Kasseler Neueste Nachrichten
Die seltsame Gräfin
3)
Von Edgar rvallaee.
Zur da-
Verhandlnng sind acht Zeugen erschienen, unter die drei Binder.
Für den Monat Dezember hinzutretenden Lesern liefern wir den Anfang des außerordentlich fesselndenRomans
Wochen später stürzt sich ein junges Mädchen an der Bendler-Brücke in den Landwehrkanal. Wird gerettet, befragt und — schweigt. Eine kurze Notiz erscheint in den Zeitungen: — — man lieferte die Unglückliche, die anscheinend' das Gedächtnis verloren hatte, in die Irrenanstalt Buch ein*. Franziska Schanzkowski wird in der Frauenabteilung untergebrächt. Eine Frau P., leichtkrank wie die Schanzkowski, ist dazu ausersehen, in dieser Tragikomödie die ersten Worte zu sprechen. In der „Berliner Jllustriencu* sab sie Bilder der verbannten Zarensamilie. Ihre Phantast« beginnt zu arbeiten: Welche Aehnlichkeit zwischen der Großfürstin Tatjana und jener schweigend dahindämmernden Unbekannten, die ihren Namen nicht weiß. Das Bild macht die Runde und eines Tages wagt die P. die schicksalsschwere Frage: „Bist Du die Großfürstin Tatjana?* Ein Hebel im Hirn der Schanzkowski beginnt zu arbeiten. War da nicht ein Mann, der etwas Besonderes in ihr sah? Traum oder Wirklichkeit, Wahn oder Wahrheit?? — „Bist Du die Großfürstin?* Das haftet. Ein Gerücht bläht sich auf in der Frauenabteilung--Und als
die Frau P. kurz darauf entlasten wird, ist ihr erster Weg zur russischen Botschaft. Dort sind die Emigranten noch die Herren. Tatjana? Sehr unwahrscheinlich, aber politisch nicht ohne Jntereste. Ein ehemaliger russischer Rittmeister erscheint in Buch, ebenfalls die — Wvrobo- wa, Hofdame und Vertraute der Zarin. Sieht die Namenlose und schüttelt den Kopf: ,Lat- jana war größer*. —
Die russische Botschaft bleibt trotzdem interessiert, man verhandelt dort mit der Polizei und die Landarbeiterin Franziska Schanzkowski, die nur ein paar polnische Sätze sprechen kann und über alle indiskreten Fragen den Schleier des
Unter Aueftvlutz oer OeffenMcvkett
Vor dem Wiener Landesvericht begann, wie chon kurz mitgeteilt, der für zwei Tage anbe- raumien Prozeß gegen den bekannten Wiener Architekten Adolf Loos Die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage lautet nur auf das Verbrechen der vollendeten uno versuchten Schändung dreier Schulmädchen. Da die Verhandlung geheim durchgeführt wird, darf der Inhalt der Anklageschrift nicht bekannt gegeben werden. Gegenüber allen Anschuldigungen hat
* Merkwürdiges Schicksal einer Ansichtskarte. Vor zehn Jahren schickte ein junges Mädchen aus Pasewalk ihrem Herzallerliebsten, der im Westen stand, eine Ansichtskarte. Jetzt nach 10 Jahren ging für die Absenderin ein Brief aus Schottland ein, in dem ihr die Ansichtspostkarte zurückgesandt wird mit oer Mitteilung, daß ein schotttscher Sergeant eine Brieftalche mit Photographien und Karten in Frankreich unter einer Brücke gefunden habe. In dieser Brieftasche habe sich auch die von einem Gewehrschuß ourch- löcherte Ansichtskarte befunden. Der Absender
Loos beim ersten Poizeiverhör schon jede strafbare Handlung bestritten. Er verantwortet sich damit, daß er einen Austausch von Wiener und
.Verfolgen ist ein häßliches Wort, ich wollte es eben etwas liebenswürdiger ausdrücken,* sagte er.
Als ste ihn jetzt ansah, gefiel ihr der treue, fröhliche Blick seiner blauen Augen doch, und hätten sie sich in diesem Augenblick getrennt ohne noch mehr mit einander zu sprechen, so hätte sie freundlicher von ihm gedacht Aber er setzte die Unterhaltung fort
„Wo wollen Sie an diesem schönen Herbstmorgen hin?*
Sie wurde wieder ablehnend und zurückhaltend. —
.Wollen Sie bitte mein Motor ankurbeln?* sagte sie kühl.
