Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

19. Iahraarrg

Sonntaq, 13, Januar 1929

(HiWipreiS: Sonntag« 20

Nummer 11

@in*tlprti8: Wochentaatz 10 Pfennig

Die Cafielti jteueften Äü<bii<6ten cndK'nen n>öd>entlid> 'echemol nadjmtttnfl® Der flbonnemtnteprtte bcträat füi 6en Sloiuit i.»i jt bet »reier .Aufteilung n« vau» tn bei (Sef<bäft»ftelle abgebolt i.~ Jt Pur» bte t<cn mon-Zili» -i -2M Jt jubidllteftltd) SufteUunaeaebübi Aetnioretber 951 und 952 iVüt unoerUng: emaefjnbte «eikrSae tann die üebüftton eine iierinnnortun» odei ®eroiitn m keinem Ä.ifle übernehmen '«ückinhlunaen be» Veiun-aelbe» ober flnlnnW wegen etroitgei nid» oThnnnghmälitger Weferutio tft anSge'»InNen - VnftWdfonto .tr inflitri i M Stimmer wn (Hnwlnitmtner in <| $onntna8nnmmer 2> »

«nzeigenvrette: limbe,milche »ei«an»an»igen Oie iuin-3etk W 4 jujn»Jni«e •Sei»ä>t«jn,eigen b>e mm .Seile l*1 4 wamtlieudnietgen bte imn-8eik t< J «leine SlrHe.gen an» «»fiel boe «ort 8 4 «u-Lnlae «le,»» «'W'. 'iK Seile I I 4 Reklamen bte mn-.Setle » 4 Cffertgebübr » 4 iMSBftefitM S5 Jt i RechnungsbetrSge innerhalb 5 Tagen wblbn ^Si dte Richngkei! aller au ich fternforetbet au'aegebenen il nieteten toroie für anfnjbmebiten und «lab» kann nicht aartntlert wetben »fit »"«tgen ^ betonSe^e ichmter'aem ^av \<T •Vroient «nf'chlag Trnderet- Lckl idnbotttr 9R'S0 ®efchlift»ftellet Win S« 1

Dec letzte Abschied von Ferdinand koch

Den

Wer war Ferdinand Roch?

Ein Spiegelbild seines Wesen«.

Der Zeitungsverleger Ferdinand Koch kam zur gewohnten Stunde ins Verlagsgebäude, betrat sein Zimmer, in dem, wie immer, die Post seiner harrte, setzte sich, von der scharfen Winterlust leicht ermüdet, in seinen ArbeitSseffel, neigte daS Haupt zur Serie und ent­schlief ...

So starb ein Mann, der niemals müde gewesen war, der, stets über ihm stehend, das an den Zeitungsmenschen besonders impulsiv heraniretende Leben meisterte. Wenige haben ihn gekannt, doch er wußte (Fortsetzung siehe Rückseite.)

Ais er Von uns ging ‘tiiaS er den Kasseler Neuesten Nachrichten war - - und immer bleiben wird.

ohne Abschied und Aufhebens von uns ge­gangen, wie wir ihn stets gekannt haben? Hat der unerbittliche Schnitter mit Stun­denglas und Hipve diese Hefseneiche gleich mit dem ersten Sensenhieb gefällt? War es nicht noch gestern, daß der hochge­wachsene, schlanke Sechziger raschen, federnden Schrittes in Redaktions- und Betriebsräumen, in Kontors, Maschinen- und Packsälen, vom Keller bis zum Dach mit sprühendem Temperament anfeuerte, daß er mit Rat und Tat klug, energisch und zielbewußt zugriff, wo es nottat? Schwebte nicht sein

gütiger, gerechter, faszinierender Geist und Wille uoer den in allen Zellen mir seinem Herzblut gespeisten, von seinem Atem beseelten, von Jahr zu Jahr sich dehnenden Zeitungs-Mikrokosmos wie die lebenweckende HimmelSampel über der Mutter Erde, die unser aller Wohnhaus ist? Aber so war Ferdinand Koch: Mit übermenschlicher Kraft stemmten sich seine schier unzerbrechlichen Schultern gegen die AtlaSlast, die als ureigenste Schöpfung allein seinem grübelnden, von Genieblitzen umzuckten Haupt mit dem sich mählich silbern färbenden schütteren Haarkranz entsprungen war. Sein in tausend Verästelungen ausstrahlendes, mit der fast fanatischen Liebe eines Gärtners zu seiner Blumenzucht gepflegtes Jdeen- gewächs, die »Kasieler Neuesten Nachrich­ten", hatten eine fast mystische Macht über ihn gewonnen und ließen ihn nicht mehr los. Zum letzten Mal war ihm im Vor- fahr mit dem Hauch blühender Hochsom­merrosen. mit dem Brotdust reifer Aehren- felder, mit dem würzigen Harzgeruch der Föhrenwälder, die der Obersörstersohn der Hessenwaldes über alles liebte, eine Warnung und Mahnung ins weitgeöfl- nete, zum Lieblingsplatz erkorene

