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Kasseler Neueste Nachrichten

Die seltsame Gräfin

3)

Von Edgar rvallaee.

Zur da-

Verhandlnng sind acht Zeugen erschienen, unter die drei Binder.

Für den Monat Dezember hinzutretenden Lesern liefern wir den Anfang des außer­ordentlich fesselndenRomans

Wochen später stürzt sich ein junges Mädchen an der Bendler-Brücke in den Landwehrkanal. Wird gerettet, befragt und schweigt. Eine kurze Notiz erscheint in den Zeitungen: man lieferte die Unglückliche, die anscheinend' das Gedächtnis verloren hatte, in die Irren­anstalt Buch ein*. Franziska Schanzkowski wird in der Frauenabteilung untergebrächt. Eine Frau P., leichtkrank wie die Schanzkowski, ist dazu ausersehen, in dieser Tragikomödie die ersten Worte zu sprechen. In derBerliner Jllustriencu* sab sie Bilder der verbannten Zarensamilie. Ihre Phantast« beginnt zu ar­beiten: Welche Aehnlichkeit zwischen der Groß­fürstin Tatjana und jener schweigend dahin­dämmernden Unbekannten, die ihren Namen nicht weiß. Das Bild macht die Runde und eines Tages wagt die P. die schicksalsschwere Frage:Bist Du die Großfürstin Tatjana?* Ein Hebel im Hirn der Schanzkowski beginnt zu arbeiten. War da nicht ein Mann, der etwas Besonderes in ihr sah? Traum oder Wirklich­keit, Wahn oder Wahrheit??Bist Du die Großfürstin?* Das haftet. Ein Gerücht bläht sich auf in der Frauenabteilung--Und als

die Frau P. kurz darauf entlasten wird, ist ihr erster Weg zur russischen Botschaft. Dort sind die Emigranten noch die Herren. Tatjana? Sehr unwahrscheinlich, aber politisch nicht ohne Jntereste. Ein ehemaliger russischer Rittmei­ster erscheint in Buch, ebenfalls die Wvrobo- wa, Hofdame und Vertraute der Zarin. Sieht die Namenlose und schüttelt den Kopf: ,Lat- jana war größer*.

Die russische Botschaft bleibt trotzdem inter­essiert, man verhandelt dort mit der Polizei und die Landarbeiterin Franziska Schanzkowski, die nur ein paar polnische Sätze sprechen kann und über alle indiskreten Fragen den Schleier des

Unter Aueftvlutz oer OeffenMcvkett

Vor dem Wiener Landesvericht begann, wie chon kurz mitgeteilt, der für zwei Tage anbe- raumien Prozeß gegen den bekannten Wiener Architekten Adolf Loos Die von der Staats­anwaltschaft erhobene Anklage lautet nur auf das Verbrechen der vollendeten uno versuchten Schändung dreier Schulmädchen. Da die Ver­handlung geheim durchgeführt wird, darf der Inhalt der Anklageschrift nicht bekannt gegeben werden. Gegenüber allen Anschuldigungen hat

* Merkwürdiges Schicksal einer Ansichtskarte. Vor zehn Jahren schickte ein junges Mädchen aus Pasewalk ihrem Herzallerliebsten, der im Westen stand, eine Ansichtskarte. Jetzt nach 10 Jahren ging für die Absenderin ein Brief aus Schottland ein, in dem ihr die Ansichtspostkarte zurückgesandt wird mit oer Mitteilung, daß ein schotttscher Sergeant eine Brieftalche mit Photo­graphien und Karten in Frankreich unter einer Brücke gefunden habe. In dieser Brieftasche habe sich auch die von einem Gewehrschuß ourch- löcherte Ansichtskarte befunden. Der Absender

Loos beim ersten Poizeiverhör schon jede straf­bare Handlung bestritten. Er verantwortet sich damit, daß er einen Austausch von Wiener und

.Verfolgen ist ein häßliches Wort, ich wollte es eben etwas liebenswürdiger ausdrücken,* sagte er.

Als ste ihn jetzt ansah, gefiel ihr der treue, fröhliche Blick seiner blauen Augen doch, und hätten sie sich in diesem Augenblick getrennt ohne noch mehr mit einander zu sprechen, so hätte sie freundlicher von ihm gedacht Aber er setzte die Unterhaltung fort

Wo wollen Sie an diesem schönen Herbst­morgen hin?*

Sie wurde wieder ablehnend und zurückhal­tend.

