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Nr. 297.

Achtzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten ,.1LLkL

Ein seltsamer Menschenmartt in Berlin Erlebnis eine- Montagmorgens Bitder sozialen Elends, l Von r'ete Hagar.

3n ^e»ner Berliner Kneipe sagte einer, der einen «chlapphm an der Land hängen harre und einen auffälligen Schlips trug:Tu, mor­gen gehe ich auf den Modcllmartr, willst du mit?' Obgleich ich keineswegs der war, an den dre Ausforderung gerichtet war, interessierte sie mich

nl> 01 i° packte ich am nächsten Tage einen Bleistift und machte mich aus den Weg zu den gereinigten Staaisschulen für freie angewandte Kunst ln der Hardenbergstraße, die heute zu den vornehmsten Straßen Berlins zählt. Der Pfört­ner lachte, als ich ihn fragte, wo der Modell­markt stattfindet. .Aber, mein Lieber,' und er schta.k sich an, mir auf die Schultern zu klop­fen. 'da kommen Sie in dieser Woche wirklich zu spät. So groß ist die Nachfrage nun doch nicht. Rommen Sie am Montag wieder.' Bis zum Montag war noch geraume Zeit, aber was wollte ich machen! Ich steckte Notizblock und Bleistrft in die Manteltasche zurück und schlüpfte em wenig verlegen aus dem großen Portal Man ist nickt gern als Neuling erkannt. Am Montag stand ich zeitig auf und nahm mir kaum Zelt, den Kaffee hinunterzustürzen. Dann machte ick mich auf den Weg. Also nun sollte das Er­eignis vor sich gehen. Meine Erwartungen wa­ren auf das Höchste gespannt.

Ich hatte Gefängniffe besichtigt, das Ob­dachlosenasyl besucht, mich sogar ins Lei- chcnschanhaus verirrt, aber ein Modell- markt vas war etwas ganz Neues, et­was, wie mir in meinem Laienverstande schien, ganz Außergewöhnliches.

Weniger siegesbewußt als das erste Mal druckte ich die schwere Glastür auf, die die Kunst von der übrigen Welt trennt, aber immer noch großspurig genug, um eine Enttäuschung zu erleben. In dem Borraum, in dem der Mo­dellmarkt abgehalten werden sollte, war keine Menschenseele. Mich packte eine gelinde Wut. Haue mich der Pförtner etwa genasführt? Ich war darauf und daran, ihm einen Skandal zu machen. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. .Wer sagt Ihnen auch, daß Sie um acht Uhr schon hier sein sollen? Im Winter, und zumal an einem Montag, steht niemand so früh auf.'Wie Sie sehen tch doch!' ^Ja, Sie sind auch kein Künstler.' Da hatte er auch wieder reckt. .Also um zehn Uhr dann wie­der.' Aber ich war fest entschlossen, nicht mehr von der Stelle zu weichen und setzte mich aus die große Steinbank, die sich an der Wand ent­lang zog. Bald wurde meine Ausdauer be- lohnt. Ein weibliches Wesen, mit einer Mappe unter dem Arm und einer Baskenmütze aus dem Bubikopf, trat herein, sah mich einen Augenblick an und ging dann in die Kleiderablage Das war also das erste Modell, das ich zu Gestckt be- kam. Ich lugte verstohlen unter meiner Brille hervor und war sehr gespannt, wie sie sich wei­ter benehmen würde. Aber von der Kleiderab­lage ging sie in einen Gang und dann eine Treppe hinauf und von da wieder in einen Gang und dann hörte ich hinter ihr eine Tür ins Schloß fallen. Also kein Modell! Ich schämte mich. Und bei jedem Menschen, der nun kam. und eS kamen sehr viele in dieser Zeit, meinte ick: das ist jetzt gewiß ein Modell! Aber es war auch wieder keines, sondern Studenten, die in Vorlesungen gingen. Schließlich beachtete ick die Neuankömmlinge gar nicht mehr und blickte kaum auf. als zwei Damen vor mir stehen blieben, sich unterhielten und dann auf mich zutraten. Die jüngere von ibnen sprach mick an. Unwillkürlich erhob tch mich. ,Jch würde Sie gerne als Akt malen. Sind Sie heute Mittag noch frei, aber bitte recht zeitig, da es früh dunkel wird!'

