Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 209
Einzelpreis Wochentags 10 Pfennig
Dienstag, 4. September 1928.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennige
18. Ja r . ang
Der Völkerbund macht gutes Wetter.
Wissel verheißt ein neues Arbeits-Sesetzbuch / Stimmen gegen die Beskbungskomkdie.
Mit klaren Augen
. . . gehen wir ins Schicksalsjahr.
Obwohl heute schon unser Handelsteil den Lesern die furchtbare Bürde vor Augen führt, unter der von heute ab Volk und Wirtschaft dahinkeuchen werden, wollen wir auch an leitender Stelle von der fast unfaßbaren Tatsache Kenntnis nehmen, daß wir in diesem Jahr volle 2yt Milliarden an Daweslasten aufzubringen haben. Jetzt also soll das verarmte und verkleinerte Deutschland Jahr für Jahr zweieinhalb mal so viel aufbringen, wie es in blühenden Friedenszeiten für seine Wehrmacht ausgab. Es wäre grundfalsch, sich über den Ernst der Situation in leichtfertigem Optimismus hinwegzutäuschen. Unser Volk hat alle seine moralische und wirtschaftliche Kraft nötig, um mit dieser Repara- tionshydra fertig zu werden. Aber auch verzweifelter Pessimismus würde uns nicht helfen. Die Last nimmt uns nun einmal niemand ab, und auf irgendeinen glücklichen Zufall hoffen, der uns ohne unser Zutun von ihr befreite, das wäre erst recht der Leichtsinn des Vabanquespie- lerS der uns schon Elend genug brachte. Von den politischen extremen Parteien links und rechts sind begreiflicherweise vernünftige Vorschläge nicht zu erwarten. Das Programm, das wir nötig haben, und das eine verantwortungsbewußte deutsche Regierung jetzt aufstellen mutz, wird sich auf einer mittleren Linie bewegen müssen.
Mit einem neuen Weltkrieg oder einer Weltrevolution nach Moskaus Rezepten dürfte nur im allerletzten zu helfen sein. Allerdings trifft es zum Teil zu; datz bei der unvermeidlichen Aufnahme neuer Anleihen Deutschland aus der einen Tasche bezahlt, um die andere doch nur zwecklos auf dem Wege der Pumpwir chast wieder zu füllen. Außerdem kommen dann zu den Reparationsleistungen auch noch die Zinslasten für die Anleihen hinzu. Allerdings wird auch der werktätigen Bevölkerung das Mark aus den Knochen gesogen, wenn es auch verkehrt und verhängnisvoll wäre, etwa abzuwarten, bis die Reparationspolitik an ihren eigenen Widersprüchen zusammenbricht. Die Desperado-Redensart: »Viel schlimmer als jetzt kann es doch nicht werden" verfängt heute nach den Lehren der Weltkriegeszeit nicht mehr, denn nachher kam bekanntlich doch alles viel, viel schlimmer, als irgendjemand gedacht hatte.
Zunächst müssen wir einmal die Last vorsichtig zu verteilen suchen, daß sie einigermaßen tragbar wird. Dann muß man in fortschreitender Auseinandersetzung mit der Gegenseite durch Menschen- und Engelzungen Erleichterungen in den Dawesplan hineinarbeiten und entsprechend dem glücklicherweise fortschreitenden Verblassen der Kriegspsychose folgende eine für alle Beteiligten, d. h. letzten Endes für die ganze Kultur- Welt brauchbare Lösung erreichen. Unter diesen Umständen muß sodann die endgültige Schlußsumme festgelegt werden und zugleich die Zahl der Jahre, für welche die Reparationspflicht noch gelten soll. Rach einer solchen Festsetzung bestände dann ferner die Möglichkeit, Zahlungserleichterungen durchzusetzen und die geringeren Beträge rascher abzu- poßen. Sachlieferungen, die planmäßig in unsere Ausfuhrwirtschast hineinkalkuliert werden können, und bei denen auch der Gegner seine Probleme zu lösen hat, sind den Barzahlungen vorzuziehen. Anleihen, di« uns die schwere Gegenwart erleichtern und die teilweise Verschiebung der Last auf die fernere Zukunft ermöglichen, werden unvermeidlich sein. Der sogenannte Wohlstandindex, gewisse Verbrauchszahlen, mit deren Steigen auch die Anforderungen der Reparationsgläubiger sollen gesteigert werden dürfen, mutz unbedingt verschwinden, damit unS nicht überraschende erhöhte Ansprüche in unserem Wirtschaftsplan stören. DaS heißt vernünftig schrittweise aus dem Sumpf der Gegenwart wieder auf das trockene Land der Zukunft zu kommen.
