DienStag, 4. September 1928.
Staffele« Neueste Nachrichten
18. Jahrgang. — Nr. 209.
Km Sonntag der Straßenkrawalle
Zusammenstöße mit Kommunisten in Hamburg und im Judenviertel von Warschau.
Warschau, 3. September. (Eigener Drahtbericht.) Am Sonntag wurden in der Nähe des Judenviertels bei einem schweren Zusammenstoß zwischen demonstrierenden Kommunisten und der Polizei sieben Personen durch Schüsse schwer verletzt. Zehn Personen sind verhaftet worden. Bei kommunistischen Demonstrationen in Lemberg wurden dreißig Personen verhaftet.
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Mit Messer und Rriiippeln.
Schwere Tumulte im GewerkfchaftshauS.
Hamburg, 3. September. Beim Treffen der Deutschen ^werkschaftsjugrnd kam es bei der Kundgebung vor dem Gewerkschaftshaus zu Zusammenstößen zwischen sozialistischer Arbeiterjugend und Kommunisten. An
Stellen mutzte die Polizei eingreisen. Am Gewerkschaftshaus hatten laut Preffebericht Kommunisten den Anmarschplatz der Gewerkschafts- jugend besetzt. Bei den Bemühungen, die Ruhestörer zu vertreiben kam es zu einem Tumult, in besten Verlauf von Mestern und Gummiknüppeln Gebrauch gemacht wurde. .30 Personen, zu meist Reichsbannerleute wurden durch Mester, stiche oder harte Gegenstände verletzt. Erst gegen Mitternacht war die Ordnung wieder hergestellt.
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EchiLorrrlm m»i dem Stahlhelm.
Köln, 3- September Beim gestrigen Stahl- helmwerbetag kam es mehrfach mit Andersdenkenden zu schweren Schlägereien. Auf beiden Seiten wurden einige Personen verlebt. Etwa 12 Stahlbelmer und Andersgesinnte wurden zur
verschiedenen! Polizeiwache gebracht, jedoch wieder entlasten.
Ein Lebenszeichen der Nordpolovser?
Es könnte die Jtaliagruppe
Oslo, 3. September. (Durch Funkspruch.) Ein nach Tromsoe zurückgekehrter Seehundfänger berichtet,datz ein anderes Fahrzeug, das z. Zt. in der Nähe des Franz-Jofrflandes liegt, vor etwa vierzehn Tagen auf der Edge-Jnscl ein Lagerfeuer beobachtet hatte. Die Eisverhält- niffe machten die Landung nicht möglich. Scc- hundfahrer könnten sich dort z. Zt. nicht aufhalten. Unter diesen Umständen rechnet man mit der Möglichkeit, daß die
Ballongruppe der Italia dort Zuflucht gefunden hat. Eine andere Sachverständigentheorie lätzt auch die Möglichkeit offen, datz das beobachtete Lagerfeuer nicht von der Ballongruppe, sondern von Amundsen und sei-
sogar Amundsen sein.
nen Begleitern herrühren könnte. (Siele auch Artikel 1 Beilage 4 Spalte. Die Red.)
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Flieger'enung m 6er ©rönianötoüfte
Ncwyort, 3. September. Ein Blatt will vom Observatorium in Südgrönland erfahren haben, datz die beiden Fl eger des ver^wollenen Flug- zrugs „Greater Rockford", sich wohlbehalten auf dem Observatorium befinden. Sie hätten zwei Wochen lang von selbst bereiteten Konserven leben muffen, bis die Angestellten des Observatoriums ihre Rauchsignale bemerkten und sie mit einem Boot über einen Meeresarm herüberholten.