.Wollen Sie bitte mein Motor ankurbeln?* sagte sie kühl.

Er tat es und trat dann beiseite. Sie konnte ober der Versuchung nicht widerstehen, ihm noch etwas zu saaen.

.Wenn Sie mir jetzt folgen, werden Sie ei-

Fenster zurückgeschoben, und die wachsamen Äu­gen des Pförtners richteten sich auf sie. Obwohl er sie wiedererkannte, mußte sie ihm doch erst ihren Passierschein zeigen, bevor er aufschloß rrnd sie in einen mit Steinfliesen gepflasterten kaum führte. Die Einrichtung war sehr ein- ach, sie bestand aus einem Pult mit einem Schreibseffel. einem einfachen Tisch und zwei Stühlen.

Der Wärter laS den Passierschein noch ein­mal durch und drückte dann auf eine Klingel. Er, die beiden Leute, die ihn ablösten, und der Direktor der Anstalt, waren die einziaen Män­ner, die in diese Mauern kamen. Sein Tätig­keitsfeld beschränkte sich auf den einen kleinen

Geheimnisses zu breiten weiß, zieht in die Wohnung eines Barons von K., wird dort Zeugin einer politischen Konspiration und flieht. Ein Armband der Baronin flieht mit. Bei Frau P. findet sie Aufnahme, ste erscheint auch auf zwei Tage wieder bei der Familie W., wird aber von den Emigranten verfolgt, auf- gespürt undHoheit* werden in das Haus des Barons v. K. zurückgebracht. Jetzt kommt Tempo in die Angelegenheit. Der Berliner Gesandte einer fremden Macht nimmt sich des Falles an, umsoytehr, als das Fragezeichen hin­ter dem Namen Anastasta bereits verschwunden ist. Er hält es für seine Pflicht, für das un- glückliche Kind der Romanows zu sorgen, in­teressiert eine Dame für diesesgrausame* Schicksal einer Fürstentochter und in einem vernehmen Berliner Sanatorium, wo die Großfürstin Anastasia* untergebracht ist, ent­steht der Fall Anastasta.

Deutschland hat eine Sensation! Derwei­len erscheint in der Redaktion einer Berliner Zeitung, ein junges Mädchen, Fräulein W. Sie habe das Bild der angeblichen Großfürstin Anastasia in der Zeitung gesehen. Die Darge­stellte sei eine Landarbeiterin und heiße Fran­ziska Schanzkowski. Als Beweis legt sie Klei­der und Wäsche vor, die der Tochter der Baro­nin v. K. gehörten. Somit ist also der Schütz­ling des Gesandten mit der Untermieterin der Familie W. identisch. Die Zeitung setzt einen Detektiv auf die Spur. Die Großfürstin ist in­zwischen in Schloß Seeon beim Herzog v. L. gelandet und wird dott unter Verschluß gehal­ten. Trotzdem gelingt eine Gegenüberstellung zwischen der Zeugin und derKaiserlichen Ho­heit*, die nach bestimmter Aussage des Fräulein W. Franziska Schanzkowfli heißt. Prozesse entstehen. Inzwischen entführt manAnasta­sia* nach Amerika. Dort findet sie Aufnahme im Hause des Millionärs Leeds, dessen Gattin die ehemalige russische Großfürstin Xenia ist. Aber auch hier ist ihres Bleibens nicht, ruhelos wandert dieses Mädchen aus dem kleinen pom- merschen Dorfe von einer Hand in die andere. Durch Paläste und Kaschemmen geistert dieses armselige Geschöpf, schattengleich bewegt durch das ewige Gerücht: Bist du Anastasta?

nen Schrecken bekommen. Ich bin nämlich auf dem Wege zum Telsbury-Gefängnis.

Der Eindruck, den diese SBorte auf ihn mach­ten, war verblüffend. Er schaute sie entsetzt und verwirrt an.

.Wohin wollen Sie fahren?* fragte er hei­ser, als ob er seinen Ohren nicht traute.

»Zum Telsburv-GefängniS bitte!*

Sie winkte ihm, Platz zu machen, und der Wagen mit der zerbrochenen Windscheibe fuhr geräuschvoll die breite Chaussee entlang.

3.