Er tat es und trat dann beiseite. Sie konnte ober der Versuchung nicht widerstehen, ihm noch etwas zu saaen.
.Wenn Sie mir jetzt folgen, werden Sie ei-
Fenster zurückgeschoben, und die wachsamen Äugen des Pförtners richteten sich auf sie. Obwohl er sie wiedererkannte, mußte sie ihm doch erst ihren Passierschein zeigen, bevor er aufschloß rrnd sie in einen mit Steinfliesen gepflasterten kaum führte. Die Einrichtung war sehr ein- ach, sie bestand aus einem Pult mit einem Schreibseffel. einem einfachen Tisch und zwei Stühlen.
Der Wärter laS den Passierschein noch einmal durch und drückte dann auf eine Klingel. Er, die beiden Leute, die ihn ablösten, und der Direktor der Anstalt, waren die einziaen Männer, die in diese Mauern kamen. Sein Tätigkeitsfeld beschränkte sich auf den einen kleinen
Geheimnisses zu breiten weiß, zieht in die Wohnung eines Barons von K., wird dort Zeugin einer politischen Konspiration und flieht. Ein Armband der Baronin flieht mit. Bei Frau P. findet sie Aufnahme, ste erscheint auch auf zwei Tage wieder bei der Familie W., wird aber von den Emigranten verfolgt, auf- gespürt und „Hoheit* werden in das Haus des Barons v. K. zurückgebracht. Jetzt kommt Tempo in die Angelegenheit. — Der Berliner Gesandte einer fremden Macht nimmt sich des Falles an, umsoytehr, als das Fragezeichen hinter dem Namen Anastasta bereits verschwunden ist. Er hält es für seine Pflicht, für das un- glückliche Kind der Romanows zu sorgen, interessiert eine Dame für dieses „grausame* Schicksal einer Fürstentochter und in einem vernehmen Berliner Sanatorium, wo die „Großfürstin Anastasia* untergebracht ist, entsteht der Fall Anastasta.
Deutschland hat eine Sensation! — Derweilen erscheint in der Redaktion einer Berliner Zeitung, ein junges Mädchen, Fräulein W. Sie habe das Bild der angeblichen Großfürstin Anastasia in der Zeitung gesehen. Die Dargestellte sei eine Landarbeiterin und heiße Franziska Schanzkowski. Als Beweis legt sie Kleider und Wäsche vor, die der Tochter der Baronin v. K. gehörten. Somit ist also der Schützling des Gesandten mit der Untermieterin der Familie W. identisch. Die Zeitung setzt einen Detektiv auf die Spur. Die Großfürstin ist inzwischen in Schloß Seeon beim Herzog v. L. gelandet und wird dott unter Verschluß gehalten. Trotzdem gelingt eine Gegenüberstellung zwischen der Zeugin und der „Kaiserlichen Hoheit*, die nach bestimmter Aussage des Fräulein W. Franziska Schanzkowfli heißt. Prozesse entstehen. Inzwischen entführt man „Anastasia* nach Amerika. Dort findet sie Aufnahme im Hause des Millionärs Leeds, dessen Gattin die ehemalige russische Großfürstin Xenia ist. Aber auch hier ist ihres Bleibens nicht, ruhelos wandert dieses Mädchen aus dem kleinen pom- merschen Dorfe von einer Hand in die andere. Durch Paläste und Kaschemmen geistert dieses armselige Geschöpf, schattengleich bewegt durch das ewige Gerücht: Bist du Anastasta?
nen Schrecken bekommen. Ich bin nämlich auf dem Wege zum Telsbury-Gefängnis.
Der Eindruck, den diese SBorte auf ihn machten, war verblüffend. Er schaute sie entsetzt und verwirrt an.
.Wohin wollen Sie fahren?* fragte er heiser, als ob er seinen Ohren nicht traute.
»Zum Telsburv-GefängniS — bitte!*
Sie winkte ihm, Platz zu machen, und der Wagen mit der zerbrochenen Windscheibe fuhr geräuschvoll die breite Chaussee entlang.
3.
