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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
Nummer 44 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig. Donnerstag, 21. Februar 1929 Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig. 19. Jahrgang
Kabinettsnöte in Varis und London
5n der brennenden Untergrundbahn unter dem Hudsonfluß
Der verbotene Zeppelinflug
Warm« England Aegypten-Palästina nicht überflieg«» läßt. — Militärisch« und Kontur renzgründe.
Eine befremdliche Mitteilung deS Auswärtigen Amtes besagt, daß inoffiziell angestcllie Erkundigungen bei der englischen Regierung zu Der Annahme beiechllglen, daß ein Heber» fliegen von Palästina und Aegypten durch unseren «Gras Zeppelin" nicht erwünscht sei Nie- magtd hatte angenommen, daß dieser friedliche B^uch auch nur das geringste Mißfallen bei tu?ft Engländern hätte Hervorrufen können, da es sich tediglich um ein sportliches Unternehmen und eine Probefahrt handelt. Umso seltsamer muß die Haltung der englischen Regierung berühren, die durch keinerlei Tatsachen begründet ist. Schon vor dem Kriege hat England aus diesem Gebiete eine ähnliche Haltung eingenommen. Schon 1910 brach England unter nichtigen Gründen eine internationale Luftfahrtkonseren, in Paris ab, weil e8 sich alle Rechte gegen das Uebersliegen feiner Grenzen Vorbehalten wollte. Während Frankreich die Theorie von der Freiheit deS Luftraumes genau wie die des Meeres vertrat, haben die englischen Vertreter den Standpunkt bet unumschränkten Souveränität des Staates ausrecht erhalten. Nun ist es naturgemäß begreislich, daß die Staaten den Wunsch hatten, bestimmte Zonen für Luftfahrt» zeuge aller Art zu verbieten, wenn das ^n» teresse der Landesverteidigung diese Maßnahmen erforderte. Trotzdem wird heute der englische Standpunkt
nirgends mehr verstanden
werden, denn die Aufsafsung von der Souveränität des Luftraumes wird durch Uebersliegen der Länder durch Luftschiffe nicht im Geringsten beeinträchtigt, ebensowenig wie die San- dessouveränität es erforderlich macht, daß die Grenzen gegen Eisenbahnen. Automobile uno andere Verkehrsmittel abgeschlossen werden. Es können also weder militärische noch poli- tische Gründe dafür vorliegen, daß das Ueber
sliegen von Palästina und Aegypten durch ein Deutsches Lustschiss in England mißfällig angesehen wird. Man wird vielmehr andere Ur» achen annehmen dürfen, die in der englischen Mentalität liegen. England baut zwei Rie» senluft schiffe, mit denen es einen ständigen Paffagierverkehr über Aegypten und Palästina nach Indien ins Werk setzen will. Diese Lustschisse, von denen zedeS 100 Personen befördern kann, sind schon seit Jahren im Bau und bisher noch nicht fertiggestellt worden. Aus diesem Grunde mißgönnte England natürlich unserem Zeppelin auch seine Amerikatriumphe.
ES fühlt« sich überflügelt,
und man könnte vielfach Fragen lesen, warum die englischen Luftschiffe in dem Wettbewerb um das .Blaue Band deS Luftozeans' soweit zurückgeblieben waren Nun hat England sicherlich daS Bestreben, den von ihm beherrschen Ländern durch eine große Fahrt seiner Rie- ienlustschisse die Vorstellung von der hervorragenden technischen Leistungsfähigleit Englands beizubringen. Es sind alzo Gründe der geschäftlichen Konkurrenz, die den Flug des u.Maf Zeppelin' verbieten. Das erste Luftschiff da'^ dort erscheint, soll ein englisches fein, aber nicht ein deutfches, da bann England mit feiner Leistung nur nachhinken würdt. Die tüchtigen englischen Kausleute wissen. daß daS für ihre Industrie ungünstig ist
Fftzmaurlce fliegt wieder nach Amerika
London, 20. Februar. Der plötzlich von der Leitung der irischen Luftstreitkräfte zurückgetretene Oberst Fitzmaurice erklärte einem Journalisten, daß er beabsichtige, im Juni einen neuen Flug über den atlantischen Ozean zu un t-rnehmen. Er werde wahrscheinlich von Deutschland aus versuchen, über die Az o r e n Rew - y o r k zu erreichen.
