®r l — !9. Jatzrgmi«.
Weffelet Nachrtchle»
Donnerstag, 8. Fann« 1929.
Sein letzter Befehl.
Der neue JanntngS-FUm in Kassel.
Im Chassalla-Thearer läuft letzt der große Jannings-Fllm »Sein letzter Befehl". Ein FUm, in dem JauningS feine Menschengestaltung in »der letzte Mann" oder im »Weg allen Fleisches" weit übertrifft, weil er mit den denkbar sparsamsten Spielmitteln das tragische Schicksal eines von den Höhen der Macht in tiefstes Elend gestürzten Menschen glaubhaft und erschütternd, B'tflltet Es gibt da Großaufnahmen, die in ein Schicksal einschließen. Technisch ist der von Joses von Sternberg inszenierte Para- mouni-Film untadelig. In Revolutionsszenen erreicht er die Unerbittlichkeit und Wucht ruf» frischer Filme. Daß Amerika sich so offen in die Praktiken Hollywoods gucken läßt, ist nebenbei
wieder, daß sie ihn liebt, da will ste ihn retten -Jcv habe mich ja nur auf ihre Seite gestellt, M»it sie mich nicht erschlagen sollten, dich und mich," flüsterte ste ihm zu. Zu spät. Er versteht das nicht. Er versteht Überhaupt nichts mehr. Er stößt sie weg. Er springt im Dunkel vom Zuge. Und wird gerettet.
In Hollywood sieht man ihn wieder. Aber das ist nun ein ganz anderer geworden: ein sehr alter Mann, dem der Kopf greisenhaft wackelt, ein Meister Anton. der die Welt nicht mehr begreift. Er ist ein Fremder in ihr geworden. Aber wir müssen ja leben, wir müssen ja unser Brot berbietten. War man umsonst General? Nun wird man einen brauchbaren Film- statisten abgeben. In Hollvwood wird ein Film vom russischen Zttsemmenbrncb gedreht, in Hollywood sucht man einen Darsteller für den zaristischen General Der da scheint ausgezeichnet
für die Rolle zu paffen. Man bestellt ihn, man kleidet ihn ein. Man schärft ihm ein, was er tun soll, befehlen soll er, zum Sturm soll er die Soldaten führen, mit. der Peitsche in der Hand. Ein Mächtiger, ein General! Die Aufnahme beginnt. Musik, Licht, Ruhe! Achtung, Achtung! Drehen! Und da vergißt der alte Mann die seltsame Umgebung, das Atelier, die mit allen Schikanen gebaute Szenerie, da ist er noch einmal er selbst, da treibt er die Statisten-Solda- ten an, als seien sie richtige — und lautlose Stille ringsum. .Eine großartige Szene", stößr der Regisseur heiser hervor, „eine Szene von verblüffender Echtheit." Da stürmt der General aus dem Graben — und der Operateur dreht, drebt, dreht —, aber da ist einer plötzlich hinge- funken, da liegt eine fchwere Gestalt platt auf der Erde und richtet sich nicht mehr auf. Was ist geschehen? Nicht viel ist gefchehen. Jemand hat
bewerft, sehr mutig.
Der Ftlm verdient, in seinen wesentlichen Zügen erzählt zu werden: Jannings spielt einen russischen Großfürsten, Overstkommandieren- den der Armee während des Weltkrieges,
Berliner Unterwelt.