Der düstere Eingang der Telsbury-Strafan- stalten wird gnädig von einer Gruppe dunkler Fichten verborgen. Die roten Wände haben mit der Zeit ihre grelle Farbe verloren, und wenn nicht der hohe Turm in der Mitte emporragte, würde ein Wanderer daran vorübergehen, ohne das Gebäude zu bemerken.
Aus aller Welt.
EtzttUlv v?t Vemafli femui Btr eiü q r
Der Kaufmann Hermann Weber, der in eine Anzahl Prozesse verwickelt ist, die englische Ver sicherungsgejellschafien wegen Rückzahlung Der ihm ausgezahlten 3 Mill. Mark angestrengt haben, hat jetzt gegen einen bekannten Berliner Rechtsanwalt Strafanzeige wegen angeblicher Beamtenbestechung und gegen einen Rcgic- rungsrat beim Landesfinanzamt Berlin Anzeige wegen passiver Bestechung erstattet. Weber hat gegen einen feiner früheren Verteidiger, oer gegen ihn ein Honorar in Höhe von 75000 ein- klagt, bei der Staatsanwaltschaft 2 Strafanzeige erstattet, in der er behauptet, der betreffende Regierungsrat, der Dezernent im Lanoesfinanz- amt war, habe dem Anwalt nichtöffentliches Material, geheime Anweisungen des Reichsfi- nanzministers usw. übergeben, um die Ansprüche, die der Rechtsanwalt für Weber gegen den Fiskus vertrat, wirksam zu machen.
Ins Deutsche übertragen von Ravi Ravendro tCovvrtgtzt bei Wilhelm Golümanu Verlag Leipzig.«
Er schaute rasch auf und wollte etwas erwidern, aber sie fuhr unbeirrt fort:
-Ich wünsche Ihre Bekanntschaft wirklich nicht, und ich zweifle nicht, daß Lizzy Ihnen das von mir ausrichtete. Deshalb halte ich Ihr Benehmen auch für ein wenig — wie soll ich es gleich nennen?*
.Ausdringlich,* heißt das Wort, das Sie suchen,* sagte er kühl. .Ich will zugeben, daß es saft so aussieht.*
Er stieg langsam aus, ging zur Seite ihres Wagens und stützte die Ärme auf die Oberkante des Schlages.
.Bitte, glauben Sie mir, Miß Reddle, daß mir nichts ferner liegt, als Sie zu belästigen Wenn ich nicht so ungeschickt gewesen wäre» Würden Sie niemals erfahren haben, daß ich Sie —* Es fehlte ihm wieder das richtige Wort. Sie vollendete feinen Satz. Trotzdem er so ernst war. mußte er lachen.
1. Beilage -
Sonntag, 2. Dezember 1928.
Nr. 285
Achtzehnter Jahrgang.
* Warnung vor einer holländischen Animier - bank. Der Zentralverband des Deu^chcn Bank- unb Bankiergewerbes wiederholt feine schon Anfang August ausgesprochene Warnung vor der Animiertätigkeit oer .Bank vor den Handel in Effekten*, Amsterdam. Dieses Institut hat in allerletzlerZeit erneut das deutsche Publikum mit Zirkularen überschwemmt, worin für spekulative Transaktionen an der Amsterdamer Börse Stimmung gemacht wird. Im Geschäftsverkehr mit dieser Firma sei aber Vorsicht anzuempfehlen.
* 13 Stunden alt und schon Schauspieler. Eine in Allendorf an der Lahn (Kreis Wetzlar) gastierende Wandertheatergruppe war von einem freudigen Ereignis beglückt worden. Ein junger Musensohn erblickte morgens das Licht der Welt. Abends spielte man die Geschichte von der heiligen Genoveva, die mit ihrem Sohne Schmerzensreich bitteres Geschick über sich ergehen lassen mußte. Für die Genoveva hatte man eine Darstellerin. Auch für den Schmerzensreich fand der findige Direktor, der den besten Strieselschen Traditionen gerecht wird, einen Ausweg. Er ließ den 13 Stunden alten Ehrenbürger in dieser Rolle agieren, der sich nicht schlecht benommen haben soll.
Pariser Kindern während der Ferienzeit eingeleitet habe. Er habe deshalb die Kinder auch prüfen wollen, ob ste noch unveroorben feien.