obern wußte. So manche von ihnen Härte wohl nichts dagegen, wenn sich der demokratische Präsident in einen Sultan verwandeln würde, ja selbst in einen grausamen Tyrannen, vorausgesetzt, daß das Serail von Dolma Bogdsche wieder seinen Harem hätte und die Möglichkeit bestände, in den prunkvollen Räumen dieses einzigschönen Palastes zu leben, als Favoritin des mächtigen Herrn mit den seltsamen grünlichblauen Augen. Doch der Herr mit den grünlichblauen Augen hat durchaus kein Jnrereste an der Verwirklichung derartiger Träume; einfach, ja geradezu abhold jedweden Luxus lebt er inmitten seines großen, schweigsamen Palastes Alltäglich reichen sich die Minister und Abgeordneten im Vorraum seines Arbeitszimmers die Klinke, während drinnen ein stahlharier Wille nicht müde wird, seine Ideen zu formen und dem Lande eine neue Gestalt zu geben: die eines starken, unabhängigen Staates von westeuropäischem Zuschnitt, von modernem Inhalt und weltlichem Geist.
Der Rörrig läßt sich melden.
Alfons Gesundheitsvisite bei Chamberlain.
Santander, 3. September. Gestern mittag begab sich König Alfons an Bord des Dampfers Orcona zum englischen Außenminister Chamberlain ,der dem König entgegen ging. Die Begrüßung war sehr herzlich. Der König erkundigte sich voll Teilnahme nach dem Gesundheitszustand Chamberlains und verabschiedete sich nach einigen Minuten. Nm 2 Uhr ging die Orcona wieder in See. Eine große Menschenmenge hatte sich am Kai eingefunden.
Der Schießheld im Ballsaal.
Zwei Zuschauer als Franzosenopser.
Paris, 3. September. In Mühlhausen kam es heute Nacht in einem Ballokal zu einem Wortwechsel zwischen Zivilisten und Militärpersonen wegen der Haltung eines Urlaubers. Bei dem Streit sc! ost ein Sergeant nut , Gru umherstehender Leute, tötete eine Person und verletzte einer andere so schwer, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Die beiden hatten mit der ganzen Diskuffion nichts zu tun.
was ist nun wahr?
Ein Handelsvertrag mit Südafrika oder nicht?
Kapstadt, 3. September. Ein Blatt erfährt von zuständiger Stelle, datz zwischen Deutschland und Südafrika ein Handelsvertrag abgeschlossen worden sei.. Eine andere Meldung besagt vage gen, daß entgegen allen Erwartungen, im letzten Moment die Unterzeichnung des Handelsvertrages verhindert worden sei.
Das erste Sbettdrnkma! in Bayern,
München, 3. September. (Privattelegramm.) In Ottobrunn bei München wurde gestern vom Reichsbanner ein Ebert-Denkmal enthüllt. Der Denkmals-Platz heißt Friedrich Ebert Platz. Abgeordneter Unterleitner bezeichnete die Enthüllung des ersten Ebertdenkmals in Bayern als einen geschichtlichen Augenblick.
Quer durtv Berlin unter 6er <Sr6e.
Berlin, 3. September. Laut Prestenotiz wird Berlin «och in diesem Winter den Bau einer Untergrundbahnstrecke Alexanderplatz-Stegn: durch die Leipzigerstraße in Angriff nehmen. Diese Linie, mit Anschluß 17(4 Kilometer lang, soll spätestens im Frühjahr 1931 dem Verkehr übergeben werden.
Ein Unglückssonntag.
Drei Motorradler lassen ihr Leben.
Kandel, (Pfalz), 3. September. Unweit des Bahnüberganges stürzte beim Ueberholen von zwei Radfahrerinnen ein Motorradfahrer mit feinem Beifahrer so schwer, daß der Beifahrer auf der Stelle tot blieb. Der Fahrer selbst erlitt einen schweren Schädelbruch. Bei Bruchsaal fuhr ein 26jähriger Motorradler gegen eine geschlos
sene Bahnschranke und durchbrach sie. Im nächsten Augenblick kam der D-Zug Heidelberg-Stuttgart angebraust. Das Motorrad wurde vom Zuge erfaßt und der Fahrer und eine auf dem Soziussitz mitfahrende Dame wurden aus der Stelle getötet. Der Unglücksfall ist auf zu rasches Fahren und Versagen der Bremse zurückzuführen.
