Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
Ministerkrise um die Biersteuer?
pariser Reparationsklippen.— Lchneeschmelze und Hochwassersignale
Nummer 49 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
Mittwoch, 27. Februar 1929 Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Fahrgang
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Der WStzrungsschutz soll fallen
Die Parifser Preffe wird schon ungeduldig.
MilMr-Seheimva« und Locarno
Paris-Brüffel durch di« holländischen Enthüllungen bloßgestellt.
Paris. 26. Februar. (Eigene Drahtmeld.) Bei der Erörterung der zukünftigen deutschen Jahresraten kommen zwei Blätter übereinstimmend zu der Auffassung, daß für zwei Drittel der Zahlungen der bisherige Transfer- s ch u tz des Dawesplanes s o r t f a l l e n Werve, während für ein Drittel Deutschland das Recht zur Anrufung einer Schiedsbehörde zustehe lieber die neue Verzögerung bei der Beratung über die Organisation der deutschen Zahlungen durch tzas Einsetzen von Unierausschüflen zeigt sich die Pariser Rechtspresse recht ungehalten. Nu« ein einziges Blatt erklärt, Deutschland könne Tribute nur aus dem Ueber- s ch u ß seiner Ausfuhr über die Einfuhr zahlen.
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Vorstotz -er Pariser Presie
Gefährliche Reparationsziele Frankreichs.
Paris, 26. Februar. (Eigener Drahtbericht.) Der von den Sachverständigen eingesetzte Ausschuß für Raturallieserungen setzt sich vorläufig zusammen aus dem Amerikaner Perkin, Vogler- Deutschland, Parmentier-Frankreich, Gutt-Belgien und Suvich-Italien. Ein Engländer wird beu'.e ernannt. Ein Blatt erklärte, die deutsche Abordnung habe bisher keine aus- bauenden Vorschläge gemacht. Der Wohl- standsindex, auf dessen Nutzen die Gläubiger keineswegs verzichtet Hütten, sollte in Kraft treten für den geschützten und in Devisen zu übertragenden Teil der deutschen Jahresraten, sowie für die Naturallieferungen. Es wäre wünschenswert, die Sachlieferungen zu beseitigen, die nur die eigene Erzeugung schädigen und sie durch Markkredtte zu ersetzen. Wenn die Sachlieferungen aber beide- Kälten werden müßten, so müßten ste jedenfalls in ein biegsameres System gebracht werden.
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Die ganze deutsche v reffe erregt
Berlin, 26. Februar. (Privattelegramm.) Von der mit Recht argwöhnischen Berliner Presse urteilt die D. A. Z.: der belgisch-französische Militärpakt zeigt, daß man sich sowohl in Paris wie tn Brüssel mit der Möglichkeit beschäftigt hat, durch kriegertsche Aktion die Machtsphäre des eigenen Staates nach Osten a u s- z u d e h n e n. Sehr bedrohlich ist das Abkommen auch für die Niederlande, deren Neutralität es gefährdet. DaS Zentrumsorgan fragt: Ist dieses Abkommen vielleicht gar nur ein B r u ch st ü ck in dem System französischer Mtli- tärbündnisie mit seinen Gefolgestaaten? Wir wiffen es nicht; aber wir ersehen aus den Rei
sen französischer Generäle, wie Lerond, nach östlichen Ländern, aus der Umorganisation ihrer Armeen, daß der Pariser Generalstab eine ge- fährliche Rührigkeit entfaltet. Das Demokratenblatt bezeichnet es als bedeutsam, daß die Generalstäbler sieben Jahre später einen genauen Offensivplan gegen Deutschland ausarbeiteten bei dem anscheinend die Verletzung der holländischen Neutralität eine große Rolle spielt. Die Welt habe schon einmal erlebt ,an dem Beispiel der Abmachungen zwischen dem französischen und dem englischen Generalstab von 1912 welche Bedeutung solche Handlungen der Militärs gewinnen können. Im Vorwärts wird erklärt: Es kann unmöglich so weiter gehen, daß Frankreich und Belgien mit der einen Hand Deutschland freundschaftlich die Hand schütteln, mit der anderen Hand aber sich gegen dasselbe Deutschland die Revolver eines Kriegsbündnli- ses zureichen.
