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Kaffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 4S Er-s-lprers: wochentags io Pfennig. - Sonnabend, 23. Februar 1929 emaewi: Sonntags 20 Pfennig. 19, Jahrgang

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Schlechte Disziplin in Gowjetfabilken

Die jüngsten General-Wirren in Ehina / Llnruftcherde in Spanien

o bleibt Trotzki?

Der Zankapfel zwischen »echt», und Links­parteien.

Berlin, 22. Februar. Di« Dentschnationa« len Haden beim Reichskanzler gegen die Er- leilung der Einreiseerlaubnis für Trotzki Einspruch eingelegt mit der Begründung, daß durch den Aufenthalt Trotzkis und seine Ta» tigleit in Deutschland die öffentliche Ord­nung und Sicherheit gefährdet wer­de» würde. Lin Berliner Blatt macht den Vermittlungsvorschlag, Trotzki einen bestimm­te» Wohnort in Deutschland anzuweise» und ihn, da er krank ist, zum Beispiel in einem Kurort unterzubringen. Für Schutz zu sorgen, wäre seine eigene Angelegenheit. Ver- läßt er das ihm angewiesene Asyl, hält er sich nicht genau an die Vorschriften und Bedin- gungen, so wird'die Aufenthaltserlaubnis widerrufen. Inzwischen soll Trotzki auch ein AusenthaltSgesuch nach Paris ge­richtet haben.

London, 22. Februar. Laut Pressenotiz hat die Gowjetregierung als äußere- Zeichen dafür, daß sie den Bruch mit Trotzki als endgültig he» trachtet, eine nach ihm benannt« Stadt umge­tauft

*

Traurige Zustande

Fabrikelend im GowfetparadieS.

Rottum, 22. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) In einem Moskauer Blatt kommt deutlich zum Ausdruck, daß bisher alle Versuche gescheitert sind, die Arbeiter-Disziplin in den russischen Fa­briken aufrecht zu erhalten. Die Arbeiterschaft sei überhaupt nicht mehr dazu anzuhalten, ord­nungsmäßig ihre Arbeiten zu verrichten. Die Zahl der versäumten Arbeitsstunden steigere sich immer weiter und die Arbeiter blieben ohne Grund oft tagelang von der Arbeit fort. Die Gewerkschaften und auch die Partei-Organisa­tionen zeigten wenig Interesse für die Beseiti­gung dieser Mißstände. Auch große Werke im Ural-Gebiete und im Süden meldeten, daß die Disziplin an den Arbeitsstätten immer schlechter werde, da die Arbeiter schon betrunken in die Fabriken kämen oder während der Arbeits­zeit die Arbeit verließen, um alkoholische Ge­tränke zu sich zu nehmen.

Der erste Lösungsversuch

Transferschutzvorschlag deS FünferauSschusseS.

Paris, 22. Februar. (Eigene Drahtmeld.) Wie ein Blatt zu melden weiß, ist der Fünfer, ausschuß bereit, der heutigen Vollsitzung einen Plan zum TranSferschutz für Deutschland vor» Öen, der unter Umständen die bisher tot

rsplan enthaltene Regelung ersetzen soll. Der Vorschlag werde aber durchaus nicht als die wirkun gSvollfte Lösung angesehen. Der Plan, der den deutschen Schutz- forderungen Genüge leiste, ist nur in den Grundlinien gekennzeichnet, aber nicht biS in alle Einzelheiten ausgearbeitet. Die Meinun- Stote sich der Transferschutz in den letzten

Jahren ausgewirtt hat, feien geteilt Ein anderes Blatt berichtet, daß der Fünserausschntz Jieute die Mission erhalten werde, seine Arbeit ortzusetzen, die unmöglich in einigen Sitzungen beendet werden könnte.

Franzosenrvillkür am Rhein

Dienstmädchen-Verhaftung wegen 8 Mart

LudwigShafem 22. Februar. (Funktelegr.) Das 22jährige Dienstmädchen Katharina Gez wurde auf offener Straße von zwei französi- schen Gendarmen wegen Nichtbezahlung von Gerichtskosten in Höhe von 8,10 Mark und in das Gefängnis eingeliefert. Die Verhaftung der Geiz ist bereits der dritte Fall von Ver­haftungen beii,rx-M Staatsangehöriger wegen Nichtbezahlung von GerichtShotzen innerhalb weniger Taae, wodur-h die Annahme bestätigt wird, daß die Verhängung von Freiheitsstra­fen für nichtbezahlte Gerichtskofien zur Praxis deS französischen Militärgerichtes in Landau geworden ist.

