Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 23
Sonntag, 27. Januar 1929.
Einzelpreis Wochentags 10, Pfennig.
19. Jahrgang
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig
A
iuterstürme lahmen den Verkehr
Srantfurt< voliznhoupr tot
politisches Gebiet zu bringen. Gefürchtet sei die unbekannte Forderung Amerikas, dessen Mitarbeit unerläßlich sei.
Leere Straßen in Belgrad.
Belgrad, 26 Januar. (Eigene Drahtmel- düng.) Seit gestern früh tobt in Belgrad und in ganz Nordserbien ei« außerordentlich starker Sturm, der den verkehr auf den Straßen in Belgrad ganz lahmgelegt hat. Wuf den Eisen- bahnftrecken sind schwere Schneeverwehungen eingetreten, sodaß teilweise der Verkehr stockt oder die Züge mit erkblichrn Verzöge- rungen eintreffen In Belgrad kam eS zu zwanzig durch den Sturm Hervorgerufenrn meist kleineren Bränden Das Glatteis auf den Straßen verursacht auch zahlreiche Unfälle.
Paris, 26. Januar. (Eigene Drahtmeldung.» Zu den bevorstehenden Sachverständtgeil-Äer- yandlungen schreibt der Gaulois, die französische Regierung werde wahrscheinlich fordern: 1 Aufrechterhaltung der bisherigen Jahresleistungen von 2J4 Milliarden Goldmark auf eine Zeit, die der für die englisch-amerikanische Schuld festgc fetzten Dauer entspricht. 2. Anerkennung des Prinzips der P r i v a t i s i e r u n g der deutschen Schuld. 3. A b s ch a f f u n g der Transverllausel. die Amerika seinen Schuldnern verweigert 4 Abschaffung der Naturallei st ungen (Sachlieferungen) von feiten Deutschlands, in den Fällen, wo sie nicht mehr von der französischen Volkswirtschaft ausgenommen werden können und Verpflichtung für Deutschland, dafür bar zu zahlen.
England werde sich an die Balfourmste halten, sich aber dabei angesichts der hohen ArbeitS- losenzifser bemühen, die Finanzdebatte auszu- dehnen, um sie auf wirtschaftliches oder r-ielleicht
«fln (veescxutz 9hmra er im 3ufunMetri.c
Washington, 26. Januar Zu der von Senator Vor ah bei der Kreuzervorlage im Senat angeregten internationalen Konferenz zur Kodifizierung des Seerechls der Neutralen in Kriegszeilen wurde die Ansicht Eoolidges mit* geteilt, daß dieser Gedanke bei der bekannten Scheu des Senats vor internationalen B>n- mngcn schwerlich je aus dessen Billwung reck- ucn könne. Die Erfahrungen des Weltkrieges hätten gezeigt, daß die Rechte Neutraler auf See in Kriegszeiten kaum geachtet wurden und es bestehe wenig Aussicht dai in einem künftigen Krieg besser behandelt w.rden würden. Bisher habe sich jedenfalls keine Möglichkeit zur Einberufung einer solchen Konferenz ergeben.
Strafvollzuges nicht tnngehalten wurden, daß sich dort Verhältnisse eingebürgert haben, die durch die Richtlinien des Gesetzgebers in keiner Weise gestattet werden, daß also die »Ordnung- im Zuchthaus sich absolut nicht deckt mit dem, was dem Sinn der Strasvollzugsordnung entsprechen würde. Man wird nun die Schuldfrage aufwerfen: Fehlte dem Anstaltsdirektor die Kraft, Ordnung zu schassen? Lag e» an der Disziplinlosigkeit der Aufsichtsbeamten? Oder an der Renitenz der Gefangenen? Man hat hier zu beamten, daß die unglaublichen Zustände im Sonnenburger Zuchthaus, wie die geklärten Tatsachen es lehren, schon jahrelang zurückreichen Es ist also wenig glaublich daß der AnstaltSdtreftor von diesen Verhältnissen nichts erfahren hätte Also müßte er entweder die Zustände stillschweigend geduldet haben, oder er müßte über diese Zustände an seine vorgesetzte Behörde berichtet, aber keine Unterstützung erhalten haben Die Beantwortung dieser Fragen ließe auch Rückschlüsse auf die Zweckdien- lichkeit der sogenannten BesserunaStheorie zu und erkennen, ob nicht doch eine Ueberhumant- sierung des an und für stch schon sehr humanen modernen StrafvollzuaS hier zu einem Svst-m wurde, dem setzt die Schuld zufällt. Diese Art von Besserungstheorie Hai jedenfalls in Son- nenburg nicht gefruchtet Fragt sich nur, wem die Verantwortung dafür zusällt.
zig Personen in den Straßen der Stadl gestorben. Das Banditenunwesen sei außerordentlich stark. Dreitausend Banditen feien in der vergangenen Woche durch Saratsi gezogen und hätten die Bauern unmensch ticken Torturen ausgesetzt, um sie zu 'wlngen, etwa noch vorhatwene Getreidevorräte herauszugeben.