St^femanas Abfuhr in Vans
London, 8. September. (Eigener Draht be- xlcht.) Ein diplomatischer Korrespondent bestä
tigt, daß Stresemann in Paris die Rheinland- srage aufgerollt habe. Man habe ihn jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß gegenwärtig über die Rheinlandräumung nicht diskutiert werden könne.
* * * Das Spiel kann beginnen.
Um Müller-Brianv dreht sich Genf.
Gens, 3. September. (Privattelegramm.) Reichskanzler Müller wurde bei seinem gestrigen Eintreffen in Begleitung des Abg. Dr. B r e lisch e i d usw. von Staatssekretär Dr. von Schubert, Ministerialdirektor Dr. Gaus, Graf Bern- Si und anderen Delegationsmitgliedern be- t. Der Reichskanzler hatte Dr. Stresemann in Baden-Baden zwecks mündlicher Informationen besucht. Die übrigen parlamentarischen Mitglieder der Delegation, Staatssekretär z. D. von Rheinbaben usw. weilen bereits in Genf. Die Delegationen von 48 Staaten, darunter auch B r i a n d, sind jetzt in Genf versammelt.
*
Hoffen und Harren...
Der Völkerbund zieht die Fahne auf.
Genf, 3. September. (Eigene Drahtmeldung. > Die Völkerbundversammlung wurde heute vor mittag von dem finnischen Außenminister Pro cope durch einen Tätigkeitsbericht eröffnet. Nach dem Kelloggpakt sieht er eine ganz neue Aera voraus, und glaubt, datz die Bundesversammlung unter glücklichen Ausspizien ihre Beratungen beginnt. Denn nach der Annahme dieser Grundsätze kommen nunmehr die Verwirklichung die sich nur durch praktische Maßnahmen erret chen lasse. Nur durch dauernde Anstrengungen könne die internationale Zusammenarbeit und der Frieden gewährleistet werden. Der Redner begrüßt auch den Entschluß Spaniens, seine Mitgliedschaft im Völkerbund beizUbehaltrn und gab dem Bedauern über das Fernbleiben einiger anderer Staaten Ausdruck, die allerdings an den meisten Arbeiten des Völkerbundes teilneh men. Der Redner gab dann der Hoffnung Aus druck, datz Costarica und Brasilien sich zur baldigen Rückkehr in den Völkerbund entschließcn und erinnerte an die Mitarbeit der Richtmitglie staaten Amerika, Rußland und Türkei.
Der große Umschwung.
Reue Bahnen der Weltwirtschaft.
Gens, 3. September. (Eigener Drahtbericht) Außenminister Procope behandelte zum Schluß die Arbeiten der Weltwirtschaftskonferenz und die Bemühungen, durch internationale Maßnahmen jenes Gefühl der Sicherheit zu erzeugen, ohne das, wie er sagte, die Ideale des Völkerbundes nicht erreicht werden könnten. Auf beiden Gebiete» müsse man sich vor allzugroßer Ungeduld hüten. Die wirtschaftlichen Fragen machten immer neue Lösungen notwendig. Auf jeden Fall aber befinde sich die Welt auf wirtschaftlichem Gebiet gegenwärtig bereits mitten in einer vollständig en Erneuerung der zwischen staatlichen Beziehungen, die man wohl schon als neue wirtschaftliche Orientie rung bezeichnen könne
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Das erste Bekenntnis.