Arbeitszimmer der Schlachthofstraße geströmt: Denk an Dich selbst! Laß Dir von den Dynamos und den Hochspannun­gen Deiner Lebensztele nicht das kost­bare Gehäuse deS Leibes sprengen! Der untrügliche Blick des unbestechlichen Be­obachters hatte das erste Signal einer lästigen Gliederschwäche verstanden und folgte dem Wink der Kasieler und Gieße- ner Autoritäten. Aber die erzwungene Muße von geschwisterlicher Liebe betreuter Wochen wurde wohl vom Arbeitseifer des Rastlosen zu früh unterbrochen. Von zwei kurzen Ferien- und Feiertagspausen im idyllischen Heim der ledigen Gießener Schwestern abgesehen, war er unS wieder bte S-ele des Betriebes. Unter ärztlicher Diät schienen die kleinen Ader- und Muskel- defekte zu weichen, ober doch so weit be­hoben, daß sie dem kerngesunden Nerven­gerüst des sonst gegen

Krankheit gefeiten Junggesellen

nichts anzuhaben vermochten. Wieder durchmaß et mit Siebenmeilenstieseln täglich den Globus seines Blattes und der Preffe überhaupt vom Leitartikel bis zur kleinen Anzeige. Wieder ging Seite für Seite unter seinen Augen tn die Setz- und Preßmaschinen, sprangen auf die Sekunde genau die RotationSmaschinen an. Wieder streute, telefonierte, stilisierte der auf allen

die Akten und BriefbÜndel umsonst, um­sonst Der wägenden Hand. Umgestürzt die beiden Marmorteckel, die ihm Heimathaus und Woldeszauber ersetzten. Keine Wimper, die sich nicht feuchtete, fein Herz, das nicht in stummer Qual, Mitleid und Entsetzen bebte und wehkligte. Die Zwei- Mtnuten -Pause der Ehrfurcht dehnte sich zur halben Stunde. Nie mehr soll unter den halbgesenkten Lidern das vom Vater ererbte klugforschende Jäger­auge uns entgegenblitzen? Nie mehr Jol­len von Den erkalteten 'kippen Die meister­haft stilisierten immer Den Stern her aus­schälende u Kritiken, Gutachten. Dispute fließen? Wer kannte so plastisch, fast künst- lerisch-feuilletonistlsch eine Gestalt, eine Szene, ein Problem umreißen, wer so humoristisch oder sarkastisch aus den nw- scheinbarsten Alltagsereignissen eine Cha- rafterftuoie feilen. Wer hatte den

durchdringenden Scharfsinn, den weiten Horizont

für ethische, künstlerische, kommunal- staats- und weltpolitische Notwendigkeiten Wer durchschaute die großen und kleinen Schwächen, Eitelkeiten, Narrheiten der Rasse und Masse Mensch mit weltweiserem Verstehen als dieser hinter und in seinem Werk verschwindende Philosoph. Und wer ha: sich .rützDn und gerade deshalb mit heißerem Bemühen und gläubigerer Jn- brutist für Gesundung und Ausgleich Der Gesellschaft, für den Wiederaufstieg der verzweifelt ringenden Nation und darüber hinaus für einen gerechteren Völkerfrie­den eingesetzt als dieser Unvergeßliche? Hier auf meinem, auf den Schemeln sämt­licher Kollegen hat Ferdinand Koch seine Redaktionsschlachten geschlagen, in unse­ren Urlaubs- und Krankheitstagen flogen ihm nur so die Leitartikel, Lokalspitzen, Heimat-, Allerwelt- und Kunstnotizen unter den fünfen Händen hin. Ja, in langen, Papier- und redakteurlosen, dafür aber sehr zensurwütigen Kriegsjahren hat seine unverwüstliche Energie die -Kasieler Neuesten Nachrichten" täglich mit einer schwachen Frauenh lfe bis aus die letzte Korrekturzeile allein herausge­bracht. Fast möchte man ihn als einen