Der düstere Eingang der Telsbury-Strafan- stalten wird gnädig von einer Gruppe dunkler Fichten verborgen. Die roten Wände haben mit der Zeit ihre grelle Farbe verloren, und wenn nicht der hohe Turm in der Mitte emporragte, würde ein Wanderer daran vorübergehen, ohne das Gebäude zu bemerken.

Aus aller Welt.

EtzttUlv v?t Vemafli femui Btr eiü q r

Der Kaufmann Hermann Weber, der in eine Anzahl Prozesse verwickelt ist, die englische Ver sicherungsgejellschafien wegen Rückzahlung Der ihm ausgezahlten 3 Mill. Mark angestrengt ha­ben, hat jetzt gegen einen bekannten Berliner Rechtsanwalt Strafanzeige wegen angeblicher Beamtenbestechung und gegen einen Rcgic- rungsrat beim Landesfinanzamt Berlin Anzeige wegen passiver Bestechung erstattet. Weber hat gegen einen feiner früheren Verteidiger, oer ge­gen ihn ein Honorar in Höhe von 75000 ein- klagt, bei der Staatsanwaltschaft 2 Strafanzeige erstattet, in der er behauptet, der betreffende Regierungsrat, der Dezernent im Lanoesfinanz- amt war, habe dem Anwalt nichtöffentliches Material, geheime Anweisungen des Reichsfi- nanzministers usw. übergeben, um die Ansprü­che, die der Rechtsanwalt für Weber gegen den Fiskus vertrat, wirksam zu machen.

Ins Deutsche übertragen von Ravi Ravendro tCovvrtgtzt bei Wilhelm Golümanu Verlag Leipzig.«

Er schaute rasch auf und wollte etwas er­widern, aber sie fuhr unbeirrt fort:

-Ich wünsche Ihre Bekanntschaft wirklich nicht, und ich zweifle nicht, daß Lizzy Ihnen das von mir ausrichtete. Deshalb halte ich Ihr Be­nehmen auch für ein wenig wie soll ich es gleich nennen?*

.Ausdringlich,* heißt das Wort, das Sie su­chen,* sagte er kühl. .Ich will zugeben, daß es saft so aussieht.*

Er stieg langsam aus, ging zur Seite ihres Wagens und stützte die Ärme auf die Oberkante des Schlages.

.Bitte, glauben Sie mir, Miß Reddle, daß mir nichts ferner liegt, als Sie zu belästigen Wenn ich nicht so ungeschickt gewesen wäre» Wür­den Sie niemals erfahren haben, daß ich Sie* Es fehlte ihm wieder das richtige Wort. Sie vollendete feinen Satz. Trotzdem er so ernst war. mußte er lachen.

1. Beilage -

Sonntag, 2. Dezember 1928.

Nr. 285

Achtzehnter Jahrgang.

* Warnung vor einer holländischen Animier - bank. Der Zentralverband des Deu^chcn Bank- unb Bankiergewerbes wiederholt feine schon Anfang August ausgesprochene Warnung vor der Animiertätigkeit oer .Bank vor den Handel in Effekten*, Amsterdam. Dieses Institut hat in allerletzlerZeit erneut das deutsche Publikum mit Zirkularen überschwemmt, worin für speku­lative Transaktionen an der Amsterdamer Bör­se Stimmung gemacht wird. Im Geschäftsver­kehr mit dieser Firma sei aber Vorsicht anzuem­pfehlen.

* 13 Stunden alt und schon Schauspieler. Eine in Allendorf an der Lahn (Kreis Wetzlar) ga­stierende Wandertheatergruppe war von einem freudigen Ereignis beglückt worden. Ein junger Musensohn erblickte morgens das Licht der Welt. Abends spielte man die Geschichte von der heili­gen Genoveva, die mit ihrem Sohne Schmer­zensreich bitteres Geschick über sich ergehen las­sen mußte. Für die Genoveva hatte man eine Darstellerin. Auch für den Schmerzensreich fand der findige Direktor, der den besten Strieselschen Traditionen gerecht wird, einen Ausweg. Er ließ den 13 Stunden alten Ehrenbürger in dieser Rolle agieren, der sich nicht schlecht benommen haben soll.

Pariser Kindern während der Ferienzeit einge­leitet habe. Er habe deshalb die Kinder auch prüfen wollen, ob ste noch unveroorben feien.

