Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Dl« Hiifltlti "Jieueittn «aduidjteii «Nche'nea roö4>eni!id> '«chsmal tuidunntagb. Der ÄbonncmetnepreiB txirnoi rin ben Monat 2.2U X bei kreier ciuitellung ne Haue in bei (ötitbälteilelk -baedoll 2.- X Durch 61« «ob monatlich 2.2(1 X ausichliebliL »iuliellunnsaedübr fternforabtt 951 und 952 Äür unverlangt etnaeianbtt tieiträge kann die Redukiion eint 2<erimroortnng oder Aewäln in keinem -bulle fibrrnrbmrn Aück^dlnngen 6eS Be,u«Sgelbes oder LnivrUche wesen etwaiger nicht orbnnnnsmShtger Sitftning ffl ausselchlollen Pofticheckkontv -Xr mffun n M flimmer WW fflnwInnmmtT in A LonntasSnummer 20 4

Hessische Abendzeitung

Änzeisenvreilr: Etnbelmilche lSeichaitdanzeigen die mm-3etle 10 A. auswärtige Seidiäfieanetlgen die mm3tUt 1t 4 Familienanzeigen die mm-3ctle 10 A »lein« ÄMtiatn an» »affel da« Son 6 4 auswärtige Kleine Anzeigen die mm. 3etle 10 A Reklamen die nun-Heile 88 4 Cifertgebübr 95 4 ibet HuftcHung 45 41 Rechn nngSberräge innerdald 5 Tagen wblbit Für die Richtigkeit aller durch fternlnreche, anlaegebentn Anzeigen lorole füt flufnabmebateti und Platz« kann nicht aaranHert werden, ftüt Antigen mit beton derS schwierigem Satz KiO Srownl «uttchlag Druckerei: Schlackibol», 28'80 (Bef»äh8»ene: fföln Sn 6

Sonnabend, 8. Dezember 1928.

Nummer 290 Einzelpreis Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig

18. Iabraan g

Ostlocamo und Räumungögeschäst.

Kommt der Eisgang?

Englands jüngster Schlag gegen Moskau.

Von

Dr. Paul Rohrbach.

Seit zehn Jahren geht auch bei uns der Streit um den Wer: und die Dauerhaftigkeit des Sow- ictregimcs. Jetzt sagt der frühere englische Bot- schasler in Berlin Lord d'Abernon in seinen Er­uierungen klar und bündig, man habe sich darum von eNjTNscher Seite entschlossen, mit dem System der Versehmung Deutschlands (das die Franzo sen gerne aufrecht erhalten hätten), Schluß zu machen, weil sonst das praktische Bündnis zwi­schen Deutschland und Rußland unvermeidlich geworden wäre. Diesen Zusammenschluß Hai man gefürchtet, und darum tat die englische Po­litik das ihre, damit Deutschland wieder in die europäische Staatengemeinschaft ausgenommen würde. Natürlich verfolgt die Veröffentlichung dieser Botschafter-Memoiren einen bestimmten Zweck. Dre Methode ist typisch englisch. Das Wichtigste, was der Verfafler sagen will, wird tu einem Zusammenhang gegeben, der geeignet ist. die eigentliche Absicht möglichst wenig erkennen zu lassen. So erzählt Lord d'Abernon, der Ver­trag von Rapallo sei eigentlich ein Produkt ver­letzter Rathenau'scher Eitelkeit gewesen, weil Lloyd George eine Konferenz mit dem deutschen Vertreter ausschloß. Diese Konstruktionen sind natürlich klug darauf berechnet, den deutschen Leser dahin zu führen, daß nicht eine politische Notwendigkeit, sondern ein überwiegend persön- lich->s Motiv die deutsch-russische Annäherung zeitigte. Heute hat es tatsächlich den Anschein, als ob die Herrschaft der Bolschewisten ins Schwanken gerät. Schwanken ist noch nicht so­viel wie stürzen, aber auch der Sturz kann kom­men, und ein bloßes Schwanken gegnügt schon, um einer Politik Festigkeit und Zielsicherheit, die Hauptgrundlage ihrer auswärtigen Beziehungen zu nehmen.