Panik im Flußtunnel
In der brennenden Untergrundbahn. — Fünf zig Rewyorker verletzt. - Hundert Rauchvergiftungen. — Wilde Angstszenen unter dem Fluß.
Rewyork, 20. Februar. (Funkdienst.) Auf der Untergrundbahnstrecke nach Hoboken geriet gestern zur Zeit des großen AbendverkehrS ein vollbesetzter Untergrundbahnzug unter dem Hud- souflutz in Brand. Die plötzlich aufschlagen- den Flammen und der schnell zunehmende dichte Rauch und Qualm verursachten eine außerordentliche Panik unter den Fahrgästen, bei der mehrere lebensgefährlich und über fünfzig leichter verletzt wurden. Außerdem erkrankten Über hun- dert Personen an Rauchvergiftung.
Die Darstellungen der Paffagtere weichen voneinander ab. Die einen wollen die Ursache auf Kurzschluß zurückführen, die anderen behaupten, Zeitungs- und andere Papierabsalle, die neben ben Geleisen lagen, hätten sich entzündet. AlS die Flammen an den Wagen empor- schoffen und Rauch in die Abteile drang, sind die Fahrgäste in wilder Flucht, aufeinander drängend und stoßenl in die Hinteren Wagen gestürzt. wo sie von den ahnungslosen Insassen zunächst heftig abgewehrt wurden. Es kam zu Kämpfen, bei denen nicht nur Kleider zerrissen sondern auch Personen verletzt wurden. Viele wurden ohnmächtig. Nur mit großer Mühe gelang es, die Passagiere, die vielfach durch die Panik voll'g verwirrt waren, zu Fuß durch den Tunnel nach Newvork zurückzuführen, waS fast zwei Stunden beanspruchte. Biele brachen zusammen, rI8 sie die frische Luft erreichten
Rewyork, 20. Februar. (Funkdienst.) Dio Aufregung über das Untergundbahn-Unglück nahm erst ab. als bekannt wurde daß keine Menschen ums Leben gekommen seien. Mn- merbin Hai sich die Mehrzahl der 500 Passagiere in ärztliche Behandlung begeben müssen, Die Rettung der Passagieer glückte dank der vorzüglichen Organisation der erforderlichen Hilfsmaßnabmen. Ambulanzen, Feuerwehr und die Polizei waren sofort zur Stelle. Wenn bte Heraussührung der Insassen des in Brand geratenen Zuges dennoch über zwei Stunden
dauerte, so lag daS an dem langen Tunnel und Der Tatsache, daß die meisten so verwirrt waren, daß sie die Anordnungen ihrer Retter teils teilnahmslos aufnahmen, teils ihnen so- gar Widerstand entgegenfetzten. DaS ruhige und besonnene Verhalten der Sanitäter usw ließ ernstere Folgen nicht eintreten.
Nrisengerüchte um poinearö
Aber kein Rücktritt nach dem Pyrrhussieg.
Paris, 20. Februar. (Eigener Drahtber.) Rach der gestrigen Kammer-Abstimmung bei der die Regierung nur eine Mehrheit von 6 Stimmen erhielt, liefen Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt Poincares um. Ter MinisterprSstdent ließ jedoch noch gestern abend durch Tardien erklären,daß das Abstimmungsergebnis für die Existenz der Regierung belanglos fei. Aehnlich äußerte sich Justizminister Barthou.
* * *
poincarö fast gestrauchelt
Rur sechs Stimmen Mehrheit.
Paris, 20. Februar. In der Sammer wurde die Regierung Poinear« gestern beinahe in die Minderheit versetzt. Bei der Debatte über die Justizreform lagen zwei Gegenprojekte vor. Ju- Mzminister Barthou, der anfangs den Kommissionsentwurf abgelehnt hatte, erklärte in der Rachmittagssttzung jedoch, daß die Regierung es der Kammer freistelle, zwischen dem Kommis sionSprojeft und dem Gegenprojekt Drouot zu wählen, daß sie aber gegen das Gegenprojeft des Radikalen Marie die Vertrauensfrage stelle. Dieses Gegenprojekt sah die Wiederherstellung fast sämtlicher 227 von der Regierung aufgelösten Departementsgerichte vor.
