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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler

Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 230

(?fnieltirrf6 WocheniaoS 10 Pfennig

Freitag, 28. September 1928.

S Sonntags 20 Pfennig

18. Jahrgang

Frankreichs Luftfahrtminister allmächtig.

Die pulverhölle im Fort.

Nach der Riesen-Explosion nur noch ein Trümmerhaufen. Bis jetzt 34 Tote, 200 Verletzte. Ein herzzerreißendes Wiedersehen.

Melilla, 27. September. Heute um Mitter­nacht flog das Munitionslager des Forts in die Luft, als die aus dem Theater kommende Menge die Straßen füllte. Einem starken Feuerschein am Himmel folgte eine furchtbar« Detonation, worauf ein Hagel von Trümmern, Glasscherben, umstürzenden Schornsteinen und ein Regen von Sand auf die entsetzten Menschen niederging, die in der Meinung, daß sich ein Erdbeben er­eigne, nach allen Richtungen auseinandcrstoben. Sofort begaben sich die Militär- und Zivilbehör­den sowie eine immer größer werdende Men- schenmenge zum Fort Cabreziras. Ihren Augen bot sich ein furchtbares Bild der Verwüstung und des Schreckens. Schreie ertönten aus den einge­stürzten und unter den Trümmern des Forts halb begrabenen Baracken. Von dem Fort war nur noch ein riesiger Trichter übrig, dessen obere, mit Steinblöcken und Schutt be­deckten Ränder den Platz des ehemaligen Forts bezeichneten. Bei Fackel- und Laternenbeleuch­tung machte man sich an die Bergung der Ver­letzten und Toten. Schon nach wenigen Stun­den wurden 34 Leichen in die Leichenhalle ge­bracht und etwa zweihundert Verletzte in die Hospitäler überführt. Einige der der Katastrophe Entflohenen kehrten heute früh zurück, wobei sich herzzerreißende Szenen abspielten.

Ganze Familien sind ums Leben gekommen, von anderen ist nur ein einziges Mitglied übrig geblieben. U. a. wurden die Leichen einer Frau und ihrer beiden kleinen Kinder gefunden. Die ganze Stadt beteiligt sich eifrig an der Sorge für die Geretteten. Größere Summen werden zur Verfügung des Komitees gestellt, das mit Unterstützung der Betroffenen beauftragt ist, denn

fast sämtliche Bewohner der um das Fort herum gebauten kleinen Häuser lebten in großer Armut.

* * *

)m Hagel der Zentrrerblocke.

Szenen des Grauens. Ungezählte Opfer.

Madrid, 27. September. Der General San Sarjo erklärte vor seiner Abreise nach Melilla, daß nach den letzten Nachrichten die Zahl der Opfer 215 betrage, daß aber außerdem noch ver schiedene verstümm-lle menschliche Körper­teile unter den Trümmern gefunden worden seien. Der größte Teil der Opfer ist durch vir riesigen S t e i n b»ö ck e getütet worden, die die Explosion aus den an der Basis bis zu zwölf Meter starken Mauern des Forts Cabreziras her­aus gerissen hat. Im Fort lagerte sowohl Schwarzpulver wie . anchloses zur Herstellung von Geschossen. Ein Verwundeter wurde durch einen stürzenden Balken grauenhaft verstümmelt. Als er geborgen wurde, fand man neben ihm seine vierKinder entseelt aus.

*

Zwei Kataftrophm Diniere nander.

Madrid, 27. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Unter den Verletzten befinden sich auch acht Soldaten und zwar sieben Europäer und ein Eingeborener. Di? neue Katastrophe hat in Madrid, das noch von Traue» über den Theater­brand erfüllt ist, einen niederschmetternden Ein­druck gemacht. Der Oberkommissar vor Marokko führt das Unglück auf Unvorsichtigkeit zurück, denn schwarzes Pulver explodiert nicht von selbst, sondern nur unter irgendeiner äußeren Einwir­kung. Die Zwischenwände des Pulverlagers waren von riesiger Dicke.