Vielleicht das Wichtigste, was wir in letzter Zeit aus Rußland gehört haben, ist das Wort des Kriegskommissars, d. h. des Oberbefehlshabers der Roten Armee, Woroschilow: 80 Prozent der Armee beständen aus Bauern, und wenn die Sowjetregierung die Bauern zu Feinden habe, so sei sie gefährdet! Damit müssen die jetzt aus allen Teilen der Sowjetunion gemeldeten Bauernunruhen zusammengehalten werden. Diese sind zum Teil sicher von innen heraus, als Folge der bäuerlichen Unzufriedenheit mit dem bolschewisttschen System, entstanden, zum Teil aber ebenso sicher nicht ohne Zusammenhang mit Einwirkungen von außen. Jedensalls hat auch Stalin schon zur Hälfte kapituliert. Die Bauern wollen vom Kommunismus nichts wissen und gehen jetzt dazu über, die Agenten und Be­richterstatter, die man von Moskau aus zwischen sie gesetzt hat und die auch das Dorfproletariat gegen die Besitzenden schützen sollen, entweder fortzujagen oder totzuschlagen. Dazu kommt ihre zunehmende Weigerung, Getreide ahzuliefern. Die Getreideausfuhr ist in Sowjetrußland eben­so Staatsmonopol, wie die ganze übrige Wiri- schaft. Bekommt der Staat kein Getreide und keine Bauernsteuern, so ist er zahlungsunfähig. Nun ist die Ernte in einem großen Teil der Sowjetunion, namentlich in der Ukraine, auch in diesem Jahr wieder so schlecht gewesen, daß es Hungersnot gibt. Die Waren, die der Bauer braucht, können ihm nicht geliefert wer­den, und in den Städten herrscht Lebensmittel­not. Schon haben mehrere auswärtige Gesandt­schaften in Moskau angefangen, sich Mehl und andere Lebensmittel von Hause schicken zu lasten, unb die Sowjetregierung kaust im Ausland Ge­treide, um die Hungersno dort zu bekämpfen, wo gleich nach der Ernte das wenige vorhandene Korn herausgepreßt worden ist.

lieber die Bauernunruhen hört man das Meiste aus dem Westen und Süden der Sowjet­union, d. h. aus Weißrußland und aus der Ukraine. Hier arbeiten polnische und tm Hinter­grund englische Einslüffe. England denkt nicht daran, auf irgend ein Mittel zu verzichten, mu dem es die Sowjetmacht erschüttern kann. Eng­land und Frankreich stehen hinter der Entschlos­senheit Pilsudskis. durch Erweiterung des pol­nischen Machtgebiets nach Osten und Südosten ein Großpolen zu schaffen. Auch Lord d'Aber- nons Buch ist ein Stück des englischen Feldzu­ges gegen Sowjet- Rußland und man wird kaum fehlgehen, wenn man sein Erscheinen als ein Kennzeichen dafür aufsaßt, daß die englische Po­litik zu einem Schlage ausholt. Sie tut es, weil sie die Lage in der Sowjetunion jeyt dahin beurteilt, daß der Bolschewismus von in­nen heraus genügend erschüttert ist. Mit diesem Urteil wird man in England wahrscheinlich recht haben, und sollte man damit recht haben, so wäre der Moment gekommen, wo Trotzkis Wort aus

Sie wollen uns auch die Saar rauben

Frankreich macht die öffentliche Meinung mobil.

Paris, 7. Dezember. (Eig. Drahtbertcht.) Die franzöfische Bereinigung für das Saargebiei fordert in einer Entschließung die Regierung auf, die französischen Interessen im Saarge­biet und die Rechte, aus dem Versailler Ver­trag energisch zu wahren. Major Laurezac verwahrte sich dagegen, datz man in Deutschland jen gegenwärtigen Zustand als Ungerechtigkeit, üe wirtschaftliche und kulturelle Verelendung mit sich bringe, bezeichne. Ein Frontkämpfer- jührer forderte energische Maßnahmen gegen die deutsche Werbearbeit im Saargebiet und meinte, daß Deutschland gerade hier die beste Gelegenheit habe, seinen Friedenswillen zu be­kunden und seine moralische Abrüstung zu beweisen (!) Das Saargebiet als Binde­glied zwischen Deutschland und Frankreich war das Leitmotiv der Ausführungen des Hi­storikers Bardoux. Er wollte einen scharfen Trennungsstrich ziehen zwischen dem Rheinland-

