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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Stummer 14

Einzelpreis: Wochenlngv 10 Pfennig.

Donnerstag, 17. Zanuar 1929.

Einzelpreis-. Sonntags 20 Pfennig.

19. Jahrgang

Drianb macht Friedensmuflk.

Antwort auf kritische Anfrag en in -er Aammer. rtelloggpakt und Flottenkompromitz.

Baris, 16. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Bor der Debatte über die außenpolitischen Inter­pellationen behandelte Staatspräsident Don­ner zunächst den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete unter ziemlich heftigen Ausfällen ge­gen die systematischen Verheerungen, die die deutschen Eindringlinge angerichtet hätten Da der Wiederaufbau trotz der deutschen Zah­lungsversäumnis in diesem Jahr seiner Voll­endung entgegengehe, sei eS Zeit, sich mit der Abrechnung zu befassen.

Die Reparationsregelung müsse nicht nur sür völlige Erfüllung sorgen, sondern auch erreichen, daß die übernommenen Ver­pflichtungen später nicht mehr angesoch- t e n werden könnten und daß die ehemaligen Feinde nicht isoliert blieben; sonst könnte eines Tages die Versuchung über sie kommen, eine günstige Konjunktur auszunutzen, um mit einem Schlag sich durch einen neuen Krieg von allen Verpsichtungen zu befreien (!)

* * *

Lin zweiter Völkerbund.

Einwände gegen den AntikriegSpakt.

Senator Lömerh stellte daraus seine beiden Anfragen über den Kelloggpakt und das fran­zösisch-englische Flotienkompromiß. Trotzdem Amerika den Bau von 15 neuen Kreuzern pla­ne, spreche man von einem Bannstrahl gegen den Krieg. Er sei nicht davon überzeugt, daß der Pakt die eigene Neutralität verbürge. Der Kelloggpakt führe gewissermaßen zur

Gründung eines neuen Völkerbundes, und es frage sich, ob diese neue Gruppierung nicht mit der Genfer Organisation kollidiere. Der Krieg sei auch nicht ohne Vorbehalte außer Gesetz erklärt worden. Denn die Vereinigten Staaten behielten sich di« Aufrechterhaltung der Monroe-Doktrin vor. Die durch den Kelloggpakt geschaffene Lage sei also noch nicht völlig geklärt. Di« Amerikaner hätten in dem englisch-französischen Flotienkompromiß «inen Versuch gesehen, eine gegen st« gerichtete Ein­heitsfront aus der Abrüstungskonferenz herzu­stellen. Wenn die Vereinigten Staaten di« Be­mühungen um die Abrüstung so genau kon­trollierten, so sei er für den Völkerbund besorgt Die Vereinigten Staaten wollten die Führung im Kreuzzug gegen den Krieg übernehmen; wozu diene aber dann der Völkerbund?

* * «

Nach starkem Beifall und Glückwünschen für Brtand ging das Haus zur Tagesordnung über.

Der Vorsitz für Amerika?

Pariser Vorschläge für vaS Reparationskomitee

Paris, 16. Januar. (Eigene Drahtmeldung./ Der Autzenpolittker desJournal" schreibt: Der Borsttz im Reparationsausschutz kann von kei- nem der hauptsächlich interessierten Länder über­nommen werden, da diese alle ihre D i s P o s t - tionS freiheit behalten müssen. Der Vor- sitzende hat die Rolle des Schiedsrichters zu spie­len. Um diese wirklich ausüben zu können, braucht er Unabhängigkeit und Nachdruck. Le­diglich die Amerik tner besitzen beide Vor­teile, und sie besitzen auch die Uebeklegenheit, die sich aus der Tatsache ergibt, datz man ihre Hilfe nachsuchen mutzte, um einen wesentlichen Punkt des Versailler Vertrages zu regeln, von dem sich die Vereinigten Staaten doch frei gemacht hatten.

Tumulte bei öen Sta-tvatern.

Einschreiten der Polizei gegen Erwerbslose.

Hindenburg, 16. Januar. Die erste Stadtver- ordnetensttzung im neuen Jahr, nahm gleich von Anfang an infolge einer Erwerbslosendemonstra­tion einen tumultarischen Verlauf, sodaß die Po­lizei den Zuhörerraum säubern mußte. Auch der Oberbürgermeister und die Stadtverordneten be­

teiligten sich an der SäuberungSaktion. Im Saal selbst kam es wiederholt zu größeren Tumulten, wobei auch zwischen den Kommunisten und So­zialisten eine Schlägerei entstand. Polizeiliche Verstärkungen stellten draußen die Ordnung wie­der her. Die Erwerbslosen waren in geschloffe­nem Zuge von einer Protrstversammlung nach dem StadtvrrordnetensitzungSsaal gezogen und hatten sich ohne Zuhörerkarten Zutritt erzwungen

Erwkrv wie eeirn CoiUtt.

