Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 13
Mitttvom, 16. Januar 1929
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19. Aabraang
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Amerika lenkt die Reparationsfäöen
n
Not- und Vrobejahr 1929
Material für die Reparationslösung. — Minister a. D. Hamm über unsere Leistungsfähigkeit.
merksamkeit der Welt aus sich gezogen und auch
nungen isls im Laufe der Jahre immer weniger
DuiSburg, 15. Januar. Aus der niederrheinischen Handelskamulertagung führte Reichsmi- uiftcr n. D. Ha m m im Hinblick auf den Repa-
verwandelte sich in seinem Hirn in kühle Rechenaufgaben. Es ist eine unheimliche Macht, diese abstrakte, herzlose Rechenkunst im Hintergrund der Weltgeschichte, deutlich spürbar in ihren Auswirkungen, und doch so schwer faßbar in ihren einzelnen Zusammenhängen. Wird jetzt das Spiel deutlicher werden, wo der gewaltige Geldherr aus dem Nebel hervortritt Und in vollem Bühnenlicht vor der Oessentlich- keit seine dominierende Rolle vorsührt? Die Bezeichnung „Weltpolitiker" ist in der Aera des Völkerbundes und des Kellogg-Paktes gar manchem Minister und Diplomaten zugefallen. Bald hat dieser, bald hat jener mit schönen Reden oder sein formulierten Schriftstücken die Aus-
London, 15. Januar. Die Gerüchte aus Indien, wonach Aman Ullah zu Gunsten seines älteren Bruders abgedankt und Kabul im Flugzeug verlassen habe, um sich nach Kandahar zu begeben werden bestätigt. Eine andere Lesart besagt allerdings, daß Armin Ullah Zuzug treuer Truppen zum Kampf gegen die Aufständischen in der Umgebung Kabuls erhalten haben soll.
Paris, 15. Januar. Dem Malin zufolge wird sich König Aman Ullah nach Paris zurückziehen.
London, 15. Januar. (Eigene Drahtmeldung.) In Ostende wurden die britischen Abgeordneten Saklatvala (Koni.) und Maxton (Arbeiterpartei) verhaftet, desgleichen der Sekretär der Liga ge gen den Jmperialisnms, Bridgeman. Die Verhafteten find Mitglieder einer Kommission, die an einer Versammlung der Liga gegen den Imperialismus in Köln teilnehmen wollten. Zwei weitere Mitglieder durften Weiterreisen. Die Verhafteten dursten die Nacht in einem Hotel verbringen und wurden angewiesen, heute vormittag mit dem ersten Dampfer nach England zurückzulehren. Sie haben sofort die Internen tion ihrer Regierung u. Gewerkschaften angerufen
weshalb die amerikanischen Bankiers bett Versuch „für die kommende Zeit weder für durchführbar noch für wünschenswert" erachten. In Paris sei man von der Ernennung der beiden amerikanischen Sachverständigen außerordentlich befriedigt. Die formelle Ernennung werde für Ende dieser Woche erwartet.
Rücktritt Relloggs?
Wer wird Nachfolger im Außenministerium?
Washington, 15. Januar. (Durch Funkspruch. > Staatssekretär Kellogg hat soeben der Oeffentlich- keit seinen Entschluß mitgeteilt, am 4. März von seinem Posten im amerikanischen Kabinett zurückzutreten und feine Anwaltspraxis wieder aufzunehmen.
Die Part ön «na i „bjoiütf.".
Paris, 15. Januar. Die französische Regierung hat beschlossen, unverzüglich eine Radio- Sendestation für das Elsaß zu schaffen. Sie läßt zur Zeit alle Möglichkeiten für die Durchführung des Planes prüfen.
warum -er König verzichtet.
Seine Gemahlin war der Anstoß.
London, 15. Januar. Eigener Drahtbericht.) Wi e weiter verlautet, forderten die Aufständi- schen vom König Amanullah, daß er seine Ge.
m a h l i n, wegen Unterstützung der begangenen Fehler, verstoßen solle An diesem Falle scheint eine Verständigung gescheitert zu sein. Der neue König Jnayatullah ist ein unbedingter Anhänger der moslemitischcn Religion. Im übrigen legen sich die Blätter über die endgültige Abdankung König Amanullahs größte Ve'erve au?: sie sind aber allgemein der Ueber- zeugung, daß nun endlich die Ruhe in Afghanistan wieder einkehren werde.