Front gegen -ie Biersteuer
Bayern droht mit Dchätzcls Rücktritt.
München, 26. Februar (Privattelegromm.). Laut Pressenotiz hat die Annahme der Blcr- steuererhöhung und die Kürzung der Ueber- weisungssteuer »ort 120 Millionen durch den Reichsratausschutz in der bayerischen Volkspar- tei peinliches Aufsehen erregt. Falls der Hilfer- ding'sche Deckungsvorschlag auch im Reichsrats- Plenum ohne Aenderung angenommen werde, müßte, wie betont wird, mit dem Rücktritt des Reichspostministers Schätze! gerechnet werden. ______
Afghanistan wir- Republik?
Ziele des GeneralstabschefS.
London, 26. Februar. (Eigene Drahtmeld.) Einem Sonderberichterstatter an der indisch-af- ohanischen Grenze zufolge wird die Möglichkeit der Errichtung einer Republik in Afghanistan erörtert. AlS treibende Kraft hierbei wird der ehemalige Generalftabschcf Nadir Khan bezeichnet. Außerdem arbeite eine revolutionäre Gruppe bereits seit drei Jahren in aller Stille auf die Errichtung einer Republik hin.
Bombenattentate auf Jtalienerdäuser
London, 26. Februar. (Eigene Drahtmeld.) In Melbourne (Australicnl sind zwei von Jta- lienern bewohnte Häuser durch einen Bombenanschlag zerstört worden. Die Bewohner blie ben unverletzt. Zwei Männer, die die Bomben zur Explosion gebracht hatten, flüchteten auf einem Motorrad.
Her letzte Todessturm in U. 6.1
Tot« und Verletzte unter den eingestürzte« Häusern.
Der Schnee schmilzt schnell
Rewyork, 26. Februar. (Durch Funkspruch.) Die Ortschaft Duncan am Mississippi ist von einem Orkan hetmgesucht worden, der einen großen Teil der Häuser vernichtete. Bon sechshundert Einwohnern wurden zwanzig gelötet und über hundert verletzt.
Rewyort, 26. Februar. (Durch Funkspruch, i Infolge der Zerstörung der Fern-Verbindungen lausen die Nachrichten über die Orkankata- strophe in Missuri und Nord-Ost-Texas nur in Bruchstücken ein. Da zahlreiche Ortschaften vom Tornado betroffen wurden, ist die Verlustziffer wahrscheinlich weit höher, als bisher gemeldet wurde. Die Zahl der Verletzten dürste einige hundert erreichen. Umfaffende HtlsSmaßnah- men sind getroffen. Der Tornado hatte übrigens merkwürdige Launen. Ein knhmelkender Farmer sah. wie sein Haus ■ on Sturm wcggetragen wurde, während seine Tochter unverletzt durch die osfene Stalltür hereinflog. Ein anderer wurde aus dem Bett unbeschädigt über den Hos hinweggetragen. Ter Orkan drückte große Oel- tanks wie Papier -in und verursachte in der ganzen Umgegend einen Petroleumregen.
Schwarzwaldflüffe und Oberrhei« im Steigen.