London, 26. Janaur. (Eig. Drahtbericht.) Die Hungersnot-Kommäffion aus der Provinz Schonst berichtet: Die Zahlen der Toten ist so groß, daß es unmöglich ist, genügend Gräber herztrstellen. Außerhalb der Stadt Saratsi liege ein riesiger Berg von tuen Kör- Vern, dir von Wölfen und Hunden zerfleisch- werden. In der vergangenen Wockie seien vier-
WW WMezWmge bekriegen
Ei« blutiges G-.fccht bei Kabul. - Der niedergesengte Flugplatz.
Frankreich deckt die Karten ans
Was man Deutschland an Reparationen zu mutet. — Herkulesarbeit für die deutschen Delegierten.
Frankfurt, 26. Januar. (Funkteleyramm) Heute nacht starb nach längerer Krankheit Po lizeiprästdent Jos Zimmermann. Er ist 1871 in Württemberg geboren und war seit 1921 alS Landrat In Höchst a. M und Von 1926 atz Polizeipräsident von Frankfurt.
7 Tvdeeurtkil' durch Sowjrtrlchier
Moskau, 26. Januar. Seit Beginn der Sowjetwalzlen hat sich der Gegensatz zwischen .^ Anhängern be§ Sowjetsystems und den Verfechtern der alten Tradtticr en der asiatj- !£* SÄ^ämme, di« sich hauptsächlich unter dem „Beis" (Grundbesitzern) und den rnoham- !£c.b<!n fc£?.. finden, sehr verschärft
Bei der Sühne einer politischen Mordtat, deren Opfer das Mitglied einer Wahlkomnrission geworden ist, wurden in Turkestan nicht weni- 8« als 7 Personen, teilweise Beis urt> einige Mullahs zum Tode verurteilt.
Kn»e'genpE: S'ndetmifcke ®ef(täftean*taen die mm-Setle 10 4 auSwürtiqe G-MstS-n»ei«en «e mm.Wie 10 4 »amtUenunieigen die rnm-Zeile 10 4, Ka.,eue 1,18 ESon fl J auswänigk Kleine cknzeiaen die mm« Seilt 10 4 Reklamen die mm-Setle 88 4. CtfertgebObr 25 4 (bei Zu stell u na ” 4» RechnunaSbeträge innerbald 5 Tagen ,abldar äüt die Rickrtakcit aller bur» Sternlereiber aufflefltbenen «nieiaen sowie tüt Suivadmedaten und vlatze kann ntcki garantiert werden, stür Anreisen mit besonders sckwieriaem Satz 100 dröhnt Aufsckla, Druckerei: Scklackibotstr 98/SO GeickSiiSbelle: Köln Str. b.
Varis-Berlin
Regierung-, Reparations- und Elsatzsorge«.
Ihre frtedsameu, behaglichen Winterquartiere haben die Vertrauensmänner der Parteien wieder mit der kampsgeladenen, konflikt- schwülen und Verantwortung heischenden Atmosphäre der Fraktionssäle und Sängerkrieg- Halle am Berliner Platz der Republik getauscht. Und das Fortwursteln der Parteidioskurcn würde stch der lammgeduldige Wähler in respektvollem Abstand Wohl noch eine Weile gefallen lassen, wenn nicht schicksalhafte Entscheidungen über die Deckung des Millionendefizits, über erneute Wirtschaftsdrosselung durch Steuerdruck und Vermögensabgaben, über un« aufschiebbare Reformen und Gesetzvorlagen im Rechts-, Schlichtungs-, Verwallungs- und Ver- sassungswesen überhaupt zum Abschluß dräng- len, die der jungen Republik aus Jahre hinaus als Blink- und Leuchtfeuer dienen sollen. Nicht zuletzt gilt es einen neuen und endgültigen Reparationsschuldspruch abzuwenden, der durch „Kommerzialisierung" (lies Privatisierung), d. h. Verkuppelung der deutschen Milliardentribute an private Gläubiger noch unsere Kinder und Kindeskinder schuldlos für den verlorenen Weltkrieg büßen lassen will. Denn der in Versailles heuchlerisch erpreßten Verpflichtung einer finanziellen Hiedergut- der pharisäerhi.^, astf Deutschsan'y Ze- schobenen Kriegsschuld ist vor den Augen der gesamten Kulturwelt längst der moralische Boden entzogen worden.
