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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 208

Einzelpreis: WokhentagS 10 Pfennig

Sonntag, 2. September 1928.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

18. Jahrgang

Räumung... vielleicht in zwei Jahren.

Dom Luge aus.

Politische Eindrücke von einer Jtalienreise.

Kanonensalut für den jüngstenKönig

' Für Deutschland feine Gefahr.

Aus den schon frühmorgens siedend heißen steilwandumschlossenen, sonneflimmernden Mau­ern Innsbrucks klettert und schlängelt sich Oester­reichs elektrisches, vollgepfropftes Grenzzüglein den steilen Brennerpatz hoch. Tiefer unten stru­delt zwischen sattgrünen Wiesenmatten, friedli­chen Dörfchen mit weißen Kirchen und geschnitz­ten Perandahäuschen der Bergbach dem Inn zu. Kein Mißklang stört die tiefe Friedensharmonte, die in dunklen Föhrenwipfeln säuselt, von den Granitdomen und Schneehäuptern der Felswild­nis, dem azurnen Himmelsblau widerstrahlt. Kaum, daß ein Wachsoldat oder Gendarm mit vcr kurzen, blanken Plempe an die »brennende Grenze" erinnert. Noch ein Blick in die lustigen Augen einer Tirolerin am Bahnwärterhaus und der Zutz hält knirschend am Brenner zur Zall- und Paßrevision.

Mit einem Schlage ist die Szene verwandelt. Dunkelblaubefrackte, rotgestreifte Gendarmerie mit Dreispitz und weiß behandschuht auf den Bahnsteigen, karabinerbehängte Schwarzhemden vorn und hinten am Zug: Hier riechts noch schärfer als im übrigen Italien nach Pulver, Polizei und Krieg. Auf Herz und Nieren werden Gepäck und Pässe geprüft, letztere oft stundenlang zurückbehalten und auf Grund be­sondererschwarzer Listen" nach politisch Ver­dächtigen durchschnüffelt. Hier werden ab- oder zuwauderude Faschistenfeinde oder Süd- tiroler Hitzköpfe abgefangen und können von Glück sagen, wenn man sie nach tage- und wo­chenlangen Verhören und Schikanen wieder lau­sen läßt. Hier schon und noch mehr beim Hin­einbrausen ms wein- und fruchtbehangene Boze­ner und Meraner Land schlägt uns erschütterren Blutsbrüdern mit der Glutwelle aus der sich aufrollenden lombardischen Tiefebene zugleich das namenlose Martyrium entrechteter, entseel­ter, entdeutschter Stammestreue und Heimatliebe entgegen. Verhärmte, verschlossene, trotzige Andreas Hoferköpfe reden mit stummen Munden von geraubter Sprache, Schure, Kirche und allen Foltern der Inquisition durch Mussolinis Faschi­stenspitzel. Und heimlich verraten und offenba­ren uns todwunde, gehetzte und trotz allem gläubige Seelen das ganze Elend der abgetrenn­ten Unterdrückten,die man auf Schritt und Tritt belauscht, verjagt oder milleidlos von der übri­gen Welt absperrt.

Diese schwüle Atmosphäre geistiger Unfreiheit und Sterilität begleitet den kritischen Beobachter bis tief hinunter in das sonne- und farbenglu- tcnde, von der zerfallenen Größe zweier Jahr­tausende und der unsterblichen Schönheit seiner schaffenstrunkenen Renaissancekünstler noch heute zehrende Römerreich der Cäsaren, Päpste und... Faschistendiktatur. Nicht als ob der Faschisten- abgotl an der Tiber etwa nur die Gewissensfrei, heil knebelt und mit der allzu üppigen sichtba­ren und unsichtbaren Soldaten- und Polizeispie­lerei Stadt und Land vorzeitig zugrunde richten will. Der kluge und vorsichtige Volksbeglücker versucht im Gegenteil mit unerhörter Energie mit dem erpreßten Kriegskapital zu wuchern: Industrie und Handel sollen als Schrittmacher zur Großmacht dienen. Fabriken wachsen em­por, die Bodenschätze und -Kräfte werden inten­siv ausgenutzt, Obst- Wein- und Landwirlschafts- kulturen ausgebaut. Bei Eisenbahn-, Wege-. Tunnel- und Siedlungsbauten werden Hunderl- tausende beschäftigt; Hammer, Amboß klingen, die Börsenscheine fliegen und der Arbeiter fin­det kaum Zeit zum Murren und Agitieren.