Amerika zeigt die kalte Schütter.

Eisige Duschen für London-Paris. Tiefe

London, 27. September. (Eigene Drahtmel» düng.) Nach Berichten aus Newyork wird die Antwortnote Amerikas auf das englisch-franzö­sische Flottenkompromiß (die Kasseler Neuesten Nachrichten haben die glatte Ablehnung schon gestern deutlich angekündigt. Die Red.) aus die internationale Stimmung die Wirkung eines Eisblockes haben. Sie ist tatsächlich eine Weige­rung, irgend etwas mit der britisch-französischen Tätigkeit zu tun zu haben. Sie wird die offi­ziösen Andeutungen, daß Europa einen Vorschlag von Seiten der Bereinigten Staaten begrüßen würde, unberücksichtigt lassen. Lord Cus henduns durch einen Zeitungskorrespondenten an Amerika gerichtete Einladung wird ignoriert werden. Die Vereinigten Staaten werden kei­nen Vorschlag machen, außer auf offen und aufrichtig einberufenen internationalen Ver­sammlungen. Sie sind bereit, einen Delegierten *u der Vorbereitenden Abrüstungskommission >« Genf zu entsend:». Britische Beobachter in Amerika sind ernstlich besorgt über die augenblick­liche Lage und empfinden, daß sie am Beginn einer zweiten Periode der Entfremdung mit Amerika, die beim Abschluß der Genfer Kon­ferenz entstanden ist, stehen.

Das Volk denkt anders.

Schwere Vorwürfe gegen Frankreichs Sozia- listenhaupt. Er hält die Abrüstung nur auf.

Paris, 27. September. (Eigene Drahtmeldung. Der französische Sozialichcnführer Leon Blum äußert sich über seinen Parteifreund Paul Bon­cour, dieser sei in vielen Zusammenhängen mit der Partei nicht mehr gleicher Meinung oder stimme mit sich selbst nicht überein. Paul Bon-

Entfremdung wegen des Flottenabkommens.

cour habe sich Briands Auslegung der Bestim­mungen des Versailler Vertrages angeeignet, die den Gedanken der Rüstungsvcrringerung an die Stelle der Abrüstung setzen und diese Verrinae- rung einem Mindestmaß von Sicherheit unter- ordnrn. Damit würde man den Versailler Ver­trag seines wesentlichsten Inhaltes berauben. Die Volksmeinung sasse die Sache anders auf Es scheine, daß man nach der Auffassung Paul Boncours für die Abrüstung über das Bestehende hinaus nichts beschaffen könne.

Gino Luftkrise in Paris.

Eynag will auch die Kriegsflieger kommandieren.

Paris, 27. September. (Eigener Drahtbe- richt.) Wie verlautet, hat im Ministerrat Kriegs­minister PainlevL sich hinsichtlich der Zuteilung der Befugnisse des Luftfahrtministers über die Militärluftschiffahrt entgegenkommend gezeigt. Dagegen habe der Marineminister Leygucs erklärt, es erscheine ihm unter diesen Umstände« schwierig, sein Porteseuille zu behalten. Poin- cars und Präsident Doumergue hätten jedoch den Marineminister so lebhaft aus die ernsten politischen Folgen seiner Demission hingewiesen, daß Leygucs schließlich nachgegeben ha­be. Kriegsminister Painlevt soll erklärt haben, er habe das Demisfionsgrsuch des Gene­rals Debeney, des Chefs des Generalstabs, in der Tasche für den Fall, daß die Regierung Eynag die Befugnisse bewilligen würde, dir er für fich beanspruche. Der Arbeits- und In­nenminister und schließlich auch Ministerpräsi­dent Poineart hätten fich für alle Forderun­gen Eynags eingesetzt.

Moderne Vampyre

Die Skandale um Kriegsanleihe u. Pfandhaus.