Ich sah sie entgeistert an.

und fühlte fast unter mir den Boden wanken. Aber Sie sind doch ein Modell?' Ich schüttelte den Kopf; Worte fand ich keine. Die Dame ent­schuldigte sich und trat mit einem Lächeln bei­seite. »Ja. das kann vorkommen. Warum setzen Sie sich auch hierher?' Mühsam wankte ich hinaus. Als ich um elf Uhr wiederkam, waren die Wände dicht besetzt. Aus der linken Seite saßen Frauen in jedem Lebensalter, alte und tunge, hübsche und häßliche, korpulente und scklanke, originelle u. weniger originelle, ältere mit weißen Häubchen und jüngere mit nackten Knien Gan, raffinierte Jugend setzte sich zwi­schen die Bejahrteren und ließ den Kontrast wir­ken. Und der Kon'rost hat noch immer gewirkt! Aus der anderen Seite aber, da, wo ick vor ei­ner Stunde noch selber den Stein erwärmt hat­te. saßen eng aneinander gepreßt wie Sardinen in einer Büchse die Männer. Fast doppelt so viel wie Frauen zählte ich

Grausames Bild der sozialen Rot!

Väter mit wallendem Bart und gebeugtem Rük- ken, mit tiefen Furchen im Gesicht und asch­grauer Haut. Und neben ihnen, stehend oder sitzend, athletische Körper mit jugendlich ge­spannten Muskeln, griechischen Bildwerken gleich. Und mich Wurm sollten sie malen! Jetz» schämte ick mick wirklich Ich sprach mit einem der Männer. Wie er hierher käme? Es sei dock nickt jedermanns Sache, sich Akt malen zu las­sen. Er lachte bitter. »Immer noch bester als zu verhungern.' Ob er keine Arbeit fände? Nein, er habe cS immer wieder versucht, aber

vergeblich. Und ein Mädchen, das an der Wand lehnt, antwortet:Meine Mutter kann nicht mehr arbeiten, und in meinem Berus sie ist Kunstgewerblerin finde ich keine Beschäfti­gung.' Neugierig schaute sie umher.

Aber die Männer, die Männer!

Die gebeugten und die gespannten, die weißbär­tigen und die bartlosen, die Deutschen und die Aegypter, die Russen und die anderen Fremden, welches Schicksal hat sie bierber verschlagen,

Papa Wassili und sein Sohn, zwei besonders Bevorzugte.

um die spärlichen Brosamen zu haschen, die eS hier zu verdienen gibt? Welches Schicksal und welches Verhängnis? lieber die Steinfliesen scklevt sich ein Invalide. Die Krücken knarren aus dem Boden. Er ist hier nicht unbekannt. Vielleicht hat ihn ein berühmter Maler gemalt, vielleicht lernen an ihm die jungen Studiker den anatomischen Aufriß des Krüppels. Ich laste mein Notizbuch stecken. Hier gibt eS nichts auf. -uzeichnen. Sier gibt es keine Sensationen, keine Pikanterien. Nur ein Stück sozialen Elends unserer Zeit.

Kostüm Modelle.

31W ml WM SkktMm.

Abenteuer eines deutschen Passagiers. Der Uebersall auf dieSunning". Das bren­nende Schiss.

Das chinesische Seeräuberwesen ist in der letzten Zeit immer aufdringlicher geworden. Erst kürzlich wurden wieder 16 Seeräuber hin­gerichtet. Die moderne Methode der chinesi­schen Seeräuberei beruht darauf, daß in einem großen Hasenplatz, Schanghai oder Arnov, eini­ge Dutzend Seeräuber, als schlichte chinestschc Passagiere verkleidet, sich auf das Schiff bege­ben. Diese chinesischen Küstendampser haben beträchtliche Einnahmen aus dem chinesischen Passagierverkehr.Unsere .Sunning', so er­zählt ein deutscher Reisender selbst ein See­räuber-Abenteuer, hatte mehrere hundert Chi tiefen an Bord, denen das ganze Vorderdeck zur Verfügung gestellt war. Diese Passagiere lagerten dicht nebeneinander gedrängt in der freien Lust. Gegen Wind und Wetter sind sn nur durch Zeltdecken geschützt, die übers ganze Deck übergezogen werden. Früher bestand die moderne chinesische Küstenschiffahrt fast nur aus englischen Linien. Infolge der mangeln­den Konkurrenz die Japaner sowohl als auch die Chinesen hatten noch keine mit Damp' getriebenen Schiffe war es den englischen Tchiffahrlslinien möglich, die ganze Schiffsbe satzung aus weißen Seeleuten zu rekrutieren Heute würden die Unkosten einer solchen Re­krutierung zu hoch fein, um noch erfolgreich mit den Japanern und den modernen rein chinesischen Linien konkurrieren zu können. Fast alle Schisse der chinesischen Küstenichissahrt ha ben daher nur weiße Offiziere. Auf unserem Schiff waren nur fünf Weiße, und vom zwei­ten Maschinisten abwärts bestand das ganze Personal aus Chinesen.