Aber unter diesem künstlichen Blütenfeld kochen die glühende Vesuvlava und gärenden Gase un­zähliger Unzufriedener, deren Widerspruchsgeist und Auflehnungstrotz der verblendete Cäsaren­enkel im Chigipalast kein Ventil zum Ausftrö- men öffnen will. Man steht sie heimlich in ent­legenen Wein-Osterien und Gassenwinkeln die Köpfe zusammenstecken und auseinanderfahren, wenn irgend ein Betreßter naht. Aber in der trautem Gespräch wird manch freimütig­hartes Wort gewagt auf den Steuer-, Teue- rungs-, Gewissensdruck, und vor allem den eigen­mächtigen Faschistendünkel, der von Rom aus wie die qualmende Rauchfahne des Vesuv über das ganze Land hinzieht. Und wenn heute jeder dritte d'Annunzio-Ephebe vom 16. Jahr auf­wärts gespreizt in Revolvergürtel, Stulpstiefeln und Reitgerte sporenkltrrend einherstolziert (bie jüngeren " Säuglinge bescheiden sich einstweilen mti Schwarzhemd und Käppi), dann brauchen wir Grenznachbarn zwar nicht vor den VaruS- leaionen zu zittern, die eines Tages als An­schlußvernichter vom Brenner herabbrechen könn­ten. Aber jedes Kind weiß, daß der große In­trigant von Rom ben «ufgeschürten und gespei­cherten Eroberunasdrang und KriegSgeift seiner

ungeduldigen Scharen über kurz oder lang aus­puffen lassen mutz, schon allein um die schla­genden Wetter im Innern beizeiten abzulenken. Auch daß seine Kanonen dann zuerst an die Fen­ster Dalmatiens klopfen werden, um die Unerlösten" an den Busen des Schattenkönigs Umberto zu führen, ist ein offenes Geheimnis. Freilich mutz vorher der Eisenring um Grotz- serbien geschlossen sein, an dem bislang noch einige Glieder fehlen. F. R.

Wir sollen uns freikaufen.

Weiter hat Briand Müller nichts zu sagen.

Paris. 1. September. Zu den bevorstehenden Genfer Besprechungen äußerle sich ein Blatt, eS sei nicht einzusehen, was noch neu gesagt wer­den könne. Die Gesamt-Räumung könne nur gegen einen Ausgleich erfolgen und zwar entweder als

Sonderkontrolle über das entmilitarisierte Rheinlandgebiet oder zweitens als vorzei­tige Zahlung der Reparationen.

Die erste Art begegnet in Deutschland wenig Ge­genliebe, die zweite Art sei an eine umfas­sende Regelung gebunden, die nicht nur die Mobilisierung der Eisenbahn- und Indu­strie-Obligationen, sondern auch die Begrenzung der Schuld-Anuitäten und vor allem eine Eini­gung über die amerikanischen Kriegsschul­den umfaßt. Im besten Falle dürften diese Verhandlungen nicht vor

eineinhalb biS zwei Jahren

zu Ende gehen. (!) In dieser Zeit werde die zweite Zone schon geräumt sein und die dritte werde normaler Weise nur noch etwa vier Jahre laufen. Die Deutschen könnten die öf­fentliche Meinung einer vorzeitigen Räumung günstig stimmen, indem sie sich ihres Kredi­tes bedienten um auf dem Finanzmarkt die in Frage stehenden Obligationen unterzu­bringen.

Sine Panzerkreuzerkrise?

Löbe wünscht ein Reichstagsurteil.

Berlin, L September. ReichstagSpräfwent Loebe schreibt zur Panzerkreuzerdebatte, die Par­tei sei an ihre Wahlversprechungen absolut ge­bunden und müffe spätestens 6e* der Entscheid düng über die zweite Rate einen entsprechenden Vorstoß machen. Unsere Minister werden selbst am besten tun, wenn sic offen erklären, daß sie nach dem Protest, den der Bandes chlutz gefunden hat, den Reichstag noch einmal befragen wol­len, wie er zum Bau steht. Vielleicht haben auch weitere Koalitionsparteien außer den Demokra­ten inzwischen eingesehen, daß das Deutsche Reich

Heute wird Achmed Zogu in Albanien gekrönt.

Von

Mailand, 1. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Die albanische Verfassungskommisston hat die sofortige Thronerhebung Achmed Zogus beschlossen. Die Königs-Proklamation erfolgt endgültig am 1. September. Nach der in der Nationalversammlung erfolgten Ausrufung werden 101 Kanonenschüsse abgefeuert. Dir Abgeordneten huldigen dem König, der dann be gleitet von seiner Garde und Ministern sich in das Parlament zur Eidesleistung begibt. Die Festlichkeiten dauern biS zum Montag.