Der Kriegsanleiheskandal zieht immer wei­tere Kreise und nimmt geradezu phantastische Formen an. Wenn auch der junge St in­ne s keineswegs etwa der Mittelpunkt oder gar der Leiter dieses ungeheuerlichen Staatsbetrugs gewesen ist, so steht es heute doch noch nicht fest, wer zuerst aus den Gedanken gekommen ist, sich durch Umfälschung von Kriegsanleihe-Neubesitz in Kriegsanleihe-Altbesitz Vorteile zu verschas- sen, Vorteile, die bei einer planmäßigen Orga­nisation das Reich um Hundertevon Mil­lionen schädigen mußten. Der Kriegsanleihe- Neubesttz wird mit 25 aus 1000 Mark eingelöst. Wenn aber jemand nachweisen kann, daß er die Kriegsanleihe schon im Kriege erworben hat, so erhält er durch ein System der Auslosung das Fünffache dieses Betrages. Die Um­fälschung von Neubesitz in Altbesttz war also für die Fälscher ein lohnendes Geschäft, und des­halb ist es auch von den vielen Seiten gleich­zeitig versucht worden. Wenn Ausländer durch solche Fälschungen das Reich zu schädigen ver­suchen, so ist das gewiß verwerflich, aber es ist bei weitem nicht so schlimm, als wenn auch Deutsche sich an diesem Treiben beteiligen. Es stehen, wie versichert wird, hier noch allerlei Ueberraschungen bevor.

In die vielfach noch unbekannten Schliche der Affäre selbst weiht ein Berliner Blatt wie folgt ein: Nachdem weit über hundert Millionen zur Aufwertung angemeldct waren, griff die Reichsbank zu Abwehrmaßnahmen: es handelte sich sür sie darum, zu prüfen, ob das, was als Kriegsanleihe-Altbesitz angemeldet wurde, auch tatsächlich Allbesitz war. Zu diesem Zweck wurde bei der Reichsbank eine Geheim- ableilung eingerichtet, in deren Tresors Mate­rial verwahrt wurde, das jetzt manchen Leuten sehr gesährlich werden kann. Als nämlich zum erstenmal der Plan aufgetaucht war, einen Un­terschied zwischen Altbesttz und Neubesttz zu machen, richtete die Reichsvank B e s i tz l i st e n ein, und das Reichsfinanzministerium stellte an Hand amtlicher Unterlagen fest, welche Kriegs­anleihestücke zu einem bestimmten Stichtag als Altbesttz gewertet werden sollten. Gleichzeitig wurde von der Reichsbank ein Laboratorium eingerichtet, in dem alle einlaufenden Anmel­dungen daraufhin geprüft wurden, ob etwa kleinere Veränderungen vorgenommen worden waren, wenn Mantel und Stücke nicht genau zueinander passen wollten. In diesem Labora­torium wurde mit Hilfe der Quarzlam­pe in zahlreichen Fällen sestgestellt, daß den An­meldernIrrtümer- passiert waren. Auf diese Weise wies man die Ausländer ab, darunter auch den französischen Aba. Calmon.

Gewisse neue Fälschertncks brachten den Un­tersuchungsrichter dann auf den Gedanken, daß die Betrüger Wind davon bekommen haben könnten, daß die Reichsbank eine Geheimabtri- lung besaß und alle Mäntel und Stücke unter­suchen ließ. Es blieb keine andere Möglichkeit, als daß die Betrüger sich die Hilfe von Be­ll m t e n gesichert hatten, die mit diesen Dingen genau Bescheid wußten. Ob von den Listen, die bei der Reichsbank lagern, Abschriften gesertigt worden und ob diese Abschriften in den Besitz der Schieber gekommen sind oder ob die Schieber sich auf andere Wege von der Geheimabteilung bei der Reichsbank und ihren Prüfungsmetho­den Kenntnis verschafft haben, darüber wird zur Zeit ein Reichsbankrat vernommen. Jedenfalls scheint man noch längst nicht am Ende der Ueber­raschungen zu stehen.

