Meler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
18. Jahrgang
Dienstag, 13. November 1928,
Sinzel-rei-- Sonntag» 20 Pfennig
Nummer 26S. Einzelpreis: Wochentag» 10 Pfennig.
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Poincate soll die Reparationen meistern.
An Schuldennachlatz nicht zu
fieber.
nicht.
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Wenn nach einem alten Wort die Geschichte lehrt, daß )ie nichts lehrt, so würde den Beweis hierfür Frankreich mit seiner Politik gegenüber dem Elsaß erbringen. Es hat aus den Fehlern, die Deutschland seinerzeit beging, wirklich nichts gelernt und es scheint, als ob man in Paris noch immer nicht sehen will, wie die Dinge im Elsaß laufen. Anders wenigstens ist gar nicht der Beschluß der französischen Kammer zu erklären, der die Mandate der elsässischen Abgeordneten Ricklin und Rosse als nn-
Andererseits verstünde Europa nicht die amerikanischen Lebensidcale. Wenn wir, so schloß Coolidge, etwa mehr Entgegenkommen seitens Europas finden könnten, namentlich bei der endgültigen Liquidierung der Kriegsschulden und bei der Frage der Rüstungsbeschränkung,
hin in der Abrüstungsfrage bei dem englisch- französischen Uebereinkommen, wobei es herzlich gleichgültig ist, ob man auf einige technische Vereinbarungen des Flottenkompromisses Verzicht leistet, so haben die letzten Vorverhandlungen über das Rep.'.ratiousproblem auch gezeigt, daß die Gefahr einer englisch-französischen Reparationssront nach wie vor bestehl. Tatsächlich haben sich renn auch die stark verärgerten französischen Linksparteien doch nicht von PoincarL zu trennen gewagt und dem unverbesserlichen und unbelehrbaren Deutschenfrefler wieder die Geschicke de» Lande» in die Hände gelegt. Lieber wckl man sich noch eine Weile am Gängelband seiner Diktaturgelüste leiten lassen, al» auf einen Deut der Versailler Zwangsparagraphen oder einen Pfennig der Reparationstribute verzichten,
für deren Eintreibung ebenso wie für da» große Schuldenclearing mit Amerikas neuem Präsidenten gerade PoincarL der rechte Mann ist. Das alles steht nicht gerade danach aus, als ob den liebnswürdigen Aeußerungen der Regierungsgewaltigen irgend welche Taten folgen werden. Es scheint vielmehr, als ob die scharfe Kritik, die die Außenpolitik der englischen Regierung im eigenen Lande und auch in der eigenen Regierungspartei gefunden hat, die englischen Minister veranlaßt hat, die Kritiker zu beruhigen, d. h. zu beruhigen durch Reden, di« gut klingen und nichts kosten. Uns aber wird man es unter diesen Umständen in London nicht gerade Übelnehmen können, wenn wir auf diese freundlichen Reden mit dem berühmten Faustwort antworten: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."
Nichts gelernt.
Leidenstage im Elsaß. — Poinrarös Wiederkehr.
Poincare wieder der Prellbock
Er soll den Anschluß vereiteln und Deutschland weiter schröpfen.
Paris, 12. November. (Eigene Drahtmeldung.) Die Morgenblättrr kündigen übereinstimmend an, daß PoincarL bei der Neubildung des Kabinetts durch die Abgabe des Finanzministeriums an C h L r o n sich die nötige Mehrbeit für die kommenden Reparationsverhandlungen habe sichern wollen. Vermutlich werde der Ministerpräsident unter diesen Umständen Reisen tn das Ausland unternehmen. Pertinac äußert sich:'PoincarL werde jetzt entscheiden, ob das Rheinland ausgegeben werden wll, ohne daß
Garantien gegen ein Anschluß Oesterreichs an Deutschland vorliegen würden. Bezüglich veS Reparationsproblems müsse er die Thesen durchdrücken, wonach Deutschland genug bezahlen soll, um die von den Bereinigten Staaten geleisteten Vorschüsse zurückzahlen zu können und Franreich für einen Teil seiner Wieder- aufbaukosten zu entschädigen und daß infolgedessen die im Dawesplan vorgesehene Jahreszahlung von
2«4 Milliarden Mark nicht wesentlich herabgesetzt
werden dürfe. Man werde wahrscheinlich ver- suchen, die Bereinigten Staaten zu irgend einer Intervention zu veranlassen.
all den trüben Erfahrungen, die Deutschland mit schönen Reden und guten Zusicherungen gemacht hat, ist man nun bei uns doch mit der Zeit selbst gegenüber den schäumendsten Liebesbechern etwas skeptischer geworden und fragt lieber nach den Taten als nach den Worten. An diesen Taten aber hat es bisher völlig gefehlt. Wir haben in Genf in der Abrüstungsfrage ein englischfranzösisches Zusammenarbeiten erlebt, das noch unvergessen ist. Man weiß heute, daß die scharfe Briandsche Rede auf den Vorstoß de» Reichskanzlers Müller in der Abrüstungsfrage durch Lord Cushendun sehr sorgfältig vorbereitet war.
