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Nr. 282.

Achtzehnter Jahrgartq.

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Oomiertfafi» 29. November 1928.

Neuland im Norden

Der Zeppelin im künftigen Polarluftverkehr.

, Die ftlfige über de» SerboeL di« i» de« tes- **» p«O«n auogtfi' ri wurden, haben das »rotzte Au,leben erregt, gelte» aber doch im all- gemeineu «ehr als Ivortlich« Leiftnngeu. bet«» ®.>ff«B(d)aft(i(be und «irtlchaftliwe Bedeutung nicht lehr groß ikt. Bilbialmnr Stesausso», der Sentöle Reformator der Polarsorschuu-». ist en» erer Ansicht. In seine« soeben bei Brorthaus t» Leivtig erschienenen RuchNeulaub im Nor­den erörtert er bie Bebentnua bet Arktis für Siedlung, «etrebt nnb «irtfjeft der Ankunft »nb spricht dabei den Polflügeu eine befielen Bedeutung zu.

Nach Ansicht deS Forschers Stefanflon waren die bisherigen Polarslüge Erkundungsfahrten wie die eines Kolumbus und der anderen gro­ßen Entdecker aus dem Meere; sie werden andere Flüge nach sich ziehen und schließlich einen regel­mäßigen Luftverkehr zur Folge haben. Warum gerade der Weg über den Nordpol gewählt wer­den wird, erklärt sich aus der einfachen Tatsache, daß der gerade Weg der kürzeste ist, und wenn man auf einem Globus den geraden Weg von Berlin nach Chicago oder San Francisco over von Newvork nach Tokio sucht, so wird man fin­den, daß die kürzesten Linien über das Polargc- biet führen. So die Linie Berlin- SanFrancisco über Island, das mittlere Grönland und Bas- finsland. Ein solcher Flugweg würde eine rie­sige Raum- und Zeitersparnis bedeuten.

Die letzten Flugunternehmungen haben nach Stefanssons Ansicht bewiesen, daß die Gefahren für die Ueberfliegung des Nordpols nicht größer sind als beim Flug über den Ozean. Ja, man fliegt hier viel sicherer, denn Nobile und seine Gefährten konnten auf ihrer Eisscholle noch nach Wochen gerettet werden, während die vielen Ozeanflieger, die ihr Ziel nicht erreichten, sofort versanken. Der Bearbeiter des Stefansion'schen Werkes, Dr. Hermann Rüdiger, spricht sich ein­gehend über die Zukunft des transarktischen Luft­verkehrs aus und kommt zu dem Ergebnis, daß trotz des Absturzes derItalia" das Luftschu dem Flugzeug bei Polarflügen überlegen ist. Der .Zeppelin" stellt den Typ dar, der sich für die Arktis am besten eignet, und ihm dürfte da­her bei dem künftigen Polarflugverkehr die Hauptrolle zufallen. Flugboote sind für die Ark­tis weniger geeignet als Landflugzeuge, die mit Rädern oder Kufen versehen sind.

Die Navigationsmethoden, die von den Füh­rern aller Flugexpeditionen über den Nordpol angewendel wurden, haben sich im Durchschnitt als ebenso genau erwiesen wie die bet der Ueber­fliegung des Atlantischen OzeanS. Die Luftver­hältnisse, die in der Arktis von den Fliegern vor­gefunden wurden, entsprachen den von der Wis­senschaft erwarteten. Für den Flug tn der Ark­tis sind die beste Zett die Monate, die kaltes Wetter, klaren Himmel und wenig Wind haben, also November biS Anfang Mat, während die Uebergangszetten deS Frühlings und Herbstes Ende Mat bts Ende Junt und Ende August bts Oktober am ungünstigsten sind. Wenigstens für die Hälfte des JahreS ist der Flug über den Pol leichter und ungefährlicher als über den Ozean