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Zentrum und Volkspartei

Berlin, 22. Februar. Zum Vorschlag der VolkSpartei au Ministerpräsident Braun zur Lösung der KoalitionSfrage in Preußen, der dahin geht, daß das Zentrum sich mit zwei Ressortministern begnügt und außerdem einen ReichSminister als preußischen Minister ohne Portefeuille bestellt, schreibt daS Zenlrumsor- gan: Heute schon kann gefagt werden, daß sie keine Neigung verspüren wird, auf dck.i volksparteilichen Gegenvorschlag einzugehen. Der Vorschlag Brauns, der dem Volkspartei, ler Leidig das Handelsministerium

feilsche« «m Mi nistersitze.

deS Demokraten Schreibe» anbot und den dollsparteilichen Reichsminister Dr. 6 u r- tius zugleich zum preußischen Minister ohne Portefeuille machet wollte, war geeignet, eine faire Regelung der strittigen Frage» herbei­zuführen. Wenn die Deutsche Volkspartei au ihrer ablehnende» Haltung beharrt, daun wird sie eben auf eine Beteiligung an der preußi­schen Regierung verzichten müssen. Außer, dem würde die Volkspartei auch die Ordnung der Regierungsverhaltniffe im Reich ver­hindern.

Spanien noch stark erregt

Stofruljr in den Militärakademien. Soldaten setzen Offiziere gefangen. Die Tage der Diktatur gezählt?

London, 22. Februar. (Eigener Drahtber.) Bon der franzöflfch.spanischen Grenze meldet ein Blatt: Die Auflösung des Artillerie-OM- zierkorps hat eine neue Bedrohung ausge öst. Jnfanterieoffiziere in Sevilla, die zur Ver­waltung der Artillerieakademien kommandiert waren, wurden plötzlich von Kadetten und jüngeren Offizieren der Schule angegriffen, und eine Anzahl von ihnen wurde ernstlrch verletzt. Die Jnfanteriekommandeure befahlen, das Feuer auf die Artillerieoffiziere zu eröff- nen, aber die Soldaten weigerten sich, dem Befehl nnchzukommen und setzten ihre Offizie- re in den Kasernen gefangen, wo sie lange Zeit verblieben, bis sie von Polizeitruppen befreit wurden, die strategische Stellungen eingenom­men hatten, «ehnliche Zwischenfälle sollen in zahlreichen Bezirken vorgekommen sein. Tie Nachrichten werden durch eine strenge Zensur abgefangen. Der Ernst der Lage tritt in einer Mitteilung Primo de Rivera stets günstig gesinnte Journal- von Madrid zutage. Diese Zeitun« besteht darauf,daß der König Snnrhez Guerra, der augenblicklich fein Gefangener ist, zur Macht zurückrufen soll. DieS würde das Ende de- Regimes Primo de Rivera« be- deuten.

Die Auflösung deS Artillerie-Offizierskorps vollzieht sich anscheinend doch nicht ganz rei- bungslos und die Uebernahme der Kasernen und Akademien durch Offiziere anderer Trup- pengattungen hat bereits Blut gekostet. Dabei ist daS OffizierkorpS der Artillerie nicht ganz klein, denn, wie die Madrider Blätter feststel- len, sind von den Maßnahmen nicht weniger alS 2000 Offiziere betroffen, die sich auf 34 Stäbe verteilen. Offenbar hatte man auch in Madrid selbst nicht mit einem glatten Verlaus gerechnet, denn man hatte doch vorsichtshalber die Jnsanterie- und Pionierformationen seld- marschmäßig bereit gestellt. Und wenn sich auch die Herren Artillerieoffiziere bei anderen Was»

