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Nr. 259.

Achtzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

3. Beilage

Donnerstag, 1. November 1928.

Das gewisse Etwas.

Was die Frau erst anziehend macht.

Dichter und Liebende haben viel von irnem »gewissen Etwas" geschwärmt, von dem beson­deren Zauber, den manche Frauen ausstrahlen und den der Franzose mit .Charme" bezeich­net. Schon die Psychologen des Rokoko, haben sich bemüht, für diesen geheimnisvollen Reiz eine Definition zu finden, und denselben Ver­such macht nun ein englischer Psychologe, Prof. Fraser-Harris.

Der Scharm ist an der Frau, was die Blu­me für Wein und was der Duft für die Blu­me bedeutet," schreibt er. »Es gibt Blumen, ausgezeichnet durch ihre Form und Farbe, aber ohne Duft. So sind schöne Frauen ohne Scharm. Es gibt aber andere Blumen, be­scheiden in ihrem Aussehen, die durch die Sü­ße rhres Geruchs größeres Entzücken Hervor­rufen als die prachtvollste Züchtung; sie regen in uns Gefühle von unnennbarem Glück aus, gerade so wie manche Frau, deren Erscheinung den Gesetzen der Schönheit keineswegs ent­spricht. Der Künstler schwärmt von einer sol­chen Blume, der Botaniker aber zerschneidet sie und untersucht sie, um ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. So kann sich auch der Gelehrte nicht mit der ungewissen Bezeich­nung eines Zaubers oder Reizes begnügen. Er forscht weiter und findet, daß weiblicher Scharm ohne Verstand und Mitgefühl nicht möglich ist. Diese Eigenschaften werden durch Schönheit außerordentlich unterstützt. Es ist für eine schöne Frau sehr viel leichter Scharm zu haben als für eine häßliche. Aber aller Glanz der schönen Helena würde einer Frau nicht das »gewisse Etwas" verleihen, wenn der

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Der neu« mexikanische Staatspräsident Portes Gil hat die Wiedereröffnung der seit 2 Jahren geschlossenen Kathedrale von Mexiko Eich (im Bilde) angeordnet. Man er­blickt hierin ein Zeichen des Verständigungswillens gegenüber dem Vatikan.

mitfühlende Verstand fehlte.

Weiblicher Scharm ist Schönheit des Cha­rakters und des Benehmens, beruhend aus einem verstehenden Mitempfinden. Dieser Scharm kann nicht erworben werden; er ist an­geboren und enthüllt sich schon in der Jugeno. Er kann nicht gelehrt werden; er ist da oder nicht da wie der Sang der Vögel, wie der Ge­ruch der an einem Sommermorgen von frisch gemähten Wiesen aufsteigt. Eine solche Frau wird niemals selbstsüchtig sein; sie ist ein für andere fühlendes Wesen,dessen Wärme u. Hin­gebung uns wohlig umschmeichelt. Eine Puppe kann hübsch sein, eine Statue formvollendet, aber Scharm geht nur vom Lebendigen aus. Scharm ist eine der zartesten Blüten, die aus dem Unbewußtsein der Weiblichkeit erblüht; es ist eine geistige Lebendigkeit mit Zartheit des Charakters verknüpft. Scharm wirkt auf die Menschen wie der Magnet auf den Stahl; er zieht sie an, bevor sie sich noch über diese An­ziehungskraft klar geworden sind; erschafft eine Atmosphäre der Anmut und der seelischen Schönheit, die die ganze Persönlichkeit umgibt."

Angst vor Verbrechen.

Wie man in Amerika Milliardenwerte trans­portiert.

Die Chase National Bank in Newyork bezog vor kurzem ihr neues Geschäftshaus, das in modernster Weise für Bankzwecke erbaut wor­den war. Alle Depots und der Bargeldbestand mußten nunmehr unter sicherem Geleit in das neue Heim überführt werden. Der Transport nahm nicht weniger als drei Wochen Zeit in Anspruch, obgleich die Entfernung zwischen dem bisherigen Bankgebäude und dem neuen Pa­last keine 10 Minuten beträgt. Allerdings wur­den die zu befördernden Werte auf fast 4Vt Milliarden Dollar geschätzt.

