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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 30 Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Dienstag, 5. Februar 1929

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Schlechte Aussichten für das Schuldengeschöst

Kältr-Rekorde in halb Europa / Auftakt zum Llntrrwettprozeß

Ein heißes Eisen

Privatisierung der Schuld durch Sonderausschuß

VuWfieber unter der Diktatur

Paris, 4. Februar. (Eigene Drahtmeldung. > Ter Rcwyork Herald deutet aus einen Plan hin, der die Frage der Privatisierung der deutschen Schulden aus den Beratungen deS Sachverstän digenausschuffes ausschriden will. Rach diesem Plan soll die Privatisierung durch die Ernen­nung eines halbständigen Sachverständigen-AuS schusses durchgeführt werden, der die deutschen Eisenbahn- und besonders die Industrie-Obliga­tionen auf den Weltmarkt bringen will und zwar in Abständen wie sie der Markt ausnehmen kann In unterrichteten Kreisen in Paris nennt man als ersten Betrag eine Summe von fünfhundert Millionen Dollar. Etwas weniger als die Hälfte könnte auf dem amerikanischen Markte unterge- bracht werden.

* * * Was wirb uns Paris bringen? Borschau auf das große Räumungs- und Repa- rationsgefchäft. Die Dollarvertreter als letz ter Rettunasanker. Räumungshandel hinter den Kulissen.

Paris, 4. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) Gut unterrichtete Kreise in Paris find, laut Breffeverlcht. Tvr Ansicht; daß der Sachverstän- digenauSschuß die Höhe der deutschen Jahres­leistungen voraussichtlich auf etwa zwei Mil­liarden Gold mark herabsetzen wird. Tie Bestimmung der Aiffer werde einem Pfer­dekauf sehr ähnlich sehen. Die Alliierten wür­den die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen JahrcSzahlungen Vorschlägen, während die Deutschen vielleicht einen Betrag von 11J4 Milliarden Mark als tragbar bezeichnen wür­den. Sodann werde man zu handeln an- sangen, was bis zur Erschöpfung andauern könne. Würden die Berhandlunaen auf einen toten Punkt gelangen, dann würden wohl die europäischen Sachverständigen die amerikani­schen Vertreter syounq und Morgan bitten, eine schließliche Kompromißentscheidung

zu treffen. Man rechne damit, daß die Deut­schen höheren Jahresleistungen zustimmen wür­den, wenn die Alliierten Zugeständnisse in der Anzahl der Jahresraten machen. All­gemein wird angenommen, daß der Wohl­standsindex von den Sachverständigen aus dem ReparationSprobelm ausgeschieden werde. Des­gleichen fei damit zu rechnen, daß auch die Transserklausel verschwinde. Die Rheinlandsrage würde vermutlich von den Franzosen ausgeschieden werden. Dabei sei es wahrscheinlich daß die Vertreter der Deutschen und der alliierten Länder in der Frage der Räumung mit Beratungen außerhalb der Aus­schußberatungen einverstanden seien. Allgemein fei man der Ansicht, daß der Abschluß eines RLumuugsplanes von großer Tragwei- t e für die Zugeständnisse der Alliierten und der Deutschen in der Reparationsfrage fein würde

Noch ein Paar Tage Sibirien

Die Kälte foll erst allmählich abnehmen.

Berlin, 4. Februar. (Fruktelegramm.) Das kalte Wetter, das fast überall in Deutschland fett mehr als einer Woche herrscht, hält noch immer an In der Berliner Innenstadt war die nied­rigste Temperatur heute minus dreizehn Grad in den Außenbezirken sogar achtzehn Grad Auch aus anderen Gegenden Deutschlands wer- den der örtlichen Lage enisprechende tiefe Tem­peraturen gemeldet. So hatte Stettin zwanzig Grad Kälte, das vommersche Küstengebiet bei Rügeuwalde dreizehn Grad. In Warnemünde wurden achtzehn Grad gemessen. An der Nord- seeküste herrschen Temperaturen von zwei bis vier Grad, in Wilhelmshaven sank daS Thermo­meter sogar auf minuS 11 Grad Am Mittel­und Oberrhein maß man durchschnittlich zwölf Grad. München meldet sogar zweiundzwanzig Grad. Eine Ausnahme macht nur Ostpreußen wo infolge des Einflusses milderer von der Ost­see kommender nordwestlicher Winde in Königs­berg das Thermometer bis auf minuS ein Grad und in Memel sogar biS au, den Gefrierpunkt stieg. Man rechnet damit, daß mindestens heute und morgen das Frostwettcr noch anhalten wird Trotz teilweiser eingetretener Bewölkung ist je­doch die Aussicht auf Niederschläge verbunden mit TauwelV*, gering. Wahrscheinlich wird eine allmähliche Milderung des Wetters eintreten

Atassenverhaftungen nach dem zweiten Aufruhr.

