Nr. 1.
Re« <1 zehnter Jahrgang.
Kasteler Neueste Nachrichten
2. Vellage.
DienStaq, 1. Januar 1929.
Mie yaven Sie e-ö geschaM?
Wie habe« Sie rS gtiebaftt? fragte einer nn» lerer Mitarbeiter einige Stauen nnb Männer, die M. ganz nen unten beranf nnb ganz ans eigener Kraft, in Millionen nnb Weltrni« entDorgeatbeiten Haben. Hier ibre Knlroorten:
Tempo, nicht Hast!
FordS Wegweiser für angehende Milliardäre!
In der Kabine deS Ozeanriesen saß ich ihm gegenüber. ES war ein sehr gewöhnlicher Ozeanriese und eine sehr gewöhnliche Kabine. Ich bekenne, daß meine Frage ein wenig naiv geklungen haben muß: .Wieso machen Sie, Mister Henry Ford, nicht mit Ihrer eigenen Luxusjacht die Spritztour nach Europa herüber?' Der unbeschreiblich glatt rasierte, große Dankee mit den viel zu langen Armen und Beinen, die in einem viel zu schlecht paffenden Sakko sitzen, gab die Frage zurück: .Luxusjacht? DaS kann ich mir nicht leisten... Außerdem: Wozu denn? Ich habe ja Zeit, sehr viel Zeit...' — Ja, rechnen Sie denn nicht mit jeder Sekunde?'
Der deutsche Besucher erzielte bei dem reichsten Mann der Welt einen lebhaften Heiter- keitserfolg.
So einfach wie sich da» in unserem Hirn spiegelt, ist die Sache mit den Dollarmtlltarden doch nicht. .Mit jeder Sekunde rechnen', dozierte Ford, .heißt: seine Zeit genau einteilen. Seine Zeit genau einteilen heißt: Zeit haben. Ich habe nie einen Cent verdient, hätte ich mir nicht Zeit gelassen. Tempo und Hast sind unüberbrückbare Gegensätze.' — Nun sind Henry Fords Aphorismen zur Lebensweisheit gewiß eine sehr interessante Sache. Sie widersprechen aber recht deutlich den Grundsätzen, nach denen in seinen Betrieben gearbeitet wird. Jedes Kind weiß, worin das Wesen dieses Geschäftes besteht:
In der alleräußersten, gehetzten und gejagten Sraftanspannung, die aus dem Generaldirektor genau so herausgeholt wird, wie aus dem einfachsten Akkordarbeiter.
Ich versuchte, diesen Widerspruch auszuklären. Hier entpuppte sich nun der meistbeneidete Mann der Welt als der unverstandenste. .Ich kenne die Geschichten, die man von meiner Menschenschin- derei erzählt,' erklärte er lächelnd. .Sie lohnen nicht einmal der Widerlegung. So dumm sind sie. Ich würde doch wirtschaftlichen Selbstmord begehen, wollte ich die Arbeitslust aller meiner Mitarbeiter, oder gar ihre Arbeitsfähigkeit gefährden. Ich verlange von ihnen nur, was ich mir selber zur Pflicht gemacht habe: rationelle Ausnützung — also das Gegenteil von lieber« spannung der Kräfte. Wer ständig auf der Hetzjagd nach dem Dollar begriffen ist, wird sein Ziel nie erreichen. Ich selber habe mir in meinen Anfängen Jahr für Jahr genau überlegt, wieweit das Geschäft ohne Ueberschätzung der Möglichkeiten, die in mir, meinen Mitarbeitern und der Aufnahmefähigkeit aus dem Markte liegen, entwicklungsfähig ist. Hier die richtige Grenze von vornherein zu ziehen, ist, wenn Sie wollen, das Geheimnis des Erfolges. Alles aus sich und den anderen herauSholen, was da ist - aber die natürlichen Grenzen einhalten. Deswegen sind mir auch
Deutsche als Mitarbeiter so willkommen.