Für ewig Fremdvögte über dem Saarland, und dem Saarproblem. Der Versailler habe die Saarfrage' meisterhaft gelöst. Dgs jetzige, und zwar

internationale Regime müsse aufrecht erhalten werden um der Forderung der deutsch­französischen Verständigung willen (!) In einem verteilten Druckblatt heißt es, daß die Liquidie­rung der Saarfrage zu einem Unglück für Frankreich zu führen drohe. Wir werden end­gültig ein Gebiet verlieren, auf das wir jahr- hunderte alte historische Ansprüche haben. Die Saarpolitik müsse geändert werden und zwar durch starke Strömung der öffentlichen Meinung in Frankreich. Wenn erft einmal die notwendigen finanziellen Mittel bei­sammen sind und der allgemeinen gegenwärti­gen Lage in Europa Rechnung getragen ist, dann mutz ein Programm der Saarpolitik aufgestellt werden.

Schon fast ein Panama-Skandal.

Höchste Beamte in die Pariser Zeitungs-Affäre verwickelt?

Paris, 7. Dezember. (Eig. Drahtbericht.) Ministerpräsident Poincare hat dem Abg. Ca stanet (Soz.) auf sein gestriges Schreiben 'n dem die Namen mehrerer Parlamentarier in Verbindung mit der Gazette du Franc genannt wurden, darum ersucht, zunächst einmal die ge­richtliche Untersuchung ihren Weg geben zu las­sen. Die Genannten, darunter Kolonialminister Machinot, zwei Unterstaatssekretäre und der

Vorsitzende des Finanzausschusses Dumont, tjaben sich bereits in der Presse gegen diese Vorwürfe bezw. Anspielungen verwahrt. Mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten, den Ca f'anet erwähnte, und der 33 Gesellschaften lei­ten sollte, war Senator Francois Marsal ge­meint. Auch dieser erklärt, datz er niemals et­was mit der Gazette du Franc zu tun gehabt habe.

Krieg im Bananenparaöies.

Streikende greifen Columbiens Militär an. Die Züge liegen fest.

Newyork, 7. Dezember. Wie der Präsident von Columbia meldet hat rnc Regierung infolge des Streiks der Plantagenarbeiter beschlossen, über den Bananendistrikt das Kriegsrecht zu ver­hängen. In den übrigen Teilen des Landes herrsche Ruhe. Truppenteile wurden von strei­kenden Plantagenarbeitern angegriffen und ent­

waffnet, wobei mehrere Soldaten verwundet wurden. Nach vier Städten sind Truppen abge­gangen. Die Führer der Ausständige« haben dis Abfahrt der Bananenzüge von den La- gerhäufern verhindert und lassen Arbeiter, welche sich weigern, sich dem Ausstand anzuschlietzcn, gesangensetzen.

Weihnachten am Südpol.

Byrd schon von der ewigen Eiszone umfangen.

-7 ^erklärt, die Expedition hätte alle zivilisierten Ge-

Washington, 7. ~e$ember. (^unftelegramm.) genbcu hinter sich gelassen und hoffe die Eis- Dem Marineminister ist ein Funkspruch bcS grcn$e erneut in Ker ersten Dezemberwoche zu Südpolarforschers Byrd zugegangen, worin Byrd | erreichen.

der Zeit bald nach dem Tode Lenins zur prak­tischen Anwendung käme:Eigentlich stehen wir nur darum noch aufrecht, weil niemand da ist der uns stößt!"

Sie kleben am Ostlocarno.

Polens Finger im Räumungsgeschäft.