Freiburg, 26. Februar. (Privattelegramm.) Die söhnartige Erwärmung der letzten Tage hält an. Tie angekündigte Kältewelle hat Ober- bade« noch nicht erreicht. Aus allen Höhen- lagen des Schwarzwaldes werden Tewperatu- ren über Rull und der BeMnn der Schnee- schmelze gemeldet. Bis zu etwa 700 Metern ist die Schneedecke vollständig verschwunden, aber auch in den höheren Lagen findet ein rapider Abbau der Schneedecke statt. Die Schwarzwaldflüffe führen größere Waflermen- gen zu Tal und sind immer noch im Ansteigen begriffen, sodaß noch heute mit einem erheb lichen Ansteigen deS Oberrheins zu rechnen ist Seit gestern abend fällt leichter Dauerregen. Auch aus der Nordschweiz wird ein allgemeiner Witterungsumschlag mit Niederschlägen gemeldet
Die Veröffentlichungen des Utrechtschen Dagblad sind ebensowenig zu bezweifeln, wie seinerzeit die Enthüllungen über das englischfranzösische Flottenkompromiß, die man ja auch unter einem Hagel von Dementis ersticken wollte. Aber was bleibt, so fragt sich jeder Vernunftbegabte, nach diesem Kriegspakt gegen Deutschland und Holland, was bleibt von Locarno und vom Antikriegspakt, ober waS wäre dann noch der Völkerbund? Nur gibt es allerdings einen belgisch-französischen Noten- wechsel, der beim Völkerbund registriert ist und der auf dieses Abkommen Bezug nimmt, wenn er auch die getroffenen Vereinbarungen nur als eine Verstärkung der Friedensgarantien des Völkerbundes bezeichnen möchte. Daß gewisse Abmachungen militärischer Art zwischen Frank- reich und Belgien bestehen, wußte man bereits, daß ste aber s o w e i t g e h e n s o l l e n, ist in der Tat ein
Faustschlag mitten ins Gesicht
des Völkerfriedens. Gau; abgesehen davon, daß der Abschluß eines geheimen Kriegspaktes eine 'Maßnahme oarstcur, tue mit bcu zu es.™» offiziell betonten Weltanschauung gewordenen Friedensschlagworten der Nachkriegszeit nicht im geringsten in Einklang zu bringen ist, wird ste fast zu einem bitteren Hohn für alle friedlichen Beteuerungen, wenn es sich bewahrheiten sollte, daß erst im Jahre 1927, also kurz nach dem Abschluß der Locarno-Verträge, ein Zusatzabkommen den KriegSpatt noch wesentlich verstärkt hat. Damit wäre auch der Sinn von Locarno ins Gegenteil verwandelt, denn es faßt die Möglichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes mit Deutschland ausdrücklich ins Auge, es legt Binduitgert fest, die sich auf ein gemeinsames Zusammengehen :n einem Kriegsfälle mit Italien ober mit Spanien ober mit Hollanb beziehen, es erläutert unb verschärft also gerade das Mittel, das durch oen Kellogg- schen Kriegsächtungspakt außerhalb des Völkerrechts gestellt Wird. Der Kriegspakt wäre also die- Praxis, die alle Theorien der Friedensgarantien des Völkerbundes, des Locarno- Abkommens unb bes Kelloggpaktes aufhebt ober ihnen die Auslegung gibt, die Frankreich und Belgien als ihre eigene Auslegung bezeichnen. Natürlich war damit zu rechnen, daß die französische Regierung, wenn auch nicht die Tatsache eines Abkommens selbst, so doch die militärisch aggressiven Tendenzen des Paktes ableugnen würde. Sie wird auch weiter die in dem Vertrag ansgearbeiteten Operationspläne dementieren können. Weil sie ja Geheimverträge bar» stellen, sie wirb sie bementieren müssen, weil ihre offizielle Anerkennung ben Nachweis erbringen würbe, baß alle Beteuerungen Poin- cars - Brianbs vom Verständigungswillen, einem ehrlichen Abrüstungswillen ober einer Politik, die Europa ben ewigen Frieden sichern möchte, lediglich ein Mittel waren, das einen anderen Zweck bemänteln wollte. Aber schließlich gibt es Tatsachen, an die die Weltöfseut- lickkeit sich halten kann. Man weiß, baß Belgien sein Eisenbahnnetz derartig erweitert, daß es sich völlig in den
Rahmen beS französischen Festungsgürtels einpaßt.