Müller wird Briand noch öfter begegnen.
Genf, 3. September. Kurz vor Beginn der Vollversammlung sand im Borraum des Refor mationssaales eine lange eingehende Unterre düng zwischen Reichskanzler Dr. Müller, Außenminister Briand und Staatssekretär von Schubert statt. Man hatte den Eindruck, als ob bereits in dieser Unterredung weitere Verhand hingen in Aussicht genommen worden sind.
Lin Gesetzbuch -er Arbeit.
Wissel entwickelt sein Zukunftsprogramm.
Hamburg, 3. September. (Privattelegramm.- Auf dem Gewerkschaftskongreß setzte sich Arbeitsminister Wissel für ein neues Arbeits- recht ein, das von einem neuen Geist beseeU sein mutz. Die bisherige individualistische Regelung muß mehr und mehr einem Solle!« tivrecht weichen, das die Arbeit als die wichtigste Aufgabe gesellschaftlichen Lebensrrchtes anerkennt und die Arbeitnehmerschaft als Einheit zur Regelung der Arbeitsbedingungen heranzieht. Der Grundgedanke des neuen Arbeits- rechtS, die G l e i ch b e r e ch t i g u n g des Arbeitnehmers und die Kollettivregelung der Arbeits- Verhältnisse werden auch in den kommenden Ar- beitsrechtgefetzen starken AuSdrnck finden müssen. Im Vordergrund steht das
ArbeUSschutzgesetz, das de« A tftundentag auf eine feste Grundlage Mn gen und die Fülle
von Einzelgcsetzen und ihren Verordnungen beseitigen soll. Hierbei ist die schwierige Frage der einheitlichen Durchführung des Arbeitsschutzes durch Schutzbehörden zu lösen und in diesem Zusammenhang darf das große Ziel der
Schaffung einheitlicher Arbeitsmethode» zur eingehende» Erörterung gestellt werden. Sodann werden die große» Vertragsgesetze, das Tarifvertragsgesetz und das Arbeitsvertragsge- ;etz zu Ende geführt werden und dann bedarf es noch der Zusammenfassung all d eser Arbeitsgesetze im Gesetzbuch der Arbeit, um den letzten Schritt zu tun auf diesem Wege, ''er den Arbeit- ehmer zur virtschaftlichen und gestiigen Freiheit führen wird.
Gin leerer Ministerstuhl.
Wer wird BokanowSki ersetzen?
Paris, 3. September. (Elg. Drahtbericht.) Es ist wahrsclieinlich, datz Poincar« heute einen interimistischen Handelsminister ernennen wird, Di« endgültige Besetzung des durch den Tod Balanowskis bei dem Flugunglück (s. auch 1. Beilage) frei gewordenen Posten wird erst durch den nächsten Ministerrat erfolgen.
Bekan'owski hatte am 31. August seinen 49. Geburtstag gefeiert. Er gehörte seit 1914 der französischen Kammer an und übernahm 1926 den Posten des Handelsmnristers, dem die Luftschiffahrt-Abteilüng unterstellt wurde.
Die Besetzung nur ein Witz.
Für ehrliche Engländer lächerlich, langweilig und zwecklos. — D«r Kelloggpakt ist jetzt die „Wacht am Rhein".