Der letzte Uebersall

der Seeräuber auf die .Sunning' batte sich auf folgende Weise vollzogen: An einem schö nen Nachmittag erschienen auf der Koinman- dodrücke, im Steuerhaus und beim ersten Ma chinisten zu gleicher Zeit ein halbes Dützen?

wild aussehender und laut schreiender Chine­sen, die mit Pistolen fuckelten. Es blieb den drei bedrohten Offizieren nichts anderes übrig als der Uebermacht nachzugeben. Die Seeräu­ber befahlen, anderen Kurs Mzuschlagen. u. ;w nach der berüchtigten Biasbay. Ter Haupl- maim der Seeräuber ließ nun bet jedem bei Offiziere eine Wache zurück und begab sich .n den Frachtraum des Schisses, um nach wert­vollen Waren Umschau zu halten. Die chinesi- tche BefaHung des Schiffes ist gewöhnlich kehr eige und fügt sich selbstverständlich sofort by neuen Schifssleitung. Die bedauernswerten Opfer eines solchen Raubübersalles sind nicht 'o sebr die weißen Schifisoffiziere oder die Schifisaesellschaft. sondern die paar hundert chinesischen Passaaiere. Obwohl diese Seme nämlich auf die billigste und ärmlichste Weife als Deckpassagiere wie Heringe zusammengevö- kelt von Schanghai nack Kanton fahren, befin­den sich unter ihnen auch

reiche Leute, die ihr ganzes Vermögen mit führen.

Trotzdem das Bankwefen in China auf lange Tradition zurückblicken kann, und obwohl die heimischen chinesischen Banken unter sich heute

einen ähnlichen Geldüberweifungsverkehr ha­ben wie bei uns, gibt es viele Chinesen die aus Mißtrauen gegen diese Einrichtung ihre Ersparnisse in Edelsteine oder Gold oder a>h. Wertpapiere umwechseln und in ihren Klei­dern verborgen bei sich tragen. Aus diese ar­men reichen Leute haben es die Seeräuber am meisten abgesehen. Der Kapitän sagte mir, daß seinen chinesischen Passagieren aus der letzten Fahrt einige hunderttausend T-ollar von be*t Seeräubern adgenommen wurden. Im Falle der .Sunning' verlies die seeräuberische Ak­tion nicht in diesernormalen Weise', die den SchifsahrtskomVagnten eigentlich keinen gro­ßen Schaden bringt, da die Verluste meist durch Versicherung gedeckt sind. Das kam daher, daß nach gelungenem Uebersall der erste Steuer­mann des Sckifscs ein feuriger und wagemu­tiger Mensch war und aller Vernunst zuwider den bei ihm zurückgelassenen Wächter in einem unbewachten Augenblick plötzlich mit einem Stahlrohr, das ihm zur Hand lag, nicdersthlup Sofort bemächtigte er sich der Schußwaffe des Räubers, stellte sich an die Tür des Steuer­hauses und schoß einen Chinesen nieder, der auf das Steuerhaus zusprang. Diefer erste Schuß war das Zeichen für die anderen drei weißen Offiziere, sich ebenfalls auf ihre Wäch­ter zu stürzen, was ihnen in der Plötz!?. Verwirrung auch gelang. So fanden sich all vier beim Steuerbaus zusammen und es entstand zwischen den dreißig bis vierzig Seeräubern und den vier weißen ®--Wöa

zieren ein regelrechtes Feuergefecht.