nur die Belastung der deutschen Wirtschaft. Auch leistet Deutschland einen großen Teil der Reparationen in Sachlieferungen, und es ist noch nicht klar, welchen Einfluß diese aus die Welt- ürtschast ausüben werden. Der deutsche Apfel t also noch nicht ganz reis. Die ungeduldigen Kinder, die ihn heute schon gern verzehren mochten, müssen sich noch etwas gedulden. Und wenn John Pierpont Morgan in der Repara- tionskonferenz in diesem Sinne spricht, dann möchte man den sehen, der sich ihm gegenüber mit einer anderen Meinung durchzusetzen ver- möchte. Eine leidenschaftliche Parteinahme hat niemand von ihm zu erwarten. Unter seinen Händen hört die Reparätionsfrage aus, eine
vielen Wirtschaftszweigen, was jetzt in der großen Arbeitslosigkeit zutage trete. Die deutsche Volkswirtschaft verfüge zwar über tüchtige Führer und über hochentwickelte Technik, sei aber neben Raumbeengung vor allem kapitalarm und bei innerer Konsumkraft unsicher. Fremdes Kapital könne Eigenkapital nie ganz ersetzen. Die Kapitalbildung sei daher zu fördern. Verbesserungen in der Einkommensteuer
Der WellbanNkr.
Morgans Rolle im Reparationsausschutz.
Nachdem die Nebenfiguren im Reparationsdrama bereits längere Zeit bekannt sind, treten jetzt auch die Haupthelden auf. Geheimnisvoll wird schon seit Jahr und Tag von John Pierpont Morgan geflüstert. Bald bei dieser, bald
Schlußfolgerung ist unbedingt falsch.
Man kann zwar die Gefahren des chemischen Krieges für die Zivilbevölkerung eines Landes nicht beseitigen, aber man kann sie abmildern oder zum mindesten Vorkehrungen treffen, die eine Katastrophe eindämmen. Man wird doch nicht ableugnen können, daß die Katastrophe eines plötzlichen Gasüberfalles eine völlig unvorbereitete un, über die Wirkung unaufgeklärte Bevölkerung schwerer treffen wird, als eine Bevölke- rung, die weiß, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten hat, die die Gefahren kennt und wenigstens versucht, sich, wenn auch mit schwachen Aussichten, vor dem Unheil zu retten. Daß ei gewisse Schutzmaßnahmen bei Gasüberfällen gibt t bekannt. Sie sind inzwischen auch von allen kriegsstarken Nationen durchgeführt worden. Nur in Deutschland sind sie aus dem Bereich theoreti- cher Erörterungen nicht heraus gekommen. Das ist ein schwerer Fehler, dessen Folgen das deutsche
Morgans Mission.
Amerika in der Reparationskommission.
Paris, 15. Januar. (Eigener Trahtöericht.) Wie aus Washington verlautet, soll Morgan die Sachverständigen vor allem davon überzeugen, daß sie einen Plan für die Auflegung eines bedeutenden Teiles deutscher ReparationS- obligatlonen vorlegen müßten, der den Bedingungen des amerikanischen Marktes ent- preche und daß dieser Plan, um Annahme zu inden, auch eine gewisse Anzahl von G a r a n - tien vorsehen muffe. Morgan werde sich auch der Unterbringung von einer oder zwei Milliarden Dollar auf dem amerikanischen Markt widersetzen und den Sachverständigen zeigen.
bei jener weltpolitischen Aktion vermutete man ihn als Drahtzieher hinter den Kulissen. Daß die finanziellen Fäden der Weltpolitik in seinen Händen zusammenliefen, war über jeden Zweifel erhaben. Er ist der Inhaber der größte Bank der Welt. Die großen Geldgeschäfte des Weltkrieges gingen durch sein Büro. Was für Millionen Menschen und für große und kleine Kulturvölker der Erde Schicksal und mehr oder weniger schmerzliches Erleben war, das
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Wien, 15. Januar. Der aus vier Tage berechnete Mordprozetz gegen den früheren Redakteur des Neuen Wiener Journals, Oskar P ö f s l, der im Verlaufe einer Gerichtsverhandlung feinen früheren Kollegen, den Redatteur Bruno Wolf, durch vier Revolverschüffe tötete, hat heute begonnen. Vierzig Zeugen, meist Journalisten, sind geladen. Pöstl war auf Betreiben Wolfs entlassen worden, weil er sich Erpressungen an verfchiedenen Firmen und Finanzleuten zuschulden kommen ließ. Daran schloß sich eine Reihe von Schadenersatz und Beleidigungsprozeffen
eigentltd) politische Frage zu fein. Die Weltpolitik verwandelt sich in ein in 1 ernati ona- leS Rechenerempel, bei dem daS ameri- kanische Geschäftsinteresse maßgeblichster Faktor ist. Darum kann auch das Weiße HauS seelenruhig erklären, daß es sich in die europäischen Streitfragen nicht einmischen wolle. Es kommt eben alles aus Namen und Auffassung an. Man nennt John Pierpont Morgan den großen Finanzsachverständigen der Welt und schweigt davon, daß die Finanzgewalt unter heutigen Verhältnissen zugleich die stärkste politische Gewalt ist. Und aus den Titel legt Morgan keinen Wert. Ihm genügt eS vollauf, das Heft in der Hand zu haben.