Denn die Mehrzahl der Deutsche» hat einen natürlichen Sinn für Grenzen, innerhalb derer nichts und über die hinaus alles unmöglich ist. Diese Grenze mutz man gewissermaßen in den Fingerspitzen haben. Ein bitzchen Ftn- ijecspitzengefühl gehört eben zum Erfolg im Leben dazu...'
tereflant genug sein mufft. War sie auch. Die Notiz, der letzte Versuch, in die Londoner Journalistik etnzuortngen, wurde sofort angenommen. DaS Vorzimmer war kein unüberwindliches Hindernis zur Tür des Ehefredakieurs mehr.
* * *
Die Weltmeisterin.
oder: Die Karriere einer häßlichen Frau.
Die LenniSmetstertn Suzanne Lenglen ist nicht eitel. Sie ist natürlich auch nicht uneitel. Denn das ist ja das Schöne an ihr: datz sie niemals wandelnder Weltrekord geworden und immer vor allem Frau geblieben ist. Im Londoner Buckingham Palace wurde sie, der erste Sport- Champion, dem solche Ehre zuteil war, von Ihrer Majestät, der Königin von England empfangen. .Wie war das Erlebnis?' fragte ich sie unmittelbar nachher. Es war wirklich ein Erlebnis — Suzanne hatte sich einer Frau gegen- über gesehen, die noch in der Mode der Vor- kriegSzeit gekleidet war. Das war der starke, der unerschütterlich« Eindruck, den daS Tennisgirl
von der Privaraudienz bet der Königin mit nach Hause nahm:
daß dies^ erste Lady der Welt in der Mode um fünfzehn Jahre zurück ist.
Suzanne knüpfte an diese Feststellung, die ihr nicht auS dem Kopf gehen wollte, allerhand Bemerkungen. .Sehen Sie,' sag» sie, .man mutz garnicht so ausschauen, tote die anderen schönen Frauen... Ich schaue auch nicht so aus,' setzte sie, mehr im Selbstgespräch als zu mir gewendet hinzu. .Und eS ist doch gegangen...'
„Wie ist efl gegangen, Suzanne?" fragte ich.
„Wie ist daS eigentlich: die Sache mit dem Weltruhm?"
,OH, eine Frau kann auch Karriere machen, wenn sie nicht im landläufigen Sinne schön ist', erwiderte das Tenniswunder. .Man mutz nur selber wissen, wie man eigentlich aussteht. Das Publikum will natürlich nicht nur das Spiel, sondern zumindest ebenso sehr die Spielerin sehen. Und da zeigt man stch eben: Nicht tote eS dem Publikumsgeschmack, sondern tote S der
eigenen Individualität entspricht. .Ich glaube, fuhr ste ohne falsche Bescheidenheit und ohne falsche Koketterie fort,' ich bin schon alS winzig kleiner Wurm eine Art Individualität gewesen. Als Vierjährige trieb ich mich auf allen Tennisplätzen Europas herum. Roch vermochte die Hand kaum das Rackett zu führen. Aber schon war ste geschickt genug, Schleifen und Bändchen ins Haar zu flechten. So, datz die Leute zumindest sagten: Welch lustiges Kind! Einmal war eS ein grün aufgemachtes Menschlein, dann ein orangefarbenes, dann wieder ein blütenweitzeS. Die Vorliebe für Haarschleifen von wechselnder Farbe und überhaupt für wechselnde Farben tn der Kleidung hat mich später nicht verlassen. DaS fei interessant, meinten die Leute. Ganz einfach, weil diese Aufmachung meiner Judividualttät entspricht. Eigenartig mutz die Frau fein, — dann macht ste Karriere. Ja, richtig: TenniS- spielen konnte ich auch. Denn das gehört auch zur Karriere.' (Ein weiterer Beitrag zu unserem Thema findet sich an anderer Stelle dieser Ausgabe.)
du/ dctA^aU" 1o28.
Bei minus vierzig CelstuS
Im Januar auf Reisen
Geht Trotzki, und als Hochgenuß Tut er Sibirien preisen.
Im Feber Aman Ullah spricht: .Berlin, ich grüß' dich herzlich!' Vom Osten her, da kommt daS Licht. Nur «ft eS etwas schwärzlich.