Freund und Vetter des Zaren. AIS Mensch eine seltsame Mischung von höfischer Glätte und ritterlicher Robustheit. Aber nicht ein Nur-Mili- tär; ein Bruder Liederlich im Grunde. Krieg, Heer, Parade, Uniform, Exerzierreglement — na ja, daS ist so der Lauf der Welt. Aber er verteidigt diese Welt mehr aus Gewohnheit als au8 Neigung. Ein sehr sterbliches Wesen. Ein Wörtlein kann ihn fällen: Liebe. Die Revolutionäre. die in ihm ihren Todfeind sehen, er« wittern scharfnäsig diese seine Schwäche. Ihr Plan ist schnell entworfen: Eine Frau soll ibn liebend verwirren und umbringen. Der erste Teil der ehrenvollen Mission gelingt der Tapferen auch vollkommen. Aber bann kommt es zu einer unerwarteten Wendung: Frau und Mann; die Frau erliegt dem Mann. Ein General. ein Feind? Ach. nur ein Mensch, der dasselbe Rußland liebt wie sie. Er liebt sie, sie liebt ihn: zartes, merkwürdiges Glück mitten im Tohuwabohu der schweren. au8 den Fugen geratenen Zeit. Aber die Verwirrung wächst. Der Aufruhr, längst heimlich züngelndes Flämmchen wird zur alles entlohenden Glut. Der General fällt in die Hände der Aufständischen. Man reißt ihm die Orden ab, man beschimpft ihn, bespeit ihn, schlägt ihn, glänzenden Herrn von gestern, armseliger nun als der dürftigste Knecht. Auch die Frau verläßt ihn Auch die Frau wird feine Feindin. Man schleift ihn auf eine Lokomotive, Heizer soll er fein, kleine, schmachtende Kreatur, gehorchen soll er, der Gebieter a. D. Symbol eines gehaßten Systems, an dem die Erniedrigten und Beleidigten nun wollüstige Rache nehmen. Aber da besinnt sich die Frau, da spürt sie auf einmal
Di« Mutigen Schlägereien im Berli
Noch kurz vor dem Jahreswechsel hat die Unterwelt Berlins die Aufmerksamkeit wieder einmal auf sich gelenkt. Den Anlaß gab eine Schlägerei, oder wie man wohl schon richtiger sagen müßte, eine kleine Straßenschlackt. die sich zwischen Hamburger Zimmerleuten und Mitgliedern der sogenannten Rtngvereine entwik- kelt«. Bemüht man sich, das Geheimnis dieser Ringvereine zu lüften, so erfährt man zunächst einmal, daß die Zuhälter und Leute, die nicht Br gern den Unterhalt aus ehrliche Art und
ise verdienen, in einer ganzen Reihe von Vereinen organisiert sind. Diese Vereine dienen dazu, den Mitgliedern Unterstützung und juristischen Rat zu gewähren, wenn ein „Betriebsunfall" eintritt und ein Mitglied sich die Welt eine zeitlang durch schwedische Gardinen ansieht, so wird er von den Mitgliedern seines Vereines durch Geldzahlungen unterstützt. Besondere Sorgfalt wird bei diesen Vereinen aus ein standesgemäßes Begräbnis gelegt, bet dem es oft Blumenspenden gibt, wie bei vielen gut bürgerlichen Beerdigungen nicht. Diese Vereine wiederum sind zu einem Ring zusammengeschloffen und die Ausgabe dieses Ringes nun tft es, die zahlreichen Mitglieder der Ringvereine, sie werden in Berlin auf etwa 1000 geschätzt, dazu anzuhalten, jeden Streit untereinander auf gütliche Weise vor dem Ringschiedsgericht auszutragen und lediglich eine
geschlossene Front gegen den Feind, baS Bürgertum, und gegen die Polizei zu bilden.
Solch Ringschiedsgericht verurteilt unter Umständen auch Mitglieder, die in Prozessen für
ter Osten. — Organisierte Verbrecher.
andere Mitglieder ungünstige Aussagen gemacht haben, zu sehr erheblichen Geldstrafen. Auf der andern Seite pflegt der Ring auch die Geselligkeit, es gibt Bälle, bei denen die Mitglieder im Frack und Smoking erscheinen. Die „Damen" in den kostbarsten Toiletten mit vielem Schmuck behangen, der sogar meist echt ist, da die An- schasfungskosten für die Kavaliere mtbft recht gering waren und kaum mehr als einige Minuten Angst ausmachten. Diesmal hat die Ringorganisation nun dadurch eine besondere Be- beutung gewonnen, baß das sogenannte Ring- kommanbo in Funktion trat. Ein telefonischer Anruf nach bem Lokal, wo bie Ringgenossen verkehren, genügte, um sofort ein sogenanntes Roll-Kommando vor bas Haus der Hamburger Zimmerleute hinzubeordern, wo sich bie ersten Auseinandersetzungen zwischen Mitgliebern des Ringvereins und der Hamburger Zimmerleute entspannen hatten. Hier handelt es sich offenbar nm einen alten Zwist, der von Hamburg herrührt, wo sowhl die Zimmerleute wie bie Verbrecher ihre Stammorganisationen haben Durch irgenb welche Rempeleien hat dieser Zwist neue Nahrung gefunden und artete nun zu einer
kleinen Straßenschlacht
aus, die doch bie Frage nahelegt, ob die Polizei diesen Organisationen und diesen Umtrieben der Perbrechervereine gewachsen ist, zumal die Verbrecher fast vier Stunden ein ganzes Stadtviertel beherrschten, ehe die nötigen Po- lizeikräfte zusammengezogen waren, denen es bann nicht mehr gelang, irgend welche Verhaftungen bei wirklich Schuldigen vorzunehmen.