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geworden. Zumeist haben sich alle die rethori- fchen und papierenen Verständigungen schon recht bald nach ihrem ersten Erscheinen als belanglose Rekorationsstücke der sogenannten Weltpolitik offenbart. John Pierpont Morgan ist als Politiker bisher eigentlich noch nirgends in Betracht gezogen worden. Wahrscheinlich hatte er auch ein geschäftliches Interesse daran, nicht als solcher in den Wirrwarr hineingezogen zu werden. Er begnügte sich damit, eine Weltmacht zu sein. Wenn er jetzt aber auch als Wellpolitiker Hervortriti, so muß er schon seine besonderen Gründe dafür haben. Allem Anscheine nach ist das Repara- tionsproblem bis zu einem Punkte gediehen, wo die letzten Entscheidungen fallen, und wo deshalb auch die st ä r k st e n Autoritäten eingesetzt werden müssen.
Abschied vom Königsthron
König Aman Ullah dantt ab. — ExU in Paris?
Zwischenfall in Ostende.
Britische Linksparteiler aus der Durchreise verhaftet u. zurückgeschickt.
man allerdings bedenkt, Laß Deutschland im Verband der Weltmächte das
einzige Land ist, das den Gaskrieg ablehnt, int übrigen schon durch die Friedensverträge gar nicht in der Lage wäre, irgendwelche Vorbereitungen für die Organisation einer solchen Kriegswaffe zu treffen, so hätte man vielleicht doch ge* wüncht, daß die Frauenliga dort Propaganda gemacht hätte, wo der Gaskrieg noch als übliches Kriegsmittel gilt, wo die Giftgassaoriten Tag und Nacht arbeiten, wo die ganze militärische Stärke eines Volkes eben durch diese Wafke gestützt werden soll. Die Frauenliga hätte also ihre Anhänger nach Paris oder nach Warschau oder nach London zusammenberufen sollen. Wenn es auch zu begrüßen ist, daß es wie dies ja die Frankfurter Tagung zeigte, auch unter den Franzosen Persönlichkeiten gibt, die den Gaskrieg ab* lehnen und ihn abschaffen wollen, so wäre der Sache entschieden besser gedient gewesen, wenn diese Persönlichkeiten das, was sie in Frankfurt erzählten, ihren
eigenen Landsleuten vor Augen gehalten Hütten. So war diese Tagung immerhin ein Versuch am ungeeigneten Objekt. So wertvoll cs auch ist, große Schichten der Mxnsch- heit über die drohenden Gefahren des chemischen Krieges zu belehren, erreicht wtrd nur dann etwas, wenn man gerade die Menschen zu überzeugen versucht, bte eines anbeien Sinnes sind. Die Sachverständigen der Frankfurter Tagung haben fast alle der Erkenntnis Ausdruck gegeben, daß es ein zweckmäßiges Abwehrmittel gegen die Schrecken eines Gaskrieges, also einen Lchutz der Zivilbevölkerung vor Luftangriffen einfach nicht gibt. Diese Erkenntnis mag zutreffen. Es ist auch durchaus richtig, daß mau ie als einen zündenden Gegeneinwand im Kampfe gegen den Gaskrieg in die Vernunft aller Völker einzuhämmern versucht. Le'der scheinen aber große Kreise des deutschen Volkes gerade aus dieser Erkenntnis zu Schlüssen gekommen zu ein, die nicht ganz unbedenklich sind. Sie sagen ich, daß die Unmöglichkeit einer zweckmäßigen Abwehr von Gasüberfällen Deutschland der Notwendigkeit enthebe, sich einen zivilen Luftschutz einzurichten. Eine solche
vier uuo ba Hoflnungrn erweckt. Mit den Hof,- ratwusberichi Gilberts u. u. aus: Das Jahr ' j 1928 zeige em Abflauen der Produ-Uon in
seien notwendig. Das kommende Haushaltungsjahr müsse als
Not- unv Probejahr gelten, schon um Die Voraussetzungen der Reparations tösung zu schaffen und zugleich um desto wirksamere Lösungen abzulehnen, die aus Kosten der Wahrhaftigkeit und des Anspruches au eine endgültige Befreiung gingen. Dieses gefte insbesondere für das Verhältnis der Transferfrage zur Gesamtfrage. Bei einer Feststellung der deutschen Leistungsfähigkeit fielen besonders die schweren Folgen der Not der Landwirt schäft, die steigende AuSlandszinslast und die Steuerbelastung ins Gewicht.
