht eingehen. Die Persönlichkeit unserer Sachverständigen bürg: dafür, daß kein Gesichtspunkt unbeachtet bleibt, au, dessen Berücksichtigung Deutschland berechttg- ten Ansvruch erheben könne. Die Regierung werde sich den v o l l e n E r n st einer freiwillig geleisteten Unterschrift für die Zukunft des Volkes vor Augen halten.
Das Gleichgewicht im Haushalt sei aufrecht zu erhalten. Ein Defizit habe er unter allen Umständen vermeiden wollen. Steuererhöhungen müßten angesichts der vorhandenen Steuerlasten und der niedergehenden Konjunktur nach Möglichkeit vermieden werden. Es müsse daher in erster Linie der Weg der Sparsamkeit beschritten werden. Die Regierung ist grundsätzlich bereit,
weitere Streichungen zu unterstützen.
Der Minister bespricht dann die Deckungsvorlagen. Die Kürzung der Steuerüberweisungen der Länder und der Gemeinden sei angesichts des Zwanges der Reparationslasten gerechtfertigt. Auch verbleibe den Ländern und Gemeinden eine Gesamtsumme, die die
Ueberweisungen von 1928 noch übersteige. Trotzdem seien Steuererhöhungen von insgesamt 379 Millionen ersorderlich. Das Schwergewicht solle auf die Alkoholsteuer gelegt werden. Die von den Ländern geltend gemachten Ansprüche gegen das Reich feien im Wege des Ausgleiches zu lösen. Die verspätete Einbringung des Etats sei eine Folge der politischen Verhältnisse. Die Regierung habe deshalb einen Notetat eingebracht. Die letzte
Verantwortung liege beim Reichstag und bei den Parteien.
Diese Verantwortung trage vor allem die Opposition. An dieses Verantwortungsbewußtsein appelliere er heute. Er richte die Mahnung an den Reichstag, in gemeinsamer Arbeit die Schwierigkeiten zu überwinden.
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Der Reichstag will sparen
Biersteuer vielleicht überflüssig. Das Linksziel
Berlin, 14. März. (Eig. Informationsdienst.) Bis zum Freitag nächster Woche sollen der Nachtragsetat für 1928 und der Notetat für 1929 verabschiedet und die erste Lesung des Haushalts für 1929 erledigt sein. In dem am 17. April beginnenden und biS tief in den Sommer sich hinziehenden Ta- ksungsabfchnitt wird dann die Entscheidung über Deckung des Defizits fallen.
Ebenso wie die deutsche Volkspartei fordern jetzt auch die Demokraten, daß durch Ersparnisse und durch Reformen der Versuch gemacht wird, starke Erhöhungen zu vermeiden. Die Sozialdemokraten wollen durch Abstriche etwa hundert Millionen ersparen und dadurch die Biersteuer überflüssig machen. Es soll einerseits eine Belastung der Massen vermieden n. andererseits ein Verbleiben der bayerischen Bolks- partei in der Regierung ermöglicht werden. Auch die Sozialdemokraten lassen heute deutlich die Absicht erkennen, die deutsche Volkspartei aus der künftigen
Regierungs-Koalition auszuschließen. und diese aus den Weimarer Parteien aufzubauen, wobei man dann auf die Bayern nicht verzichten könnte.
MM aus unsere Kolonien
Befürchtungen der deutschen Ostafrikaner. — Englands Aktion bis nach den Wahlen verschoben.
Professoren und Bürger für die Studenten.
Paris, 14. März. (Eigene Drahtmeldung.) Nach einem Bericht von der spanischen Grenze haben sich die spanischen Univerfitätsprofefforen mit der oppositionellen Haltnng der Studenten vollständig solidarisch erklärt. Ebenso erfreuten sich die Studenten der Sympathie und Billigung des überwiegenden Teiles der öffent- lichen Meinung. Alle Lichtspielhäuser mußten die Vorführung von Bildern, ans denen Primo de Rivera zu sehen war, einstellen, da es zu Protestkundgebungen kam. Tie Regierung könne mit Sicherheit höchstens über die Polizei und einen Teil der Gendarmerie verfügen. Das Heer verhält sich abwartend.
Vor LerGntscheidungsschlacht
Gefangene und Standrecht in Mexiko.