London, 3. September. (Eigene Drahtmeldung.) Zwei führende Blätter erklären in ihren Leitartikeln, datz der Kelloggpakt ein Grund sei, die englischen Besatzungstruppen sofort aus Deutschland zurückzu.ziehen. Die Truppen am Rhein stellten ein lächerliches, langweiliges und zweckloses Bruchstück einer Macht dar, für deren Anwesenheit im Rheinland nicht ein einziges ernstes Wort gesagt werden könne. Es sei e i n W i tz, die Truppen als ein Instrument zu betrachten, das über den Versailler Vertrag zu wachen habe. Als Demonstration der englischen Macht seien die Truppen gleichfalls komisch. Deutschland könne nie vergessen, datz fremde Truppen im Rheinland stehen. Der Kelloggpakt sei eine viel grössere und würdigere „Wacht" als die paar tausend Engländer.
Trotz Zrie-enspakt verstimmt
Amerika misstraut dem Flottenkompromitz.
London, 3. September. Nach Erklärungen Senator Borahs sei die Ratifizierung des Kelloggpaktes durch den Senat wahrscheinlich. Di« Teilnahme an den Abrüftungsverhandlun- gen im Herbst wird jetzt vo» dem endgültigen Urteil der amerikanisckien Regierung über das englisch-französische sklottenkompromiss abhängen
Japan will uns wohl.
Ein paar Handelslücken. Für schnelle Räumung.
Berlin, 3. September. (Funktelegramm» Zu Pressevertretern äusserte sich der hier weilende japanische Delegierte Gras Uchida, datz die Beziehungen Deutschlands zu Japan auf Gruttd des k-indesvertrages gut seien. Schwierig bleibe noch die Frage der deutschen Farbeneinfuhr na» Japan, ebenso wie die Tarisfragen noch zu regeln seien. Mit Deutschlands rascher Gesundung würde der ganze» Welt gedient sein. Ter Gra- verspricht sich besonders von der Mitarbeit Deutschlands in Genf das Beste für alle Ratio- nen. Ueber die Mage der Reparationen wollte sich Graf Uchida nicht auSlasscn. Zur Aufrechterhaltung der Stabilität des Friedens müßten die fremden Truppen baldigst deutsche» Boden verlassen. ______
wochen-on-jag- in -en To-.
Wenn die Themsestadt aussliegt. — Zehn Tote, fast sechzig Verletzte.
London, 3. September. (Eigener Drahtbericht.) Während des Wochenends kamen bei Straßeuunfällen zehn Personen ums Leben. Ein MotoromnibuS stürzte aus dem Weg nach Chester Le Street einen Abhang in ein Feld hinunter, überschlug sich und begann zu brennen. Eine Frau verbrannte, fünfundzwanzig weitere Personen wurden verletzt. Ausserdem wurden »och weitere 3Z Per» fOne« hei Stratzeuunsällcn verletzt.
Die Gommrrrefldrnz.
Wo sich der türkische Ghazi erholt.
Ei» ausländischer Journalist bat ben «rotze» Reformator und Diktator des Orients und Snttanerbe» Kemal Pascha, de» jetzt auch lein Kolleg« an der Tiber. Mnffolini, i» de» Ein- kreisungsblock gegen den Balkan eingespannt hat. i« märchenhafte» Snltansmeerschlotz in den Zeiten der Erholung beobachtet und gibt »ns einen Begriff von seinem Wesen nnd Werk, wenn er schreibt:
Im Serail von Dolma Bagdsche, inmitten von Lapislazuli, Malachit, Kristall und Spiegelscheiben residiert jetzt der Staatspräsident Kemal, um sich an der frischen, würzigen Seeluft ein wenig zu erholen. Eine ungeheure Flucht von Gemächern steht dem Ghazi in diesem Märchenpalast zur Verfügung, er selbst aber begnügt sich mit einem einzigen Raum: einem Zimmer, dessen Veranda den Ausblick auf das Meer hat, und von dort auf die grauen, sonnenverbrannten Gefielde Anatoliens. Wie er hier lebt? Sämtliche Zeitungen Konstantinopels bringen