Man weiß auch, daß auf Grund de» Flotten- kompromiffes, das Frankreichs Landreserven von der Rüstungsbeschränkung freiläßt, di« Franzosen berauSrechnen, daß die deutschen Reichswehr etwa gleich stark oder noch etwas stärker ist als das französische Heer, da bei dieser Berechnung unberücksichtigt bleiben die Rekruten, die noch in dec Ausbildung be- griffen sind und andererseits auch die schon fei* tig ausgebildeten Reservisten. Bleibr e» mit-
Washington, 12. November. (Durch Funkspruch.) Präsident Coolidge hob bei einer Waffenstillstandsfeier hervor, daß die Vereinigten Staaten beim Friedensschlutz sich weder an der Aufteilung des deutschen Kolonialbesitzes beteiligt noch das Privateigentum behalten hätten. Dagegen belaufen sich Amerikas Kriegsschulden selbst nach Abzug der Schulden der Alliierten auf 36 Milliarden 500 Millionen, wozu noch sieben Milliarden Zinsen hinzukämen. Den Kosten dieser schrecklichen Tragödie ständen wenigstens große Fortschritte der Selbst- regierung in Europa gegenüber (?), wenn auch die soziale Zersetzung in einzelnen Ländern so stark fei, daß sie sich neuen Formen des Absolutismus unterwerfen, um der Anarchie vorzubeugen. Geblieben sei jedenfalls das Problem der Kriegsverhütung und der Verteidigung. Eine Zustimmung zum Flottenkompro- mitz hätte die Aufgabe der Rüstungsbeschränkung für die Flotten Englands und Frankreichs bedeutet. Amerika erstrebe vor allem:
Beschränkung der Rüstungen und Kriegs- verzicht.
Der verbotene Krieg.
Ist der Weltfriede jetzt gesichert?
Kellooq liebte# fei« Werk. — Bin Welttribmral «och nicht möglich. — Sanktionen macht Amerika nicht mit. — Schiebsserträge für alle Welt.
Newyork, 12. 'November. Staatssekretär Kellogg bezeichnete als bestes Mittel zur Aus- schaltung von Kriegen Schiedsverfahren und Verträge, die das Prinzip des Vergleichs für alle nicht in den Bereich der Schiedsgerichtsbarkeit fallenden Fragen vorsehen und alle Nationen verpflichten, den Krieg zu verdammen. So könnte die Ungesetzlichkeit des Krieges als Rechtsgrundsatz aufgestellt werden. Weiter müsse man die Völker belehren, daß der Krieg ein barbarisches Mittel für die Regelung von Streitigkeiten ist, daß über die Welt das größte Leid und Unheil gebracht hat. Wenn die Völker ent* chlofsen sind, keinen Krieg mehr zu führen, so wird es keinen Krieg mehr geben. Vermittlung kann als Werkzeug zur Erhaltung des Friedens nur dann wirksam werden, wenn hinter ihr der Friedenswille der Völker steht. Heute ist der Kriegsächtungspakt der beste Ausdruck der Hoffnung für Millionen von Menschen und der ganzen Welt. Er entstand aus der Vision der Schlachtfelder, der Ruinen und der
Kriegsopfer.