Leipzig, 16. Januar. Nach einer ErwerbSlo- senversammlung traf deren Umzug auf einen mit Polizeibeamten besetzten Kraftwagen. Die Be­amten wurden in der gröbsten Weise beschimpft. Sie stiegen daraufhin ab, um die Täter festzustel­len. Hierbei stürzten sich einige der Demonstran­ten auf einen Polizeibeamten und versetzten ihm einen Mcfferstich'in den Rücken. Insgesamt wur­den drei Personen verhaftet.

Sa« 3 ugzeug im Dienst der Tläkvstentted

Paris, 16. Januar. Vom 15. bis 20. Mai wird in Paris der erste internationale Kongreß stattfinden, der die Nutzbarmachung deS Flug­zeuges für den sanitären Dienst vorberetten und organisieren soll. Die deutsche Regierung ist eingeladen worden, sich an diesem Kongreß, für dessen Durchführung die französische Regierung einen Kredit bewilligt hat, zu beteiligen.

zuerst die zahlungskrast prüfen!

Wirth und von Rheinbaben im

Paris, 16. Januar. (Eigene Drahtmeldung.) In einem Blatt äußert sich der ehemalige ReichS- anzler Dr. Wirth zur Reparationsfrage: Deutsch­land hat nachgewiesen, datz es bezahlen will. Ist cS aber sein Fehler, wenn sein Außenhandel ein jährliches Defizit von zwei Milliarden aufweist? Um bezahlen zu könnin, müffe Deutschland leine Ausfuhr erhöhen. Viele bisher noch Landwirt­schaft treibende Länder sind jetzt industrialisiert worden, was bedeutet, datz sie ihren Charakter als Absatzgebiete verloren haben. Wenn eS bis­her alle vorgesehenen Zahlungen beglichen hat, so ist damit nicht gesagt, datz es in Zukunft der amerikanischen Hilfe entbehren kann. Die Finanz­sachverständigen müßten also die

Chor der Reparationsstimmen.

Zahlungsfähigkeit Deutschlands abschätzen.

Abg. von Rheinbaben (den Lesern der Kasseler Neuesten Nachrichten durch den Leitartikeldienst bekannt. Die Red.) erklärt, die Haltung Amerikas werde für die Endlösung ausschlaggebend sein. Die amerikanische Wirtschaft mützte darüber wa­chen, datz die finanziellen Lasten Deutschlands nicht dessen wirtschaftlichen Aufschwung bedroh­ten. Die internationalen Bankiers würden sich besser untereinander verständigen als Politi­ker. Es sei mithin ein sehr glückliches Zeichen für Deutschland, datz das amerikanische Kapital sich weiterhin für den Wiederaufbau Europas interessiere.

Vrianös zrie-ensposmrnen.

Antikriegspakt und Völkerbund stören sich nicht.

Nach dem Beifall sür Senator Lanery führte Außenminister Briand aus: Gegenüber der Ge­schlossenheit der Vereinigten Staaten müffe man ein starkes Europa bilden. Das werde kommen, aber man dürfe die Schwierigkeiten nicht über­sehen, die die Vergangenheit den europäischen Staaten in den Weg lege. Der Völkerbund könne durch den Kelloggpakt nur gestärkt werden. Der Völkerbund sei gezwungen, falls seine Schiedsgerichtsbarkeit nicht zum Erfolg führe, die Parteien sich selbst zu überlassen, aus die Gefahr hin, daß diese zum Krieg schreiten.

Rein juristisch existiere der Krieg also.

Der Kelloggpakt habe ihn zum ersten Male als ungesetzlich erklärt, zum Verbrechen gestempelt und alle Völker der Welt sollen unterzeichnen. Das sei von ungeheurer moralischer Bedeutung. Gewiß könne eine Signatarmacht den Pakt bre­chen, ohne daß man eine Sanktion ergreifen kön­ne. Aber in welcher Atmosphäre würde diese Macht sich befinden? Sämtliche im Völkerbund vertretenen Länder hätten den Wert des Pak­tes als RückverstcherungSvertrag anerkannt. Man kann nicht unterscheiden zwi­schen einem Frieden in Europa und einem in Amerika. Es

gebe nur einen Frieden der Welt.