Man weiß, daß die von den Parlamenten Frankreichs unb Belgiens eingesetzten Militärkommissionen des öfteren Verhandlungen über gemeinsame militärische Pläne batten. Man Wsiß also, daß zwischen Frankreich und Belgien Bindungen bestehen, die fast einer Militärunion gleichkommen, die aber bisher die Weltöffentlichkeit nicht beschäftigen konnten, weil dank der Diskretion tn Paris und Brüssel Konkretes über die Abmachungen nicht bekannt würbe. - An diesem frühen Friedensreis der „Friedensliebe' Wirb auch der Hohe Rat von Gens nicht vorübergehen können. Denn die Abmachungen greifen insofern tief in seinen Bereich, als ste auch bie Garantie berühren, bie England in ben Locarnoverträgen für bie beulsch-frcmzöstsch- belgische Grenze übernommen hat. Wie könnte
im Ernstfälle England sich um 6te Beilegung eines Konfliktes an der beutschen Westgrenze bemühen, wenn es von vornherein weife, daß zwei Mächte ber an diesem Konflikt beteiligten Staaten Verbündete sind? Da ja auch Holland, Italien und Spanien in den sauberen Plan einbegriffen sind, dürfte ein deutscher Protest gegen eine solche Vergewaltigung des Kellogg- Vertrages und ber Locarno-Pakte nicht allein stehen. Schliefelich wird die deutsche Sache durch die Veröffentlichung in diesem Augenblick nicht gerade ungünstig berührt, weil sie eine recht lehrreiche Illustrierung der Forderungen abgibt, die in diesen Tagen im Gremium der Pariser Sachverständigen-Konfe- r en $ gerade von der Seite erhoben werben, bie anscheinend zu einem frisch-fröhlichen Krieg gegen Deutschland fix und fertig gerüstet ist.
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Auf -ie leichte Schulter
... nimmt Englands Preffe ben Geheimpakt.
London, 26. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) Ein diplomatischer Korrespondent chreibn.Die Regierung' Die .
rantien übernommen tpcfaiai itüdtK'
Vorbereitungen treffen, um gegebenenfalls ihre Zusagen zu erfüllen. In den Geheimarchiven jedes Kriegsministeriums in Europa sind genaue Pläne für allerlei Möglichkeiten vorhanden, andernfalls würde die Stellung einer Garantiemacht hoffnungslos fein. Unter der llcberschrift „Viel Lärm um nichts* meint ein Blatt: Was an der Veröffentlichung des Utrecht Dagblad wahr ist, ist n i ch t n e u, und was daran neu ist, ist nicht wahr. (!!) Times schreibt: Die britische Regierung hatte nichts mit dem französisch-belgischen Vertrag von 1920 zu tun. Ihre einzigen Verpflichtungen sind bie von Lokarno. Daily News sagt: Wir hoffen» es ist nicht ein Schatten von Wahrheit an ber Behauptung, baß Großbritannien mit diesem zynischen Versuch, den Frieden der Welt zu torpedieren, direkt oder indirekt etwas zu hm hat.
London, 26. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) Hebet ben französisch-belgischen Geheimvertrag verlautet halbamtlich, baß Frankreich und Belgien int Jahre 1920 ein Verteidigungsbündnis gegen Deutschland abgeschlossen und'militärische Vereinbarungen getroffen hätten, um diesem Bündnis Wirksamkeit zu verleihen. Die britische Regierung fei in keiner Hinsicht mit btefem Vertrage von 1920 verbunden gewesen, sie habe sich nur in Locarno verpflichtet.
In peinlicher Verlegenheit
Paris beschuldigt bte anberen.
Paris, 26. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) Das deutsche Presseecho über bie Utrechter Ent. hüllungen wirb in Paris recht unangenehm vermerkt. Ein Blatt spricht von bem Wunsche, zwischen Frankreich unb Deutschlanb am Vor- abend ber Genfer Ratstagung Mißtraue« z« säen. Zweifellos bestehe auch der Wunsch, bie englisch-belgischen Verhandlungen über bie Kanäle unb Maatzfrage zu stören. Das Abkommen stelle nur bas Phantom eines nicht herausge- sorberten Angriffes vor unb könne in keiner Weise Hollanb beunruhigen. Im Augenblick bes Locarno-Abschlusses seien alle Abmachungen mit Belgien, Polen unb ber Tschechoslowakei völlig abgeänbert unb mit bem neuen Vertrag in Uebereinftimmung gebracht worben. (?)
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Auch (Senf völlig überrascht
Gens, 26. Februar. Wie bekannt wird, ist in den Archiven des Völkerbundes lediglich ein Notenaustausch zwischen der französischen und belgischen Regierung vom Jahre 1920 angemeldet, nicht jedoch das militärische Abkommen selbst, von dem in dem Notenaustausch die Red« ist, geschweige denn das geheime Ausführungsprotokoll vom Jahre 1927. Es würde also zu prüfen sein, ob die beiden Regierungen berechtigt waren, lediglich den Notenaustausch beim Völkerbundsekretariat zu veröffentlichen und das militärische Abkommen zu verschweigen.