Das Gegenprojekt Marie wurde daraufhin mit
Noch ein Nabinett in Nöten Baldwin rettet die Situation im UuterhauS.
London, 21. Februar. (Eigene Drahttneld.) Die Regierung ist gestern im Unterhaus mit knapper Not einer ihr durch ihre eigene $«rtet bereiteten Niederlage entgangen. Bei den Erörterungen über die Höhe der Entschädigungen für Personen in Irland, die wahrend der bärtigen Unruhen finanzielle Verluste erlitten haben, bezeichneten verschiedene Konservative bte Entschädigungen für zu gering und wandten sich mit Schärfe gegen die Erklärungen bet Regierung. Die Krise mürbe vorläufig unterbunden, als Balbwin die Vertagung der Debatte durchsetzte. Times bezeichnete den Borgang als eine zweifellose Demütigung b-r Re» qierung und sagt, Baldwin k,°be zwar die Lage gerettet, aber die Wortführer des Kabinetts m eine sehr peinliche Lage gebracht.
«gram, 20. Februar.
Tie Hinrichtung der vier Mitglieder der Prpit/ch Bande, die «ine Reibe von Raubüberfällen und Morden verübten, fand heute morgen unter unerhörten Skandal-Szenen statt Trotz der riesigen Kälte hatte sich schon in den frühen Morgenstunden eine mehrhundertköpftge Menschenmenge angesammelt, die in den Gerichtshof einbringen woll e. Nur einem starken Polizei Aufgebot mit ausgepslanzt. Bajonet en gelang es, bie Menschenmenge zurückzuhalten.
Mexikos Bürgerkriegswkrerr
Ein Vermittler zwischen Gouverneur mtb . ’ Präsident.
Mexiko, 20. Februar. Die mexikanische Kenterung mobilisiert zurzeit in den Mittel- und Südstaaten, um bie im Rorbwesten des Lande» auSgebrochene und von Valenzuela und Manz» geleitete AufstandSbewegung zu unterdrücken. Wie verlautet, ist der ehemalige Bürgermeister von Mexiko. Saracho. beauftragt worden, zwischen dem Präsidenten Gil und dem Gouverneur des Staates Sonora zu v e1 m i 11 e l n. Letzter« besteht jedoch aus der A u S w e i s u n g deS ehemaligen Präsidenten Ca11eS. Die öffentliche Meinung verfolgt die Ereignisse mit Unruhe.
Sir Josuah Stamp und Dr. Schacht beschäftigt Heute ist es der Umerausschuß der fünf sachverständigen. Ihr Bericht wird eine gute Vorstellung davon geben, wie die Arbeiten der Konferenz sortschreiten.
Scheußliche Hinrichtungsszenen «IS man die Räuberbande hängte. - Poli zei mit aufgepflanztem Bajonett. - Schars.
lichter und Opfer.
Der auS der Sowjetunion ausgewiesene Mitarbeiter Lenins wird bis auf den heutigen Tag von vielen Bolschewisten als dessen, ae- eignetster Nachfolger angesehen 1877 als Sohn jüdischer Eltern geboren, hat er mehrfach wegen revolutionärer Umtriebe im Gesanams gemessen und war 1902 ins Ausland geflohen, um der Verbannung nach Sibirien zu entgehen Nach der Revolution von 1905 wurde er nach Sibirien verschickt und war von dort nack Paris geflohen, wo er auch den Wel krieg verlebte. Im Frühjahr 1917 kehrt Trotzki mit Lenin im
plombierten Wagen nach Rußland zurück.