Größere Kälte bedeutet überhaupt für das Fliegen einen großen Vorteil. Zunächst einmal fehlt hier die Nässe, die für ein Luftschiff recht unangenehm werden kann. Der gefrorene Nie­derschlag im Polargebiet ist trocken; einen gro­ßen Teil des JahreS ist in der Arktis die Be­wölkung gering, Schneefälle sind selten. Aber selbst wenn Schnee tm hohen Norden fällt, dann ist er leicht wie Flaumfedern und trocken tote der Sand der Wüste, kann also der Hülle eines Luft­schiffes nichts anhaben. Außerdem ist die kalte Luft schwerer als die warme und verleiht daher dem Luftschiff einen größeren Auftrieb. Die große Kälte wird die über den Pol fliegenden Luftschiffpassagiere nicht stören, denn sie werden in wohlig gehetzten Kabinen sitzen. Sodann fehlt tm arktischen Klima jede Gefahr, die sonst durch den Blitz verursacht wird, und außerdem

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hat WilkinS bei seinen fünf Polarflügen hervor­gehoben, daß er niemals einen Wirbel oder ein Loch bemerkt hätte, die in anderen Gebieten den Luftfahrern so gefährlich werden. Der Polar­slug bietet schließlich noch die Vorteile mäßiger Winde, geringer Rebel und Wolken, vermehrter Sichtmöglichkeit und einfacher Navigationsme­thoden, weil Sonne und Mond länger sichtbar sind. So darf man also erwarten, daß die Luft- ichiffahrt in der Arktis tn naher Zukunft einen großen Aufschwung nehmen und hauptsächlicl von Schiffen in der Art deS Zeppelin durchge­führt werden wird.

Aus aller Welt.

6ln Levender Vars n.cht leben.

Ein früherer Seemann namens Wothke toar ourch Spruch eines Hamburger Amtsgerichtes am 31. Mai 1912, da er als verschollen galt, für lot erklärt worden. Dieser Wothke lebt nun aber in Hannover und hat bei der jetzigen Rechtslage kaum eine Aussicht, oaß seine Lemü- Hungen um Korrtgterung jenes Richterspruches von Erfolg sind. Wothke hat sich monatelaitg bemüht, wieder für lebendig erklärt zu werden Er wandte sich schließlich an den Reichsmgsab- georbneten Biedermann (Soz.), der in einem Schreiben an die Hamburgische Justizbehörde aus den eigenartigen Fall aufmerksam machte Mit dem Bemerken, daß ein Irrtum des Ham­burger Gerichts Vorlage Bieoermattn bat um Auskunft, was die Justizbehörde zu unterneh­men gedenke, um den Justizirrtum zu berichti­gen. Die Hamburgische Lanoes-Justtzverwal- lung hat daraus geantwortet, daß über die Sa­che Wothke zurzeit eine abschließende Auskunft nicht gegeben werden könnte, weil die Akten versandt seien und ihre Heranziehung den Ab­schluß deS Bersahrens in unerroirnfdjter Weise hinausschieben würde. Richtig fei, daß. Herr Wothke im ordnungsmäßigen 9tufgebotver|ol)- ren für yt erklärt sei. Hier liege ein gerichtli­ches Ul* . vor daS im Verwaltungswege nicht angefochten werden könne. Dann aber heißt es in oer Antwort Wetter:Nach der herrschendett Ansicht, die sich aus den Wortlaut des Gesetzes berufen kann, wäre Herrn Wothke eine Anfech­tung diese- Urteils auf gerichtlichem Wege in- nerhalb eines Monats nach (einem Erlaß, also biS zum 30 Juni 1912 möglich gewesen, ohne Rücksicht daraus, wann er selbst von diesem Ur­teil Kenntnis erhalten hat." Es wird höchste Zeit, daß diese Bestimmung der Zivilprozeßord­nung geändert wird.

Großer Worrnfcvwindel oufgeKckl.

Ein groß angelegter Warenschwindel, der von Berlin aus nach der Provinz betrieben wurde, ist durch die Vorsicht einiger Geschäfts­leute und das Eingreifen der Kriminalpolizei aufgedeckt worden. Ein angeblicher Robert Wolfs bestellte und erhielt von Provinzfirmen LebenSmittel- und Wildsendungen, für die er ein Dankakkredtttv einer Bodenkreditbank über, sandte. Da oie Zahlungen ausblieben, erstatte- ten die Geschäftsleute Anzeige bei der Krimi­nalpolizei, die ermittelte, daß die Bodenkredit­bank von Wolff selbst ausgemacht worden war.

der zu diesem Zweck zwei Räume einer Privat- Wohnung In der Potsdamer Straße gemietet hatte und daS Telephon der Wohnungsinhabe­rin mißbräuchlich benutzte. Wie der Gauner, der noch nicht ermittelt ist, in Wirklichkeit heißt konnte bisher noch nicht sestgestellt werden. Ein Waggon mit Gänfen und Hasen wuroe angehal­ten und für den Lieferanten sicher gestellt.