London, 1. September. Ei. Blatt läßt sich aus Angora melden, daß Gustava Kemal Pascha dem Beispiel Achmed Zogu folgen und sich zum König der Türkei aufrufen kaffen werde.

Kein Grund zum Eingreifen.

England läßt Albanien freie Hand.

London, 1. September. Ein diplomatischer Korrespondent erfährt, daß die Gerüchte, wonach die Krönung Achmed ZoguS zum König von Al­banien wegen englischen Einspruches verzögert worden sei» absolut unbegründet wären. In London werde die Krönung alS eine rein interne Angelegenheit Albaniens betrachtet, die zu kei­ner Intervention berechtigte.

Die Türkei als Königreich?

Wen« Kemal Pascha nach der Krone greift. Albaniens Beispiel steck, an.

Biele Zuschriften hätten ihn darum gebeten, die Türkei aus einer Republik in ein Königreich umzuwandeln. Diese Information ist noch nicht bestätigt.

Muß Peking verhungern?

Die neue Hauptstadt macht die alte arbeitS- und brotlos.

London, 1. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Die Stadtverwaltung von Peking richtete eine eilige Bittschrift an die Nanking-Regierung, in der um Abhilfe für die katastrophale Arbeits­

losigkeit nachgesucht wird, die durch die Verle­gung der chinesischen Hauptstadt nach Nanking entstanden fei. In Peking sollen hundert- tausende von Einwohnern dem Hungertod« nahe fein.

ohne biefen Kreuzer nicht zugrunde geht. Gibt es aber Parteien, die daraus eine Kabinetts­frage machen wollen, nun gut, bann wird es neue Kämpfe geben. Wir aber wollen bei bfefen Kämpfen auf der Seite stehen, die die Fortsetzung dieser Rüstungen ablehnen.

Verteidigung ist erlaubt.

Wie sie für den Krieg... abrüsten.

London, 1. September. (Eigener Drahtbe­richt.) Ueber den Inhalt des französisch-engli­schen Flottenabkommens hört ein Genfer Kor­respondent, daß alle Kriegsschiffe in 2 Klaffen, für angreifende und verteidigende Zwecke, ein­geteilt werden. Neben den Grotzkampfschiffen werden bie starken Kreuzer mit stärkerer Ar­mierung und Unterseeboote mit einem größeren AktionSrabius begrenzt werden. Dem französi­schen Standpunkt ist durch ben BegriffBettet digungsstrcitträfte" Rechnung getragen wor­den. Danach soll jeder Ration erlaubt fein, eine nur zu Verteidigungszwecken bestimm­te Flotteneinheit zu erhalten, die aus Torpedo­booten, Zerstörern und kleinen U-Booten von etwa 600 Tonnen, je nach den Notwendigkeiten des betreffenden Landes bestehen soll. Die Möglichkeit zum Zusammenarbeiten der beider­seitigen Flotten in Kriegszeiten sei nicht vor­gesehen. (?)

Lin Schnippchen für Trockene

DaS schwimmende Restaurant vor Hollywood.

Newoyrk, 1. September (Durch Funkspruch) Die Prohibitionsbehörden melden, daß dicht vor LoS Angeles, gerade außerhalb der Regie- rnngShohett der Bereinigten Staaten, eiu Schoner vor Anker liegt, der mit einer Vorbild lichen Küche und einer noch besseren Bar auSge- stattet ist. Zu Tausenden sollen sich die Ameri- inner auf diesem schwimmenden Restaurant ein finden, das außerdem «och zu Hasard einlädt. Die Behörden find nicht imstande, die schwim­mende Spielhölle zu schließen.

Gtratzenmord um eine Bagatelle.

Dr. Max Langer.

Fieberschreck«» tot heissen Griechenland. Cofei des gefürchteten Dengue-Fieber». Die Urfach«» der Trovenkrankbeit. In gemässigten Zonen »»»geschlossen. Di« erste» Anzeichen.

Die große Fieber-Epidemie, die fett fast einem Monat in Griechenland herrfcht und allein in Athen und der Hafenvorstadt Piräus mehr als hunderttausend Krankheitsfälle hervorgerufen hat, legt die Frage nahe, ob mit der Möglich­keit zu rechnen ist, daß sich diese verheerende Bolksseuche auch nach Mitteleuropa und Deutsch­land ausbreitet. Auch die erschreckenden Todes­ziffern (täglich etwa achtzig Tote) müßten sicher Unruhe Hervorrufen, wenn eine solche Ausdeh- nungsmöglichkeit bestände. Dann wäre es Wohl möglich, daß bei uns in ähnlich fürchterlicher Werse das tägliche Leben und jeglicher Verkehr gestört würde, wie das schon seit Wochen in Griechenland und besonders in Athen der Fall ist. Nun haben aber in den letzten Tagen Nach­richten, die über ärztliche Untersuchungen der Krankheit bekannt wurden, die Annahme bestä­tigt, daß mit aller Wahrscheinlichkeit