Für die Verhandlung gibt sich außerordent­liches Interesse kund, obwohl ste geheim durch- gesührt wird. Nach den Bestimmungen der öster­reichischen Strafpozeßodnung haben nur drei Vertrauenseule des Angeklagten Zutritt, und zwei Vertreter der Wiener Tagespresse. Gleich zu Beginn der Verhandlung beantragte der Veteidiger des Architekten Loos, Dr. Rosenfeld, die Oeffentlichkeit nur für einen Teil der Ver­handlung auszuschlietzen. Dieser Antrag aber wurde abgelehnt. In geheimer Verbanolung wurde dann die Anklageschrift verlesen.

aus Schottlanv vermutet, daß der Adressat ge­fallen sei und bittet das junge Mädchen um An­gabe seiner Angehörigen. Da das Mädchen in» pvischen verzogen ist, hat die Polizei die Ange­legenheit in die Hand genommen.

* Eigenartiger Flugzeugunfall. Aus Lissa­bon wird gemeldet, daß aus dem Flugplatz ill- verga ein Verkehrsflugzeug abgestürzt ist, oessen beiden Fliegeroffiziere habet den Tod fanden. Der Absturz erfolgte, weil das Flugzeug mit dem Seil eines Fesselballons in Berührung ge­kommen war. Das Seil touroe durchschnitten und der Ballon, an dessen Bord sich keine Perso­nen befanden, ist entflogen.

weit dey Vorrat reicht kostenfrei nach.

Raum und den Torweg, der von dem Jnnenhof und dem übrigen Gefängnis durch starke, eiserne Gitter getrennt war

»Ist es Ihnen nicht zu unangenehm, hier- herzukommen, mein Fräulein?* fragte er lä­chelnd.

»Gefängnisse machen mich immer elend und krank,* sagte sie.

Er nickte.

.Hier drinnen leben sechshundert Frauen, die noch viel matter und kränker sind, als Sie jemals in Ihrem Leben hoffentlich werden,* er­widerte er zuvorkommend. »Richt daß ich eine von ihnen zu sehen bekomme ich öffne ihnen nur das Tor zum Gefängnis, und dann sehe ich sie, solange sie hier sind, nicht wieder, nicht ein­mal, wenn ste entlassen werden.*

Eine Tür wurde aufgeschlossen, und eine junge Wärterin in gutsitzender blauer Uniform trat ein. Sie grüßte Lots mit einem freundli­chen Kopfnicken und führte ste durch eine kleine Stahltür über einen großen Hof, der einsam und verlassen dalag. Dann traten sie wieder durch eine andere Tür und gingen einen lan­gen Gang entlang bis zu dem kleinen Büro des Gefängnisdirektors.

»Guten Morgen Herr Doktor. Ich möchte gern mit Mrs. Desmond sprechen.* Sie entfal­tete ihre Dokumente und legte ste vor dem grau­haarigen Mann auf den Tisch.

»Sie wird jetzt in ihrer Zelle fein,* sagte er. »Kommen Sie mit mir. Miß Reddle, ich werde Sie persönlich Einbringen.*

Am Ende des Ganges befand sich eine andere Tür, die in eine große Halle führte. Auf beiden Seiten lief ein eiserner Verbindungsgang, den man durch breite Treppen in der Mitte erreichen konnte. Lois schaute in die Höhe, sah die Draht­netze über ihrem Kopf und schauderte. Sie wußte, daß sic angebracht waren, um zu verhin­dern, daß diese unglücklichen Frauen sich von oben herabstürzten und ihrem Leben so ein Ende machten.

-Wir sind da,* sagte der Direktor utkd öffnete die Zellentür mit einem Schlüssel.

Fünf Minuten mußte sie mit der eigensinni­gen, verbitterten Frau verhandeln, die sich mit

Bist Du Anastasia? [ Die abenteuerlichen Schicksale eines Land- mädcheus.

dlus der lieber der ruMchcu Aerztiu Harriet Rathless-Seilmaau iit vor einigen Wochen etne Urknndensammlnng erschienen.Anafta. I*n - die den Nachweis erbringen will, dah die Unbekannte, die sich am 2D. Februar 1920 von der Vendlerbrücke in Berlin m den Landwebr- kanal Kürzte, gerettet wnrde, nnd später unter de« Damen Kran Tschaikowski in der Qefkent- lrchkett viel nmstritten wnrde, tatsächlich die Grohsürttin Anastasta, die jüngste Tochter des Zaren Nikolaus II. vou Ruhla>rd ist.