der letzten Universalmenschen

journalistischen, luristifchen, taufmänni» ichen, technischen Gebieten in vierzigjähri­ger Praxis Bewanderte seine Weisungen, Anregungen. Verbesserungen durch alle Ressorts, war sein eigener Schnftleitungs-, Buchhallimgs-, Anzeigen-, Reklame- und Betriebsehes. Wieder diktterie er feinen Sekretärinnen in Stunden Dutzende von Briefen; konferierte zwischendurch mit Ab­teilungsleitern, Geschäftsleuten, Handwer- fern, Behörden auf Stadt- und Fernlei­tungen; leitete bis vor wenigen Monden Umbruch und Bebilderung der Zeitung; bearbeitete und baute das Agenturnetz bis im entferntesten Heimatwinkel aus; warb Mitarbeiter und Inserate, erledigte finan­zielle Transaftionen; wälzte große Neu­bau- und Erweiterungspläne; prüfte Menschen und Dinge dis auf den Grund, bremste, fuibeüe an. verwarf und belehrte, rationalisierte. stellte ein und um. Kurz: Ließ als

königlicher Kaufmann und untadliger Journalist

das fast unübersichtbare, zermürbende, rasende Band eines modernen Zeitungs­betriebes wieder in alter, fast jüngling- hafter Frische durch behutsame, peinlich gewissenhafte Hände gleiten. So war er heute morgen wieder wie seit achtzehn Jahren (in Den Koten Wochen Der Be.n- schWüche wegen öfters im Autos aus der stillen Wilhelmshöher Junggesellenklause, die er auf lange Sicht hatte Herrichten lassen, und in die von fern Die schmerzlich gemiedenen Söhrewälder hereingrüßten, zu ernstem, gespanntem Dienst zur Schlacht- hofstratze geeilt. War Der Anfall schon unterwegs im Anzug? Wollte er vom Zimmer aus schnell den Arzt erreichen? Roch schrillen Die Telephone, klappern die Setz- und Schreibmaschinen vurch's ahnungslose, mit Hirn und Hand schaf­fende Haus, tanzen und jagen die Federn und Stifte über weiße und bedruckte Bogen, nageln den Laus der Welt fest, so­weit sie ihn erhaschen können ... Da hat Wand an Wand mit uns schon Maestro Tod Der Besten einem in den Arm gegrif­fen, der eben noch zum Hörer tasten wollte. Da hat der grinsende Totspieler schon Dem jäh gestellten, edlen Menschenwild sein Lied ins Ohr gegeigt. Da hat . . . doch laßt mich still erzählen Freunde, Leser und Kameraden, die ihr ihn alle kennt, gleichviel, ob aus der Nähe ober im Spie­gel seines einzigartigen Lebens. Laßt mich in den Annalen unserer Weltchronik noch kurz das Ende hres Schöpfers verzeich­nen, ob auch der Blick sich umflort und Die Feder der wieder und wieder ftock.n- den Rechten entsinken will. Die Hand seiner vertrauten, gleich ihm Dom ersten Tag mit Dem Betrieb verwachsenen Sekretärin öff­net Die Doppeltüren, lieber Die Sesiellehne vornübergesunken, noch im Mantel, hängt Die leblose Gestalt des Chefs. Ein Un­wohlsein. Ohnmacht ober gar das Schlimmste? Die Gerukenen stürzen hin­zu, m wenigen Minuten sind Aerzte zur Stelle. Alle Hilfsmittel und Medizinkunst umsonst:

Ferdinand Koch ist nicht mehr.

Ein Gehirnschlaa machte ihm das Ende leicht, tote er sich'« immer gewünscht. Uns aber, Mitarbeiter und Personal bis -um jüngsten Setzerlehrling und zur ältesten Austrägerin, traf es wie ein Keulenschlag. Ratlos und erschauernd ftanben wir an der irdischen Hülle des todeSblassen. hoheitsvollen Streiters. Beklommen, tief- bedrückten Schweigens und mit gepreßten Lippen starren immer wieder die Män­ner, mit trSnenblinden Augen die Frauen auf das wächserne Antlitz deS unter Blu­men neben dem Schreibtisch Aufgebahrten. Ein fast lächelnder Deelenfriede hat sich auch dem ersten Todesentsetzen über Die auch im Tode ehrwürdigen Züge gebrei­tet. In Wirren Haufen verstreut, Darren

Land hinausträgt, ein

Symbol und Spiegel feine« Wesen«. Jeder Tisch und Nagel, jedes Buch und Blatt um uns herum zeugt von seinem ordnenden Verstand Da ist niemand, der von seiner fast frommen Herzensgüte nicht einen Hauch verspürt hätte, dem nicht väterliche strenge Gerechtigkeit die Hand geführt, den nicht das große Bei­spiel der Treue und Liebe zur