nicht mit einem Ucbergreisen

der griechischen Fieberepidemie auf Mitteleuro­pa zu rechnen ist. Einigen Aerzten, die früher in türkischen Diensten standen und so Gelegen­heit hatten, lange Zeit in Gegenden mit ausge­sprochen tropischem Klima zu arbeiten, ist es in ben letzten Tagen gelungen, festzustellen, daß die bis dahin unerklärliche Krankheit eine Abart des feit Jahrzehnten bekannten Dengue- Fiebers ist, einer gefürchteten unb wett der- breiteten Tropenkrankheit. Damit stimmen auch die Angaben überein, daß die Krankheit von Aegypten aus, also einem Lande mit z. T. tropi­schem Klima, nach Griechenland eingeschleppt wurde. Hier aber waren die Witterungsbedin­gungen im versloflenen Monat für die Ausbrei- tung einer Tropenkrankheit ganz besonders gün­stig. Griechenland hatte wie ganz Südeuropa unter andauernder Hitze zu leiden, die eine Höhe erreichte, die in jenen Gegenden ganz außergewöhnlich ist. Im Zusammenhang damit stellte sich große Trockenheit ein und empfind­licher

Mangel an geeignetem Trinkwaffer.

Alle diese Voraussetzungen gaben der ausge­sprochenen Tropenkrankheit, die Möglichkeit, sich im subtropischen Klima Griechenlands auszu­breiten. Damit ist aber schon festgestellt, daß es eine Außergewöhnlichkeit ist, daß Dengue-Fieber überhaupt nach Europa kommt. Dies war nur möglich in einem besonders heißen Som­mer und durch das Zusammenwirken mehrerer besonders ungünstiger Umstände. Für uns in Mitteleuropa ist aber bereits die heiße Zett vor­bei, die vielleicht wirklich auch bei uns die Mög­lichkeit zur Verbreitung solcher Krankheiten er­geben hätte. Ueberall haben wir kühles, schon nahezu herbstliches Wetter und auch die Nieder­schläge sind so reichlich, daß die Versorgung mit gesundem Trinkwaffer durchaus gesichert ist. So wird die Krankheit, die bisher mit Ausnahme von einzelnen eingeschleppten Fällen im We­sentlichen auf die eigentlichen tropischen Ge­biete nördlich und südlich des AequatorS be­schränkt war, keine Weitere Verbreitung über Griechenland hinaus finden. Selbst wenn durch Reifende der eine ober andere Krankheitsfall eingeschleppt würde, wäre daS auch noch kein besonderer Grund zur Beunruhi­gung, da keinesfalls dann mit einem Umsich­greifen deS Dengue-Fiebers zu rechnen ist. Lei­der ist es bis heute noch nicht gelungen, ben Erreger des Dengue-Fiebers festzustellen und die Medizin hat deswegen auch noch

keine wirksamen Bekämpsungsmittel gefunden. Die Krankheit äußert sich so, daß vor allem geschwächte Organe angegriffen werden und sich neben hohem Fieber heftiger Kopf­schmerz, Erschöpfungszustände und Blutbrechen beim Erkrankten einstellen. Besonders merk­würdig ist auch Gang und Haltung des Kran­ken, die gezwungen unb geckenhaft wirken, wes­wegen das Dengue-Fieber auch als Dandy- Krankheit bezeichnet wird.

Paris, 1. September. (Eigene Trahtmel- )ung.) Ji einer belebten Straße traf ein Re- rolteur einen Bekannten, der ihm seit drei Mo­naten diebottcnbe" Summe von 231 Franken schuldete und bisher den Zahlungsaufforderun­gen nicht Folge geleistet hatte. AlS der Schuld­ner wieder auSwich zog der jähzornige Glänbi- '«« den Revolver unb gab auf den Schuldner drei Schüsse ab, denen dieser nach kurzer Zeit er­lag. Die Menge hätte den Mörder fast gelyncht.

Abenteuer im Packeis.

Die Amundsenfucher müssen umkehren.

Mailand, 1. September. Dem Walstschfän- gcrBraganza" ist es gelungen, sich aus dem Packeis zu befreien. Er konnte indessen seinen Plan, auf den Wyche-Jnseln ein Lebensmittel­depot einzurichten, nicht autzführen und gelangte nach einer schwierigen Fahrt durch die Hinloper Straße endlich in eisfreie Gewäffer