*

Die vrfviflon Der Gräfin Gerstorfs

Vor dem Berliner Landgericht fand die Be­rufungsverhandlung in einem Beleidigungspro- zeß der Gräfin Marga v. Gerstorfs gegen den Reichsminister a. D. Dr. Sülz statt. In erster Instanz war Dr. Külz wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von zweihundert Mark verur­teilt worden. Ms damaliger Bürgermeister von Dresden hatte er der Gräfin, die für den Ab­schluß einer Dollaranleihe der Stadt Dresden Provision haben wollte, geschrieben:Wenn Frau Gräfin von Gerstorfs die Behauptung aus­gestellt hat, daß sie die Ausländsanleihe der Stadt Dresden vermittelt habe, so würde diese Behauptung eine Vorspiegelung falscher Tat­sachen zur Erlangung eines Vermögensvorteils darstellen." In diesem Schreiben wurde eine Beleidigung erblickt. Die Gräfin Gerstorfs hat inzwischen gegen die Stadt Dresden Zivilpro­zesse angestrengt. In zwei Instanzen hat sie verloren Mit Rücksicht darauf, daß der Zivil­prozeß noch nicht rechtskräftig entschieden ist, beschloß die Berliner Strafkammer, den Beleldl- gungsprozeß vorläufig auszusetzen. Gegen die Gräfin schwebt übrigens auch ein Verfahren wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen, auf Gruno deren sie ihre Provisionsansprüche geltend machen wollte____

Kiebach begnadigt. Der wegen Ermordung der Dora Perschke zum Tode verurteilte, damals 21jährige Kiebach ist auf ein Gnadengesuch fei­ner Rechtsanwälte hin mit Rücksicht auf seine Jugend vom Justizmintsterium zu lebenslängli­chem ZuchtbcntS begnadigt worden.

* Den Bauch aufgeschlihl. Zu einem wüsten Auftritt kam eS In der Gastwirtschaft Kröhne auf dem Doberge bei Herford. Ein betrunkener üJlann geriet ans nichtigen Gründen mit der Wirtin tn Streit und drohte tätlich zu werden. Ms der Wirt dazwischenttat, zog der Betrunke­ne ein Messer und schlitzte dem Wirt den Bauch vollständig auf Er liegt hoffnungslos im Kran­kenhaus oarnteber. Der Täter ist verhaftet.

* Bor 20 Millionen Jahren. Der Amerika­ner Andreas, der im vorigen Jahr eine auffe- henerregende ForfchungSieife durch die Wüste Gobi unternahm, erklärt, daß der wesentlichste Teil des Berichts, über seine Forschung des­sen Veröffentlichung bevorsteht,der Nachweis fein werde, daß vor 20 Millionen Jahren in der Wüste Gobi Millionen von Menschen gelebt hätten.

* DaS Testament der Frau v. Heydebrandt. Vor der Zivilkammer des Wogauer Landge­richts wurde der Klage deS Reg.-Rats v. Hey­debrandt und der Sasa gegen die Erben des Rittergutes Gleinig (Kr. Guhrau) auf Aus­zahlung der ihm nach hem Testament seiner Frau zustehenven Rente von 12000 Jl jährlich stattgegeben. Der Kläger war bekanntlich von der Anklage, seine Gattin ermordet zu haben.

freigesprochen worden. Die verwandten bei ersten ManneS der verstorbenen Frau v. Heyde­brandt halten sich geweigert, dem Kläger auS dem Erbe seiner Frau irgend etwas zukommen zu lassen.

Badewannen sind unpfändbar. Das ober" fte Gericht der Tschechoslowakei hat in einer letz- instanzlichen Entscheidung ausgesprochen, daß die Badewanne zu denunentbehrlichen Kultur- gutem" gehört. Eine Psänvung von Badewan­nen ist daher nicht mehr zulässig In Deutsch­land allerdings ist man noch nicht soweit.

Vie Stiefmutter.

Ein dramatischer Mordprozeß in Paris.