Sie Ursachen M zweiten Aufruhrs

Paris, 4. Februar. Heber die Ursachen des zweiten Putschs berichtet ein Blatt: Ein Go-

Madrid, 4. Februar. In der Rächt zum Sonn­tag ist eine neue Revolte in Valencia ausgebro­chen.' Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Meuterern haben stattgesunden. Der Marokko- General S a n | u - i o soll die Meuterer gezwun­gen haben sich zu ergeben.

Auf Vorschlag Primo de RiveraS unterzeich­nete der König ein Erlaß zur Schaffung eines Sondergerichts zur Aburteilung der Meu­terer. Die Zeitungen mußten außerdem ein Sechstel ihres Raumes der Regierung zur Ver- fügung stellen.

Madrid, 4. Februar. Die Lage in Valencia scheint sich noch nicht völlig geklärt zu haben. Einem Communigue zufolge wurde in einem Ministerrat eine energische Intervention beschlossen. General Sanjurio habe Vollmachten, alle Zivil- und Militärbeamten, die nicht unbe- dingt vertrauenswürdig seien, abzusetzen und ihre Funktionen zu übernehmen. Der größte Teil der Garnison von Valencia halte Disziplin.

Paris, 4. Februar. Wie ein Blatt aus Ma­drid meldet, sind infolge der neuen Militär- Meutereien in Valencia außer bet t HÄuvernerr von Valencia CabancllaS auch zahlreiche andere Cffhiere und politische Persönlichkeiten, von den Konservativen bis zu den Linksrepublikanern und Syndikalisten verhaftet worden, so auch Ge­neral Girona.

ncral habe an bei Spitze eines Teiles der Truppen der Garnison Valencia versucht. Danchez Guerra zu befreien. Aber Slreikräsle benachbarter Garnisonen hätten eingegriffen und seien dcr Aufständischen Herr geworden Es sei jedoch Blut geflossen. Um 10 Uhr gestern abend seien die Führer der Armeekorps von Madrid rusammenberufen worden und hätten dem König Treue geschworen. Die Truppen aller Garnisonen würden in Kasernen in Bereitschaft gehalten; die Zensur werde strenger den je durchgeführt.

Abgesetzte Generäle

General Sanjurios eiserne Faust.

Paris, 4. Februar. Ein Blatt meldet aus Madrid: General Castro Girona ist von Gene­ral Sanjurio abgesetzt worden. Er wurde im Auto nach Madrid ins Militärgefängnis ge- schafft. Ferner wurden festgenommen, die Gene­räle Aguilcra und Cabuneuas, desgleichen der Journalist Villanucva. Sanjurio setzte den Zi­vilgouverneur und den Bürgermeister von Va­lencia wieder in ihre Aemter ein. Gleichzeitig ließ er zahlreiche Politiker der verschiedenen Par­teischatticrungen verhaften. Den Journalisten von Valencia erNärte er ,datz die Ordnung wie­der hergestellt sei. Es scheint, daß der für heute angekündigte Generalstreik wegen dieser strengen Maßnahmen nicht zum Ausbruch kommen wird.

Som Antikriesspalt zur Abrüstung

StrescmannS Andeutung im Reichstag. Die logischen Folgerunge«.

Aus der kurzen Taufrede StresemannS für den Antikriegsparkt im Reichstag kann man doch etwa entnehmen, wie die Praxis der Frie- densverstcherung sich jetzt gestalten muß. Für das deutsche Volk ist die Ratiifzierung des Kriegsächtungspaktes noch kein Abschluß, weil es noch eine Unzahl von Tatsachen gibt, die mit dem Geiste, den der Pakt ausatmen will, nicht in Einklang zu bringen sind Man kann es zwar begrüßen, daß man das letzte Mittel des Krieges durch sUerlichen Vertrag außer­halb eines Völkerrechts setzen will. Aber eine solche Abmachung hat doch nur dann einen Wert, wenn die Mächte, die sich zu dieser Ab­machung finden, auch iq praktischen po- litischen Taten nachweifen, daß der Sinn der feierlichen Abmachung für sie ein gel­tendes Gesetz sein soll Im Geburislande des Kelloggpaktes, in den Vereinigten Staaten, ge­schah bei der Verabschiedung des Paktes durch den Senat etwas, was kennzeichnend sein könnte für die Bedeutung, dir man ihm beizu- legen hat. Der Vertrag felbst wurde nach lan­gem Hin und Her angenommen. Aber die Aus­sprache war beherrscht vom Ruf nach neuen Kreuzerbauten und spielte sehr betont mit der Möglichkeit eines Krieges Man hat zwar den möglichen Gegner" der Vereinigten Staaten nicht beim Namen-genannt, aber man hat ihn in den verschiedensten Reden so gezeichnet, daß