18 Panzerautos traten in Aktion. Die Bank­werte wurden allerdings nur nach und nach in

Lin Denkmalsattentat.

Kirchenftreit um Combes.

Für Emile Combes (im Bilde), der 1905 als Ministerpräsident die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich durchgefuhrt hat, wurde am 28. Oktober in Pons bei La Rochelle ein Denkmal eingeweiht, das unmittelbar nach der Feier durch eine Gruppe von Camelots du Roi durch Hammerschläge schwer beschädigt wurde. Die »Kasseler Neuesten Nachrichten" haben in ihrer gestrigen Dienstag-Ausgabe den Fall aus­führlich behandelt.

Evangelischer Sessenttichkettswille.

Eine Riesenkundgebung der Kasseler evangelischen Bevölkerung in der Stadthalle.

Die Arbeitsgemeinschaft evangelischer Ver­bände hatte für Dienstag abend die evangelische Bevölkerung zu einer Zusammenkunft in den Festsaal der Stadthalle eingeladen, die sich zu ei­ner gewaltigen Kundgebung für die evangelische Kirche gestaltete. Die überaus große Zahl der Besucher, Saal und Galerien waren überfüllt, war ein schlagender Beweis für das rege Inter­esse, das man aus allen Kreifen der Bevölkerung den religiösen Tagesfragen entgegenbringt. Im Mittelpunkt des Abends stand eine großange- lcgte Rede des Generalsuperintendenten D. Dr. Dibelius-Berlin, der in eingehender Weise über das Thema »Der evangelische Christ und feine Verantwortung im öffentlichen Leben" sprach. Der glänzende Redner betonte zu Ein­gang feines Vortrages, daß, wenn man als alt- preußischer Generalsuperintendent nach Kassel komme, man sozusagen ins Ausland komme, denn Hessen-Kassel pflege in feiner Landeskirche besondere Traditionen seiner altprotestantischen Kirche.

Der deutsche Protestantismus sei wach geworden

und habe angefangen, sich den Erfordernissen der Zeit entsprechend, bewußt in das öffentliche Leben zu stellen. Die Freiheit der evangelischen Deutschen habe begonnen mit den Reformen des Freiherrn von Stein und der alte Staat als Träger der Kirche habe seine Aufgabe darin ge­sehen, das religiöse Leben seiner Bürger zu pflegen und zu fördern. Das sei dahin. Der neue Staat sei neutral in allen weltanschauli­chen, sittlichen und religiösen Grundsätzen und das, was der alte Staat den Evangelischen war, müßten diese heute anderswo suchen. Darum müßten bewußte.Ueberzeugung und klarer Ge­meinschaftswille der Bürger dafür sorgen und kämpfen, daß der

Staat wieder christlich-sittlichen Inhalt bekäme. Weiter müsse festgestellt werden, daß das öffentliche Leben eine viel größere Bedeu­tung habe, als man früher vielfach meinte. Al­les. politische Zeitgeschehen Präge sich ein in das ittliche Leben der Kinder und mache sich erkenn­bar in jedem Einzelnen. Zum Dritten hätte man aber auch begriffen, daß Religion nicht Privatfache seil Darum gehe durch die evange­lische Kirche jener Wille bewußter Aktivität. Denn wir ständen vor der ungeheuren Gefahr, daß unser Volk, durch die Not der Zeit zer­mürbt, den rechten Weg nicht wieder findei und im Zerfall seiner sittlichen Kraft eine Beute an­derer Völker wird. Der Weg zur Rettung aus dieser Gefahr gehe nur über einen neuen evan­gelischen Willen zur Kirche. Dazu gehöre vor al­lem aber firchliche Treue und der Wille, daß die evangelische Kirche eine der gemeinsamen Afti- vität sein soll. Wo heute ernste evangelische Männer die veränderte Lage im heutigen Staat nüchtern beurteilen, fände sich keiner mehr,

der in der Konkordatsfrage den entscheidend ablehnenden Standpunkt

rüherer Zeiten vertrete. Aber wenn der preu­ßische Staat mit der Kurie konkoxdiere, dann müsse auch dem Wunsch der evangelischen Kirche nach größerer Freiheit Rechnung getragen wer­den. Das zu zwei Dritteln aus Evangelischen

bestehende deutsche Volk müsse darauf dringen, evangelische Persönlichkeiten im öffentlichen Le­ben unseres Voltes wirken zu sehen. Die Aus­führungen des Redners fanden starken Beifall u.