Vor dem Pariser Geschworenengericht hat sich soeben ein Mordprozeß unter ganz besonders dramattschen und ergreifenben Umständen abge­spielt. Die vkerzehnjährige Madame Sabre gab unter Schluchzen unzusammenhängende Antwor­ten auf die Anklagen, die gegen sie erhoben wur­den und die schtießlich zu ihrer Verurteilung zum Tode durch die Guillotine führten, weil sie ihren Stiefsohn, einen fünfzehnjährigen Jungen, ermordet hat. AIS der Gerichtspräsident sie fragte, toaS sie zur Erklärung oder Entschuldi­gung deS Verbrechens. daS sie begangen, vorzu­bringen habe, da beugte sie ihren Kopf, nahm ihn zwischen ihre Hände und schluchzte mit bei­nahe unartikulierten Lauten:Oh, Mutters Mutter I"Lassen Sie Ihre Mutter in Ruhe,* erwiderte der Gerichtspräsident,und erzählen Sie uns, was Sie Ihrem Stiefkind angetan haben." Man konnte jedoch aus der weinenden Mörderin kein Wort mehr herausbekommen, bis :hr Mann aufgerufen wurde, um Zeugnis ab­zulegen.

Der Mann, ein Tischler von kurzer und vier­schrötiger Gestalt, ttat vor und legte den Eid ab.Sie war immer em schlechtes Weib," sagte er.Immer wieder hat sie versucht, mich zu ermorden, zuerst mit einer Axt, mit der sie mir auch den Daumen abhackte und dann, all ich Ihr den Rücken zukehrte, stach sie mich mit einem Messer. Ich dachte, sie fei vielleicht eifer­süchtig und kümmerte mich zu wenig darum, aber dann bedrohte sie meine Kinder. Ich wußte mir keinen Rat. Da ich aber ihre gewalttätige Art kannte, so fanbte ich die Kinder fort. Sie lockte meinen kleinen Sohn zurück. Als ich nach Hause kam, entdeckte ich neben dem KüchenauS- guß ein blutbeflecktes Handtuch. Und dann sah ich durch die Tür des Wohnzimmers die Leiche meines kleinen Jungen." Vabre drehte sich zu den Geschworenen um, deutete auf die zufam- mengefauerte, weinende Gestalt auf der An­klagebank und schrie:Da ist sie, die Mörderin! Ich bin hlerhergekommen, um Ihren Kops zu fordern. Sie hat meinen Sohn getötet und ste verdient die Guillotine."Sie müssen hier ohne Haß und Furcht sprechen," ermahnte der Richter. Wir verstehen, was Sie leiden, aber . .Sie hat mein Kind getötet," unterbrach den Richter der Vater und brach in Tränen aus,und ste mutz selber getötet werden ein Auge für ein Auge und ein Zahn für einen Zahn. Niemals ist ein so schlechtes und herzloses Weih auf der Erde gewesen."

Die Nachbarn bezeugten, daß die Mörderin ihre Stiefkinder mißhandelt und ste mit einer rotglühenden Feuerzange gebrannt hatte. Odette Simon, die Verteidigerin der Mörderin, brach in Tränen aus, da sie die Geschworenen zu über­zeugen suchte, daß keine Frau ein so ungeheuer­liches Verbrechen begehen könne, ohne geistesge- stört zu fein Es gelang ihr aber nicht, Eindruck auf die Geschworenen zu machen. Madame Vabre wurde als brttte Frau tn diesem Monat zum Tode durch die Guillotine verurteilt. ES scheint, alS ob die französischen Geschworenengerichte mit dem Brauch, keine Frau zum Tode zu ver­urteilen, gebrochen hätten.

SoitkSWanb.

Von

Albrecht Schaeffer.

Der neue Band Novellen, der unter dem titel Mitternacht" soeben Im Jnsel-Berlaa »u Letp- lifl erschienen ist jetflt Albrecht Schaeffer als einen Meiftererrädler von seltener Kraft. Die folgende Probe keiner Kunst wird das teigen.

Es gibt mehr alS eine Legende, die fromme Entzückung auS jener gottbefchlrmten Flucht Mohammeds des Propheten von der Stadt Mekka nach Medina hervorzog. Wer unter unS Freund der Tiere ist, den freut eS, daß bei der Rettung deS Geheiligten gerade ihnen, den tote wir glauben unbefeelten Geschöpfen, himmlische Würdigungen zuteil wurden. Und eS war ein geringes Tier, daS nach einem alten Bericht im Augenblicke der Not den heiligen Mann beschützte.