Für die Verhandlung gibt sich außerordentliches Interesse kund, obwohl ste geheim durch- gesührt wird. Nach den Bestimmungen der österreichischen Strafpozeßodnung haben nur drei Vertrauenseule des Angeklagten Zutritt, und zwei Vertreter der Wiener Tagespresse. Gleich zu Beginn der Verhandlung beantragte der Veteidiger des Architekten Loos, Dr. Rosenfeld, die Oeffentlichkeit nur für einen Teil der Verhandlung auszuschlietzen. Dieser Antrag aber wurde abgelehnt. In geheimer Verbanolung wurde dann die Anklageschrift verlesen.
aus Schottlanv vermutet, daß der Adressat gefallen sei und bittet das junge Mädchen um Angabe seiner Angehörigen. Da das Mädchen in» pvischen verzogen ist, hat die Polizei die Angelegenheit in die Hand genommen.
* Eigenartiger Flugzeugunfall. Aus Lissabon wird gemeldet, daß aus dem Flugplatz ill- verga ein Verkehrsflugzeug abgestürzt ist, oessen beiden Fliegeroffiziere habet den Tod fanden. Der Absturz erfolgte, weil das Flugzeug mit dem Seil eines Fesselballons in Berührung gekommen war. Das Seil touroe durchschnitten und der Ballon, an dessen Bord sich keine Personen befanden, ist entflogen.
weit dey Vorrat reicht kostenfrei nach.
Raum und den Torweg, der von dem Jnnenhof und dem übrigen Gefängnis durch starke, eiserne Gitter getrennt war
»Ist es Ihnen nicht zu unangenehm, hier- herzukommen, mein Fräulein?* fragte er lächelnd. —
»Gefängnisse machen mich immer elend und krank,* sagte sie.
Er nickte.
.Hier drinnen leben sechshundert Frauen, die noch viel matter und kränker sind, als Sie jemals in Ihrem Leben hoffentlich werden,* erwiderte er zuvorkommend. »Richt daß ich eine von ihnen zu sehen bekomme — ich öffne ihnen nur das Tor zum Gefängnis, und dann sehe ich sie, solange sie hier sind, nicht wieder, nicht einmal, wenn ste entlassen werden.*
Eine Tür wurde aufgeschlossen, und eine junge Wärterin in gutsitzender blauer Uniform trat ein. Sie grüßte Lots mit einem freundlichen Kopfnicken und führte ste durch eine kleine Stahltür über einen großen Hof, der einsam und verlassen dalag. Dann traten sie wieder durch eine andere Tür und gingen einen langen Gang entlang bis zu dem kleinen Büro des Gefängnisdirektors.
»Guten Morgen Herr Doktor. Ich möchte gern mit Mrs. Desmond sprechen.* Sie entfaltete ihre Dokumente und legte ste vor dem grauhaarigen Mann auf den Tisch.
»Sie wird jetzt in ihrer Zelle fein,* sagte er. »Kommen Sie mit mir. Miß Reddle, ich werde Sie persönlich Einbringen.*
Am Ende des Ganges befand sich eine andere Tür, die in eine große Halle führte. Auf beiden Seiten lief ein eiserner Verbindungsgang, den man durch breite Treppen in der Mitte erreichen konnte. Lois schaute in die Höhe, sah die Drahtnetze über ihrem Kopf und schauderte. Sie wußte, daß sic angebracht waren, um zu verhindern, daß diese unglücklichen Frauen sich von oben herabstürzten und ihrem Leben so ein Ende machten.
-Wir sind da,* sagte der Direktor utkd öffnete die Zellentür mit einem Schlüssel. ।
Fünf Minuten mußte sie mit der eigensinnigen, verbitterten Frau verhandeln, die sich mit
Bist Du Anastasia? [ Die abenteuerlichen Schicksale eines Land- mädcheus.
dlus der lieber der ruMchcu Aerztiu Harriet Rathless-Seilmaau iit vor einigen Wochen etne Urknndensammlnng erschienen. „Anafta. I*n - die den Nachweis erbringen will, dah die Unbekannte, die sich am 2D. Februar 1920 von der Vendlerbrücke in Berlin m den Landwebr- kanal Kürzte, gerettet wnrde, nnd später unter de« Damen Kran Tschaikowski in der Qefkent- lrchkett viel nmstritten wnrde, tatsächlich die Grohsürttin Anastasta, die jüngste Tochter des Zaren Nikolaus II. vou Ruhla>rd ist.