Die .Bremen' ist im März in Front.
Man hört bei ihrem Summen: .Weit über meinen Horizont Geht dies!' den Meergott brummen.
Zur Reichsbahn sprach tn dem April Das Unglück drohend: Kehren Muß vor der eignen Tür erst, will Man den Profit vermehrens
Im wunderschönen Monat Mai Fährt Miez Raketenwagen. Daß all dies .Für die Katz" nur sei, Hört man die Leute sagen.
X
Im Juni sieht von Ziel und Port Man Justav Hartmann Winken. Im Zuckeln schlug er den Rekord, Jetzt schlägt er ihn im Trinken.
Die schwarze Ratze.
Ramsay Macdonalds Weg vorn ftevungölosen Journalisten «um Ministerpräsidenten von
Großbritannien.
,Ram', um Macdonald hier mit dem Namen zu nennen — eher Kosename als Spitzname, denn er ist unzweifelhaft der populärste Mann tn den Vereinigten Königreichen, und sogar seine politischen Gegner können eine leise Schwärmerei für ihn nicht unterdrücken — also Ram wird schon entschuldigen, wenn hier die abenteuerliche Geschichte seiner abenteuerlichen Karriere tote« bergegeben wird. Er selbst erzählt ste schon lange nicht mehx. Er steht schon dort, wo Ruh ist. Und kein Platz mehr für persönliche Ambitionen. Das ist natürlich nicht immer s^ gewesen. Persönlichen Ehrgeizes voll, ist er als ganz ju ger Mensch aus seiner schottischen Heimat nach London gekommen. Sehnsuchtstraum war: etne kleine Stellung in einer Londoner Redaktion. Der Traum sollte stch nicht erfüllen. Ram klapperte sämtliche Schriftleitungen ab, oder vielmehr die Vorzimmer sämtlicher Schriftleitungen, denn sehr viel weiter ist er nicht vorgedrungen — und stand, ein paar Tage später,
vor dem absoluten Nichts.
Diases absolute Nichts bedeutete: Zwangsläufige Heimkehr in die schottische Heimat. Der Traum von der journalistischen Laufbahn tn London war ausgeträumt. Da hatte ihm, wie er früher lächelnd berichtet, der Herrgott eine schwarze Katze geschickt. Das sympathische Tier wurde auf einem vorstädtifchen Postamt, eben dort, wo er feine Abschiedsbriefe an die Londoner Freunde schrieb, als lebendiger Markenanfeuchter verwendet. Die schwarze Katze war gern bereit, den Besuchern des Postamts bre feuchte kleine Zunge zur Verfügung zu stellen, um ihnen die Mühe des Befeuchtens der Marken abzunehmen. Es war eine sehr gut dressierte königliche englische Postkatze. Ram war vom Anblick des niedlichen schwarzen Tierchens zu Tränen gerührt. Und gleichzeitig witterte er eine phantastische Lokal- notiz, die selbst für die allmächtige .Times' in-
Der Juli bringt Olympia Mit int’reffanten Dingen.
Helene Mayer sammelt da Ein Häuslein stch von Ringen.
August! Herr Kellogg gondelt an Mit seinem Pakt per Nachen, Und wer nicht unterschreiben kann, Tut rasch drei Kreuze machen.
,o
FRAN
Oktobersturm! Der Zeppelin, Der hat ihn überwunden — „Wie haben Sie,' so fragt man ihn, .Amerika gefunden?'
P o t n c a r e fühlt stch verscheucht Und macht Novembersläuschen: Er fleucht, nachdem er ransaekreucht. Zurück ins Wetterhäuschen.
Li RE.
September toird'S, Herr Zogu giert Rach eines KrönchenS Ziere, Woraus ihn Mussolini schmiert — Mit Salböl? Sein, mit Lire!!!
Das Jahr tst rum, es schließt vas Tor, Was hilft uns Schrei'n und Fauchen? Nehmt alles, Kinder, mit Humor.
Wir können ihn gebrauchen!