I fengattungen nicht gerade besonders beliebt ge­macht baden, so verweigerten die einfachen In- fanteristen deck; den Schießbefehl auf hre Kame­raden. Natürlich ist unter den Artillerieoffizie­ren und ihren Familien die Erregung groß, zu­mal die Offiziere ohne Gehaltsbezüge entlassen werden und außerdem noch zahlreiche Arttllerie- offiziere in die Verbannung reifen mußten. Es scheint aber, alS ob ein großer Teil der Offiziere bereit ist

wieder in die Armee einzutreten, sobald die Reorganisation der Artillerie vorge­nommen ift Ueberhaupt herrscht leider völlige- Dunkel über diese Dinge dank der strengen Zen­sur, sodaß man vorläufig auf Mutmaßungen angewiesen Ift Richtig dürfte sein, daß der- nig nicht gerade leichten HerzenS seine Zustim- mung zu dem Auflösutzgsdekret gegeben hat, zu- mal, wie behauptet wird, zahlreiche Persönlich- keltert die er befragte, ihm rieten, sich lieber von Primo de Rivera zu trennen. Der Kö­nig scheint aber einstweilen noch deS Glaubens zu fein, daß fein Schicksal mit dem der Diktatur bereits eng verknüpft ist und fchließlich dürfte ihn auch die Rücksicht auf die kommenden gro­ßen Ausstellungen in Barcelona und Sevilla veranlaßt haben, von einem Regierungswechsel Abstand zu nehmen, da ein solcher RegierungS- wechsel Anlaß zu mancherlei Gerüchten gegeben hätte. Die

SurSsenkung der spanische» Währung die gerade im Jahre der großen internationalen Ausstellung für daS spanische Wirtschaftsleben sehr unerwünscht fein muß, spricht nicht dafür, daß man in Bank- und Handelskreisen übermä- ßigeS vertrauen zur Diktatur in Spanien hat. Zunächst bleibt jedenfalls abzuwanen, ob sich die OffizierSkamarilla mit ihrem Schicksal ab- finden wird, ober ob sie Rachepläne schmiedet, die früher oder später her Diktatur Mährlick werden können.

Auch Indien wieder unruhig

Folgen der Settenverh-Hung. Ausschreitungen in Bangalore.

London, 22. Februar. (Eigene Drahtmeld.) Dl« im Anschluß au die Unruhen in Bombay weiter verbreiteten Gerüchte von angeblichen Stoderverschteppungen und -Opserungen haben nun auch auf bie Stadl Bangalore iibergegrif- en. Bei Zusammenrottungen wurde ein Sa- dhu-ASket mißhandelt. Als die Polizei einzu- (breiten versuchte, wurde sie von der Menge mit Steinen beworfen, wobei die meisten Pon- zisten Brrletzungen erlitten. Zwei andere Per- onen wie man annimmt, PattmnS wur- den gleichallS mißhandett und liegen mit schwe­ren Verletzungen im Krankenhaus. Die Stabt ist äußerst erregt. Die Pnktzei hat umfassende Vorkehrungsmaßnahmen ergriffen.

Neue wirren in China Hilferufe der Amerikaiter. Kanonendonner.

Washington, 22. Februar. Der amerikanische Konsul in Tschifu i« der Provinz S Lautung teilt mit, die Lage dort sei derart kritisch, daß ie Schutzmaßnahmen fettens der amerikanischen

Marine erheisch«. Im Weiße» Hause wird te< doch die Gefahr all nicht dringend erachtet. Trotzdem ging der Kreuzer nach Tschifu ab.

Tokio, 22. Februar. (Durch Funkspruch.) Wie aus Schanghai gemelM wird, ist in der Provinz ffitannfchnu efn Aufstand ausgebrochen, der von dem General Ma geteiiet wird. Der Kampf zwischen den Regierungstruppen und General Ma ist noch nicht beendet. Die Aus. stLnbigen haben vier Brücken gesprengt, wobei auch ein vollbesetzter Militärzug in den Fluß stürzte.

Tschifu, 22. Februar. (Funkdienst.) Heute früh hat man hier au« der Ferne heftige« G«> schürfte u«r vernommen. Wie man vermutet, handelt r« sich habet um den Versuch be« ehe­maligen MikitärgouverneurS von Schantung, Mattchall Tschang-Lschung-Tschaug, der mii fünftausend Mann die Stellung des nahnnnllfnirfw« Oberbefehlshaber« von Tschifu bei Fiftchangslen einzrnehmen und bie Ge - walt in der Provinz an stch zu reiften versucht.

Material für (Senf

Unsere unterdrückte» Volksgenossen.

Von

Dr. Paul Rohrbach.