Mohammed und seine wenigen Freunde hal­len so heißt eS eine Nacht lang und noch während der ersten Stunden beS Morgens die Wüste durchritten Am Ouellwasser, unter den Palmen einer Oase, ruhten ste auS während der tlühenden Stunden deS Tage«. Wieder im Sattel, näherten ste fich den Ausläufern eines blauen GebirgS; aber bald schon mußten sie inne werden, daß die Rast nicht genug war; daß die Kraft tn den Beinen der Rosse nicht weiter flch abnutzen ltetz. Fanden ste dort, am Gebirg. keinen Versteck für bi» Nacht, so wa­ren ste prelSgegeben wenn ste verfolgt wur­den, und daran war nicht zu zweifeln. So nahten ste denn die Sonne sank f hon dem vordersten Berge von Sandgestein und sand- überronnen, öden Terrassen, kaum ersteigl'ch und allseits hin sich bietend dem Blick. Doch siehe, einige Fuß hoch am Berg war eine Höhle geöffnet, wenig über mannshoch und kaum so breit. Der Erste, der hineindrang fand sie tief genug tnS Gestein gewölbt, daß allesamt mit den Pferden fich htnetnfassen ließen, ohne daß Einer der nur vom Eingang hineinspähte Et­was darin gewahrt hätte. Mohammed sagte gleich: Gehet alle hinein mit den Pferden! Und

wenn, wagte All zu widersprechen, unsere Ver­folger hierher gelangen und drin nach unS su­chen? Wenn Allah es will, war die Antwort, so werden wir fechtend sterben.

Daraus gehorchten Alle und begaben stch auf einen Wink ihres Führers biS in die letzte Tiefe der Höhle. Der Boden war stufenförmig zu ihr erhöht, sodaß auch die Pferde es leicht hatten.

Mohammed ließ stch neben der Felswand im Eingang der Höhle nieder, bie Schenkel kreuzend. Bor ihm lag die Wüste, aus der er gekommen war, fchattenüberblaut vom Gebirg, das stch weithin zur Linken dehnte. Gerade ge­genüber seinem Schaun, meilenfern, streckten flch aus dem Gebirge hervor zwei Hügel, ein größerer erst, bann noch ein kleinerer, zwischen denen ein Sattel lag, und die verborgene Sonne rückte jetzt hinter den ersten. Moham- meds Auge trug nicht so weit, daß er sehen konnte, wie eine Reiterschar, von jenseits her, den Sattel hinanritt, eben in dem Nu, wo er selber stch hinließ. Etwas Anderes band seinen Blick, ganz nah. Denn indem er ihn aufwärts lenkte zur Wölbung und wahrlich nur leeren Raum da fand und sein Blick auf und nieder keine Mauer zu ziehen vermochte gegen bie schrecklich» Offenheit: so gewahrte er den bet- renförmigtn dunklen Leib einer großen Spin­ne. die von der Wölbung am rinnenden Faden herabsank. Kaum den Boden berührend, lies st» in Eile zur Wand und hinan, und ein zwei­ter Faden schon lief von anderer Stelle schräg nach unten, den ersten treffend. Mohammed hatte Spinnen bei ihrer Arbeit gefehen, mehr als eine, in den ewigen Stunden des Wartens in bet Bergeinfamkeit, bis der Engel deS Herrn zu Ihm hat; niemals aber eine, die ihr Werk mit so unglaublicher Schnelle förderte wie hier diese Denn Faden um Faden schon war Blitzen glei j, nach vielen Seiten geschossen, und di» dunkleWirkerin fing schon an, mltt- lingS im Höblentor, stch selber umlaufend, den vieleckiaen Einsckilag tn den haltbaren Aufzua tu flechten. Sehet, rief Mohammed laut, so leht her! Me kamen herbei. Alle sahen, verwun- derungSvoll und bald starr, die Läuferin an,

die um die Mitte der Strahlen schwang, wie an unsichtbarer Schnur ein herumgewirbelter Ball, und Vieleck um Vieleck der Fäden legte sich, rundete stch, schloß zum schönen Gewebe, klar und genau wie Kristall. Ihnen lachten die Herzen, vergessener Rot, wie in so wirblichter Feuer-Eile des TiereS ein so ebneS, so festes, so geordnetes Werk da erblühte, dieweil ste, die Meisterin, schon in weitesten Kreisen der Höhlenwand nahe herumflog.

