Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
18. Jahrgang
Donnerstag, 25. Oktober 1928
Einzelpreis; Sonntags 20 Pfennig
Nummer 253 Einzelpreis. Wochentags 10 Pfennig.
Man legt uns neue Dawesketten an.
Das Weißbuch trügt
Was wir herauslesen.
Hätte der pfiffige Dollarjournalist das Flöt- tengeheimnis nicht den Pariser Ministerschub- sächern entrissen, so könnte man uns über dieses Kompromiß heute noch blauen Dunst vormachen. Denn auch die jüngsten Reinwaschungsversuche der Themse« und Setnekumpane sind weder erfreulich, noch stichhaltig, noch irgendwie über« zeugend. Wir haben mit Weiß« und Rot-, mit Grün- und Blaubüchern aus den Tagen des Kriegsausbruches zuviel traurige Erfahrungen gemacht, als daß uns ein solches Dokumenien- bündel heute noch als unwiderleglicher Ausdruck der absoluten historischen Wahrheit erscheinen könnte. Freilich, die Abrüstnagsvorkonferenz hat in allem Bescheid gewußt. Daraus berufen sich die Autoren dieser kriegerischen Dokumente. Wir können dazu nur sagen: umso schlimmer für die Abrüstungsvorkonferenz, die sich gegen diese Kliquenwirtschast hinter den Kulissen blind stellt. Mit welchem Augurenlächeln werden sie sich die Hände gedrückt haben, wenn sie in den Morgenblättern die Berichte über die Abrüstungsverhandlungen und die wohlmeinenden Leitartikel dazu gelesen haben! Man hat Theater gespielt vor der Welt, von der man weiß, daß sie ein Stück des Friedens auf« gespielt sehen will, aber man bat sich in den Pausen mit den eigentlich wichtigen Dingen beschäftigt, mit den Kanonen und Panzerschiffen und ähnlichen Gegenständen, die,von der Menschheit sonst nicht gerade als Friedensembleme betrachtet werden. So steht die Sache.
Man teilte sich in den Geheimbriefen auch stirnrunzelnd mit, daß das Flottenabkommen in Berlin Unruhe erregte. Nun, das war wahrhaftig kein Wunder. Ein entwaffnetes Volk bekommt zu hören, wie man in den Nachbarländern weiter aufrüstet statt abzurüsten. Die Antwort aus London soll beschwichtigen: man wolle selbstverständlich nicht gegen das Loearno-Ab- kommen handeln; es handle sich nur um eine .Einschränkung" der Ieerüstung. Das ganze Abkommen solle nur dem Frieden dienen. Ist das nicht ganz der Stil der Vorkriegszeit? Auch damals ein Wettrüsten um jeden Preis. Aber immerhin, wenn von irgend einer wohl- meinenden Stelle einmal Besorgnisse geäußert wurden, war die stereotype Antwort: nur zur Verteidigung! Nur zur Sicherung des Weltfrie- dens! Und so hat man Jahre und Jahrzehntelang den Weltfrieden .gesichert", biS er plötzlich in den Weltkrieg umsprang. England und Frankreich sind offenbar schon wieder auf dem gleichen Gleise. Alle schönen Reden können das Unbehagen, das nicht nur Berlin, sondern alle ehrlichen Friedensfreunde der Welt gegenüber diesem Abkommen haben müssen, nicht beseitigen. .