Der China-Vulkan bricht aus.
Nordchina hat vom Bürgerkrieg noch nicht genug.
Peking, 3. September. (Funkdienst.) Dte Abreise des Generals Pai Tschung Shi nach Tientsin ist ein Kennzeichen für die Wiederaufnahme des Krieges in Rordchina. Der General versicherte den ausländischen Gesandtschaften in Peking, daß für die Ausländer vollkommener Schutz gewährt würde.
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China hm Sens nicht nöhfl.
Genf, 3. September. Chinas Vertreter hat beim Völkerbund die Erneuerung seines erlöschenden Mandats für weitere drei Jahre beantragt. Am 10. September wird außerdem über den zu Gunsten Spaniens eingebrachten Antrag abgestimmt. China hofft, die Völker- bundsversammlung werde dem geeinigten modernen China als zweiten Vertreter Asiens im Rat seinen Sitz im Rat belassen, umsomehr als andere Ansprüche europäischer und südamerikanischer Staaten auf Vertretung im Rat nicht berührt werden.
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China klopft Moskau auf 6ie Finger
London, 3. September. Der Sowjetkonsul in Peking Raum off, von Chinesen in Tschang- tschun ist verhaftet, ebenso der vormalige Sowjet-
vizekonsul in Mukden, Levin der Chinesen über die Sowjetgrenze schmuggeln wollte.
Aus Politik und Wirtschaft
Bürgermeisterposten sind begehrt. Um den Posten des Bürgermeisters von Bergisch- Gladbach sind nicht weniger als 106 Bewerbungen eingegangen. Das Städtchen Ober- ingelheim in Rheinhessen hatte mit seinen 3500 Einwohnern sogar 252 Bewerber aufzuweisen.
Auch ein Heldentod. Bei den französischen Manövern in Algier sind am ersten Tage allein sechs Mann an Hitzschlag gestorben. Frankreich braucht anscheinend keinen Krieg mehr, um Soldaten umzubringen.
Das hat noch gefehlt! Das Pariser Warenhaus Lafayette hat das größte Berliner Vergnügungslokal und einen großen Teil der anliegenden, teils bebauten Grundstücke erworben. Als Kaufpreis werden sechzig Millionen Reichsmark angegeben.
Fremde Offiziere bei den Herbstmanövern. An den Herbstmanövern der Reichswehr in Ostpreußen werden die Militärattachees von sechzehn Ländern teilnehmen, allerdings nicht Vertreter der Entente.
Vergeßt die Kolonien nicht. Beim Berliner „Kolonialappell' der Kolonialdeutschen sprach Gouverneur Schnee über „Deutschlands koloniale Zukunft'. Ein Berliner Kinderchor verschönte die Feier. Der Zoologische Garten hatte eine Somali-Truppe gesandt, die durch ihre Darbietungen in den Ostafrikanern alte Erinnerungen bertiorriefen. Der Reinerlös fließt dem Kolonialkriegerdank zu.
Neuland aus dem Meer. Der neue Damm von Dagebüll nach den Halligen geht seiner
Vollendung entgegen. Nach etwa zehn Jahren wird auf der Südostseite grünendes Land liegen. Der neue Damm, der lediglich der Landesgewinnung dienen soll, wird mit feinem starken Steinmantel auch heftigen Stürmen Trotz bieten können.
Roms Kommunisteunest ausgehoben. In Vororten von Rom kam die Polizei einer umfangreichen kommunistischen Organisation auf die Spur. Ein Druckereibetrieb wurde beschlagnahmt und sechzig Personen verhaftet.
Mussolini auf der Berliner Bühne. In Berlin findet demnächst die Uraufführung von Karl Nennsttels neuestem Schauspiel „Mussolini' statt.
Schenkt den Rentnern die Steuern. Das Zentrum hat die Reichsregierung ersucht, von einer Nacherhebung der Einkommensteuer bei Sozialrentnern für 1924 b i s 1927 einschließlich Abstand zu nehmen, sofern die Rentner keine erheblichen Nebeneinnahmen haben.