Paris, 7. Dezember. (Eigene Drahtmeldung.) Auf dem Bankett zum Unabhängigleitsjubiläum Polens forderte der polnische Botschafter für alle im Westen wie im Osten Europas Sicher­heiten, deshalb müsse man die Verträge verteidi­gen. (Versailles k Die Red.) Für Polen sei eins der Hauptelemente der Sicherheit seine intime Freundschaft mit Frankreich. Abg. Bar- thelmy erklärte, er begreife zwar sehr wohl, datz die Nichträumung des Rheinlandes für Deutsch­land etwas schmerzliches sei; aber man dürfe diese Operation nicht unter für den Frieden gefährlichen Bedingungen beschleunigen. Die Räumung gehe PolenebensowieFrank- reich an. (!) Deutschland habe bis jetzt es ab- gelehnt, die Ostgrenzen zu garantieren, während es seine Westgrenzen anerkannt habe.

Einheitsfront auch drüben.

Poincare-Briands Reparationsthesen heilig.

Paris, 7. Dezember. Im Auswärtigen Kam­merausschuß bekundeten Poincari und Briand nacheinander den Willen zur endgültigen Repa­rationsregelung In den bisherigen Verhand­lungen fei vereinbart worden, daß die unab hängigen Sachverständigen die Regierungen nichi f e st l e g e n könnten. Die Regierungen würden alle später festsiellen, ob die Ergebnisse es ermög lichten, in politischen Verhandlungen eine neue Etappe zu erreichen. Sie hofften auf einen gßn stigen Abschluß im Geist des guten Willens die

Mindestsumme zu finden, die Frankreich für die Festsetzung seines Guthabens übernehmen könne.

Die Krönung der Sanierung

des Landes sei die Reparationsregelung. Außer dem Abg. Dubois stimmten alle Anwesenden

von den Sozialisten bis zu den Konser­vativen

der von Poincart und Briand vorgetragenen Auffassung vollkommen zu. Es scheine nach dem Meinungsaustausch, datz das Problem der inter­alliierten Kriegsschulden nicht vor Rege- l u n g des Reparationsproblems in Angriff ge­nommen werden könne.

Reinen Pfennig mehr!

Gerechte Engländer über das Räumungs­geschäft.

London, 7. Dezember. (Eig. Drahtbericht.) Ein diplomatischer Mitarbeiter erklärt, in bi plomatischen und Justizkreisen werde entschieden die Ansicht vertreten, das Deutschland i cki ge­zwungen werden könne, als Preis für eine frü­here Rheinlandräumung größere Reparations­zahlungen zu leisten, ats unter normalen Um­ständen bis 1935. Im Höchstfälle könnten die Alliierten die Vorauszahlung der DaweS Anuitäten bis zu diesem Jahre in irgendeiner kommerzialisierten Form verlangen, sobald der Gesamtbetrag festgesetzt sei.

*

Qlum nicht um ote Pfalz feilschen!

Berlin, 7. Dezember. Bei einer Gedenkstunde für die Pfalzbesetzung erfiärte Oberbürgermeister Tr Weitz Ludwigshafen, die Bevölkerung der Pfalz fordere rascheste R ä u m u n g als ihr gutes Recht. Das besetzte Gebiet lehne es aber in vol­ler Einmütigkeit ab, datz feine Freiheit zum Handelsobjeki gemacht werde.

Adlig muß er fein.

Derrote Graf" und von Dirksen in Moskau.

Haler divlomaitiche Mitarbeiter gewährt aulätz- lick der Reabesetzaug her Moskauer Botschaft etaiae ivauueube Einblicke in die Arbeits- und Lebensbedingungeu unietet Auslandsvertreter und weih auch faust manches aus der Schute ru Haubern.