Nun bekamen auch die schon beraubten chinesi­schen Passagiere und die feige Schiffsbesatzuna wieder Mut und beteiligten sich an diesem Kampfe. Infolge der guten Bewaffnung konn­ten die Seeräuber sich gegen die nun wider sic vorhandene Uebermacht doch noch längere Zeit halten. Sie zogen sich in das Innere des Schiffes zurück, und als ihre Lage verzweifelt wurde, legten sie Feuer an die Schiffsladung Als sie fchließlich überwältigt waren, begann der Kampf gegen das immer weiter uni greifende Feuer. Das Feuer wurde gelöscht, dock war das schöne Schiff .Sunning' nur noch eine Ruine; das ganze obere Deck mit Kommandobrücke mrd Steuerhaus wai ab» "ebrannt. Allerdings lagen auch die Seeräu­ber gefesselt in den unteren Schiffsräumen uno die .Sunning' konnte nach siegreich bestande­nem Kampfe unter Begleitung eines englische» Kreuzers stolz in den Hafen von Hongkong ein.

ähren. Der schottische Kapitän, der diesen Uebersall selbst mitgemacki hatte, sagte mir zwar, es sei eine große Dummheit von dem Steuermann gewesen, daß er diesen Kamp'' beransbeschtooren habe. Aus diese Weise habe eine Gesellschaft das Schiff ein halbe? Iaht n Reparatur neben müssen, die nicht weniger als 600000 Reichsmark gekostet habe Jeder normale Verlauf der Seeräuberei wäre bet Gesellschaft viel billiger gekommen Von den ninf-ebn gefangenen Seeräubern wurden eint» ie Monate später sechs in Hongkong von ben englischen Gerichten zum Tobe verurteilt unb aufgehängt.

Spiel des Zufalls.

$>ie höchst eigenartige Historie von einer Krabbe unb einem Portemonnaie.

Schönheit ist ja schließlich Geschmacksache, aber im allgemeinen kann man doch sagen, daß Krabben nicht gerade zu den Tieren gehören, die die Bezeichnung niedlich »erbi-nen. Wes­halb man also von .niedlichen Krabben' spricht wenn man sein Auge wohlgefällig auf hüb­schen Mädchen ruhen läßt, iss, tobe io victes tn unserem Sprachgebrauch, nicht recht klar. Da ist nun aber Nicolaas Hoek, ein Matrose her Fischerflotte von Amuiden, der Stein und Bein darauf schwört, daß eine Krabbe eine wirk­liche Krabbe und keine sogenannte in bet Tat ein reizendes, entzückendes, durchaus Üe- benstoerieS Tier ist. Er kam zu dieser Er­kenntnis durch ein Erlebnis, bas allerdings eigenartig genug ist, und in der Chronik selt­samer Begebenheiten vielleicht ohne Beispiel sasteht.

Im Juli dieses JahreS war unser Nicolaas mit der Fischerflotte aus dem Hafen von Kmuiden ausgefahren. Man lag schon einige Wochen draußen auf hoher See, hatte genug Fische gefangen und meinte, daß eS Zett sei, "lieber nach Hause zurückzukehren. Unb so hielt eS auch NicolaaS angebracht, etwas Toi­lette für bie Heimkehr zu machen unb feine alte Jacke einigermaßen unb soweit bieS noch möglich war, in Stand zu setzen. Er ging aufs Deck, zog die Jacke auS, klopfte sie, schüt­telte sie und dabei flog sein Portemonnaie, bas er bummerweise in bet Tasche hatte stecken lassen, in weitem Bogen in bie See. Nicolaas sah, wie eS schön aus hem Wasser aufplatschte unb dann sah er nichts mehr. Er starrte eine Zeitlang unbeweglich auf bie Stelle, wo das Portemonnaie in die Tiefe versunken war und dann stieß er einen langen und recht kräftigen Fluch aus. Denn in dem Portemonnaie befan­den sich 20 Gulden und 30 Cents unb bas war immerhin eine Summe, bi« einen kräftigen Seemannssluch gerechtfertigt erscheinen ließ.