einmütig nahm die Versammlung eine Entschließung an,

die Professor Hofmann, der Vorfitzende des Evangelischen Bundes, zur Verlesung brachte: »Die zur Reformationsfeier im großen Saale eer Stadthalle versammelten evangelischen Män­ner und Frauen rufen in der Ueberzeugung, daß das Evangelium höchste gemeinschastsbildende und erneuernde Kraft besitzt, alle evangelischen Christen auf, sich mehr als bisher für die Ge­staltung des öffentlichen Lebens verantwortlich zu wissen und insbesondere durch Erfüllung der Wahlpflicht daran mitzuwirken, daß in die öf­fentlichen Körperschaften bewußt evangelische Persönlichkeiten gewählt werden. Von den evan­gelischen Abgeordneten in den politischen Par­teien erwartet die Versammlung, daß sie für die Interessen des deutschen Protestantismus ent­schieden Eintreten. Sie fordert von den politi­schen Parteien, daß sie bei Aufstellung der Listen für die öffentlichen Wahlen insbesondere auch solche Männer und Frauen in VorMag brin­gen, die bereit und fähig sind, dem Geist des Evangeliums im öffentlichen Leben Geltung zu verschaffen."

In einem zweiten Vortrag

ging Reichswart D Stange-Kassel näher aus die Beurteilung des Oeffentlichkeitswillens der evangelischen Kirche ein. der vielfach fälsch verstanden werde. Die Grundlagen unserer ge­samten abendländischen Kultur seien bis in Die Tiefen erschüttert, zumal in einem Volke wie dem unserigen. Ob eine Erneuerung gelinge oder ob das Chaos unaufhaltsam über uns her­einbreche, könne niemand beantworten! Auf keinen Fall werde diese Frage durch kleine Re­zepte und vorwitzige Quacksalbereien gelöst Gelöst werden könne sie überhaupt nur dann, wenn es gelinge, unserem Volksleben bis in die breiten Massen der werftätigen Bevölkerung hinein noch einmal Kräfte einer Erneuerung von Grund aus zuzuführen. Richt darum handelt es sich, ob unsere politischen Parteien den einen oder anderen Abgeordnetensitz zur Verfügung stelle, um diese oder jene besonderen Wünsche einer volkskirchlich organisierten Interessenge­meinschaft zu berücksichtigen und parlamentarisch zu vertreten, sondern das sei die Frage, ob un­ser gesamtes öffentliches Leben und insbeson­dere auch unsere Parlamente den Anschluß an jene Gewalten von unberechenbarer Erneue­rungskraft suchen wollen, deren Hüter die Kir­chen der Reformation seit Jahrhunderten gewe­sen sind.

Die beiden Vorträge wurden von einem Or­gelvortrag von Studienrat Möller und Chorge- längen der Vereinigten Kirchenchöre unter der Leitung von Kapellmeister FuchS wirkungsvoll umrahmt. Mit dem gemeinsamen Gesang des Lutherliedes »Ein feste Burg ist unser Gott" fand die erhebende Kundgebung, die auch durch den Kasseler Sender übertragen wurde, ihren Abschluß. -ee.

einem einzigen dieser Kraftwagen verstaut. Der Rest diente als Schutzeskorte. Auf jedem Pan­zerwagen waren fünf Leute postiert, die 'm Notfall« je ein Maschinengewehr bedienen tonn« ten. Außerdem war jeder Wächter mit Trä­nengasbomben ausgerüstet. Die Straße war mit Polizisten bespickt und der Eingang in das alte sowie das neue Bankgebäude wurde peinlichst überwacht.