In einem pommerschen Dorfe wird ste geboren, der Vater ein polnischer Einwanderer mit vielen Kindern. Man ist froh, wenn eines so weil ist, daß es sich selbst ernähren kann, fortgeht in die große Stadt und dort untertaucht. Schicksal der Namenlosen: Die Stadt nimmt sie auf, diese Kinder Niemand, läßt sie leben oder untergehen, oder spült sie plötzlich empor. — Die Schanzkowski arbeit»! vor dem Kriege in der A. E. G. Bei einer Explosion erleidet sie einen Unfall, der ohne Zweifel eine geistige Störung zur Folge gehabt haben muß, denn man schickt die Verunglückte in eine Landesirrenanstalt. Befund: die Schanzkowski leidet an Erinnerungsschwäche. Sicherlich kein schwerer Fall — also wird sie bald wieder entlassen und wendet sich abermals nach Berlin. Einige Tage in einem Chambre garnie verbracht, findet sie Stellung in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Mariendorf hei Berlin. Der Winter macht sie brotlos. Bei einer Familie W. findet sie Unterkunft. Kleinbürger — und sie wundern sich über das seltsam« Wesen ihrer Mieterin, die stundenlang am Fenster sttzt und auf die Straße hinausgeträumi und von einem Manne spricht, den ste kennen gelernt habe und der etwas Besonderes in ihr sähe — .Gefasel* sagen die Kleinbürger und lachen im Stillen über diesen seltsamen Gast. Eines Tages ist die Schanzkowfli verschwände.-. Man wartet — Tage — man meldet sie ab. Wohin? Unbekannt. —
Geistiger Diebstahl?
Ein amerikanischer Plagiatsprozeß.
Ein Fall, der in literarischen Kreisen Amerikas großes Aufsehen erregt und gerichtlich zum Aus- trag gebracht werden dürfte, ist durch zwei Bücher über Rußland hervorgerufen worden, die vor kurzem erschienen sind. Das erste Buch stammt von der Gattin des großen amerikanischen Dichters Sinclair Lewis, die früher als Dorothy Thompson Berliner Berichterstatterin der Ncwyorker »Evening Post* war. Sie ver-. brachte in diesem Jahre einen Monat in Rußland, schrieb eine Artikelreihe für ihr Blatt und ' ließ dann diese Aufsätze im September als Buch erscheinen. .
Sie beschuldigt nun Theodore Dreiser, einen der größten heute lebenden ametikanischen Dichter, der auch bei uns durch feine großen Romane. immer mehr bekannt wird, sie-bestohlen zu haben. Sie hat Spalten über Spalten zusammengestellt, in denen der Text ihrer Aufsätze neben dem aus Dreisers Rufsenbuch steht, und damit einen eigentlich unwiderleglichen Beweis für hie merkwürdige Uebereinstimmung gebracht, mit der hier von vier Augen das sonst so verschieden beurteilte Sowjetreich gesehen wixd. Dreiser bereiste auf Einladung der russischen Regierung das Land zur selben Zeit wie Mrs. Lewis, schrieb Zeitungsaufsätze und ließ sie dann in einem Buch -Wie Dreiser Rußland sieht* erscheinen. An die 20 000 Worte finden sich in den beiden Büchern gleichlautend, sodaß also der eine Verfasser wohl bei dem andern eine Anleihe gemacht haben muß.
Frau Lewis hat Dreifer in aller Form des literarischen Diebstahls beschuldigt. Dieser erklärte daraufhin, er habe Frau Lewis einen Teil des Materials gegeben, das er nicht verwenden konnte. Diese erwiderte darauf, daß sie nichts von Dreiser erhalten habe. Nunmehr sagte der Dichter, daß jeder Schriftsteller, der Rußland besucht, eine große Menge amtlicher Schriften erhalte als Unterlage für feine Angaben, und daß sich daraus wohl die Gleichartigkeit erkläre. Aber Frau Lewis meint, daß diese Gleichförmigkeit sich doch dann nicht auf Einzelheiten wie auf die Schilderung von Kirchen, Straßenszenen und fo- gar vom russischen Schmutz erstrecken könne. Auf den Einwand Dreisers, daß er . drei Monate in Rußland gewesen fei und Fran Lewis nur einen, meint diese, sie wäre lange genug dagewesen, um mehr Stoff zu fammeln, als sie verwenden konnte. Sie hat die Angelegenheit nunmehr ihrem Rechtsanwalt übergeben, der eine Klage gegen Dreiser eingereicht hat.