Ein zweites trauriges Kulturbild rollt jetzt auch der Pfandanleiheprozeß gegen Bergmann auf, in dem ebenfalls die Hinter­männer, die Geldgeber, die Teilhaber, diese ganze Korona von geldhungrigen Leuten die Typen sind, die für den ganzen Betrieb des Lombard- geschäftes bezeichnend sind und seine unentbehr­liche Voraussetzung bilden. Die ändere ebenfalls unentbehrliche Voraussetzung sind, die armen Teufel, die finanziell an den Rand des Abgrundes geraten aus chrer Verzweiflung heraus nach jedem Strohhalm greifen. Um sich durch einen Geldbetrag über den Augenblick hinwegzuretten, hinter dem sie irgendwoher Hilf- erhoffen, un­terschreiben sie jeden Vertrag, bewilligen sie jede Summe an Zinsen und3 ovisionen. So liefern sie sich dem HenkerselbstansMesser, der sic dann rücksichtslos zur Schlachtbank führt. Auf Not und Tränen beruht dieser ganz- Geschäfts­betrieb, der sich äußerlich in legalen Formen ab­zuspielen bemüht, der aber tatsächlich mörderisch mit dem einen Teil seiner Klienten »mgeht, um den andern maßlos zu bereichern. Bergmann selbst ist ein gewissenloser Profitma- ch r. der auch früher schon oft genug mit dem

ver Jammer, aus dem er seine Gewinne zieht, schon längst keinerlei Bedenken mehr. Die Gelv- gier hat in ihm jedes menschliche Gefühl ertötet Aber um wievteles sind feine Helfer und Mit­arbeiter besser? In wieweit kan" man den Leu­ten, die sich seiner bedienten, um 48 Prozent Zinsen und noch mehr von ihrem Gelbe heraus­zuschlagen die gleichen Vorwürfe ersparen? Und was soll man nun erst von den Juristen sagen, die ihm mit ihrer RechtskenntniS z r Hand gin­gen? Oder von den prominenten Geschäftsleu­ten, die ihre Namen dazu hergaben, einem der­artigen Wucherbettieb erst den nötigen Kredit zu verschaffen? Zweifellos ist der Vampyr Berg­mann erst auf dem Boden einer skrupellosen m.fbrrlrr ttingTIA N»d -S fAnbei (tOT

nichts, wenn in diesem Prozeß auch solche Namen an den Pranger gestellt werden, die vielleicht juristisch nicht haftbar zu machen sind, die aber unter moralischem Gesichtspunkt durchaus ver­dienen, der öffentlichen Verurteilung preisgege- ben zu werden.

Es muß doch allen dies« Hyänen mindestens zweifelhaft erschienen fein, ob sich die Riesenpro­fite des Bergmannschen Unternehmens wirklich auf anständige Weise machen ließen. Anderen Leuten, und nicht einmal immer ven wohlha­bendsten, macht die soziale Not breiter Volks­schichten Sorge, während gewissenlose Ausbeu­ter noch immer nur den einen rohen Gedanken kennen, sich selbst möglichst rasch und anstreng- unoSloS iit bereiAem.

Die zweite Heimat.

Wie fich russische Emigranten durchschlagen.

Von Graf Valeria« Oitoorke.

Die recht zahlreiche« rassischen Emigranten in Europa bilden eine Bevölkerungsichicht. die den Regierange» durch ihre politische Einftel- lnag viel Kopfzerbrechen bereitet hat «nd noch heute vielfach ei« Stein des Änftotzes ist, wie nufer Mitarbeiter in folg, interessante« Ein­blicke« r« erkenne« gibt.

Einige Staaten haben es versucht, die aus ihren Territorien ansässigen Emigranten in das soziale Leben des Landes einzuordnen. So hat Frankreich z. B. die Einbürgerung der russischen Emigranten erleichtert und ihre Unterbringung in produktiven Berufen begün­stigt. Auch in Deutschland bestehen für Emi­granten keine Hindernisse, einen beliebigen Be­ruf zu ergreifen. Von diesen Möglichkeiten ha­ben aber die Emigranten selbst besrcmdlicher- weise wenig Gebrauch gemacht. Zum größten Teil haben sie sich, insbesondere in Deutschland, einer Tätigkeit gewidmet, die im eigentlichen Sinne nicht als produktive anzusehen ist.