Das sei Die Politik der ganzen französischen Re­gierung. Zuruf PoincarLs:Sehr richtig!" Brtand fortfahrend: Der Kelloggpakt enthalte keinerlei Friedensorganifation. Auch eine in­ternationale Gerichtsorganisation existiere nicht. Aber das werde allmählich kommen. Polen habe Rußland einen Nichtangriffspakt für alle Ost- grenzen vorgeschlagen. Darüber werde jetzt dis­kutiert. Wenn alle Randstaaten einen derartigen Pakt unterschrieben, so könne sich niemand über eine solche Friedensgarantie in Europa bekla­gen. Alles in allem habe der Kelloggpakt weder die Monreo-Doktrin verletzt noch einen Wettbe­werb mit dem Völkerbund geschaffen. Er könne nur ein Bindeglied und ein Grund zur Zusammenarbeit zwischen den Kontinenten sein.

' " ophe an Chinas Küste

Fast vierhundert Passagiere und Matrosen alS Opfer.

London, 16. Januar. (Eigene Drahtmeldung.) Ter chinesische DampferHsin-Wah" (2000 Ton­nen) strandete bei Schanghai heute morgen in der Nähe von Hongkong. Man befürchtet, daß

gewesen sein. Auch der erste Maschinist, ein Russe, soll gerettet fein. Unter den dreihundert meist chinesischen Passagieren befanden sich drei­ßig Frauen und Kinder.

von den dreihundert Paffagieren und hundert Mann Besatzung nur zwanzig Personen gerettet

3ur techten Stu ousgebootel.

e n.

von einem chinesischen Fischerboot auS einem ge­kenterten Rettungsboot aufgenommen worden.

müudung im Nebel aus eine Sandbank ausge­laufen war, ist gestern durch die Gewalt der Wogen vollständig zertrümmert worden. Sämt­liche Passagiere und die gesamte Besatzung, im ganzen 92 Personen, hatten kurz vor der Ka-

Warschau, 16. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Der englische PersonendampferSelter", der den Verkehr zwischen London-Danzia-Me- mel-Libau vermittelt und der an der Weichsel-

Äußer dem dänischen Kapitän Jensen ,, .. .. _ . ... .

sollen vier weitere europäische Offiziere an Bord tastrophe das Schiff v

werden konnten. Schlepper sind zur Hilfeleistung ausgelaufen. Soweit aber die bisherigen Mel­dungen besagen, find

nur sechzehn Mann der chinesischen Besatzung und vier Passagiere

Schneemann aus den Schienen.

Starke Verkehrsstörungen im Südosten.

Bruffa, 16. Januar. (Privattelegramm.) Die Eisenbahndirektion VreSlau teilt mit, datz starke Schneefälle in Verbindung mit heftigem Sturm in der letzten Nacht in den Gebieten südlich der Linie Kohlfurt-Bruffa-Oppeln starke Störungen verursacht haben. Auf allen gefährdeten Strecken mutzten Schneepflüge eingesetzt werden. Die Personenzüge wurden zum Teil gekürzt und mutzten vielfach mit zwei Lokomotiven fahren. Ein Perfonenzug blieb im Schnee stecken. Na­mentlich der Güterverkehr ist stark behindert.

*

SPneeftutmfchamr im Schwarzwaid.

Freiburg, 16. Januar. (Privattelegramm) Gestern nachmittag und die ganze Nacht hin-

Mit zwei Lokomotiven u. Schneepflügen.

durch tobte auf dem Schwarzwald und in Den Tälern ein wütender Nordweststurm, dessen Stärke mit 14 Sekundenmetern gemessen wurde. Bei großer Kälte bis zu 11 Grad unter Null fiel fortgesetzt Schnee. Durch den Sturm sind umfangreiche Störungen im Telesonverkehr eingetreten. Auch habe» Schneeverwehungen den Straßenverkehr gestört.

« der em Meter Schn e im Süden

Rom, 16. Januar. (Eig. Drahtbericht.) Die Blätter melden von anhaltender Kälte im Apen­nin. So wird heute früh aus Noreia berichtet, daß dort über ein Meter Schnee liegt und die Temperatur unter elf Grad gesunken ist.

Ungleiche Brüder.

Zum Thronwechsel in Afghanistan.