ober Verleger von heute bezeichnen, denn auch die technischen Kenntnisse bes Lern- unD Wissensdurstigen frappierten öfter selbst die Maschinenmeister, wenn die sicheren, blitzschnell kombinierenden Hände des Chefs stockende Räder und Hebel der Rieftnapparaie 'n Gang.setzte. So war diese impulsive, phantastebegabte, Willensstärke Hesiennatur in der Lage zwei weit und weiter vordringende Abendzeitungen aus dem Boden i» stampfen. Zuerst hat er nach fröhlichen Studenten- und erfolg­reichen Schriftleiterjahren in Wiesbaden, Bochum ufto. die „Stettiner Abendpost" mit seinem früh verstorbenen älteren Bruder in wuchtigem Elan aus winzigen Anfängen heraus zum vielgelesenen Groß- stadtorgan heraufgezüchtet. Wie er den Traum seiner Jugend verwirklichte und den recht steinigen und dornigen Boden der Heimat für bte Saat der „Kasseler Neuesten Nachrichten" lockerte, diese un» gängliche Kulturtat. tausende haben sie miterlebt, sollte den Schlußstein und Gipfel feines makellosen Wirkens bilden. Und so war denn jedes 'Statt, das feit jenen ersten Probeblättern ein klares Ab- bild des Weltgeschehens in Stadt un

oll es Denn nun wahr fein, daß dieser unvergleichliche Mensch. Freund, Führer und Organisa­tor. ausgezeichnet und auser- wählt im Reiche der Feder und schwarzen Kunst wie nur wenige und nur wenigen Eingeweihten und Vertrauten be­kannt, in seinem Arbeitsstuhl neben uns sein Leben aushauchte? Ist er wirklich so still, schlicht, schmerzlos,

in der er bis auf Die letzten Wochen acht- zehn Jahre seines Lebens vom frühen Morgen bis zrim späten Abend (in der bösen Inflationszeit bis in die Rächt hinein) Alltag und Sonntag, ver­brachte. So auch nur war es möglich, daß er seine Untergebenen, männliche und weibliche, wie eine Familie um sich scharte, in der Reibungen, Riva, litäten, Zerwürfnisse so gut wie ausge­schlossen waren Die reine Flamme einer geläuterten, unparteiischen Lebensweisheit, die an sich wie an feine Umgebung den strengsten Maßab legte, die Hebet» und Mißstände schonungslos ausbrannte, nie­mals aber einen Funken Groll oder Ver­ärgerung zurücklies, legte die wär­mende Hülle der Vertrauen«, in her sich's Wohl sein liefe, auch um fei­nen Mitarbeiter- und Leserkreis. Wa« sonst an privaten Wohltaten an Bedürf­tige aus milden Händen floß, Wa« an nachhaltigen Wirkungen die Entwicklung der modernen Grotzstadtpresse beeinflußte, läßt sich nur ahnen. Eines nur wissen Wir: Die elementare Geistes» und Sieben«* fülle des Unvergeßlichen kittet die

Mitarbeiter und Lefergemeinschast fester als Stahl

an sein Lebenswerk. Nur auf den Ewig­keitsfundamenten seines Baues, au« des­sen toeltdurchsluteter Zentrale heran« doch 'er anscheinend Weltfremde und tn sich Eingesponnene kraft intuitiver Ein» iühlung und weitreichender Kanäle zu den großen Presiesürsten, den Puls der Zeit klopfen hörte, werden die Nachfolger unter seinen Devisen und Leuchtzielen diese Pläne vollenden können, bereit Krönung ein grausames Schicksal :hm unb un« all­zu früh verwehrte. F. R.

Sache unb Pflicht, zu ungewöhnlichen Leistungen beflügelt hätte. Siele seiner alten Garde beugen sich gleich dem Prin­zipal seit der ersten Hausweihe über geistige Ererzitien, Akten und Setzerkasten. Kein Hilfesuchender verliiieß ungetnöftet, unbeschenkt seine Schwelle, sodaß auch als Wohltäter

Ferdinand Koch oft bis zur Selbst­aufopferung

ging. Dieser unbestechliche, grundehrliche und stolz-besckeirene Charakter war für Salon und Stammtisch nicht geschaffen. Abgesehen davon, daß sein Werk ihn und er fein Werk völlig tn sich aufgesogen hatte, pflegte er nur wenigen Bevorzugten Die Schatzkammern seiner kinderreinen Seele zu öffnen. Darum flogen die Jahre an ihm vorüber, grauten seine Schläfen und Barthaare, ohne daß der anspruchs» lose, vornehme, f-innervige Junggegeselle Zeit und Gelegenheit sand oder nahm, auch das Herz sprechen zu lassen. An bte» er goethisch-apollinischen Natur erfüllte sich Nietzsches Zarathustra-Sehnsucht: „Was trachte ich nach meinem Glück, ich trachte nach meinem Werk." So ward der un» verstandene, in der Öffentlichkeit Wenig bekannte Einsame

heimisch in seiner Wcrk^r.^