Erst jetzt schloß er sich offiziell dem Bolschewismus an. In Petersburg trat Trotzki sehr bald Lenin nahe. Der gemeinsame Sieg gegen Kerenski verband die beiden bedeutendsten Männer des Bolsckewismus eng mnein- ander. Trotzki wurde dann als asitatonschc Kraft ersten Ranges die Organisation der R°- ten Armee übertragen. Trotzkis Opposition im Bolschewismus begann erst, als nach Lenins Tod die Regierung an die Epigonen überging. Er warf den Nachfolgern Bürokratisierung des Bolschewismus vor und Sabotage des revolutionären Elans. Diel später erst begann er den scharfen Kampf gegen die Bauernpolittk des allmächtig gewordenen Par eisekretars Stalin Er wirst Stalin vor, daß dieser unter Dem Einsluß von Kalinin und Rykow dem Bauerntum viel zu weit entgegenkomme unv darüber die Arbeiter vernachlässige vor allem aber, daß er den Gedanken der
Weltrevolution in ben HintergnNb
treten lassen. Es läßt sich nicht leugnen, daß bis aus ben heutigen Tag Trotzki unter den Arbeitern diele Anhänger besitzt. Er verstand es immer wieder, feinen geheim organisierten Anhängern politische Weisungen zu geben. Ein Grund für feine Ausweisung ist auch der, Daß man mit der Möglichkeit seines
baldigen Ablebens rechnet.
Man befürii-tet, daß der Berdachtentstehen könnte, die an der Herrschaft befindlichen Maw ner feien nicht ganz unschuldig am Tode Trotzki» gewesen. Daß Trotzki im Auslände ein stiller Mann werden wirb, ist bei teinem starken p o l i- tischen Temperament, das freilich im publizistischen siecki.ii blieb, aum anzunehmen. Er dürft, vielmehr bis zu ,einem letzten Atemzug auch im Ausland der „ewige Revolutionär bleiben, von Wo e-, • ie bisher mit der Losung, Stalin fabi ‘iete die Weltrevolution, versuchen Wird, dessen Stellung y erschüttern. Trotzdem lehnen natürlich die deittsch-n Kommunisten bte Aufnahme ^ otzkO In Deutschlani ab. Sein« Aufnahme könnte von Rußland alS Unfreundlichkeit, von der deutschen Republik alS eine Gefahr betrachtet Werden. Immerhin Wird auch die Republik dem Verstoßenen, dem sich rein menschlich die Sympathien ohne Weiteres zuwenden, das Asylrechl nicht versagen können, denn eine Ausnahme würde sofort auch Tur und Tor für parteipolitische Auslegungen aller Art offnen. Man nehme also lieber einmal Schwierigkeiten im einzelnen Falle auf sich, aI8 daß man ben sicheren Boden des klaren Rechtszustandes unter den Füßen verlöre.
291 gegen 285 Stimmen abgelehnt. Die Regie- rungsmehrhett beträgt somit nut sechs S l i atme n. Wenn man aber bedenkt, daß im Ministerium acht Abgeordnete vertreten find, so ergibt fich, daß die Regierung in der Kammer keine Mehrheit erhalten hat. Rach Verkündung des Resultats riefen das Zentrum und dir Rechte übereinstimmend: Demission^, was aber nicht an Barthou gerichtet war, sondern an ben Präsiden ten der Kommission, Hesse, der gegen bie Regierung gestimmt hatte. Hesse trat barauf zuruck
Paris, 20. Februar. Justizinirister Barthou äußerte sich später, baß bie Regierung trotz der geringen Mehrheit von nur sechs Stimmen am Donnerstag bie Debatte fortsetzen werbe.
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London, 20. Februar. (Eig. Drahtbericht ) Reuter meldet aus Paris: Die Schwierigkeit liegt darin, jetzt die Gläubiger oderden Schuldner dazu zu bringen, unverbindliche Vorschläge zu machen, die als Ausgangspunki für Verhandlungen dienen könnten. Gegenwärtig sind sie noch durch eine weite Klun ge- trennt, und ein Versuch 'st ZemiÄt woroen, sie in vertraulichen Pr'vatbeivrechungen näherzubringen. Hiermit Waren gestern
Trotzki sucht ein Asyl
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(Eigener Trrhtbcr.11 Die Hinrichtung verzögerte sich um eine Stuu- ...... ' de. Um 7 Uhr 38 begann Die grausig« PrvM.
dnr. Es ereigneten sich dabei überaus peinliche Szenen. Sowohl bet neue Scharsrichter Har« alS auch feine Gehilfen ftnb ziemlich schwacher Natur unb waren körperlichben, Akt der Hinrichtung nicht gewachfen. Während seine drei Kameraden sich ziemlich gefaßt zeigt ten, zitterte der „Kleine Prpitsch" am ganze». Körper und konnte nicht ein Wort fprechen.Uq 7 Uhr 49 war baS Urte« vollstreckt.