Wer in der WilhelmstraßeEingeweihter" ist, weiß, daß der gleichfalls als Botschafterkandidat für Moskau genannte General von Seeckt, so­lange Stresemann Reichsaußenminister ist, über­haupt keine Aussicht hat, Botschafter zu wer­den denn gerade Stresemann hat seinen Mitar­beitern schon vor mehreren Jahren das Wort gegeben, keinerlei Außenseiter mehr in die Diplomatte zu lassen. Weiß er doch am be­sten, wie stark die Dtenstfreudigkeit aller jünge­ren Diplomaten beeinträchtigt wird, wenn ihnen alle Hoffnung auf große wichtige Posten durch Außenseiter genommen wird. In dieser Linie liegt auch die Nachricht, daß nicht Herr v. Seeckt, sondern Botschafter Freiherr von Neurath als Nachfolger des Botschafters S t h a m e r in L o n d on in Aussicht genommen sei. Ebenso­wenig Chancen tote Seeckt hatte Nadolny, und zwar nicht nur, weil er bürgerlich ist, son­dern auch, weil ihm das Repräsentative ganz und gar nicht liegt. Auf einen adligen Namen und ein repräsentatives Auftreten leat aber ge­rade die Sowjetregierung aus Gründen des Pre­stiges im eigenen Lande großen Wert. Die Ein­fachheit dort, wo sie hingehört. Als Nadolny während des Ruhrkampfes 1923 als deutscher Gesandter in Stockholm den schwedischen König zu einem Diner einlud, bei dem es nur Mo­selwein und zwei Gänge gab, die zwei 'Rädchen in weißen Häubchen servierten, da war das eine Geste, die viel Eindruck machte. In Moskau wäre sie unmöglich gewesen.

Fabelhafte Herrendiners sind dort das Mindeste,

was verlangt wird. Der letzte Kandidat endlich füt den Moskauer Posten, Botschafter Freiherr von Neurath in Rom, genügte zwar den beiden von der Sowjetregierung aufgestellten Forderungen,, indessen war es unverständlich, daß man gerade auf ihn verfiel. Hatte doch Ba- ron Neurath durch seine Freundschaft mit Mus­solini eine ganz besondere Stellung in Rom. Er lehnte denn auch den ihm angebotenen Po­sten ab, vielleicht nicht allein aus sachlichen Gründen. Einen herrlichen Palazzo in Rom und den anmutig-eleganten Verkehr in der rö­mischen Gesellschaft und dem diplomatischen Corps der Tiberstadt mit den in jeder Bezie­hung etwas rauhen Verhältnissen in Moskau zu vertauschen, ist ein Opfer, das man von ei­nem älteren Botschafter wirklich nicht verlangen kann. Schon rein äußerlich bietet Moskau viel weniger als Rom Dazu kommt, datz die Deut­sche Botschaft ihren Sitz in der nicht allzu gro­ßen Villa eines russischen Kaufmannes hat Endlich ist das divlomatische Korps verhältnis­mäßig klein. Sind doch die vielen Staaten, die wie England Amerika usw. keinerlei diploma­tische Beziehungen mit Rußland pflegen, nicht vertreten. Dann aber

fehlt fast ganz das Element der Dame, oa die in Moskau tätigen Diplomaten entweder unverheiratet sind oder ihre Frauen zu Hause, ich hätte beinahe geschrieben, in Europa gelassen haben. Der Geselligkeit im diplomatischen Korps fehlt daher die letzte feinste Kultur. Das alles wird Frau von Dirksen nicht schrecken. Sie wird nach Moskau rnitgehen und der Deutschen Bot­schaft eine neue Note geben. Den ersten Nach­kriegsbotschafter Prof. Dr. Wiedenseld (nicht zu verwechseln mit dem verstorbenen Amerika-Bot- schaster und Kruppdirektor Wiedfeldt) löste 192z derrote Graf" Brockdorff-Rantzau ab, Junggeselle und Bohemien. Wie boshafte Leute in der Wilhelmstraße erzählten, hätte man ihn nur nach Moskau geschickt, um die Nächte hin­durch mit Lenin zu koksen, d. h. Kokain zu schnuvfen. Das war natsi.lich nur ein Scherz, indessen war Btockdorff-Rantzau tatsächlich ein Nachtvogel, der

vor zwei Uhr mittags niemals aufstand, und dessen Hauptarbeitszeit am frühen Morgen zwischen cicr und fünf war. Seine Hauptmit- arbeiter pflegten daher um acht Uhr abends ins Bett zu geben, um morgens früh um vier srifch und atisgeschkafcn ihrem Chef Vortrag halten tu können Freilich stand er nur mit ganz We­nigen in Kontak« Beamte, die die lausenden Geschäfte erledigten, sah er kaum, vielmehr ar­beitete er nur nvt einem kleinen Stabe von Privatfekreiären, die gewissermaßen eine Bot­schaft in der Botschaft bildeten. Das