Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 305. Einzelpreis»; Wochentags 10 Pfennig.
Freitag, 28. Dezember 1923.
Einzelpreis: Sonntags» 80 Pfennig. 18. Jahrgang
AnWußschmerzen an öer Seine.
Was ist erreicht?
Ernste Schlutzbilanz für 1928.
Von
Staatssekretär a. D. Frhr. v. Rheinbaben. MdR.
Jedenfalls trug das vergangene Jahr den Charakter des Uebergangs. Heute wie vor Jahresfrist am Rhein 70000 Mann fremder .Siegertruppen" mit Anhang. Im Saargebiet unter dem Deckmantel einer Völkerbundsverwaltung das unverhüllte Bestreben Frankreichs, unter Anwendung miliarischen und wirtschaftlichen Druckes das kostbare Pfand nicht ungeschmälert ren deutschen Besitz zurückgelangen zu lassen; über der deutschen Finanzgebahrung und Steuerpolitik Vie drückende einengende Last der Kriegsentschädigung. Alles das stand vor einem Jahr genau so vor uns wie heute. Freilich war damals die wirtschaftliche Konjunktur bester und der Wahlruck nach links hat an der fortdauernden Auswirkung der Siegermacht gegen Deutschland nicht das Leiseste geändert. So blieb alles in der Schwebe und trotz berechtigter Beschwerden und dem guten Glauben an die Berechtigung unserer Forderung, von Besatzung und untragbaren Lasten befreit zu werden, schleppte sich die Lösung der deutschen Lebens- Probleme von Monat zu Monat von einer diplomatischen Demarche zur anderen, von einer Parlamentsrede zur anderen hin, ohne daß die Entwicklung unter der Parole .vorwärts" stand!
Erst in den letzten Tagen des alten Jahres hat auch der Endkampf um die Reparationen eingesetzt, nachdem sich hier wie in anderen Le- bensfragen allmählich ein deutlicher Zwang zu Taten herausgebildet hatte. DaS Ende eines .gesühls- und Rede-Locarnos" war herangekommen. Worte und Taten standen je länger je mehr in unvereinbarem Gegensatz zueinander. Der Vorrat von Vertrauen auSMeden und Versprechungen war in den beiden letzten Jahren durch die Schuld Frankreichs und Englands restlos vertan. In sinkender Wirtschaftskon- junktur und verschärften sozialpolitischen Kämpfen, in zunehmender Parteizersplitterung, ja stellenweise offenen Parteikrisen in mißmutigem Beisei iestchen eines wertvollen Teiles der Jugend. die der Kompliziertheit modernen Völkerrechts- und Finanzproblems verständnislos ge- genüberftehi, geht das deutsche Volk in das .Notjahr" 1929" hinein, daS manche Aehnlichkeit mit den Schrecketiszeiten des JahreS 1923 auf- weisen wird. Damals waren eS die französische Gewaltpolitik und die WährungSkatasiropbe, die außerordentliche Maßnahmen erforderten. Diesmal wird es die Auswirkung einer zu End« gehenden künstlichen Wirtschaftsperiode sein, die aufgrund geborgten Geldes und mit der tatsächlichen Lage unvereinbarer Ansprüche weitester Kreise unseres Volkes an den Staat dem durcheinandergewürfelten Reichstag die Aufgabe zuweisen wird, auS dem höchsten Gebot der Selbsterhaltung heraus den Versuch zu parlamentarischer und organischer Lösung zu machen. Und während wir diese großen und dunkel vor uns liegenden Aufgaben hineingehen werden, wird die Beratung der Sachverständigen von draußen her ihre schweren und dunklen Schatten auf unsere gesamte Lage werfen. Daß wir trotzdem sehr viel festeren Boden unter den Füßen haben als 1923, verdanken wir in erster Linie uns selbst, in zweiter Linie der grundsätzlich richtigen Außenpolitik von 1924 und 1925, die dem deutschen Ringen um Souveräni- rät und Freiheit erst die Voraussetzung deS Gelingens schuf.