jedermann weiß, wo er zu suchen ist

Es soll hier nicht die Rede sein von den Mög lichkeiten einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Amerika und England Nur davon, -ak, vie'e Möglichkeit ernsthaft in einem Par­lament befprochen wurden, käst in demselben Augenblick, wo man eine Gesetzesvorlage an nahm die eben diese Möglichkeit zu einer gesetz lichen Unmöglichkeit machen will

Diese Vorkommnisse tm amerikanischen Sena "ind für uns tvpisck Ein Kriec,säcktungsver rag kann nur bann einen Sinn haben, wenn *T auch all die Möglichkeiten bannt, bte ibn oe t llandsloS macken könnten In DeniWan'' "e.ast sind solche Möglichkeiten nickt vorhanden Das Reich hat auf Grund der Frlcdnsverträge

restlos abgerüstet. Das Heer und die geringfügige Rüstungsindustrie, die Deutschland noch geblieben sind, sind so gehalten, daß sie eine Kriegführung einfach nicht erlauben, daß sie zwar die Landesgrenzen beim ersten An­prall schützen können, daß sie aber niemals Deutschland gestatten, einen Krieg selbst vom 3aune zu brechen. Andererseits ist sich das deutsche Volk darüber klar, daß gerade die

Hauptunterzeichner durchaus nicht gewillt sind, diese selbstverständlichen Voraussetzungen gleichfalls zu fchasfen. Deshalb eben darf es die Weltöffentlichkeit nicht erstaunen, wenn man in Deutschland dem Pakt und seinen Prak tischen Auswirkungen eine merkliche Zurückhal­tung entgegensetzt. Man wird im Reichstag den Kelloggvertrag ratifizieren, denn diese Ra- liflzierung ist eine Selbstverständlich feit Aber kein Redner, kein Regienmgsmii- alled, keine deutsche Partei wird an die Ver­abschiedung der Vorlage die Genuatuung knu vsen, daß nun alle Wege für die Verewigung >e8 Weltfriedens geebnet feien. So wird letz en Endes die deutsche Ratifizierung des beut cken Kelloggpaktes mich zu einer deutschen Forderung an alle Mäckte, die ihm belaetreten önd. Die Forderung heißt: Abrüstung Sie rt ein deutscher Anspruch, der schon durch den Versailler Friedensvertrag gegeben ist, der fetz' aber ein Anspruck aller Mäckte des Kellogg >'akteS werden mutz, wenn nicht seine eigene Unwahrhaftigkeit seine letzte und groß e Bedeutung werden soll Mit dieser Skepzis haben denn auch einige Parteien

nicht hinter dem Berge gehalten nnb ihre Bedenken gegenüber den Auswirkun- wn deS Kelloggpaktes wird jedermann in Deutschland, wenn auch nicht in der g'eichen Schärfe, teilen Die Skevsis richtet sich nick' legen den Sinn des Krieasäck'unoSver«"aae? ^er wird von allen in Deutschland auftWin ''earußt Aber geaen die Einstellung elneT ^eltmehrheit die diesen Sinn in einen 'snsinn verwandeln will, aeaen diesen Unsinn gibt es eine den'scke Elnh-"«^-^ Die bat eine Kamvsvarole, die Sehern Deutschen aus dem Herzen brennt: .Abrüstung!"

Ein Tag Dikiator

l^in Gespräch mit Primo be Rivera.

»Wir brauchen heute mehr denn je eine re­ligiöse Verinnerlichung unseres Lebens, um dem Egoismus und der Gleichgültigkeit, bte sich heule allenthalben zeigt, erfolgreich zu te- zegnen".