Das Bauen geht zu langsam. In sechsundachtzig Städten wurden im vergangenen Halbjahr 43 679 Wohnungen fertiggestellt und 41 924 Bauten in Angriff genommen. Die Differenz der Zahl der beendeten und begonnenen Wohnungsbauten beträgt also im ersten Halbjahr 1928: 1755.
Neues ass Mel.
Von Oppeln bis Gleiwitz.
Der Oberschlefier diesjährige Kirmes.
Die Ortsgruppe Kassel der Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier veranstaltet seit Jahren zum Herbstbeginn eine Kirmes,, die echt oderschlesischen, heimatlichen Charakter trägt. Auch die diesjährige, die am Sonnabend in den .Bürgersälen" stattfand, war wieder von tiefer Heimatliebe und echt oberschlesischem Humor und Frohsinn getragen. „Von Oppeln ftä Gleiwitz' hieß diesmal die Parole, zum Gedenken der oberschlesischen Lande, die noch deutsch geblieben sind. Zu Beginn des Abends wählte sich die große „Gemeinde" — der außer den Mitglieder der Ortsgruppe auch viele Kasselaner angehörten — thren Bürgermeister, der bestimmungsgemäß Hesse sein muß. Mit dieser Wahl eines Hessen zum Sürgermei» fier der oberschlesischen Kirmesgemeinde wollen, so führte der erste Vorsitzende Oberstadtsekretär Proba in seinem Begrüßungswort aus, die Oberschlesier zum Ausdruck bringen, wie wohl sie sich in Hessen fühlen, das ihnen zur zweiten Heimat geworden ist.
Nach der Wahl dankte der neue Bürgermeister Schröder in launiger Ansprache für das Vertrauen „feiner" Gemeinde, würdigte die „Bedeutung' der Kirmes und wußte mit Hilfe des Gemeindedieners sehr bald jene harmlos- ausgelassene Stimmung zu schaffen, die ober« schlesische und auch hessische „Kärmsen" auszuzeichnen pflegt. Auch die stimmungsvolle Kir- mesmusik der Ufakapelle trug wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung bei. Schließlich sand auch das Kirmesbuch und die obligate Flasche echt oberschlestscher Korn seinen Eigentümer. Die Stunden vergingen wie int Fluge und „früh' erst fanden die letzten Kirmesbur- scheu und „Marjells nach Hause. Sp.
Mehrarbeit und Tarif.
Die Tariferneuerung im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau.
Nachdem der Mantellaris und die Mehrarbeitsregelung im mtleldeutschen Braunkohlenbergbau bereits Mitte August zu Ende September 1928 gekündigt worden sind, hat der Arbei- geber-Verband für den Braunkohlenbergbau zum gleichen Termin nunmehr die Lohnordnung gekündigt. Die Kündigung wird begrün» ber 1928 gekündigt worden sind, hat der arbeit, henden Verhandlungen über Manteltarif und Mehrarbeit die Möglichkeit zu haben, auch die
Fräulein Pokorny.
Im Wartezimmer des Theateragenten.
Von Franz Hausmann
Was ich werden wollte, als ich noch reizend und ein Knäblein war, wußte ich mit äußerster Bestimmtheit:,Schienenputzer bei der städtischen Straßenbahn! Mit ähnlicher Sicherheit weiß ich heute wohl nur, was ich nicht werden möchte. Ich möchte kein Moissi, Bassermann, Wegenet werden! Und gegen nichts und niemand würde sich mein von Natur aus sanftmütiges Herz mit so reißender Erbitterung sträuben als gegen den Theaterdirektor, der aus mir eine Jerttza machen will.