Diese außerordentlichen Vorsichtsmaßnahmen waren nicht überflüßig, denn die amerikanische Verbrecherwelt war aus allen Großstädten der Union zusammengeströmt, da ihr durch ihren Spitzekdienst das streng gehütete Geheimnis/ der Umzugszeiten gemeldet worden war. M. 2.

Buntes Allerlei.

Erinnerungen einer Hofdame.

Ein interessantes Buch liegt in den soeben bei Mittler u. Sohn, Berlin, erschienenen Le­benserinnerungen der Gräfin Bünau, früheren Hofdame der Landgräfin von Hessen, geborenen Prinzessin Anna von Preußen, vor. Die Ver­fasserin schildert darin die Eindrücke und Er­fahrungen, die 39 Jahre am Darmstädter Hof ihr einbrachten. Sehr beachtenswert sind die Schilderungen der Vorgänge beim Uebertritt der Landgräfin von Hessen zur katholischen Kir­che, der damals großes Aufsehen erregte und den vorübergehenden Bruch mit Kaiser Wil­helm II. zur Folge hatte. Die hervorragende musikalisch« Begabung der Landgräfin führte Künstler ersten Ranges, wie Brahms, Rubin­stein an ihren Hof; Frau Clara Schumann, Baronin v. Rothschild, Professor Julius Stock- hausen waren häufige und gern gesehene Gäste. Köstliche Anekdoten und spannende Erlebnisse bereichern das Buch.

Sinunvergeßlicher" Regenschirm.

Nichts wird häufiger vergessen als der Re­genschirm. Run soll aber auch dem zerstreute­sten Professor und der na°Hlässigsten Weltdame die Möglichkeit geboten werden, ihren Regen­schirm nirgends stehen zu lassen. Der »unver­geßliche" Regenschirm hat als Knops einen Tier­kopf, dessen Zähne durch eine starke Feder zum Zuschnappen eingerichtet sind. Man befeftigt aus diese Weise den Schirm am Mantelärmel, ohne daß dadurch eine Schädigung des Stoffes hervorgerufen wird. Das Gebiß hält so fest zu­sammen, daß der Träger des Regenschirms die­sen nicht verlieren und auch kein Dieb den Schirm cwrsißen kann. Die Zähne des sest- haltenden Tierkopfes öffnen sich erst auf einen Druck des Besitzers, der dann den Schirm aus- spannen kann. Der »unvergeßliche" Regenschirm ist in allen Preislagen erhältlich, ober die teu­ren Stücke zeichnen sich durch besonders schön modelliert« Köpfe vor Hunden, Tigern und Leo­parden aus.

Diamanten für i Mark da« Stück.

Der Reichtum der Diamantfelder von Na- maqualand (Südafrika) ist so sabelhast, daß die Eingeborenen dort Schätze besitzen, von denen sie garnichts wissen. Wie aus Kapstadt berich­tet wird, kann man dort einen Diamanten, der durch den Hals einer Whisky-Flasche hindurch- geht, für einen Schilling kaufen, während für noch größere Diamanten zweieinhalb Mark ge­zahlt werden. Die Schwierigkeit ist nur, diese Diamanten herauSzubringen, denn es herrscht eine strenge Staatskontrolle. Würde man die freie Ausfuhr gestatten, dann würden die Dia- mantenpreise wäyrend des reichen Angebots so­fort ungeheuer fallen. Es finden aber immer wieder Diamanten aus Namaqualand ihren Weg ans den Londoner Diamantenmartt, und das schafft eine große Beunruhigung der Händ- lerkreise. Man ist jetzt einem umfangreichen Schmuggelfystem auf die Spur gekommen, das feit sechs Monaten betrieben wird. Verdacht wurde geschöpft, als ein Diamantenwäscher, der von seinem Platz für 140 000 Mark Steine ver­kaufte, dann verschwand und eine Untersuchung das Fehlen von Edelsteinen feststellte.

Lin Siebzigjähriger.

Geheimrat Professor Dr. Kitt, der Vorsteher des Münchener Jnsfitnts für Tierpathologie, der besonders durch seine Arbeiten aus tier- medizinischem und landwirtschaftlichem Gebiet hervorgetreten ist, vollendet am 2. November fein 70. Lebensjahr.

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