Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Sonntag, 19. März 1929
Nummer 59
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19. Jahrgang
Regierungsruhe bis nach Ostern
Ltresemanns Vorbehalte in Genf — Schicksalsfragen für das deutsche Volk — Nichts von Räumung
Drei Monate Notetat
Das Reich braucht 500 Millionen Kredit. — Doppelvorlage für den Reichstag.
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Entscheidung erst nach Wern
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Wiesen und Beete
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abheben. Wie denn überhaupt den drei großen Kabinetten in Mitteleuropa allgemein nur noch eine Gnadenfrist von Wochen beschieden ist: In England sind die Konservativen unter Bald« win-Chamberlain nach den Maiwahlen abbaureif, in Paris klammert sich der Ränkespinner
bringt. Mögen auch im Cften und Norden nochmals die Schneewehen sich türmen und Eisblumen statt Märzblüten den anstürmenden
blick auf den neuen Hauptetat hat das Reichskabinett beschlossen, diesen Etat in der ursprünglichen Fassung des Kabinetts dem Reichstag neben der vom Reichsrat beschlossenen veränderten Fassung als Doppelvorlage zukommen zu lassen.
PoincarL an den Diktatursessel, auf dem er noch die Reparationsklauseln erbrüten will. Und durch die deutschen Gaue weht zur Stunde und noch lange der aufrüttelnde Tauwind, der im Gestänge des halb gekenterten Regierungsnachens reißt. F. R.
Bis zur Verabschiedung des Rotclats ist die Regierung gesichert. — Auch die Rcparations- lösung eine Schicksalsfrage.
Berlin, 9. März. Der jetzt dem Reichstag überwiesene Notetat sieht laut Rechtsblatt eine Ermächtigung der Reichsregierung für die Dauer von drei Monaten vor, die Einnahmen und Ausgaben nach Maßgabe des bisheri- gen Etat für 1928 zu regeln. Dabei ist die Ein- fchränkung getroffen, daß in der Zeit vom 1. April bis 30. Juni die Gesamtausgaben zunächst den Betrag eines Viertels der Etatsan- sätze für das Gesamtjahr 1928-29 nicht überschreiten dürfen, daß aber auch in den einzelnen Posten die Etatsansätze im Entwurf für den Haushalt des Jahres 1929 nicht überschritten werden sollen. Angesichts der sehr schwierigen Kassenlage des Reiches ist vorgesehen, daß zur Stärkung der Betriebsmittel der Reichshauptkasse zunächst 500 Millionen auf dem Kredit- Wege ausgebracht werden dürfen. Im Hin-
Die Annahme d
Auch bas Zentrum besteht aus Streichungen
Berlin, 9. März. Die Besprechungen des Reichsfinanzministers mit verschiedenen Parteien über den Etat halten sich nur im allgemeinen Rahmen. Im Gegensatz dazu hat die Zentrumspartei den Reichsfinanzminister wissen lassen, daß sie ihn im einzelnen seit Wochen ausgearbeitetes Programm für fühlbare Streichungen an dem Etat als verwirklichungsfähig und notwendig ansehe.
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Genf, 9. März. (Eigener Informationsdienst.) Nachdem heute mittag im Völkerbundsrat der polnische Außenminister Zaleski versichert hatte, daß im Fall Ulitz die Behörden alles Mögliche zur Beschleunigung des Verfahrens unternehmen würden und daß, wie bei gewöhnlichen Verfahren alle gesetzlichen und öffentlichen Garantien für die Behandlung dieses Falles gegeben seien, der sich in keiner Weise gegen die Minderheiten richte, gab Reichsminister Dr. Stresemann folgende Erklärung ab: Er nehme an, daß der Prozeß gegen Ulitz mit Sorgfalt und Schnelligkeit und den nötigen Garantien durchgeführt werde.
„Wenn ein einzelner Fall, wie cs der Fall Ulitz ist, in dieser Weise vor den Völkerbundrat als besonderes Charakteristikum hingestellt worden ist, so stempelt man schon diese Tatsache zu einer Angelegenheit von besonderen politischen Fnterxffen, desrn Bedeutung über den Charakter eines Einrelfalles weit unausgehen. Ich verstehe, daß die Mitglieder des Rates jetzt nicht ohne weiteres in der Lage sind, zu der gegen Ulitz erhobene Beschuldigung sachlich Stellung zu nehmen. Aber daneben besteht für mich die Tatsache, daß die deutsche Minderheit selbst die
Gegenstück die Möglichkeit gewisser Vorteile für Deutschland erhalten müssen. Immer mehr kommen die Pariser Verhandlungen auf einen Weg, der die uneingeschränkte Freiwilligkeit Les deutschen Schuldners zur Vor-
Ssetzung hat. Und diese Voraussetzung - in alle unserer Zerfahrenheit und Zerrif- seenheit unser stärkstes Atout. Wir werden sie nämlich n u r im Falle einer erheblichen EntlastULo aussprechen! (Der Schlußartikel über Washington folgt. Die Red.)