Die Art, wie die heutigen Herren der Welt die Abrüstung betreiben, ist jedenfalls alles andere als vertrauenerweckend. Allerdings, Frankreich kann zufrieden sein, denn England stellt jeden Widerspruch ggeen die französische Landrüstung ein. Und England kann auch zufrieden sein, denn es behält freie Hand für seine Flottenrüstung. Vor den französischen U-Booten braucht England sich nicht mehr zu fürchten, denn es hat die Zusicherung, daß sie nur gegen andere Mächte dienen sollen. Aber Lloyd George hat schon das Menetekel an die Wand gemalt, wenn diese Tiefseehaie sich eines TageS gegen John Bulls Dread- noughts wenden. England kann dagegen auf französischem Boden gegen andere Mächte operieren. Für seine Flugzeuge wird die nötige Baus geschaffen. Wenn sie nur nicht auch auf Paris vorstoßen könnten! Also wirklich ein .herzliches" Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden. Nur bei den erwähnten .anderen" Mächten hat das Gefühl der Freundschaft einen fast unheUbaren Knax bekommen. Die Herzlichkeit zwischen zwei Völkern ist eine schöne Sache; wenn es aber zu ihren Ausdrucksformen gehört, daß sie in möglichst lückenloser Ergänzung der beiderseitigen Bewaffnung gegen andere ihre Hauptaufgabe steht, dann wirkt diese Art der Völkerverständigung eben doch nur nach einer Seite hin. Das englisch-französische Flottenabkommen kann aus schwarz nicht weiß machen. Die 45 Seiten amtlicher Dokumente können es auch nur beschönigen, aber nicht schöner machen. Mit dem Abkommen von Locarno hat es so wenig gemein, daß Lloyd George heute dem Adjutanten Chamberlains rät, sich das Fahrgeld nach Paris zur Unterzeichnung des Kelloggpaktes zurückgeben zu lassen. Wenn es mit der Abrüstungskonferenz wirklich vereinbart war, dann ist es höchste Seit, daß man aus einer so militärischen Abrüstungskonferenz endlich einmal eine wirk- liche Abrüstungskonferenz macht.
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Wer Frauen richtet.. .
Fingerzeige für das neue Strafgesetzbuch.
Jährlich noch immer zwei Milliarden Gold mark. — Die gesamten Weltkriegsschulden fallen uns zur Last.
London, 24. Oktober. (Eigene Drahtmeldung ) Die Höhe der jährlich von Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen gibt ein diplomatischer Korrespondent mit 2—2,2 Milliarden Goldmark an. England begründet feinen Standpunkt damit, daß dem englischen Steuerzahler keine Erschwerungen aufgcbürdet werden dürfen, mit der französischen Auffassung über die Bezahlung interalliierter Schulden Frankreichs durch die deutschen Reparationsleistungen und der Forderung nach Wiederaufbau, sowie mit der belgischen Forderung nach Zahlung von vier Milliarden Mark als Entschädigung für die im Kriege in Belgien in Umlauf gebrachten sechs Milliarden Mark. Paris sei wegen der im nächsten Jahre an Amerika fällig werdenden vierhundert Millionen Mark stark interessiert. Die treibende Kraft sei aber Parker Gilbert.
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Paris, 24. Oktober. Laut Pressenotiz war ein auf dem französischen Grenzbahnhof von Breil
einlausender italienischer Zug mit den Abzeichen des Faschismus versehen. Zwei kommunistische französische Eifenbahnarbeiter versuchten vergeb- lich, das an der Lokomotive angeschweißte Abzeichen Herunterzureitzen. Die Eisenbahner und der Bahnhofsvorstand sollen die beiden zuerst zur Wache geführten, dann aber wieder entlassenen Franzosen beglückwünscht haben. Die französischen Behörden sollen sich entschuldigt haben.
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Warschau, 24. Oktober. Marschall Pilsudski hatte gestern im Kriegsministerium eine lange Konferenz mit den beiden Vize-Kriegs- Ministern, dem Chef des Generalstabs usw.
Warschau, 24. Oktober. Tie polnische Delegation für die polnisch-litauischen Verhandlungen fährt am 2. November nach Königsberg. Sie wird jedoch nicht mit neuen Vorschlägen hervortreten.
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Lwyd George prangert den Verrat am Weltfrieden an. Der Kelloggpakt keinen Pfifferling wert.
London, 24. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Lloyd George äutzerte sich zum Weitzbuch über das Flottenkompromiß: Die Preisgabe unseres Standpunktes in der Frage der ausgebildeten Reserven bedeutet daß jede Abrüstungskonferenz eine Komödie sein wird. Es ist ein vollständiger Verrat an der Sache des Weltfriedens. Nach dieser Vereinbarung kann Frankreich ein Heer von fünf Millionen Mann aufrechterhalten, Polen zwei Millionen, die Tschechoslowakei Wi Millionen und Italien und andere europäische Länder Heere von fünf Millio- nen Mann. Der Kelloggpakt ist unter diesen
Umständen nicht einmal das Fahrgeld Lord Cushenduns für seine Reise nach Paris zur Unterzeichnung des Paktes wert.
21u(t> Sioiun von den Freunden v wogen.