Da diese Betrachtung in erster Linie eine rück- schanende sein soll, wollen wir davon Abstand nehmen. Zukunftsperspektiven im einzelnen aufzuzeichnen. Wichtig ist für den Augenblick nur. daß wir aufgrund der Erfahrungen in der Vergangenheit genau wiflen, waS in Zukunft k e i- neSfall? geschehen kann und darf. Di» werden keiner für uns wirtschaftlich und finanziell unerträglichen endgültigen Reparationsregelung zustimmen. Sollte sie nach schweren Kämpfen doch erträglich werden, dann wird unsere Zustimmung durch Parlamentsmehrheit nur dann erfolgen, wenn umgekehrt die Souveränität des deutschen Landes gleichzeitig wieder voll hergestellt wird. Mir werden gerade im Sinne der Locarnoverträge selbst keinerlei Kontrollbindungen über das äußerst-- Jahr. daS der Versailler Vertrag für Besetzung deutschen Bodens nennt, d. h. über 1935 hinaus eingehen und wir werden schließlich die immer neu wiederholten Versuche der Polnischen Poli- tik, sich in die L'nuidation der dentsch-ftanzöst- sche bezw. deutsch-alliierten Streitfragen einzumischen, einmütig zurückweisen. Mit anderen Dorten: die überheblichen Kritiker, die ewig
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schaffen haben, die den Gläubigern vct heil gewähren. Diese Pfänder sind thte
Paris, 27. Dezember. (Eigener Drahtbericht., Die Berhatwlungen deS Reichskanzlers Müller und de« Justizministers Koch in der «nfchlutz- frage haben die gesamte französische Presse auf den Plan gebracht. D«r Außenpolitiker Per- tinae kritisiert» daß Frankreichs StaatSmän-
Arrschürtzalarm an -er Seine Nach der Methode: Verdächtigen und nieder- halten.
bracht werden könne, daß eS Polen und der Tschechoftowakei Nichtangriffsverträge gewähren solle.
ner in der Sicherheitssrage sich nur mit dem RäumungS- unp Ueberwachungsproblem zu be- saffen schienen. Wenn eS das Unglück aber «olle, daß Deutschland in den nächsten Jahren die europäische Ordnung umzustürzen versuche (!) so werde es sich an die bestehenden Grenzen nicht halten Die polnisch« Grenze sei einer der schwächsten Punkte. Pertinac fragt, warum Deutschland nicht zu der Erklärung ge-
31t emate-Folgen
Paris, 27. Dezember. Tas Justizministerium hat verordnet, daß der Prozeß gegen den elsäs- stschen Autonomisten Roos nicht vor einem elsässischen Gericht stattfinden foll. sondern vor einem französischen, da nach vem Kalmarer Pro. zetz die Richter zahlreiche Drohbriefe erholten hätten.
Paris, 27. Dezember. Der Gesundheitszustand deS kürzlich totgesagten StaatSanwaltS Fackot' ist befriedigend. Immerhin können sich die
ries um Hilfe, sodaß der Täter festgenommen werden könnet.
Raudmorbversuch in 6er Shrlftnacht
Köln, 27. Dezember. (Privattelegramm.) In der Nacht zum ersten Wcihnachtstage versuchte ein zwanzigjähriger wohnungsloser Ar- beiter, der mit einem Kutscher zusammen über- nachtet hatte» diesen zu ermotben und zu berauben. Er schlug ihn mit einem BeilzuBoden. Der Angegriffen, setzte sich aber zur Wehr und
Washington, 27. Dezember. (Durch Funk- spruch.) Da» Gesundheitsamt teilte mit, daß in der letzten Woche in achtzehn Staaten 481 000 Grippefälle neu angemeldet worden find. Seit Beginn der Epidemie wurden drei Millionen Fälle festgeftellt.
Unter der Grippe-Geißel.
Schon drei Millionen Amerikaner krank. — Hiobspost von jenseit« de» große« Teich».
Enttäuschten, die Nörgler, die Allesbesserwisser und auch die ehrlich patrwttsch Besorgten — sie alle sollten sich überlegen, ob angesichts einer so hohen und weitreichenden Zielsetzung, wie wir sie jetzt vor unS sehen» nicht doch sehr viel Richtige» in der Behauptung liegt» daß schon das bloße, endliche Heranarbeiten an die wirk- liche Bewältigung der großen NachkriegSpro- bleme keinen Rückschritt, sondern für daS militärisch und politisch ohnmächtige Deutschland von heute immerhin ein Fortschritt ist! (Ein Schlußartikel folgt.)
freiwillige Leistung über de« Vertrag hinaus.
Di« in ihrer Wirksamkeit wett über das Jahr 1935 hinausgehenden Vereinbarungen über den Dawesplan würden völlig genügen, um bei einer loyalen Auslegung des Artikels 431 dessen Bor. aussetzung als erfüllt anzusehen. Gazu kommt das offizielle Räumungsdokument des Jahres 1919 von Wilson, Elementen« u. Lloyd George. Will man bestreiten, daß Deutschland Beweise feines guten Willens und ausreichende Garantien im Sinne dieser Erklärung gegeben hat? Die deutschen juristischen müßten mit den nicht weniger starken politischen und moralischen Argumenten dazu führen, die Besetzung deutschen Gebietes, dieses letzten Krirgsüberbleibsels end- lich zu beseitigen.