allabendlich an erster Stelle und in großen Lettern einen Bericht. „Der Tag des Ghazi, worin die Bevölkerung in den wichtigsten Umrissen iber die Tätigkeit des Präsidenten informiert wird. Zumeist ist es freilich nur eine stereotype Notiz- „Der Ghazi hat heute sein Arbeitszimmer nicht verlasse» und empfing einige Minister und Abgeordnete." In diesen wenigen Worten erschöpft sich ein ganzes Tagesprogramm, das von intensivster Arbeit oft bis in den späten Nachmittag erfüllt ist. Abends jedoch, wenn sich die glühende Augustsonne am westlichen Horizont gesenkt hat, begibt sich der Diktator mit einigen Getreuen zu seiner kleinen
Jacht, die vor dem Palast ankert, und das weiße, mit drei roten Flaggen gekennzeichnete Schiffletn trägt ihn dann in den Bosporus hinaus, der, zu beiden Seiten von blinkenden Lichtern umsäumt, in dieser Stunde zauberisch erschimmert. Mit Vergnügen besucht aber Präsident Kemal verschiedene Bälle und Feste, namentlich solche zu wohltätigen Zwecken, wie sie jetzt häufig unter seinem Protektorate in Konstantinopel veranstaltet werden. Bei derartigen Gelegenheiten tritt er nicht in der Rolle eines repräsentativen Zuschauers auf, sondern nimmt selber an der Unterhaltung teil, sowohl als Gesellschafter wie auch alS eifriger Tänzer. Seine Lieblingszerstreuung bildet indessen das Pokern. Bei Nachtfesten, wenn der offizielle Teil vorüber ist, sieht man ihn oft an dem grünen Tischchen bis in den frühen Morgen, und fast immer
fliesse» die Gewinnste ihm zu.
Diefes Ergebnis verdankt er aber nicht, wie man etwa mutmaßen könnte, der Courtoisie feiner Partner: Kemal Pascha ist in der Tat ein glänzender Pokerspieler, dem gegenüber selbst Professionals einen schwierigen Stand hätten. Nach Schluß des Spieles wird dann fein ganzer Gewinn unter d i e Partner verteilt. Ueber den Gesundheitszustand Kemal Paschas waren in der letzten Zeit beunruhigende Gerüchte verbreitet, die sich aber vollkommen grundlos erwiesen. „Meine Gesundheit ist glänzend," sagte er sebst kürzlich zu einem französischen Journalisten, der ihm vorgestellt worden war, „und ich werde weiter arbeiten, so wie ich es bis jetzt getan habe. Menschen, die den Tod wie ich verachten, pflegen Sieger über ihn zu bleiben. Ich bin ein Ungläubiger, meine Beziehungen zum Tode sind also nur gering. An die fünfzigmal war ich während meiner Soldatenlaufbahn dem mörderischsten Feuer ausgesetzt, doch nur ein einziges Mal traf mich ein Geschoß und auch dieses prallte ohne Wirkung an meiner Taschenuhr ab. Im übrigen kann ich jedermann die Versicherung geben, daß für den Fall meines Todes mehr als tausend Menschen da wären, die mich vollkommen ersetze« könnten." Solche Erwägungen sind natürlich nur rein akademischen Charakters und Präsident Kemal besorgt nach wie vor mit der ihm eigenen Pünktlichkeit alle Regierungsgeschäfte. Lediglich der zeremonielle Teil ist hier in der Sommerfrische ausgeschaltet, darunter auch die Audienzen der fremdländischen Diplomaten. Zwei warten schon wochenlang auf den Antrittsbesuch in Angora. Für das mondäne, geschäfttge und schwatzhafte Pera bildet die Anwesenheit des Ghazi eine große Sensation und man interessiert sich für ihn weit mehr als für einen richtigen Monarchen.
Namentlich die Frauen sind es, deren Sympathie er sich mit feiner schlanken Figur, feinem scharfprofilierten Antlitz und seinem falten, schneidenden Blick im Sturme zu e$*