V«i der großen Böllerschlachi um die Min. derheiten i» Genf werden z. B. Frankreich u. Italien von vornherein Gegner eine« öerbcf- fenen Minderheitenschutzes fein. Auf der an. seren Seit« aber ist ein Teil der öffenttichen Weltmeinung beeinflußbar, und eine foldbe SBirtung, selbst wenn im Augenblick das prak­tische Ergebnis nicht meßbar sein sollte, dars man nicht unterschätzen. Die Minderheiten- frage ist wie ein Baum mit hartem Holz, wenn man ihn fällen will, so muß man oft anfetzen und muß versuchen, die Stelle de« geringsten Widerstandes zu finden. Seile an Seite mit Streseman» werden bekanntlich d'« Kanadier fechten. In Kanada besteht kein Un- terschied zwischen den öffentlichen Rechten veS französisch- und det englischsprechenden Teils. Das deutsche Volkstum ist außer den wieder erwachten Elsaß-Lothringern auf zwölf ver­schiedene Staaten in Europa verteilt, in de­nen allen eine Leritfch,- Mtoherheii i-öi. ~ Zahlen sind am höchsten in der TschechoftHM kei (3>4 Millionen), In Polen (1 y2 Millionen) und in der Sowjetunion (154 Millionen). In Ungarn, Jugoslawien und Rumänien stnd Mi Zahlen 600000800 OCO, in Südtirol 230 000. in Litauen 125000. Alles in Allem gibt es an deuffchen Minderheiten in Europa

mindestens S Millionen Seele«, wovon etwa- mehr als die Hälfte auf den ge­schloffenen, unmittelbar an die deutschen Staaten angrenzenden deutschen BolkSboden wohnt.

Außerhalb bet rechtlichen Einwirkung be# Völkerbundes stehen die Deuffchen in Nord- schleSwig und in Südtirol, weil Italien und Dänemark vertraglich von feder Einmischung in daS Verfahren ihren Minderheiten gegen­über befreit sind. In der Sowjetunion haben die Deutschen Freiheit in nationalen Dingen. In Lettland und Estland besteht, hier rechtlich dort prattisch, kulturelle Minderheitenautono­mie. DaS Deuffchtum In Ungarn macht Fort­schritte i« seiner nationalen Organisation. In Rumänien sind die Verhältnisse In der Besse­rung. In Jugoslavien herrscht starker Druck. In der Tschechosiovakei richtet sich die Kamps- politik der Tschechen vor allen Dingen auf Schädigung de« deutschen Grund­besitze«, Herabdrückung be« deutschen Kul­turstande- und Verdrängung der Deutschen aus dem ftaatlichen und öffentlichen Leben. Die Sage in Eupen und Malmedy unter bei- glschem Regiment ist gedrückt. Das Elend der Deutschen in Südtirol Ist bekannt. DaS Haupt» sächlichsie Gebiet der bevorstehenden Ausein­andersetzung in Genf wird da« Deutsch, tum i« Bolen sein. Rach dem Zusammen­stoß zwischen Stresemann und ZaleSki in Su- gano mußte man auf polnische Gewaltmaß» nahmen gefaßt sein. Der größte Zorn der Po- len richtet sich gegen die Deutschen in Ober, schießen und ihre Organisation, den Ober, schlesischen BolkSdund. Daß ein Mann wie der Abgeordnete Ulitz stch wirklich kom. promittiert haben sollt«, kommt nidu in Frone Diel eher ist anzunehmen, daß die polnische Regierung angesichts de« ihr drohenden Ma. terlalS, dessen Vorlage sie in Gens erwarten muß Mi

Kops verloren hat und blind zustößt.

Eto gegen Ulitz in Oberschiesten anscheinend chon mit einer Fälschung gearbeitet worden ist, ko muß man darauf gefaßt sein, daß auch in Gen» solche Beweismittel zur Vorlage ge­bracht werden. Möglicherweise wird bi# pol. MW* die sein,Beweise", die auS Oberschlesien vermutlich in genügender Menge nach Warschau gelangen, vorzubringen, und venn dann deutsche Proteste erfolgen, die zu ordernde Untersuchung zu verschleppen. Außerdem ist e« natürlich auf der Konferenz der Kleinen Entente in Bukarest versucht wor- >en. im Vorau« ein« Gemeinschaft-- ront in der Minderheitenfrage zu formen.

ES wird daher gut fein, das deutsche Aust». t«n in Gens so einzurichten, daß nur die Tat. . W sprechen und der Eindruck einer tu- künftig von selber drohenden Gefährdung des Friedens (nach dem Dort von Lloyd