Plötzlich hielt sie inne, und in das Ohr der nur schauenden Männer, sie im Nu in entsetzte «r verwandelnd, scholl Hufschlag. Da späh- wieder, durch daS gläserne Gitter, und erkannten schon deutlich und nahe bie Verfol­ger, eine gegen bie ihre gewaltige Schar, frei­lich vergrößert auch, well jeder Berittene ein lediges Rotz neben flch hatte, so vor Er- schöpfung geschützt.

Fürchtet euch nicht, sagte Mohammed sanft, bies Tier ist bestimmt, un8 zu retten. Geht wieder ins Innere! Sie gehorchten, obwohl ungläubig; auch Mohammed folgte und ließ flch im Dunkel, ein wenig noch vor den anderen, wieder zu Boden wie erst. Eine Weile noch sah er bie farblose Wanb, gebrechlicher als auS Haar, zwischen stch und den Nahenden schwe- ben. Dann sentte er still das Gesicht in die Hände und blieb so.

In dem Augenblick aber, wo bie vordersten Reiter der Höhle zusprengten, fügte der Himmel eS, daß bi» Scheibe der Sonne hinter dem- gel hervor auf jenen Sattel sich sentte; und da brauste auch eine solche Flamme von Golv auS dem Spinngewebe, daß die Männer vor Schrecken schrien. Lautlos in Feuer, so hing das gewaltige Netz über ihnen; schwebte, aus Strahlen gewoben, bie heilig goldene Wand, anflammend bie Hergebetzten: Richt weiter! Die Rosse standen, Rosse und Reiter keuchten. Dann glitt aus dem Sattel der Erste, auf den Boden und auf bie Knie, daS Haupt auf die Knie geworfen, und der Zweit» ihm nach und so Me. ES wußte wohl Keiner, wie lange er betend lag, so wenig sie wußten, daß jenseits der Gotteswand im Schatten der Hohle, nicht zehn Schritte von ihnen getrennt, der Gesucht»

saß, vor seinem Gotte gebeugt, daS ergebene Haupt in ben Händen.

AlS sie »mporsahen, war eS Nacht, die Er­scheinung erloschen, verschwunden bis auf rin graues Netz, TiereS-Werk, kaum sichtbar. Einer sagte, noch schwer benommenen OdemS: ES könnte sein ste sind im Innern verborgen. Aber ein anderer band seine kaum vom Wun- der erlöste Vernunft an die Vernunft deS Tie­res, tote er sie kannte, und sprach: O du Narr! Sahst du noch nie eine Spinne am Werk? Und wenn fte heute vor Morgen begonnen hätte, sie könnte jetzt noch nicht fertig fein. Folglich ist Niemand darinnen.

Voll Anerkennung hörten die Uebrigen dies, vielmehr beruhigt, daß Keiner gezwungen wur­de, di» immer noch ängstliche Wand zu zerbre­chen. Sie faßen auf und tagten mit gellenden Hufen daS Gebirge entlang fort in die Leere unter den ringsum herabschauenden Sternen.

Humoristische Ecke.

Der Fluch bet bösen Tat.

In der Heidemühle. Am Rebenttsch» »in Ehepaar. Futtern ausihrer" Tasche.

Er:Ober, noch ä Helles!"

Sie:Ree, Mann! DaS iS nu schon daS Fimfte! Muß denn das sein?!?"

Er:Ja, baS mutz! Warum duhste HäringS- milch uff be Bemme fchmier'n! 's schad* dr gar nifchd!" Ludwig Waldau.

Zeiten.

Sitzt die Tante Trichter da und jammert. Ungalant stnd die Männer heutzutage. Vor dreißig Jahren konnte ich mch, über die Straße gehen, ohne daß mir zehn Männer nachgefiiegen wären."

Das glaub- ich."

»Aber heute? Richt einer. So bequem stnd ste geworden."

Fremdwort.

.Walter hat stch eine neue Sirene für fein Auto besorgt!"

-Was ist denn aus der Blondin« geworden?"