Rom, 24. Oktober. Die Regierungsblätter sind über das englische Flotten-Weißbuch befremdet, da der italienischen Regierung das Zugeständnis Englands hinsichtlich der französischen Landreserven, trotz ausdrücklichen vorherigen Befragens, verheimlicht und in Abred e gestellt worden sei. Erst 1% Monate später sei Italien über dieses Abkommen unterrichtet worden.
Zwei Zeppeline starten heute.
Gras Zeppelin u. Los Angeles machen sich fertig.
Newyork, 24. Oktober. (Funktelegramm.)! „Graf Zeppelin" wird voraussichtlich heute zui seinem Flug nach dem mittleren Westen aufstei-I
gen. Die Beschädigungen sind restlos ausgebessert. Die „Los Angeles" wird entweder kurz vor oder nach dem Aufstieg des „Grafen Zeppelin" zu einem UebungSflug aufsteigen.
Langkoop macht Schule.
Ein zweiter Ueberfall im ReichSentschädigungsamt. — Zeichen der Unzufriedenheit unter den Verdrängten.
Breslau, 24. OAober. (Privattelegramm.) Gestern vormittag erschien im Zimmer des Leiters des Reichsentschädigungsamtes für Kriegsschüden unangemeldet ein Mann, der, ohne ein Wort zu sagen, eine elektrische Tisch- lampe ergriff und sie gegen den Stellvertreter warf. Nur dem Eingriff eines anderen Beamten war es zu verdanken, daß die schwere Lampe ihr Ziel verfehlte. Der Hinausgewiesene
ergriff dann das schwere Marmortintenfaß und schleuderte es zu Boden. Erst den herbeigerufe- ncn Polizeibeamten gelang es, den Tobenden zu überwältigen und zu fesseln. Es handelt sich um einen Geschädigten aus Carlsruhe in Obcr- schlrssen namens Hofreiter. Er machte einen geistig gestörten Eindruck. Für heute hat sich ein zweiter Geschädigter angemeldet, der das Amt in die Luft sprengen wollte. Taz Amt steht unter Polizeischutz.
Wahnsinnstaten aus der Dorsstraße.
Er sticht plötzlich Wachtmeister und
Warschau, 24. Oktober. (Eig. Drahtbericht.) In einem Dorf Wolyniens geriet während einer Gemeindeversammlung ein Bauer außer sich und schlug blindlings auf seine Nachbarn ein. Dem Polizeiwachtmeister entriß er daS Bajonett
sieben Dörfler über den Haufen.
und stach ihn durchs Herz. Darauf rannte er in das Dors, wo er in kurzer Zeit sieben Personen durch Bajonettstiche tötete und mehrere andere schwer verletzte. Erst als aus Kowrl eine Polizeiabteilung hcrbcigeholt wurde, gelang eS, den Wahnsinnigen unschädlich zu machen.
Plötzlich ringsum Hochwasser.
Verwüstete Erntefluren. — Abgeschnittene Dörfer. — Fortgeschwemmte Möbel.
Mailand, 24. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) DaS Hochwasser des Oglio hat weite Felder überschwemmt und die Maisernte zerstört. Der Dezzio hat drei Dörfer überschwemmt und die Dämme durchbrochen und bedroht den Friedhof. Zwei Textilfabriken wur
den stillgelegt. Groß ist die Zahl der Obdachlosen, denen das Hochwasser auch die Möbel auS den Wohnungen fortgelrieben hat. Der Oglio stieg in einer Nacht plötzlich von 70 Zenti- meter auf 270 Zentimeter. Auch die Landstraße lieot unter Wasser. Das Etsch-Tal ist ebenfalls zum Teil überschwemmt.
Von Dr. S. Cahn.
Das zur Seit int Strafrecktsausschuh sich auf« bauende neue Strafgesetzbuch wirb nicht zuletzt bei der Strafbemessung für tomsche Franeuoer» brechen auch auf die besondere Beschaisenbeit der Psyche des ..schwächeren Geschlechts" Rück- ssch nehmen müssen, wie unser inriftischer Mitarbeiter in folgenden grundsätzlichen Betrachtungen anseinandersedt.