Der Pakt ist nicht mit Vorbehalten und Bedingungen belastet, die besagen, daß eine Nation etwa berechtigt sei, einen Krieg zu erklären Die ganze Welt müßte ihn zum Grundsatz der Politik machen. Die Ideale eines Welttiibu- nals oder einer anderen überstaatlichen Instanz, die zu entscheiden habe, wann eine Nation gegen die Abmachung, nicht zum Kriege zu schreiten, verstoßen hat, hielt der Redner für noch nicht durchführbar. Amerika werde durch den Vertrag auch nicht in Europas Angelegenheiten herangezogen. Er habe restlos klar- gestellt, da-ß di« Vereinigten Staaten an
Sanktionen gegen Vertragsbrüchige nicht teilnehmen
könnten, wie immer auch die anderen Staaten
PoincarS hat das neue Kabinett mit folg. Besetzung gebildet: Ministerpräsident PoincarL, Finanzen: ChLron, Justiz: Barthou, Außenrni- nistreium: Tardie«; Krieg: PainvelL, Marin«: LeygueS, Handel: Bonnefous, öffentlich« Arbeiten: Forgeot, Arbeit: Loucheur, Unterricht: Mar- raub, Luftfahrt: Laurent Eynac, Landwirtschaft:
gültig erklärt. Kein Wunder, daß man itn Elsaß über diesen Beschluß entrüstet ist, daß man von einer Scherbenpolitik der französischen Regierung und von der Mißachtung her Volkssouveränität und des Urteils der elsässischen Wähler spricht. So zeigte auch eine in Straßburg abgehaltene Vers rmmlung, in der gegen Viesen Beschluß der Kammer protestiert wurde, eine äußerst gereizte Stimmung. Dabei brachte bu Versammlung insofern eine Sensation, als einer der im Abwesenheitsverfahren im Autonomistenprozeß Verurteilten, nämlich Dr. Roos, vor der Versammlung erschien und die Erklärung abzab, daß er sich den französischen Behörden stellen werde, um die Wiederaufnahme des Prozesses zu erzwingen. Tatsächlich wurde der Märtyrer von Franzose.ibüueln aus der Versammlung hreaus verhaftet. Damit kommen die französischen Behörden in eine für sie äußerst unangenehme Lage, da auch nach französischem Strafrecht in diesem Falle ein ordentliches Schwurgerichtsverfahren eingeleitet werden muß. Der großen Autonomistenprozeß wird auf diese Weise noch einmal aufgerollt und das französische Ansehen, dem schon durch die hartnäckige Verweigerung der Revision des Colmarer Prozesses ein schwarer Schlag versetzt worden war, wird weitere Einbuße erleiden. Denn daß die Autonomisten alles tun werden, um die französischen Methoden im rechten Licht erscheinen zu lassen, ist selbstverständlich. Ein Elsaß* »ertretei hat denn auch in der Kammer schon auf die Flugschrift mit dem Titel hingewiesen: „Die Mystifiation des großen Komplotts von Straßburg", in der die Haltung des ehemaligen Oberstaatsanwalts Fachot auf das schärfste litifiert und verlangt wird, das durch eine Amnestie ein Strich unter den Colmarer Justizsandal gezogen werde. Die Pariser Spitzel werden in dem neuen Prozeß vor allem den schweren Verdacht bekräftigen müssen, daß der bereits wieder eingekerterte Dr. Roos der Urheber einer angeblichen deutschen Spionagezentrale in Freiburg (Br.) sei. Dieser neue Prozeß dürfte sowohl der Justiz wie auch den Regierungsbehörden unter solchen Umständen alles andere als erwünscht sein.
An der Themse zeigen sich die etwas Wahl- ängstlich konservativen Regierungshäupter neuerdings sehr beflissen, dem deutschen Argwohn und der Kritik gegenüber dem Flottenkompromiß mit Paris die Spitze obzubrechen .indem sie uns in rührenden Tönen immer wieder ihrer Herzensfreundschaft natürlich in weitem Abstand hinter der Liebesehe mit Marianne beteuern. Churchill, Cushendun, Baldwin können sich nicht genug tun, die Schalmeien der Versöhnung, Zusammenarbeit und deS gegenseitigen guten Willens zu blasen und wenn es nur auf Worte ankäme, so könnte man in Berlin wirklich voll befriedigt sein. Wenn sich diese Befriedigung trotzdem nicht einstellen will, so wird man das auch in London wohl verstehen müssen, denn nach
dazu stehen Frankreich (?) und die Vereinigten Staaten haben den anderen Völkern einen hoff- nungsvollen Pfad zum Weltfrieden gewiesen; die anderen Nationen wollen freudig folgen. Dieser Verttag soll die Verwirklichung dieses Ideals „Friede auf Erden" erleichtern!
Die Krone im Regenbogen.
Als der Mikado den Thron bestieg.
Tokio, 12. November. In Kioto bestieg gestern der Mikado Hiro hito den Thron seiner Väter und nahm von den Heiligen Schätzen Besitz. Während des mystischen Akts hörte der seit zwei Tagen andauernde Regen auf, und ein prachtvoller Regenbogen zeichnete sich am blauen Himmel ab, was von der Bevölkerung als günstiges Vorzeichen betrachtet wird. Im
Thronsaal wohnten Tausende
von Gästen der späteren Privatfeier bei. Di« Leibwache in den alten Samurai-Rüstungen bildete Spalier. Außer den P r i n j e f f i n e n, die farbenprächtige Kimonos trugen, waren die Teilnehmer in Frack und Gesellschaftskleidern erschienen. Riesige Gongs verkündeten das Erscheinen des Kaiserpaares, dem man ein brei* sacheS „Banzai" barbrachte. Der Mikabo versprach allen ein Vater sein zu wollen. 35 000 Verurteilte wurden begnadigt und allen über achtzig Jahre alten Japanern Geschenke überwiesen. Ferner wurden 101 gute Söhn«', vorbildliche Gatten und treue Bedienstete durch Geschenke ausgezeichnet.