An allen drei durch die Ueberschrift bezeichneten Stellen werden in diesen Tagen und Wochen bedeutsame Entscheidungen getroffen. Sie sind keineswegs von irgendeiner tzochstim. mutig im deutschen Volke getragen und begleitet. Dazu geht es uns wirtschaftlich zu schlecht und dazu waren di« Enttäuschungen der letzten Zeit zu groß. Nach dem ewigen Gesetz vom Aus und Ab, von Wellenberg und Wellental waren wir sowohl in der äußeren wie in der inneren Entwicklung allmählich wieder einmal in ein lang ausgedehntes Tal geglitten. Der angebliche .Fehlschlag unserer Außenpolitik" zusammen mit den Sensationen um den belgisch-französischen Geheimpakr ergab allgemein das Bild scheinbarer Stagnation im deutschen Freiheitsringen und war und ist von schweren innerpolitischen Krisen begleitet. Es ist nur natürlich, daß dem- gegenüber unser Blick sehnsüchtig nach lichte- ren Wegzielen Ausschau hält,
In Genf erfolgte soeben der erste grundsätzliche Versuch, die bisher rein politischen Machtentscheidungen über Minderheitsbe- schwerden durch eine gerechtere Methode zu ersetzen. Wenn unser Vorstoß nicht aggressiv genug erschien, so muß man bedenken, daß wir uns äußerlich dem Genfer Milieu anpassen, um überhaupt in der Sache vorwärts zu kommen. Leider wird der Begriff .Frieden" von jedem Franzosen automatisch so verstanden, daß damit der Frieden von 1919 d. h. die Hegemonie Frankreichs in Europa beziehungsweise ihre unveränderte Aufrecht- erhaltung gemeint ist. Für Deutschland sollte umgekehrt .Frieden und Gerechtigkeit" das Gegenteil von Aufrechterhaltung des 5k«- stehenden bedeuten. Es wäre ein ungeheuerer Gewinn für die Einstellung unseres Volkes auf die lange politisch« Kampfperiode der näeb- sten Jahre, wenn wir unter Wort und Begriff des Friedens nicht irgendein verschwommenes internationaler Ideal von Dölkerver- söhnung, sondern die harte nationale Pflicht verständen, unsere Ohnmachtsstellung durch eine solche zu ersetzen, mit der ein vierund- echzig Millionenvolk mit stolzer Tradition u Geschichte sich auf die Dauer abzufinden vermag. Daß zu einem solchen Frieden auch der ausreichende Schutz der Minderheiten in Bezug auf ihr feierlich garantiertes Recht auf Erhaltung ihrer Kultur und Sprache gehört, ist heule Allgemeingut des deutschen Volkes geworden. Die Lehr« von der unzer- trennlichen Zusammengehörigkeit des deutschen Volkstums innerhalb u. außerhalb der heutigen deutschen Staatsgrenzen Hai über die Partcischrankcn hinweg- tiefe Wur.
zeln geschlagen Ein kleiner Anfang ist tn Genf gemacht . . .