In einem pommerschen Dorfe wird ste ge­boren, der Vater ein polnischer Einwanderer mit vielen Kindern. Man ist froh, wenn eines so weil ist, daß es sich selbst ernähren kann, fortgeht in die große Stadt und dort unter­taucht. Schicksal der Namenlosen: Die Stadt nimmt sie auf, diese Kinder Niemand, läßt sie leben oder untergehen, oder spült sie plötzlich empor. Die Schanzkowski arbeit»! vor dem Kriege in der A. E. G. Bei einer Explosion erleidet sie einen Unfall, der ohne Zweifel eine geistige Störung zur Folge gehabt haben muß, denn man schickt die Verunglückte in eine Lan­desirrenanstalt. Befund: die Schanzkowski lei­det an Erinnerungsschwäche. Sicherlich kein schwerer Fall also wird sie bald wieder ent­lassen und wendet sich abermals nach Berlin. Einige Tage in einem Chambre garnie ver­bracht, findet sie Stellung in einem landwirt­schaftlichen Betrieb in Mariendorf hei Berlin. Der Winter macht sie brotlos. Bei einer Fa­milie W. findet sie Unterkunft. Kleinbürger und sie wundern sich über das seltsam« Wesen ihrer Mieterin, die stundenlang am Fenster sttzt und auf die Straße hinausgeträumi und von einem Manne spricht, den ste kennen gelernt habe und der etwas Besonderes in ihr sähe .Gefasel* sagen die Kleinbürger und lachen im Stillen über diesen seltsamen Gast. Eines Ta­ges ist die Schanzkowfli verschwände.-. Man wartet Tage man meldet sie ab. Wohin? Unbekannt.

Geistiger Diebstahl?

Ein amerikanischer Plagiatsprozeß.

Ein Fall, der in literarischen Kreisen Amerikas großes Aufsehen erregt und gerichtlich zum Aus- trag gebracht werden dürfte, ist durch zwei Bü­cher über Rußland hervorgerufen worden, die vor kurzem erschienen sind. Das erste Buch stammt von der Gattin des großen amerikani­schen Dichters Sinclair Lewis, die früher als Dorothy Thompson Berliner Berichterstatterin der Ncwyorker »Evening Post* war. Sie ver-. brachte in diesem Jahre einen Monat in Ruß­land, schrieb eine Artikelreihe für ihr Blatt und ' ließ dann diese Aufsätze im September als Buch erscheinen. .

Sie beschuldigt nun Theodore Dreiser, einen der größten heute lebenden ametikanischen Dich­ter, der auch bei uns durch feine großen Romane. immer mehr bekannt wird, sie-bestohlen zu ha­ben. Sie hat Spalten über Spalten zusammen­gestellt, in denen der Text ihrer Aufsätze neben dem aus Dreisers Rufsenbuch steht, und damit einen eigentlich unwiderleglichen Beweis für hie merkwürdige Uebereinstimmung gebracht, mit der hier von vier Augen das sonst so verschieden be­urteilte Sowjetreich gesehen wixd. Dreiser be­reiste auf Einladung der russischen Regierung das Land zur selben Zeit wie Mrs. Lewis, schrieb Zeitungsaufsätze und ließ sie dann in einem Buch -Wie Dreiser Rußland sieht* erscheinen. An die 20 000 Worte finden sich in den beiden Büchern gleichlautend, sodaß also der eine Verfasser wohl bei dem andern eine Anleihe gemacht haben muß.

Frau Lewis hat Dreifer in aller Form des literarischen Diebstahls beschuldigt. Dieser er­klärte daraufhin, er habe Frau Lewis einen Teil des Materials gegeben, das er nicht verwenden konnte. Diese erwiderte darauf, daß sie nichts von Dreiser erhalten habe. Nunmehr sagte der Dichter, daß jeder Schriftsteller, der Rußland be­sucht, eine große Menge amtlicher Schriften er­halte als Unterlage für feine Angaben, und daß sich daraus wohl die Gleichartigkeit erkläre. Aber Frau Lewis meint, daß diese Gleichförmigkeit sich doch dann nicht auf Einzelheiten wie auf die Schilderung von Kirchen, Straßenszenen und fo- gar vom russischen Schmutz erstrecken könne. Auf den Einwand Dreisers, daß er . drei Monate in Rußland gewesen fei und Fran Lewis nur einen, meint diese, sie wäre lange genug dagewesen, um mehr Stoff zu fammeln, als sie verwenden konnte. Sie hat die Angelegenheit nunmehr ihrem Rechtsanwalt übergeben, der eine Klage gegen Dreiser eingereicht hat.