DaS war ber erste Akt beS DramaS. ber sich auf ber Höhe ber Doggerbank zutrug. Der 2. Wt spielt im Kontor ber Reeberei von Msch­rill unb Sone in Grimsby. Da würbe kürz­lich ein Portemonnaie betoniert, das auf eigenartige Weise gefunden worden war. Boote der Reederei waren an der englischen Küste mit Fischfang beschäftigt. Da entdeckte man im Netz eine Krabbe, die mit ihren Sche­ren irgend einen Gegenstand festumklammert hielt. Bei näherem Zusehen fand man, baß es ein Portemonnaie war. Ein Portemonnaie mit 20 Gulben, 30 Cents unb einer Quittung über empfangenen Lohn, ausgestellt für Nico­laas Hoek von ber Schisfahrtsgcscllfchaft Ma- rezatan in Amuiben. Der Schlußakt spielt nun wieber in Hollanb. Nicolaas wirb zu sei­ner Firma gerufen. Ob er einmal ein Porte- monnaie verloren habe? Jawohl, vor 4 Mo­naten beim Fischen an der Doggersbank.--

Ob bies bas Portemonnaie sei?--Ricolaa-

greift mit beiden Händen nach seinem Eigen­tum. Die 30 Cent? sind noch darin unb auch bie zwei Gulbenzehner, zwar etwas vom Was­ser mitgenommen, aber noch erkennbar.

Unb nun wirb allgemein bas Rätsel be­staunt. Das Rätsel von ber braven Krabbe, die an der holländischen Küste das Portemon­naie als wertvolle Beute entdeckte und eng an ihr Krabbenherz gepreßt hielt, und die es nicht losgelassen hatte in all den vier Monaten, oa sie den weiten Weg von der holländischen Küste nach der englischen gewandert sein muß.

Em Wort an die Hausfrau.

Geschenke für die Hausangestellte.

.Ich möchte einen Kleiderstoff haben!' .Sehr wohl, gnädige Frau! Was für eine Farbe! Welche Qualität! In welcher Preislage unge­fähr!'Ach, ich weiß nicht so recht es soll ein Weihnachtsgeschenk für mein Hausmädchen sein. Zeigen Sie mir doch mal was Passendes!' .Aber gerne, gnädige Frau! Darf ich dann bitten: hier, an diesen Tisch! Sehen Sie bitte hier: Lauter extra billige Stoffe tn effektvoller Aufmachung sehr geeignet für Geschenkzwecke!'

Dieses kleine Verkaufsgespräch kann man in allerlei Abwandlungen leider noch täglich hören, und doch ist es eins, das längst vergessen sein sollte. Es müßte Ehrensache, für die Hausfrau sein, nur solche Qualitäten zu Geschenken für die Hausangestellte zu wühlen, bereit sie sich nicht zu schämen braucht unb Geschenke zu machen, bie Wert unb Dauer haben unb f» bie Beschenkte wirklich erfreuen können. Man wenbe nicht ein, daß bie jungen Mäbchen ja boch nur auf Tanb unb Firlefanz sähen und ein gediegenes Stück garnicht zu schätzen wüßten. Es ist richtig, daß gute Sacken oft mehr ins Geld laufen und viel­leicht nicht sovielhermachen', wie billiger Augenblicksputz. Aber es ist unsere Pflicht, ge­rade in den jungen Mädchen der arbeitenden Kreise wieder den Sinn für Wertarbeit unb Wertware zu wecken. Lieber weniger, aber bas wenige gut und gediegen, das mutz unsere- sung auch bei ben Gaben für unfere Hausange­stellte fein. Die scheinbare Vorliebe für bie bil­ligen unb wenig dauerhaften Stosse, für über- flüssigen unb oft geschmacklosen Tand kommt ja m erster Linie daher, datz bie jungen Dinger wohl die schönen unb wertvollen Dinge sehen, ohne sie sich jeboch laufen zu können, unb in einem begreiflichen und verständlichen Wunsche nach Lebensverfeinerung wird deshalb zum Er­ay gegriffen. Ein wirklich gutes Stück aber weitz bie so Beschenkte sehr wohl zu schätzen unb es wird tn ihr den Wunsch wecken, dieses qm« Stück auch zu schonen unb ben Bestand an wert­vollem Eigentum zu vermehren.

Darum. Ihr Hausfrauen, wählt für Eure Hausangestellte nichts, was Ihr nicht selber ge- gebenenfalls tragen ober in Gebrauch nehmen möchtet, ober besten guter Qualität Ihr nicht tcher feib, bann werdet Ihr Ehre einlegen mit Eurem Geschenk unb selber Freude daran haben, Freude zu stiften. Annemarie Schlüter.