Diese Animosität gegen den Lorbeer verdanke ich einer jungen Dame mit rotem Hut. Sie saß neben mir im Vorzimmer des Theateragenten und wartete seit 9 Uhr morgens auf den Theaterdirektor aus Innsbruck. Der Direktor mußte „jeden Moment' kommen. Und jetzt war es übrigens %1 Uhr nachmittags. Ich bin mit dem Fräulein ins Gespräch gekommen. Di- gegenseitigen Sympathien ergeben sich immer von selbst, wenn der andere herausgebracht ha daß man kein Konkurrent ist. Ich werde nie und nimmer in meinem geben sentimentale Liebhaberinnen spielen, wie sie das Fräulein mit dem roten Hut spielt. Sie zeigt mir ihre mit« gebrachten Kritiken. Vielleicht hat sie nicht affe mitgebracht. In denen aber, die ich lesen darf, steht schwarz auf weiß, daß die Thimia einp >t-- len kann, wenn Fräulein Pokorny vom Stadttheater in X. einmal in der Hauptstadt die Luise aus „Kabale und Liebe" spielen wird
Fräulein Pokorny ans X ist meine Nachbarin mit dem roten Hut. Trotz glänzender Kritiken ist ihr Vertrag nicht erneuert worden Darum sitzt sie feit 9 Uhr früh bei dem Theateragenten und steht „mit Innsbruck in Verhandlungen". Die Verhandlungen bestehen 6j- rin, datz um 2 Uhr der Agent ins Vorzimmer herauskommt und zu der jungen Dame, die hier feit 6 Stunden sitzt, ein bißchen geärgert
sagt: „Gott. Fräulein, Sie sind auch noch da? Wissen Sie was, gehen Sie ins Kaffee hinüber, und ich rufe Sie an, wenn der Innsbrucker Direktor kommt! Sie wissen ja, er mutz jeden Moment kommen, aber das kann auch bis auf die Nacht dauern.
Fräulein Pokorny schmollt ein bißchen, packt ihre glänzende Kritiken in die Handtasche und legt vor dem Spiegel Rouge aus. Das ist nun der dritte Tag, den sie der Agent hinüber ins Kaffee schickt. Dort wird sie wieder vier, fünf Stunden warten. Dann geht sie nach Hause, zu Mama.. Mama ist die Witwe eines Finanzoberinspektors: das Fräulein mit dem roten Hut stammt aus yner besseren Familie. Und Mama hat es immer als Familienkatastrophe bezeichnet, daß die Tochter zum Theater ging
„Vielleicht hat die Mama recht', sagt die Tochter. „Das mit Innsbruck ist nur so eine Rederei vom Agenten. Ueberhaupt, ich hab' es satt.
Ich geh' jetz« hinüber ins Kaffeehaus und will schauen, ob tch in den Annoncen etwas für mich finde. Als Sekretärin ginge ich am liebsten Aber auch mit einer Stelle als Stenotypistin wäre ich zu frieden, und die Mama noch mehr. Die Gefchichte ist nur die, daß ich nicht einmal Maschine schreiben kann. Wenn ich das gelernt hätt', und stenographieren . . . also, dann brächten mich keine zehn Pferd' mehr Hierher'.
Die junge Dame mit dem roten Hut hat keine Ahnung von Gabelsberger. Sie hat bloß .Talent". Und was ist das? Man hat fabelhafte Kritiken aus X. im Handtäschchen, sitzt damit jeden Tag 5 Stunden beim Agenten und wartet auf den Innsbrucker Direktor, der sich die sentimentale Liebhaberin für die nächste Saison wahrscheinlich schon längst verschafft hat.
Und wenn da- Fräulein aus dem Kaffee um 8 Uhr abends nach Hause kommt, sagt ihre Mama, die Witwe des Finanzoberinspektors: „Zu was hast du es nötig gehabt, zum Theater zu gehen? Hättest lieber stenographieren gelernt wie anständige Leute . . .'
Morgen wird die junge Dame mit dem to
ten Hut wieder im Vorzimmer ihres Agenten sitzen. Und warten . . .
KomöMen des Lebens.
Eheliches Gleichgewicht.
Die beiden Freunde waren drei Jahre verheiratet, und tauschten nun ihre ehelichen Erfahrungen aus.
„Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Ehe!" sagte der eine. „In allen wichtigen Fragen bin ich es, der die Entscheidung trifft, und in allen minder wichtigen ist es meine Frau, die bestimmt. Was wichtig oder nicht wichtig ist, das zu entscheiden, überlasse ich ihr"
„Ja, da haben wir nun eine andere Methode", äußerte der andere. „Sobald wir über etwas einig sind, bin ich es, der einen Entschluß faßt; und wenn wir uneinig sind, so ist es meine Frau, die entscheidet. Also, vollständig eheliches Gleichgewicht!"
Wiener Höflichkeit.
Liesel Limburger auS Leipzig kommt nach Wien. Steigt in einem kleinen Hotel ab. Grüßt der Portier in seiner Wiener Art: „Küss' die Hand, gnädige Frau. Befehlen, gnädige grau?* Liesel Limburger nimmt das persönlich „Abei lieber Mann", meint sie geschmeichelt, „warum nennen Sie mich gnädige grau? Woher wissen Sie, daß ich daheim ein großes Geschäft mit einer Filiale und drei Verkäuferinnen habe? Nennen Sie mich ruhig ganz einfach grau Limburger". Schimpft der Portier: „Was nicht noch alles? Denken Sie denn, gnädige grau wegen Ihren paar Groschen Trinkgeld werde ich mir Ihren Namen merken?'
Lin deutscher Kulturträger.
Hundert Jahre Reclam.
Am 1. Oktober d. I. feiert der Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig fein hundertjähriges Bestehen, ein Reclam spielt durch feine einzig dastehende Universal-Bibliolhek in ber geistigen Entwicklung jedes gebildeten Deutschen eine
Rolle. Darüber hinaus aber hat Reclam deutsches Geistesgut in alter Welt verbreitet. Es sei nur erwähnt, datz u. a. in Tokio eine große Auslieserungs^teue der Unwersal-Bibiiotyck besteht, die zweifellos viel dazu betgetragen hat, deutsche Kulturwette in Japan betannt zu machen Auch in Paris hat Reclam seit kurzer Zeit wieder em Auslieferungslager. — Aus Anlaß seines Jubiläums bereitet der Vermag zahlreiche wichtige Neuerscheinungen vor: in der Untversal-Bibltolhek sollen Drei Repräsen- tationdferien herauskommen, die das Vorhandene abtunDen und ergänzen, darunter Novellen von Knut Hamsun und Jakob Wassermann, ein Opernführer von Hänsel bis zur Gegenwart, ein verschollenes Jugendwert oes Ph>lo- sophen Kuno Fischer, ein Sammelbaud Et zäh- lungen ans Sowjetrußland und vieles andere. Die Ganzleinenbände der Untversal-Bidliothek bekommen eine neue Ausstattung durch oen be* kannten Buchkünstler E. R. Weitz. — Die Helios-Klassiker werden durch eine neue Schiller- und Hölserlin-Ausgabe erweitert; von Goethes sämtlichen Werken erscheinen die letzten beiden Bände. — Brehms Tierleben ist von Carl W. Reumann nach dem neuesten Stande bet Wissenschaft bearbeitet worden und kommt in einer achtbändigen Jubiläums-Ausgabe mit ganz neuen Tierphoto traphien und farbigen Tafeln nach Originalen bekannter Tiermaler heraus. Auch öle Reihe der großen Romane Reclams und oie Sammlung „Junge Deutsche" wird znm Jubiläum des Verlages durch neue Werke fortgesetzt, darunter auch eine Änibowaie junger deutscher Lyrik. Von dem Werk Reclams soll zu gegebener Zeit noch die Rede ein.
Aus Kitnft und wissen.
♦♦ Marcell Salzer lacht wieder. Marcell Salzer, der eine schwere Erkrankung glücklich überwunden hat, beendete soeben eine Vor- tragsreise durch eine Reihe erster deutscher Bäder und Kurorte. Vor ausverkauften Häusern und mit altern glänzenden Erfolge. Er beginnt feine Winter-Turnee am 1. Oktober. L?,r hos. sen, ihn bald auch wieder in Kassel zu sehen.