In Paris treten die Sachverständigeuuer- Handlungen allmählich in ihr entscheidcnoes Stadium. Ein neues Zahlungsschema scheint gefunden. Nun aber nabt mit Riesenschritten der Endkampf um die Ausfüllung des Schemas mit Zahlen und niemand vermag bisher zu sagen, ob auch hier im letzthin entscheidenden Punkte eine gemeinsame Lösung mit • den deutschen Vertretern gefunden werden kann. Zur Ueberleitung aus den .Zahlen- kamps" hat man als neuestes Projekt dtc Schaffung einer internationalen Bank oder eines entftvechenden finanziellen Gebildes in Aussicht genommen, dessen Gründung letzten Endes darauf hinauflaufen würde, die Gläubiger möglichst an Finanzierung und Durchlauf deutscher Tribute dauernd zu interessieren. jSte würden also einmal irgendwelche ziffernmäßig bestimmte Kriegsentschädigung von Deutschland erhalten und zweitens durch ihre Beteiligung an der neuen internationalen Bank an der Durchführung dieser Zahlungen Geld verdienen. Dieser schon lange hinter den Kulissen verhandelte Plan erscheint Wohl für viele als der Stein der Weisen. Auch von ihm gilt in Bezug auf Deutschland dasselbe, wie für alle Einzelbestimmungen des bisher gefundenen Zahlungsschemas: Es kommt aus di« Auswirkung in der Gesamt- heil an, das heißt, wenn Deutschland insgesamt b> unbedingt notwendige erhebliche Entlastung gegenüber den bisherigen Da- Weszahlungen erhalt, dann müssen und tön- neu wir uns damit abfinden, daß eine ganze Menge Leute draußen in der Welt an diesen deutschen durch politischen und militärische Macht herausgepreßten Tributen Geld verdienen. Kommt aber irgend etwas ähnliches in Paris wirklich zustande, dann wird sich die Gegenseite hoffentlich auch darüber klar sein, daß etwa unvermeidliche besondere Anstren- S Deutschlands, trotz seiner kritischen aftslage weiterhin erhebliche Kriegsentschädigung zu Nutz und Frammen aller
Lau, lind und sinnverwirrender steigt der noch schneegekühlte Märzenwind aus südlich- glückhaften Breiten über unsere schmelzenden Schnee- und Eishänge ringsum ins Land. Unter Strahlenbändeln der in dunstigen Wolkenschleiern verhüllten Lebensweckerin und Spen- derin färben sich Scholle, Wiesen und Beete mählich wieder schwärzlich und grün: Primeln, Veilchen, Schneeglöckchen schnuppern vorwitzig im Dunsthauch des Vorfrühlings; Erde, Rinde, Fluß und Meer sprengen ihre Eispanzer; mit furchtbarer Wucht prallen die berstenden Eisblöcke gegen Ufer. Brücken. Bäume und Pfeiler, während das Schneewasser von den Bergen schäumt und die Flußläufe zum Schwellen
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Schlußakt im Fall Alitz
Stresemann will erst den Ausgang des Prozesses abwarten. — Schnelles und öffentliches Gerichtsverfahren gewährleistet.
Genf-Paris-Washington
Von Staatssekretär z. D. Freiherr von Rheinbaben
. iffen, daß im hohen Mit-
tagsucht d'.e Furchen tauen, Saat und Frucht sich dehnen, das weiße und rote Lebensblut im Geäder von Baum, Strauch und Mensch rascher vorwärts drängt. Eine lächelnde Zuversicht löst auch die Eisschollen um leiderstarrte Seelen: Die in Lila, Gold u. Purpur erlöschenden abendlichen Höhen lassen ein langes Leuchten auch in den Kerken der unbegnadeten schmerzumgitterten Stiefkinder des Glücks zurück.
Dieses wiedererweckte stille Auferstehungsglück- und Hoffen können uch die Nachtfröste und Schauer der Tagespolitik nicht mehr zunichte machen. Noch sind Regierungslage- und Programme so wenig geklärt als wie vor Jahresfrist. Und wenn es auch kaum eine Partei wagen dürfte, Parlament und Regierung etwa noch vor Abschluß der Reparationslösung nach Hause zu schicken, so wird doch t-lbst Müller, den Unentwegten, ein leichtes Gruseln vor den Iden des März beschleichen, an denen er sich mit Notetat und Ermächtigungsgesetz „in offener Feldschlacht" dem Schicksalsspruch des Reichstags stellen will. Der Reichsrat hat ja nun glücklich mit einem nassen und einem hei- teern Auge die Steuererhöhungen und andere Alchemistenkünste Hilferdings gutgeheißen, die der Volkspartei so gründlich die Lust am Mitregieren vergällt haben. Glaubt man aber, daß Scholz-Curtius und ihr Hansabund - Anhang diese bittren Etatpillen williger schlucken werden, wenn man sie mit der Verantwortung um Sein- oder Nichtsein der Regierungs- und Volkserwählten selbst belastet?
Allerdings erscheint es kaum glaublich, daß eine Partei sofort den Mut zum Appell an das Volk aufbringen wird, da sie beim günstigsten Ausfall mit der g l e i ch e n Kräfteverteilung, vermutlich aber mit einem unübersehbaren Rückschlag zu rechnen hätte. Bleibt also noch das „Kabinett der Köp^e", dem bei einem Sturz des Kabinetts Müller vom Reichspräsidenten die Geschicke der Nation anvertraut werden könnten, ohne daß die Verfassung dabei in Scherben ginge. Denn der oberste Reichslenker darf sich den Kanzler wählen, der ihm zur Her- ausführung aus Parteisums-f und den Wüsten der Volksnot geeignet erscheint und dieser darf sich seine Mitarbeiter über und gegen die querköpfigen Dickschädel der Fraktionen hinweg wählen wie sie ihm passen. Roch sind also nicht alle Hilfsmittel erschöpft und vielleicht ist dann erst die Stunde des Reichspräsidenten gekommen, wenn auch die letzten Volksbeglückungsträume der Erperimentatoren um Müller geknickt sind. Denn selbst Severing, der ja dieser ewig unfertigen Regierungsgemeinschaft die Tragballen für vier Jahre einziehen wollte, will lieber mit A r t i l e I 4 8 regieren als dem Volle die Lasten und Widerwärtigkeiten eines reuen Wahlfeldzuges zumuten, der vermutlich an der Krisensituation nicht das geringste ändern würde.