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Die Hungertragödie in Nordchina
Unbegrabene Leichen. — Massensterben in den Straßen. — Der Nährboden für das Banditentum.
(Srnftt Leliren
Was sagt uns Sonnenburg?
Dte großen und kleinen Durchstechereien und Schiebereien der Anstaltsbeamten des Zuchthauses Sonnenburg unterscheiden sich nicht viel von Den Delikten, die deutsche Gerichte täglich beschäftigen. Was das große ungeteilte Interesse der Oeffentlichkeit für diesen Sonnenburger Prozeß auslöste, das ist nicht die Anklage selbst, das sind wohl in der Hauptsache die Verhältnisse in dieser Anstalt, dte Zustände, die erst die Ungesetzlichkeiten der Aufstchtsbeamien möglich mach len. Wenn man bedenkt, daß diese Klarstellung der Zustände in einem deutschen Zuchihaus gerade in einer Zeit erfolgt, wo sich die berufenen Vertreter der deutschen Justiz, die Parlamente und auch die deutsche Oeffentlichkeit mit den Fragen einer Reform des Strafvollzugs befassen, so wird einem die Bedeutung der Ge- richtssttzüng in Sonnenburg ohne weiteres vor Augen geführt. Der Prozeß ist das Beispiel aus ein Exempel. Er setzt anstelle der grauen Theorie die Praxis, er ist letzten Endes eine Antwort Wenn man ste richtig verstehen würde, ihren Sinn richtig erfaßt, so wäre viel gewonnen. Man hätte eine Lehre erhalten, die zu Folgerungen zwingen müßte. Zu Folgerungen, die einer heutigen üblichen Einstellung zum Gedanken des ^^^tzoFzugs eine Kritik gegenüberstellt, die, sa- £ ,'.e gewisse Umorientierung erheischt.
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Abschreckung und Bergeltungstheorie getragen. Man sagte sich damals, daß der Zweck der Strafe sein müßte, erstens ein Verbrechen zu sühnen, zweitens Menschen von der Begehung von Verbrechen abzuschrecken, drittens die im Rahmen Der Gesetze lebenden Menschen vor Verbrechern und ihren Anschlägen gegen die Gesetzeswelt der bürgerlichen Gesellschaft zu schützen. Heute denkt man anders und will den Strafvollzug grundsätzlich den Zweck der Besse- rung des Inhaftierten geben. Das ist ein Ge- danke, gegen den sich, vom menschlichen Standpunkt aus, durchaus nichts einwenden läßt. Die Praxis von Sonnenburtz scheint freilich den
Skeptikern Recht zu geben.
wenn auch die Zustände in diesem Zuchthaus nicht eine Folge der Methoden sind, die im Strasvollzugsgesetz des Jahres 1923 niedergelegt sind Dort kann man nämlich lesen, daß der Zuchthausgefangene mindestens zehn Stunden täglich arbeiten muß, daß ihm Erleichterungen erst gewährt werden dürfen, wenn er sechs Monate der Strafe verbüßt hat, daß Besuche nur alle drei Monate gestattet sind usw. Der Prozetz- bericht zeigt nun, daß diese Bestimmungen des
keine Erfahrung in den Regierungsgeschüften Oaöe. Infolgedessen sei ein erheblicher Umschwung in der Stimmung zugunsten des Königs Aman Ullah eingetreten dessen Arbeit für die Wohlfahrt Afghanistans letzt nach seiner Absetzung erst recht bekannt werde. Andererseits habe ihm seine Flucht geschadet.
ßoincare hält das Repamtionsjoch bereit
Was sagt uns der Zucftthausskanda! in Sonnenbmg?