Paris, 27. Dezember. In Saumur stürzte am Heiligen Abend ein Schuppen der Kavallerie- Kaserne ein. Sieben Soldaten wurden getötet, fünf verletzt. In Montreuil bei Paris kamen bei einem Hausbrand vier Kinder ums Leben. Eine» davon war bei dem Ehepaar, dem dgs HauS gehörte, in Pension. Seine Mutter kam einige Stunden später mit zahlreichen Geschenken für da» dreijährige Töchterchen an und erfuhr dabei ben Tod des Kindes.
St. John (Nrubraunschwelg), 27. Dezember. (Funktelegramm). Ein Auto, daS über einen gefrorenen Kanal fuhr, brach plötzlich durch das Ei». Fünf Personen fanden een Tod.
Sin SHMerdrama um vas JlSttur
Gnadenberg (Kreis Bunzlau), 27. Dezember.) (Privattelegramm.) Am ersten Weihnachtsfeier- tag beging der Oberprimaner Gies setz, Sohn eines Postmeisters, Selbstmord, indem er sich durch Gas vergiftete, vermutlich, weil er nicht zur Reifeprüfung zugelassen werden sollt«.
Berlin, 27. Dezember, (yunklelegramm) Außenminister Dr. Dtresemann legte einem Amerika-Korrefpondenten das deutsche Recht aus Räumung dar. Die Ansicht EhamberlainS, daß Artikel 431 nur dann anwendbar sei, wenn Deutschland seine gesamte Reparationsschuld restlos abgetragen hätte, widerspreche schon dem Versailler Vertrag, nach dem Deutschland nicht erfüllt haben mutz, sondern nur zu erfüllen braucht. Niemand konnte jemals ernsthaft in Betracht ziehen, daß Deutschland imstande fein werde, den Gesamtbetrag der ihm auferlegten Reparationen vor dem Jahre 1935 zu bezahlen. Tatsächlich hat auch niemand an diese Möglich feit gedacht, da der Versailler Vertrag selbst ausdrücklich von einer Frist von 30 Jahren für die Bezahlung der deutschen Schulden ausgeht. Die Voraussetzungen für di« frühere Räumung seien auch deshalb erfüllt, well die festgesetzten Reparations-Annuitäten effelttoe Pfänder ge«
srschteck-nde Todesziffern.
Ottawa, 27. Dezember. (Funkdienst.) In To- conto sind bereit» 29 Todesfälle, in Montreal sogau über hundert an Grippe zu verzeichnen Di« Epidemie breitet sich weiter au», besonders in Ontario, Quebec usw.
Der Todesstviaf in der Meidnachisnachl.
Berlin, 27. Dezember. (Durch Funkspruch.i In Kallies in Pommern fand die Tochter deS Ehepaares Schattschneider ihre Ellern, die zum Weibnachtsbesuch gekommen waren, befinnungS- los im Bett« liegend vor. Der Arzt stellte Vergiftung durch KohlenoxydgaS fest. Rur die Frau konnte inS Leben zurückgerufen werden. Auch in Neustettin wurde ein sechzehn Jahre alter In- stallateurlehrling durch KohlenoxydgaS getötet.
(Siehe auch Depeschen 3. Seite.)
eshalb sie räumen müssen.
Slresemann contra Chamberlain. — Kein Entrinnen aus der sonnenklaren Logik.
Eine schwarze Weihnachts-Ktronil
Soldaten-, Kinder, und Autotragödien.
Noch nickft abzuschn.
wohin werde« di« Schüsse im Elsaß führe«.
Von einem All-Elsässer.
Die verhängnisvolle» LLÜff« eine« 6Ifäfiet» gegen den aus dem Colmarer Autouomisteavro- ses bekannten Generalstaatsanwalt Fackot lenke» miede« einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf das «lfäffifch« Problem, das fick immer mebr zufvitzt. Das fackocrf-Lndige Urteil eines Att-Elfiisters wird deshalb die Gründe und Wirkungen der folgenschweren Tat aafS bebe illustriere«.