Meriko, 14. März. (Eig. Drahibericht.) 4000 Rebellen, die aus Saltillo geflohen waren, sind von den Regierungstruppen gefangen genommen worden. Zwischen den Städten Ealtillo und Torreon ift es zwischen den Bortruppen der Gegner zu Scharmützeln gekommen, die sich zu einer für den Ausgang des Ausstandes entscheidenden Schlacht entwickeln können. Beim Vormarsch der Regierungstruppen kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Truppen der Aufständischen 14 Aufständische find gefallen. Sieben wurden zu Gefangenen gemacht und standrechtlicki erschossen. Eine Bewegung zur Rücker- ^berung von Nogales ift eingeleitet. Bus Monterey wird gemeldet, daß die Truppen der Aufständischen, die zum Teil einen fluchtartigen Rückzug angetreten habe, aus Mangel an Heizmaterial genötigt find, die Truppen- züge, die auf offener Strecke liegen bleiben, zu verlassen.
London, 14. März. Im Oberhaus äußene sich Lord Lugard zu dem Bericht über bie engere Verbindung zwischen britisch Ost- und Zentralafrika, daß die einzig dauernde Losung des Problems die Schaffung einer abae- sonderlen weißen Niederlassung sei, die schließlich autonom werden könne,wahrend die übrigen Gebiete getrennt nach dem Vorbild des südafrikanischen Protektorats verwaltet werden könnten. Der Arbeitervertreter forderte Einhaltung der reinen Treuhänder-Befugnisse. Der Konservative Lord Cranworn bemerkte in Tanganjika seien die offiziellen Kreise gegen den Bericht. Die britischen Ansiedler begrüßten ihn, aber die deutsche Bevölkerung befürchte, daß ihre, wenn auch noch so geringen Aussichten, je wieder eine gesonderte Gemeinschaft unter der deutschen Regierung zu werden, schwinden würden. Der liberale Lord Buckmaster erklärte. die künftige Entwicklung der drei Ge
biete könne sich kaum unabhängig von einander vollziehen. Der Regierungsvertreter begrüßte den engeren Zusammenschluß, Kenya, Tanganjika und Nganda. Das Oberhaus könne noch keine endgültige Erklärung über die Politik der Regierung erwarten, diese werde die Fragen weiter erwägen und beabsichtige nicht, irgend eine endgültige Aktion auf die Empfehlungen des Berichtes hin zu unternehmen, bevor man Gelegenheit gehabt habe, die Ansichten der Leute sestzustellen die am n ä ch- sten beteiligt seien, nämlich die verschiedenen Gemeinschaften in Ostastika. Die Regierung prüfe z. Zt. eingehend die Frage, tote die Gemeinschaften in
Ostafrika am besten zu Rate gezogen
werden könnten. Das könne nicht mehr unter dem augenblicklichen Parlament geschehen, sodaß es verfrüht erscheine, einen gemeinsamen Sonderausschuß zu schaffen.
Noch zwei echte Geheimdokumente
Belgiens gestohlener Mobilifierungsplan.
Berlin, 14. März. Ein Linksblatt meldet aus Brüssel: Der Dokumentenfälscher Frank» Heine wurde nochmals vernommen, desgleichen ein General und ein Oberst der belgischen Armee. Die Kriminalpolizei schritt darauf zu einer Haussuchung in der Wohnung der Sekretärin des slämischen Journalisten Hermans. Sie beschlagnahmte verschiedene Dokumente, darunter einen Mobilifierungsplan des bügi- schen HeereS aus dem Generalstabsbüro. Wie er in den Besitz Hermanns gelangt ist, bleibt zunächst rätselhaft. Nach einer anderen Meldung
- Bei der Sekretärin beschlagnahmt.
sollen die geheimen Dokumente aus dem Kriegsministerium gestohlen worden fein.
Paris, 14. März. (Eigene Drahtmeldung.) Wie aus Brüssel gemeldet wird, fallen tatsächlich bei der Sekretärin einer aktivistischen Bereinigung, Peters, in Heyst op den Berg, Dokumente über die Mobilisation des Eisenbahnmaterials und der Eisenbahner entdeckt worden sein. ES handelt fich um offizielle Pläne mit Kartenskizzen und Angaben über die Materialdepots. Fräulein PeierS will diese Do- tomente erhalten haben von dem Journalisten HerrmmaS, (Fortsetzung s, 4, Spaltes
Anzuverläffig
Le Rands Kritik an Polens Armee.