In wenigen Wochen werben eS zehn Jahre, daß Aman Ullahs Vater und Vorgänger auf dem Thron, Habib Ullah, in seinem Winter­quartier bei Djelalabad ermordet wurde. Die Tat ist nie aufgeklärt worden, wenn auch Aman Ullah den Oberst Ali Risa Chan, der in der fraglichen Nacht Oberbefehlshaber der könig­lichen Wachen war, nach der einen Version selbst angesichts des versammelten Gerichtshofes und des Hofes mit dem Degen durchbohrt ha­ben soll, nach einer anderne Version diese Exekution unter den angedeuteten Umständen öffentlich soll vollziehen haben lassen. Ebenso dunkel und bis jetzt unaufgeklärt sind die Gründe, die Aman Ullah bewogen haben, oder ihn veranlaßten, sich zur Uebergehung seines vier Jahre älteren Bruders, des legitimen Thronfolgers, Jnayat Ullah, berech­tigt zu halten und ihn durch Ueberrumpelung von der Thronfolge fernzuhalten. In seiner ersten Proklamation, in der er auch Den Rache­schwur die vornehmste Pflicht für alle Anver­wandten eines Ermordeten veröffentlichte, sagte Aman Ullah über diese Frage nicht ein Wort, sondern verlangt nur unbedingten Ge­horsam. Auch aus dem Reisewerk eines russi­schen Offiziers3m gottgegebenen Afghanistan" erfährt man nur die selbstverständliche Tatsache, daß aus Aman UllahS Vorgehen ein heftiger Streit zwischen ihm und seinem älteren Bruder, den er zeitweise eingekerkett hatte, entstand, der erst ziemlich viel später auf die feierlichste in der mohammedanischen Welt mögliche Weise, nämlich durch Siegelung deS Korans, beendet wurde.

Möglich, ja wahrscheinlich, daß Aman Ullah durch seinketzerisches" Vorgehen der Ueber- zeugung Nahrung und Grund g»iebcn bat, daß selbst dieser feierliche Schwur nun nicht mehr zu Recht bestehe, denn es läßt sich kaum vor- stellen, daß Jnayat Ullah, oder mindestens seine Freunde, nicht an der Erhebung gegen Aman Ullah teilgehabt haben sollten. Wie dem auch sei es scheint, daß zum Gluck Afghanistans der Thronwechsel sich in ruhiger Form voll­ziehen wolle oder bereits vollzogen habe. Je­denfalls ist bereits ofiziell mitgeteilt worden, daß Jnavat Ullah den Thron auf Vorschlag Aman Ullahs bestiegen habe. Von Aman Ullah wiederum ist nach seiner Europareise und ge­mäß den dort gewonnenen Erfahrungen zu hof­fen, daß er sich endgültig der Erkenntnis er­schlossen hat, daß auf die versuchte Weise die Reformierung Afghanistans nicht möglich sei. Im übrigen soll, soweit bisher bekannt ist, der allgemeine Kurs wenn auch nicht sein Tempo in Afghanistan der gleiche bleiben wie vorher. Jnayat Ullah ist als Pu­blizist und als Förderer geistiger Arbeit be­reits bekannt. Er steht durchaus nicht in eigent­lichem kulturellen Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder. Einige von seinen dreizehn Kindern besuchen die deutsche Schule in Kabul. Der neue König ist bekannt alS Sportsmann, als Tennis-Spieler und ist interessiert an tech­nischen Fortschritten. Wahrscheinlich und hoffentlich ist er ein genauerer Kenner der Seele und der Entwicklungsbedingungen und -Möglichkeiten seines Volkes, dann wird der jetzt vollzogene Wechsel weniger einen Bankerott als eine Aenderung der Methode in der Ent­wicklung des Landes bedeuten.

Der Thronwechsel in Afghanistan wird sich auch in der Gestaltung der Weltpolitik auSwir- ken müssen. Spielt doch gerade Afghanistan die Rolle des schützenden Walles zwischen dem eng­lischen JmperiäliSmuS und dem russischen Er- pansionSwillen. Nach dem letzten Krieg gegen England war die Unabhängigkeit de» Lande« ziemlich gesichert. Ob man nun in London den Plänen des Königs ein gewisses Mißtrauen entgegenbrachte, weiß man nicht. Jedenfalls war man in Kabul schon beim Ausbruch der Aufstände davon überzeugt, daß England hier nicht ganz unbeteiligt war. Wie sich jetzt die außenpolitische Einstellung Asgha- nistans unter dem neuen König Jnavat Ullah auswirken wird, weiß man nicht. Der neue König gilt, was besonders in Deutschland Inter- essieren dürfte, als ein Freund des deutschen Volkes. Es ist kaum anzunehmen, daß die sich in Afghanistan befindlichen deutschen Techniker ausgewiesen werden. Insofern dürste jedoch eine Aenderung der politischen Lage sich erge­ben, als der neue König sehr stark einem eng- llschen Einfluß zugänglich ist. Was besonders die Sowjets zur Aufmerksamkeit 1 zwingen wird. Auch die kulturelle Einheits- ront in Vorderasirn zwischen der Türket, Per- ien und Afghanistan hat einen barten Schlag erfahren. Jedenfalls bedeutet jede Bresche in dieser Mauer zwischen der immer mächtiger werdenden englischen Einflußsphäre in Ara­bien, Irak und Indien einerseits und Rußland andererseits eine Voraussetzung mehr für be-