Die bisherige Untersuchung hat ergeben, daß eine Einzelperson, der Schlächtergeselle Benoit, al» Rächer seines Volkes auftreten wollte und zu diesem Zweck einen Beamten, der nach allgemeiner elsässischer Auffassung in dem Auwnomisten-Prozeß eine besonders elsaßfeind- liche Stellung einnahm, niederschoß. Die Folgen diese» Attentats sind vorerst nicht zu übersehen. Daß der Mord als Mittel der Politik unbedingt zu verwerfen ist, wird niemand bestreiten. Derartige Pläne können auch nur bei unreifen, phantastischen Personen entstehen, die
aus falsch verstandener Heimatliebe oder auS Sensation und Ruhmsucht zur Waffe greifen. DaS eine steht jedenfalls schon heute ganz sicher fest: genützt hat Benoit durch feine Tat dem Elsaß sicher nicht! Vielmehr wird das Gegenteil seiner Absichten eintreten. Die Franzosen werden nach ihrer ganzen Mentalität nicht erkennen» daß cS sich hier um die fanatische- Tat eines einzelnen handelt, die als — allerdings verurteilungswerter — Ausfluß jahrelanger Knechtung eines ganzen Volksteiles zu werten ist, sondern sie werden — und daS lassen alle Pariser Pressestimmen mit wenigen Ausnahmen bereits erkennen — die
Autonomisten für diese Tat haftbar machen, obwohl vorerst keine Beweise vorliegen, daß Benoit Complizen hatte oder daß zutreffendenfalls die Autonomistenpartei für sie verantwort- lich wäre. Im Gegenteil, e» steht bereits fest, daß die Briese, die der Töter über seine beabsichtigte Tat anonym an verschiedene Führer der Partei gerichtet hat, von diesen loyaler Weise der Staatsanwaltschaft übergeben wurden. Gleichwohl werden in der nationalistischen Pariser Presse energische Repressivmaßnahmen gefordert. Ja, diese scheut sich nicht, anzudeuten, daß Deutschland bei diesem Attentat die Hand im Spiele habe. DaS alte Märchen pon der pekuniären und moralischen Unterstützung der Autonomisten durch Deutschland taucht wie- der auf. ES bedurfte der energischsten diplomatischen Vorstellungen, um diesen gehässigen Verleumdungen ein Ende zu bereiten. ES wird auch in diesem Falle, wie so oft, Urfache und Wirkung vertauscht. Richt etwa die Gleichgültigkeit der Regierung gegen die Autonomisten hat diese- Verbrechen gefördert; sie hat ihnen weiß Gott daS Leben in den letzte« Jahren schwer genug gemacht; nein, die sinnlose Assimi- lationspolitik im Elsaß, die Aberkennung allen Menschenrecht-, das
brutale Vorgehen gegen angestammte Art, Kultur und Sprache und daS rücksichtslose Bei- seiteschieben aller berechtigter Wünsche eines gepeinigten, aber ehrliebenden und Heimattreuen Volkes haben den verzweifelten Widerstand aus- gelöst, der schließlich zu dieser verhängnisvollen Bluttat geführt hat. So wenig eine Bestrafung dieses sinnlosen Deliktes zu umgehen ist, so sehr müßte sich die Regierung sagen, daß die Schüsse des Benoit nicht dem einzelnen verhaßten Manne dem antielsässischen Staatsanwälte, sondern der ganzen Regierung und ihrer grundfalschen Politik galten. Ob sie eS einsehen wird? Und ob sie Remedur schaffen wird? Rach den bisherigen Erfahrungen möchte ich eS stark bezweifeln. Sie wird im Gegenteil die Schüsse gegen Fachot zum Anlaß nehmen, um nunmehr nochdrakonifcher gegen das Elfaß und die ihr verhaßten Aittonomisten vorzugehen. ES kann als sicher gelten, daß der der Kammer vorliegende Entwurf eines Ausnahmegesetzes gegen die Autonomisten eine Mehrheit finden wird. Reg.-Vize-Präsident Bostetter.
Der Anschluß ein Verbrechen.
Rach Auffassung der Pariser Presse.
Pari», 27. Dezember. In ihren WeihnachtS- artiteln beschäftigen sich noch mehrere Blätter mit der Anschlußfrage. So fragt Oeuvre: Warum kommt Reichskanzler Müller auf diese ^rage zurück? Um zu zeigen, daß der Panger- manismu» nicht nur den Deutschnationalen ge. hört? Man wirft uns vor, daß wir feit Locarno versuchen, die Politik des Vertrauen» und die Pfänderpolittk zu verbinden. Run, um diese Pfänder aufzugeben, mutz man Vertrauen haben und Dache der Deutschen ist es, uns Vertrauen einzusiößen. Ein anderes Blatt schreibt: Der Anschlutz hat mit dem Geist der Verständigung nicht» zu tun. Der Vertrag von Versailles hat den Anschluß nicht außerhakb der europäi- schen Gesetze gestellt und die Unvorsichti- gen, die den Frieden gemacht haben, haben dort, wo man Politik hätte machen müssen, eine Prozedur vollzogen. Ein anderes Blatt erklärt: Da» wenigste, wa» man von diesen Weihnachtskundgebungen der deutschen Minister, d-e eß an christlichem Geiste fehlen lassen, sagen kann, ist, daß sie deS Geistes des Friedens und sogar des Geistes von Locarno ermangeln.