<8-n Sze m- i* cy fl igverkrhr»
In Travemünde finden gegenwärtig die letzten Probeflüge des Rohrbach-Flugboots »Ro- ftra* statt, eines Frachtflugbootes, mit dem ein Ozeanflug über Vigo-Azoren nach Rewyork gemacht werden soll. Führer des Bootes toiro wahr,cheinlich her bekannte Pilot und Fluglehrer Steindorff fein. Als einziger Passagier ist eine Amerikanerin, Mrs. Mildred Johnfon, in Aussicht genommen; biefc Dame hat sich auch verpflichtet, hie nötige Menge Fracht für den Arlantikflug zusammenzubringen Zweck des ganz verkehrsmaßig aufgezogenen Fluges ist es. den Nachweis zu erbringen, daß die Flugzeug- leise über das große Wasser durch Mitna me von Fracht rentabel gemacht werden kann. Der Amerikaflng soll, wenn irgeno möglich, bis zum 12. Dezember durchgeführt sein. Das Flugboot „Rostra* weist im allgemeinen die bekannte Bauweise der Rohrbach-Flugboote auf. Es ist mit zwei Jupiter-Motoren zu ien 450/520 PS. ausgerüstet und soll einen Aktionsradius von 3600 Kilometer haben.
weinerlicher Stimme über alles beschwene und allen Vorwürfe machte, nur sich selbst nicht. Schließlich trat Lois mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung wieder zu dem Direktor heraus. —
»Gott fei Dank — ich werde nie wieder hier- Herkommen!* sagte sie, als er die Zelle verschloß.
»Wollen Sie kein Anwalt mehr sein?* fragte er sie scherzend. »Ich habe schon immer gesagt, daß das kein passender Beruf für eine junge < Dame ist.*
»Sie überschätzen mich und meine Stellung, bin nur eine einfache Stenotypistin und ! weiß von dem Gesetz kaum mehr, als daß Siem-, Delmarten auf gewisse Urkunden gehören und an bestimmten Stellen aufgeklebt werden müssen!*
Sie kehrten nicht denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, sondern gingen durch die große Halle in den Hof. Die Organisation der Anstalt war so vorzüglich, daß sich in der kurzen. Zeit, die sie in der Zelle verbrachte, der ganze x>of mit grauen Gefangenen gefüllt hatte, die in Kreisen umhergingen.
»Um diese Zeit machen sich die Gefangenen immer Bewegung,* erklärte der Direktor. »Ich dachte, Sie würden es vielleicht gern einmal sehen.*
Lois war von Mitleid erfüllt, und ihr Herz lehnte sich gegen das Gesetz auf, das diese Frauen zu namenlosen Zahlen erniedrigte. Die einfachen Kattunfleider und die weißen Hauben erschienen thr häßlich, und dieser Anblick stimmte ne traurig Summer und namenlose Furcht packten ste. Jedes Alter war hier vertreten, sie sah junge Mädchen nnd alte, verstockte Frauen. Auf jedem Gesicht las Lois den unleugbaren Stempel des Ungewöhnlichen. Als sich dieser Kreis langsam an ihr vorüberbewegte, sah sie wilde und schlaue, aber auch ermattete und in ihrem Kummer ergreifende Gesichter. Trübe Augen starrten gedankenlos vor sich hin, dunkle Augen bsiyten auf, sorglose Blicke streiften Lois oberflächlich. Die sich vorwärtsschiebenden Frauen erschienen ihr unheimlich und unwirklich. (Fortsetzung folgt.)
Lois hatte das Gefängnis fchon zweimal besucht, um Aufträge ihres Chefs dott zu erlebt« gen. Einer feiner Klienten hatte eine Fran we- gen Betruges angezeigt, und sie war zu fünf Jahren verurteilt worden. Es war nun notwen- ditg, ihre Unterfchrist unter gewisse Dokumente zu erhalten um die Aktien, die betrügettfcher- weise verschoben worden waren, ihrem rechtmäßigen Eigentümer wieder zustellen zu können.
Sie ließ ihren Wagen an der Seite des hohen Sttaßentores halten, stieg aus und llingel- fe. Gleich darauf wurde ein Gitter von einem