Berlin, 14. März. (Durch Funkspruch.) Unter der Ueberschrift „Geheimbericht über die polnische Armee" teilt die Rote Fahne mit: Es handelt sich um einen militärischen Geheimbericht des französischen Generals Le Rond über die polnische Armee, der sich auf seine eigenen Beobachtungen oder Informationen jener französischen Offiziere stüfttt, die den polnischen Manövern beiwohnten. General Le Rond übt an der Schlagfertigkeit der polnischen Armee scharfe Kritik: Sie ist nicht fähig, in einem Krieg gegen Truppen von der Kraft der russischen oder der deutschen Reichswehr ihren Mann zu stehen, obwohl letztere zahlenmäßig durchaus unterlegen ist. Jede offensive Bewegung gegen russisches Gebiet könnte mit einer Katastrophe enden
Vergessene Opfer
Auch ein Wort zum Sozialetat.
Wir haben jetzt noch 720 000 versorgungsberechtigte Kriegsbeschädigte — eine ganze Armee! Wir haben 370000 Kriegerwitwen. 960 000 Kriegswaisen! Was bedeuten diese Zahlen für eine Welt von Kummer und Schmerzen, für eine Welt hoffnungsloser Entsagung, materieller und ideeller Verarmung des Lebens! Eigentlich ist es schlimm, daß sich die gesund gebliebene Welt so wenig mehr um diese traurige. Welt kümmert, toa< hatte, man sich doch in der Not des Krieges, in der zitternden Angst der Kriegslage alles gegenseitig versprochen! Wie trat auch der Staat großzügig mit seinen Zusagen hervor! Und heute?
Natürlich, nach einem verlorenen Krieg kann der Staat von heute nicht alles halten, was der Staat von damals versprach. Und auch diejenigen, welche den Krieg heil überstanden, haben mit eigenen Sorgen noch genug zu tun, sodaß man sie immerhin entschuldigen kann, wenn sie für die Kriegsopfer nicht mehr all den guten Willen und all die große Opferfreudigkeit haben, wie in jener schwungvollen Stimmung von 1914. Ob nicht aber trotzdem etwas mehr geschehen könnte als geschieht? Ob wir uns doch noch etwas mehr wenigstens daran erinnern sollten, daß diese Welt der Kriegsopfer noch neben uns existiert? Diese Welt von zwei Millionen Menschenkindern, für die der Krieg heute sozusagen noch fortdauert? Die von dem Kriegsschicksal nie mehr wie wir andern loskommen können? Es ist so bequem zu sagen, der Staat muß für sie sorgen. Tut er es wirklich im ausreichenden Maße? Sehen wir uns in den parteipolitischen Kämpfen um den Haushaltsplan diesen auch daraufhin gründlich an, was er für die Welt der Kriegsopfer übrig hat. Wenn wir schon hart sparen müssen, dürfen wir gerade an der Welt der Kriegsopfernoch Abstriche machen? Der „Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen" zählt 420 000 Mitglieder. Müßte aber dieser Bund nicht eigentlich noch größer sein? Sollten sich um ihn nicht auch diejenigen kümmern, die das große Glück haben, für ihre Person aus der Welt des Krieges endgültig herausgekommen zu sein? Das ist die Gefahr der Sozialpolitik unserer Tage, so notwendig und anerkennenswert sie ist, daß sich das Gewissen der Menschen oft zu schnell mit ihr beruhigt. Der Staat macht- ja schon, der R e i ch S b u u d der Kriegsbeschädigten macht es, was brauchen wir uns noch um diese Dinge zu kümmern?
Unser Kriegsgedächtnis wird immer schwächer. Für die vom Kriege Geschädigten wird umgekehrt das Leid von Jahr zu Jahr größer. Wie manche Frau verliert erst jetzt vorzeitig den Mann, der seine Kriegsschäden noch ein paar Jahre hat aushalten können. S'.e hat sich jahrelang gequält, um nun doch den gefürchteten Verlust erleben zu müssen. Wie manche Kriegerwitwe bat fich vor zehn Jahren noch tapfer und kräftig durchschlagen können, die heute auch älter und ärmer geworden ift und den Lebensgefährten desto schmerzlicher entbehrt. Kinder wachsen heran, die gerade jetzt in kritischen Entwicklungsjahren die Hand deS Vaters nötig hätten, der irgend- wo in russischer ober französischer Erde modert. Manchem hat die Kriegszeit eine Krankheit aufgepackt, die er nicht mehr los wird, und deren Last mit den Jahren schwerer und schwerer drückt. Die Versorgungsgerichte sprechen von „Kriegsbeschädigten-Neurose". Aber wer will das in jedem einzelnen Falle wirklich einwandfrei fesistsüen? Wie steht eS auch mit den s e e l i s che n Leiden für die es überhaupt keine Aerzte gibt? Gewiß, eS muß korrekt verfahren werden. Sicherlich gibt es auch