Baben fühttsichstark.
Der Einheitsstaat gilt nur für die anderen.
Heidelberg, 10. November. Der badische Staatspräsident und Innenminister Dr. Re- mele führte in einem Vortrag über den Einheitsstaat u. a. au?: Di« Verfassung von Weimar ist auf halbem Wege stehen geblieben, in der Erkenntnis, daß Preußen als Rückgrat der Staatsgewalt nicht zerschlagen werden dürfe. Der Eiirwicklung zum Einheitsstaat stehen heute zwei Faktoren entgegen: Der Partiknla- rismus Bayerns und der Dualismus zwischen Reich und Preußen. Als die größt« Gefahr habe sich der Bürokratismus des .Reiches entwickelt, der immer neue Länderverwaltungen aufsaugen wolle. Die Forderung ist nur berechtigt, leistungsschwache Länder zu
Reichsländern umzugestalten. Länderregierungen und Parla. mente sind viel zu teuer. Die höchsten Verwaltungskosten haben Hessen und
der französische Gesandte in Bern Jean Hennessy, Kolonien: Maginot, Pensionen: Antefion.
Zu Unterstaatssekretären wurden ernannt: Martin, Post; Abg. Patch körperliche Ertüchtigung; Oberkirch, Arbeit; Abg. Francois-Poncet, Untrericht und schöne Künste.
<3tn waffenstillstanbsskanbal.
Die Kriegsverletzten müssen stehen. Stürmische Szenen im Pariser Rathaus. Paris, 12. November. Im Pariser Rathaus waren gestern bei einer Wafsenstillstandsfeier der StadtverwaUung die vorhandenen ungenügenden Sitzplätze durch die vornehmen Gäste und ihre Angehörigen belegt worden, sodaß mehrere Hund er t Kriegsverletzte zum Stehen gezwungen waren. Letztere veranstalteten daraus eine stürmische Kundgebung. Sie überhäuften eine halbe Stunde lang die Organisatoren der Feier mit Schmähungen Schließlich verließen sie mitten in einem ungeheuren Durcheinander mit fliegenden Fahnen den Saal. Box dem Rathaus zwang die Polizei die aufgebrachten Manifestanten die Fahnen zufammenzurollen und den Platz zu verlassen.
Bomcars als Reparation- Minister
London, 12. November. (Eigener Drahtbe- richt.) In Parifer Berichten wird als der bedeutendste Wechsel das Ausscheiden PoincarLS aus dem Finanzministerium bezeichnet. AlS Grund hierfür wird der Wunsch PoincarLS angegeben, sich zukünftig ganz den Verhandlungen über die Revision deS DaweSplaneS zu widmen. Kolonialminister Maginot gilt als besonders reaktionär.
ten uns aber jeder unerwünschten oder erfolglosen Einmischung und wollten außerdem auch nicht die Rüstungen unterstützen, denn welche Hilfe wir auch bei Kriegsbeendigung leisteten, wir fühlen uns Verantwortung»- frei von Beginn. Wir wünfchen auch
nicht künftige Kriegsvorbereitungen zu finanzieren.
Wir halfen in der Nachkriegszeit in gleicher Weise Freund und Feind. Die Anleihen für Deutschland müßten als bedeutender Faktor der deutschen Zahlungsfähigkeit angesehen werden. Im allgemeinen habe Europa einen solchen Grad der finanziellen Stabilität und des Wohlstandes erreicht, sodaß man von Amerika keine Verpflichtung zu einer Wicderauf- bauhilse erwarten könne, die über die strikte Ge- schästsbasts hinausgchi. Deshalb sei daS gegenseitige Verstehen noch immer mangelhaft. Amerika finde die Jahrhunderte alten
Voreingenommenheiten Europas unverständlich.
| Amerika bleibt Europa fern.
Coolidge zeigt die Krtegswundmale. — Scharfe Rügen für Europa» Rüstung»- fieber. — An Schuldennachlatz nicht zu denken. — Alte und Reue Welt verstehen sich
Geduld, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft kennzeichneten Amerikas Haltung zu Europa. Die Schuldenabkommen wurden abgeschlossen nicht im Hinblick auf die Höhe der Schulden, mm «« ---------
sondern unter Berücksichtigung der Zah- so würden wir auch unseren Bemühungen für .ungSföhigteit der Schuldner. Wir den Fortschritt Europas mehr Zuversicht leisteten mit Rat und Tat Beistand, e n t h i e l- schenken.