Den Spiegel der Kriegsschuldlüge, in dem er immer nur seine eigene Schande erblicken kann, wird uns Poincare also künftig ebensowenig Vorhalten können, wie er noch lange feine Steckenpserdattacken gegen die Elsaß-Autonom i st e n wird reiten können. Alle durchsuch- tigen und boshaften Anwaltskniffe des heute von einem humaneren Frankreich nur noch zur Liquidierung der WeltkriegSgeschäfte bestellten und geduldeten Demagogen können an dem elementaren Selbstbestimmungsrecht auch der Elsaßföhne nicht drehn und deuteln, denen die Einlösung der von Wilson alS Friedensköder ausgestreuten Weltbeglückerwechsel bisher ebenso vorenthalten wurde wie allen von Deutschland abgesplitterten Minderheiten. Es verfängt bei Unparteiischen nicht mehr, wenn der Chauvinist ohne über seine eigenen Separatistenumtriebe im Rheinland zu erröten, das zwischen eifersüchtigen Nachbarn seit Jahrhunderten hm- und hergeworfene Grenzvolk offener Hochverrats« und Wfallpläne verdächtigt. Es verfängt nicht mehr, wenn er die gegen Verwelschungsuethoden sich Aufbäumenden heimlicher Sympathien für und finanzieller Bestechung durch Deutschland bezichtigt. Heute weiß jeder auch nur durch Schlagzeilen unterrichtete Zeitungsleser, daß eS den Autonomisten nur um Erhaltung ihres Eigenlebens, Sprache, Sitte, Kultur geht. Sie wollen genau wie unsere Brüder in Südttrol, Polen, Siebenbürgen, Böhmen usw. ihre Kinder im Geist der Muttersprache aufwachsen und lehren, ihre Ge- bete sprechen, ihr Volkstum in der Familie tote im öffentlichen Leben sich betätigen lassen. Sie wollen vor Gericht, in der Kirche, im Theater, in der Presse ihr Naturrecht verfechte», das ererbte Sprach- und Kulturgut pflegen und befruchten und sich durch öde Pariser Gleichmacho, rei und bürokratischen ZenttalismuS, der brutaler und geharnischter einherstiefell alS je unter der preußischen Pickelhaube, nicht entseelen und ducken lassen. Aber auch die Zeit der ISIS „Befreiten- wird kommen, wenn die nur müh. lam sich zurückhaltende Opposition von link» nach geglückter oder gescheiterter ReparationS-' losung über den mumienhaft in einer versöh- nungswilligere Generation hineinragende» Hasser PomcarL binwegbrausen wird.
Nicht unähnlich der latenten Krise um ben heute noch unentbehrlichen Frankdiktator 'chlinaert auch der Berliner RegierunaSnachen zwischen den Etat- und Reparationsklippen, nur mit dem Unterschied, daß die national geschlossenen Franzosen, wenn auch murrend, ihre in. nenpolitischen Schmerzen und Leidenschaften dem Primat der Außenpolitik opfern, wahrend die deutschen Parteien noch immer halsstarrig das Staatsruder hierhin und dorthin reißen und ihrem Eigennutz keine Konzessionen gegenüber den Fragen um Sein oder Nicht- ein abzuring.'n vermögen. Aber vielleicht er- Wift sich der vtr »>»'« 'wisch'" Non vermittelnde klug-bedächtige Kanzler Müller
— Verwehte Eisenbahnstrecken.
Sowohl die Donau wie die Save find zugefroren.
Rom, 26. Januar. (Eigene Drahtmeldung. > AuS Norditalien werden große Schneestürme ge meldet. In der Umgebung von Udine liegt eine 15—30 Zentimeter dicke Schneedecke. Ein Perso nenzug blieb zwischen Udine und Grado im Schnee stecken. In der Lombardei sind die Fern Verbindungen zwischen Mailand und Venetien teilweise unterbrochen. Starke Kälte wird aus Südtirol gemeldet, wo beispielsweise im Puster tal das Thermometer auf zwanzig Grad unter 9ZuII gesunken ist.
Der verkannte Reformator
Umschwung zugunsten Amanullahs.
London, 26. Januar. Die Sage in Afgha- ""ch Pressemeldungen noch chaotisch. König Aman Ullah setzt die Mobilmachung seiner Streitkräfte fort. Die Schinwaris halten das Land um Jelalabad herum besetzt und ha- ben auch Dakka im Besitz. Es ist unbekannt, ob die GhilzaiS sich König Aman Ullah oder dem Emir Habit Ullah anschließen werden, oder ob
London, 26. Janüar. (Eigene Drahtmeldung.) sie auf eigene Hand unrnehen »...
Zwischen den Vereinigten Stämmen von Schinwaris erkennen den Emtt "5^0 um Dschelahabad, die auf Kabul vorriicken und einer nicht an Er b°b- Abteilung des neuen Herrschers Habit Ullah kam "L® r“e^-..r-*,”bc bewiesen, daß es etwa vierzig Kilometer von Kabul entfernt zu einem heftigen Zusammenstoß. Es wird be- richtet, daß die Anhänger Habit Ullahs große Verluste erlitten haben. Die Stämme der MohmandS haben den F l u g p l a tz von Sacra, der von Amanullah errichtet wurde, in Brand gesteckt Das Feuer griff auf weitere Teile der Stadt über und hat erheblichen Schaden angerichtet.