Sein Eingreisen dürfte allerdings eine endgültige Lösung des Reparationsproblems kaum beschleunigen. Im Gegenteil. Pierpont Morgan ist gegen den übereilten Verkauf deutscher Bonds auf dem amerikanischen Markt. Aber eben auch dies ist schon eine Entscheidung. Un» geduldig drängt Frankreich aus raschere Mobilisierung der deutschen Schuldverpflichtungen. Ungeduldig möchten auch die anderen Gläubigerstaaten Deutschlands sobald wie möglich wissen, was sie kriegen können und natürlich mit dem Wunsche, möglichst viel zu kriegen. Aus ihrem brennenden materiellen Augenblicksinteresse heraus sind sie in Gefahr, den Blick für die universale Finanzlage zu verlieren. So könnte es bei der neuen Reparations-Konferenz nur gar zu leicht zu heftigen Zusammenstößen oder ober auch zu bedenklichen Entschlüssen kommen. Hier muß vorgebeugt werden. Und Amerika steht im Mittelpunkt der Weftsinanz- politik. Ihm liegt nicht das deutsche Schicksal am Herzen. Es steht aber auch die französtsche oder die englische oder irgend eine sonstige Not nur vom Standpunkte des amerikanischen Interesses aus. Die Geldgeschäfte des Weltkrieges, die Pierpont Morgan übernommen hat, werden jetzt systematisch weiter geführt. Sie sollten den amerikanischen Geldgebern Gewinn bringen. Sie haben daS bisher auch getan, und dieser Gewinn darf in Zukunft durch nichts in Frage gestellt werden. Frankreich soll ebenso zahlen wie Deutschland. Frankreich hat sich schon wieder so stark erholt, daß eS fast den Amerikanern Konkur- renz als Weltbankier machen kann. An diese finanzielle Leistungsfähigkeit hält stch Morgan. Sentimentale Kriegsfreundschattsgesühle spie- len bei ihm keine Rolle.
Deutschland hat sich auch über Erwarten gut erholt. Der Bericht des Reparationsagenten klingt ermutigend, und Parker Gilbert ist ein vertrauter Freund des Hauses Morgan. Deutschland muß also auch zahlen. Nur ist hier die Lage noch nicht so ganz flar. In der deutschen Wirtschaft spielen die Ausländsanleihen eine große Rolle. Die aber können zu keiner Dauereinrichtung werden. Sie müssen auch einmal zurückbezahlt werden und erhöhen dann
Gas aus der Luft.
Soll und kann man sich gegen Gefahren schützen?
Benn wir auch nicht beu Teufel an Me öanb malen wolle«, so kann es doch nicht scha* den, über bte Möglichkeiten unb Rotwcubigkei- *en bes Luftschutzes bet Zioilbeoölkeruug gegen Gasüberfalle aus bet Luft klar zu febeu. Deshalb bat ft di kürzlich auch^eiu internationales Franeuvarlaweut in Frankfurt mit diesem Problem befatzt, wenn eS auch au der fälschet» Stelle otebigte. wie aus folgendem Siefüms m erleben tft.
Ohne weiteres wtrd man zugeben dürfen, daß der Kamps auch der wackeren Frauen gegen die Zerstörungsmitlel der modernen Wisseitschast int Dienst des Krieges ein durchaus notwendiger ist. Deutschland ist ein entwaffnetes Land, seine Zivilbevölkerung ist im Ernstfall fast restlos der militärischen Willkür der kampfstarken Nachbarnationen ausgeliefert, ihm fehlt jede Möglichkeit, den modernen Zerstörungsmitteln der Militär- flauten geeignete Abwehrmittel entgegenzustellen, durch bte Verträge der schroffen Friedensdiklate ist es an seine militärische Ohnmacht gebunden, es darf nicht zu den gleichen Berteidigungsntit- teln greifen, wie dies fast allen anderen Staaten der Welt erlaubt ist. Deutschlands Lage ist also geradezu dazu geschaffen, den berufenen Führern des deutschen Volkes die Notwendigkeit des Kampfes gegen alle Kriegsmittel, die eine schutzlose Bevölkerung den Schrecken des Krieges aus- liefert, aufzuzwingen. Wenn also die In ter - nationaleFrauenliga diese Aufgabe mit übernimmt, so ist dies nur zu begrüßen. Wenn