<8-n Sze m- i* cy fl igverkrhr»

In Travemünde finden gegenwärtig die letz­ten Probeflüge des Rohrbach-Flugboots »Ro- ftra* statt, eines Frachtflugbootes, mit dem ein Ozeanflug über Vigo-Azoren nach Rewyork ge­macht werden soll. Führer des Bootes toiro wahr,cheinlich her bekannte Pilot und Flugleh­rer Steindorff fein. Als einziger Passagier ist eine Amerikanerin, Mrs. Mildred Johnfon, in Aussicht genommen; biefc Dame hat sich auch verpflichtet, hie nötige Menge Fracht für den Arlantikflug zusammenzubringen Zweck des ganz verkehrsmaßig aufgezogenen Fluges ist es. den Nachweis zu erbringen, daß die Flugzeug- leise über das große Wasser durch Mitna me von Fracht rentabel gemacht werden kann. Der Amerikaflng soll, wenn irgeno möglich, bis zum 12. Dezember durchgeführt sein. Das Flugboot Rostra* weist im allgemeinen die bekannte Bauweise der Rohrbach-Flugboote auf. Es ist mit zwei Jupiter-Motoren zu ien 450/520 PS. ausgerüstet und soll einen Aktionsradius von 3600 Kilometer haben.

weinerlicher Stimme über alles beschwene und allen Vorwürfe machte, nur sich selbst nicht. Schließlich trat Lois mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung wieder zu dem Direktor her­aus.

»Gott fei Dank ich werde nie wieder hier- Herkommen!* sagte sie, als er die Zelle ver­schloß.

»Wollen Sie kein Anwalt mehr sein?* fragte er sie scherzend. »Ich habe schon immer gesagt, daß das kein passender Beruf für eine junge < Dame ist.*

»Sie überschätzen mich und meine Stellung, bin nur eine einfache Stenotypistin und ! weiß von dem Gesetz kaum mehr, als daß Siem-, Delmarten auf gewisse Urkunden gehören und an bestimmten Stellen aufgeklebt werden müssen!*

Sie kehrten nicht denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, sondern gingen durch die große Halle in den Hof. Die Organisation der Anstalt war so vorzüglich, daß sich in der kurzen. Zeit, die sie in der Zelle verbrachte, der ganze x>of mit grauen Gefangenen gefüllt hatte, die in Kreisen umhergingen.

»Um diese Zeit machen sich die Gefangenen immer Bewegung,* erklärte der Direktor. »Ich dachte, Sie würden es vielleicht gern einmal sehen.*

Lois war von Mitleid erfüllt, und ihr Herz lehnte sich gegen das Gesetz auf, das diese Frauen zu namenlosen Zahlen erniedrigte. Die einfa­chen Kattunfleider und die weißen Hauben er­schienen thr häßlich, und dieser Anblick stimmte ne traurig Summer und namenlose Furcht packten ste. Jedes Alter war hier vertreten, sie sah junge Mädchen nnd alte, verstockte Frauen. Auf jedem Gesicht las Lois den unleugbaren Stempel des Ungewöhnlichen. Als sich dieser Kreis langsam an ihr vorüberbewegte, sah sie wilde und schlaue, aber auch ermattete und in ihrem Kummer ergreifende Gesichter. Trübe Au­gen starrten gedankenlos vor sich hin, dunkle Augen bsiyten auf, sorglose Blicke streiften Lois oberflächlich. Die sich vorwärtsschiebenden Frauen erschienen ihr unheimlich und un­wirklich. (Fortsetzung folgt.)

Lois hatte das Gefängnis fchon zweimal be­sucht, um Aufträge ihres Chefs dott zu erlebt« gen. Einer feiner Klienten hatte eine Fran we- gen Betruges angezeigt, und sie war zu fünf Jahren verurteilt worden. Es war nun notwen- ditg, ihre Unterfchrist unter gewisse Dokumente zu erhalten um die Aktien, die betrügettfcher- weise verschoben worden waren, ihrem rechtmä­ßigen Eigentümer wieder zustellen zu können.

Sie ließ ihren Wagen an der Seite des ho­hen Sttaßentores halten, stieg aus und llingel- fe. Gleich darauf wurde ein Gitter von einem