Dies war die wesentlichste Aeußerung, die ich bei meinem letzten Besuch in Madrid von dem spanischen Diktator, General Primo de Rivera, hörte. Eine Audienz bei ibm zu er­halten. war recht schwierig, da er wohl einer ocr meist beschäftigtsten Männer Spaniens ist. Er, wie Mussolini in Italien, trägt zur Zeit allein die Verantwortung für daS Geschick Spa­niens. Ich sah ihn in seinem Arbeitszimmer einem einfachen, schlicht auSgestatteten Raum. Der Diktator erschien in voller Uniform, mit Sämtlichen Orden, da er soeben von einer Staatsfeierlichkeit zurückgekehrt war.

Er ist groß, von straffer Haltung, und wirkte durchaus soldatisch. Sein breites Kinn verrät die Willensstärke, di« in ihm lebt. Er lud mich ein, Platz zu nehmen und bot mir eine Ziga­rette an. Während er sich selbst eine anzuen- bete, meinte er freundlich:

Sie wissen, ich rauche 50 pro Tag". Zu­nächst schilderte er feinen politischen Werdegang Ich hatte geraume Zelt dl« Entwicklungen im Lande beobachtet und gesehen, wie die Regie­rung in ein verderbliches Chaos htneinsteuerte. Ich fühlte in mir den glühenden Wunsch, mei­nem Lande ein vorbildlicher Führer zu fein, und fo willigte Ich ein, mich an 61e Spitze der Regierung zu stellen. Heute haben wir statt Ausruhr Frieden und Wohlstand. Die 8eute sind zufrieden und unser Aufbauwerk macht sichere und stetige Fortschritt«. Ich bin über­zeugt, daß Spanten int Völkerbund nützliche Arbeit leisten kann, denn unser aufrichtigster Wunsch ist, in Frieden und Freundschaft mit allen Völkern zu leben. Spanien, als das Mutterland spanischer Kultur, ist entschlossen, mit den stammverwandten Ländern Südameri­kas für den Weltfrieden zusammenzuarbeiten.

Was Marokko anbelangt, fo haben wir dort agrarpolitisch und kulturell wertvolle Arbeit ge­leistet.

Bei der Diskussion über verschiedene große Reformen, die während der letzten Jahre in Spanien durchgeführt wurden, kamen wir auf das industrielle Problem des Landes zu spre­chen.Gibt es", so fragte ich den Diktator", in Spanien eine ähnlich« Einrichtung wie in Italien, wonach die Möglichkeit gegeben ist, -wischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Streitfragen toerfnittelnb einzugreifen?"

.Gewiß", lautet bie Antwort,wir haben derartige Ein^chtungen bereits in verschiedenen Industrien und Handelszweigen elngefiihrt, wie z. B. beim Cel» und Reishandel. Stets werden die Interessen beider Parteien gewahrt Wir verurteilen Streiks jedoch nicht grundsätz­lich, sofern sie nicht staatsfeindliche Tendenzen mben. Wir sind fortschrittlicher als die Ita­liener und gestatten Teilstreiks. Bei einem Teilftreif darf der Arbeiter freiwillig streiken, wrausgesetzt, daß die Klauseln, die fein Ar- SeitSfontraft enthält, nicht verletzt werden. Di« Regierung verhindert jedoch jede Propaganda, nurch die der Streik auf andere Industriezwei­ge übergreifen könnte".

General Primo be Riveras tägliches Ar- beilsprogramm beweist beutlich feine unerschöpf­lich« Energie. Er liebt Pünktlichkeit und ge­regelten Dienst Um 9 Uhr steht er aus, doch vorher hat er bereits bte Zeitungen gelesen nnb Notizen für ben fommenben Tag gemacht. Um 11 Uhr finbet bas Frühstück statt; Eier und Fisch, aber kein Fleisch Bis 2 Uhr arbeitet er. Dann findet eine Mittagspause statt. Obwohl ?r auS einer Stadt gebürtig ist. die einen bet berühmtesten Weine liefert, trinkt er nur f«hc wenig, mit Ausnahme bei Festlichkeiten Er be­gnügt sich tagsüber meistens mit Wasser Rach >em Mittagessen arbeitet er bis 4 ober 5 Uhr? 'chläst bann eine Stunbe und arbeitet wieder -is neun Uhr In den Abendstunden widmet r sich seiner Familie. Von 11 Uhr b's 4 Uhr 'rüh arbeitet er weiter in der Abgeschlossenheit "eines Zimmers, wo er von niemand gestört vlrd.

So fbielt sich das «'gliche Leben des spa­nischen Diktators ab. Er selbst ist nicht begü- ett und hat nur einen kleinen Landsitz in der Nähe von Jerez. Sein Haushalt ist frauen»