Spielklub-Leiter, Restaurateure, Chauffeure und Spekulanten

an bet Börse, Leiter von Modesalons, das war und ist die Hauptbeschäftigung dieser Ele­mente. Diese Erscheinung findet vielleicht ihre subjektive Berechtigung darin, daß die Haupt­masse der Emigranten sich aus Elementen zu­sammensetzt. die in ihrem früheren Leben es niemals nötig gehabt haben, um das tägliche Brat und dessen Erzeugung zu kaiNpfkn: durch die besonderen sozialen Verhältnisse wur­de dieser Kamps für die russische Bourgeoisie zumindest sehr erleichtert. Die Gutsbesitzer, ho­hen Militärs und sonstigen ehemaligen Wür­denträger, die es gewöhnt waren, die Welt zu ihren Füßen zu sehen, die sich selbst als die Verkörperung Rußlands betrachten, lebten auch in der Fremde solange in diesen Illusionen, wie die Reste ihres einstigen Vermögens es gestatteten. Sie betrachteten sich in erster Linie

als ein Volk ohne Land, *

sie widersetzten sich selbst einer Einordnung in das soziale Leben des betreffenden Landes und verlangen noch heute «ine Behandlung vom politischen Standpunkte aus. Der großrussisch« Monarchistenführer Markow II, der berüchtigte Führer des rechten Flügels der Reichsduma, hatte fein Hauptquartier in Ber­lin aufgeschlagen. Unter ihm wurde in Sei- chenhall die Exekutive des »Obersten Monarchi­stischen Rates" gebildet und dessen Sitz nach Berlin verlegt, von wo aus die Fäden über den ganzen europäischen Kontinent ausgesponnen wurden. Als aber di« Jnterven- tionsversuche in Rußland zusammenbrachen, die Mächte, eine nach der anderen, die bestehen­de russische Regierung anerkamtten, kühlten sich die Gemüter allmählich ab. Als dann auch ge­wiss« Subventionen in Deutschland ausblieben, aus welche der »Oberste Monarchistische Rat" gerechnet hatte, trat unter den führenden Emi­granten ein Stimmungsumschwung ein. Sie spalteten sich in zwei Gruppen und verlangten ihren Sitz nach Paris. Die politische Lei­tung der Emigranten die dem »Rat" Treue ge­schworen hatten, wurde aber nach wie vor auch in Deutschland beibehalten. In diesen politi- l'chen Kämpfen wurde von den Führern die große Emigrantenmassc, die in ben Kafernen in Jugoslavien, auf ben fchmutztgchi Straßen In Konstantinopel und in den Kon­zentrationslagern anderer Länder ein elendes Dasein fristete, ganz außer acht gelassen. Daß diese Massen notdürftig ernährt werden konn­ten, ist nur den amerikanischen Wohltätig- keitsorganifationen zu verdanken, die große Mengen Lebensmittel zur Verfügung stellten. Die

Fremdenlegion bedeutete daher für sie einen Zufluchtsort,

wo man sich wenigstens regelmäßig satt essen konnte. Die Spielklubs und Restau­rationen waren Betriebe, in welchen keine Fach- kenmnifle verlangt wurden. Tie Bergwerk« in Frankreich stellten ungelernte Arbeitskräfte an. Soldaten, Offiziere und das geflüchtete Bür­gertum versuchten, in diesen Berufen unterzu­kommen Da sie aber keine wirtschaftliche Zen­tralorganisation hatten; gelangen diese Bemü­hungen nur unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen. In Paris versuchten die Rus. fen, nach den Mißerfolgen in Deutschland, die französische Regierung gegen Moskau zu gewin­nen. Der inzwischen verstorbene Sasonow lebte noch dort. Markow II. hatte in Paris feine in. timen Beziehungen. Der Großfürst Niko­lai, Generalissimus der russischen Armeen int Weltkriege und französischer Marschall, der ben Titel verdient hätte, stellte sich