Jedenfalls werden sich bald nach Ostern (vielleicht rührt auch die Auferstehungsbotschaft an den steinharten Parlamentarierherzen) die Umrisse einer „Frühlingsregierung", eines „Ka- netts der Erneuerung", oder wie man die Kommenden sonst bezeichnen will am Horizont
Verhaftung ihres Führers als einen bewußt gegen sie geführten Schlag
ausfaßt und dadurch in außerordentliche Erregung versetzt worden ist. Angesichts dieser Tatsache kann ich die Angelegenheit durch die von dem Vertreter Polens abgegebenen Erklärungen nicht als endgültig er- ledigt ansehcn. Da der Vertreter Polens selbst gesagt hat, daß die Behandlung der Angelegenheit ausschließlich von den polnischen Gerichtsbehörden abhängt, ist ein endgültiges Urteil darüber erst möglich, wenn sich nach Ve- endigung des Verfahrens erwiesen hat, ob sich die in jenen Erklärungen ausgesprochenen
Erwartungen tatsächlich erfüllt
haben. Ich mutz mir daher vorbehalten, nach Erledigung des gerichtlichen Verfahrens notfalls auf die Angelegenheit vor dem B ö l - kerbuudsrate zurückzutommen. Diese Erklärungen wurden von dem Rate ohne weitere Diskussion aufgenommen. — Unter Stimmenthaltung Stresemanns wurde darauf der von Ad a t s ch i - Japan erstattete Bericht über die Beschwerde des deutschen Volksbundes gegen die Verhaftung ihres Abg. Ulitz angenommen.
rat ist gesichert. Damit gewinnt die Reichsre- gierung Zeit für die Erledigung des eigentlichen Haushaltes für 1929. Die Beratungen hierüber dürften sich bis in den Sommer hineinziehen Der eigentliche Etat wird am 13. d. M. von der Regierung im Reichs tage eingebracht. Die erste Lesung in der Vollsitzung des Reichstages findet noch vor den Osterferien statt. Im Reichslagsausschuß werden sich dann die entscheidenden Kämpfe abspielen, da die Besprechungen, die der Reichsfinanzminister z. Zt. mit den Parteiführern führt, keine Einigung erzielen dürften Besonders dürfte ein Kompromiß mit der Volksvartei ausaeschlossen sein, die es ablehn! von sich aus bestimmte Vorschläge zu Ersparnissen zu machen, diese Aufgabe vielmedr dem Reichsfinanzminister zuweist Das Reichskabinett hält an der Haushallsvorlage Hiller- dings fest, und zwar auch in den Punkten, wo der Reichsrat Abänderungen beschlossen hat. so daß eine Doppelvorlage eingebrachl werden muß. Da außer dem Etat keine wichtigeren Vorlagen den Reichstag beschäftigen werden und die erste Lesung nur die Generaldebatte und keine Beschlüsse über Einzelheiten bringt, erscheint der Bestand der gegenwärtigen
Regierung bis nach den Osterferien gesichelt Erst die Kämpfe im Haushaltsausschuß und daran anschließend bei der zweiten Lesung im Plenum werden die Entscheidung nicht nur über die künftige Gestaltung der Reichsfinanzen, sondern auch über die Koa- lttionsfrage und die Zusammensetzung der Regierung bringen. Inzwischen 'itrd auch in Paris die Entscheidung über die .^öhe unserer Reparationsbelastung gefallen fein, und auch dieser Fragenkomplex, der ja such aus die Gestaltung des Reichsetats von großem Einfluß ist, wird zur Entscheidung gestellt werden. Wenn eS gelingen sollte, unsere Re- Parationslasten herunterzuschrauben, so wird die Balanzierung des Reichshaushal- tes geringere Schwierigkeiten verursachen. Die Annahme oder Ablehnung des Etats wird neben dem Ergebnis der Pariser Konferenz also die Schicksalsfrage für das Relchs- kabinett und die Koalition fein.
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