Die im alten Gesetz niedergelegten Ideen sind vielfach veraltet. Heute beurteilt man doch zu einseitig die Tat und nicht den Täter. Eine Reihe von Bestimmungen kennen keine mildernden Umstände, die den Beweggründen des Verbrechens oder Vergehens Rechnung tragen könnten. Die Fassung des bekannten § 51 reicht nach den jüngsten Lehren von der Seele des Menschen und deren Krankheiten nicht mehr aus, einen Mittelweg zu finden zwischen völliger Geistesgestörtheit und verminderter geistiger Zurechnungsfähigkeit. Hier ist gerade das Hindernis, um deswillen auch der Richter nicht der F r a ue n s e e l e in ihrer Kompliziertheit und vor allem in ihrer Wechselbedingtheit von dem körperlichen Zustande der Frau, in einem Maße gerecht werden konnte, wie es erforderlich ist. Eine ganze Anzahl von Delikten, die Frauen begehen, sind psychologisch bedingt von
mangelndem körperlichen Wohlbefinden
als Frau! Hatte dies seither die jüngere medizinische Forschung erkannt, so stand doch der Richter oft dem ratlos gegenüber, weil das Gesetz, wie bereits erwähnt, versagte. Wenn auch die juristische Praxis nach Möglichkeiten die Schwächen des derzeitigen Rechts zu lindern versucht, so kann sie doch häufig um den gesetzlichen Tatbestand nicht herumkommen; und muß deshalb oft die Gnadeninstanz das korrigieren, was die Rechtsprechung aus Ermangelung eines modernen Gesetzes als Urteil findet. Die damalige Zeit kannte eben noch nicht die Lehren der mo- deinen Psychiatrie, der Psychologie und der Pädagogik. Diese sind mit die vornehmsten Quellen des neuen Strafgesetzentwurfes, der sich in bewußtem Gegensatz zum alten stellt: Im Anfang war der T ä t e r und nicht die Tat! Neben der Grimdidee: Sicherung der Gesellschaft, soweit es eben geht, hat in dem im wesentlichen beibehaltenen Strafensystem der Strafrahmen eine sehr große Erweiterung erfahren. Hierin liegt die grundsätzliche Bedeutung auch für die Beurteilung der Frau als Delinquentin. Es besteht stets die Möglichkeit, bei Vorliegen mildernder Umstände eine geringere Strafe auszusprechen. War also eine Tat durch eine bestimmte seelische Haltung bedingt, die als Reaktionserscheinung des spezifischen Gesundheitszustandes der Frau zu werten ist und kommt das Gericht nicht zu dem Ergebnis, daß etwa eine verminderte Zurechnungsfähigkeit vorliegt, so kann es doch die Strafe mildern, weil das mangelnde gesundheitliche Wohlbefinden der Frau einen erhöhten Anreiz zur Tat gab. Außer diesem positiv vorgeschriebenen Umstand, sollen ferner bei Bemessung der Strafe berücksichtigt werden: die Beweggründe zur Tat, der Zweck, den der Täter verfolgt hat, die Nachhaltigkeit des zur Tat aufgewendeten Willens und die angewendeten Mittel, die verschuldeten Folgen der Tat (wenn zum Beispiel der Verletzte durch die Schuld des Täters stirbt). Auf das Maß der Einsicht des Täters und den Einfluß krankhafter und ähnlicher Willensstörungen soll Rücksicht genommen werden Ties ist also der Unterbegriff zum Anreiz zur Tat." Wenn übrigens hier stets vom .Täter" und nicht von der Täterin die Rede ist, so um deswillen, weil die Terminologie des
Gesetzes keinen Unterschied der Geschlechter kennt und unter .Täter" auch weibliche Perso- nen zu verstehen sind. .Krankhafte und ähnliche Willensstörungen" — das ist im Rahmen unseres Themas der deutlichste Hinweis auf die auf den Körper reagierende Frauenseele. Der Katalog ist noch nicht erschöpft. Oft stärker als der Mann ist die Frau Milieuprodukt. So kann sie es nur gut heißen, wenn ihr Vorleben, ihre persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zur Zeit der Tat und der Aburteilung und schließlich ihr Verhak ten nach der Tat, ob sie etwa Reue gezeigt hat, bei der Sttafbemessung ausschlaggebend sein so!» len. Die Gewohnheitsverbrecherin soll härter« Sttafen treffen, als diejenige unglückselige Frau
die nur einmal strauchelte.
Neu eingeführt worden ist schließlich der Begrist der verminderten Zurechnungsfähigkeit, sodaß nun auch in diesem Fall schlechthin Strafmilderung eintreten kann. So sehen wir, daß der Entwurf in einem Ausmaße der Frau gerecht wird,