sich davongemachr. Ein Statist ist gestorben. Ein General a. D. ist gestorben. Ein Mensch ist gestorben.
Kino des Westens: „Der geheime Kurier-. (
Iwan Mosjukin zählt heute zu den bekani» testen Filmschauspielern. Zwar steht man ihn nicht oft. Wenn aber, dann ist es ein absoluter Erfolg. Auch der gegenwärtig im Kino des Westens laufende Terra-Film macht hiervon lei* ne Ausnahme. Diese Episode au8 der französischen Juli-Revolution 1830 wird mit einer, man möchte sagen raffinierten Regiekunst hingestellt, baß man bis zur letzten Minute gefesselt bleibt« Da ist der Bauernsohn aus der Provinz, der. ehrgeizig und tüchtig dazu, in Paris schnell Karriere macht und schließlich aI8 Märtyrer im Bruberkamps fällt. Mosjukizt ist ein überzeu- genber Könner. Knapp, sparsam mit großen Gesten, und doch impulsiv bis zum letzten in großen Augenblicken, ein Abenteuerer großen Stils und schließlich auch ein Frauenliebling. Einzelne Szenen sind von suggestiver Straft: So die Volkserhebung, der gefahrvolle Ritt nach Straßburg usw. In einigen galanten Momenten kommt dann wieder b'r Casanova-Mos- jufin zum Durchbruch. Sehr stilecht ist das Frankreich vor hundert Jahren gestaltet. Der größte Eindruck: Aks Mosjukin, eben vom Galgen gerettet, aufrecht den feuernden Soldaten entgegenschreitet . . Ein Film, der film« und regtetechnifch seinen Herstellern Ehre macht. 8p.
Hessische Denkwür-igkeiten.
In zwangloser Folge zusammengestellt.
Die erste Schlacht im letzten Feldzug de8 7jährigen Krieges fand bei Wilhelmsthal statt, hier ließen die Franzosen 1500 Tote und 3000 Gefangene zurück. In dieser Zeit hatte Herzog Ferd von Braunschweig fein Hauptquartier in dem Schlosse daselbst aufgeschlagen, hiernach wurde Kassel vier Mal von den Franzosen be- setzt, es war dies der erste Feind, der in bie Stadt einzuottngen vermochte.
Der Kasseler Maler von der Emid«, ein Schwager Henschels, war der bebciiUrtfte Bild- niSmaler in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, et hat die große Zahl von 800 Porträts fettig gestellt u. a. !j Bilder der hessischen Landgrafen in der Wilhelmshöh. Schloßkuppel und ferner ein bemerkenswertes Gemäl- ve, oas Porträt ter Köntatn von Westfalen
Als bie französischen Emigranten in 1680 in Kassel Unterkunft fanden, wurde auf Veranlassung des Landgrafen Carl zu deren Gunsten eine Landeskollekte ausgeschrieben, die die für bie damalige Zeit sehr hohe Summe von 900 Talern einbrachte. Gustav Wentzell.
OPEL 4 PS kostet ab heute: ZWEISITZER . VIERSITZER..
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Eine Neujahrs- «1 Überraschung^ Alle Anzeichen deuten darauf hin, dal) das' deutsche Wirtschaftsleben im kommenden JB Uahre eine starke Belebung erfahren wird. Die wichtigste Voraussetzung hierzu ist jedoch die weitere eindringliche Motorisierung des Verkehrs. In Deutschland hat sich kein Ge-
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