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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 207.

Sonnabend, L September 1928.

18. Jahrgang

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Regelung nicht rechtfertigen.

tige

könne. In

ein Druck

eine Amnestie

n-

leit Bestehens der affen. Der Juß

nur die harmlos dreinschauenden Klauseln be­kannt gehen, ihre Nutzanwendung und Aus­legung aber höchst geheim für sich behalten. Die Redaktion.)

Ein vergessenes Land

Kuriose Geschichte« vom Hof in Liechtenstein.

Geöffnete Gefängnisse.

Eine Jubiläumsamnestie für politische Sünder.

rüstung und Deutschlands Wunsch nach einem

.......«bat, daß selbst Poin -

Wien, 31. August. Der Ministerral will aus Anlast des """ '

Berliner Primadonna Sophie Löwe, einst Geliebte DonizettiS, Prinz AlovS Liechten­stein vermählte sich 11890 mit der berühmten von

Dor öer chinesischen Mauer in Genf.

Ungeduldige Königsmacher in Albanien / Das Anschlußgekpenkl bei den andern

Drüben fchon wieder Gluthitze Newyork schläft im Freie«. Das Thermometer steigt. Zwei Tote.

Newyork, 31. August. (Durch Funkspruch.) Heber Newyork ist seit drei Tagen eine neue Hitzewelle eingebrochen. Gestern nwrgen zeigte das Thermometer bereits dreißig Grad und stieg dann noch um einige Grad. Tausende von Einwohner verbringen die Nächt« wieder in den Parkanlagen. Zwei Personen find durch Son­nenstich getötet worden.

wurde beauftragt, auf Grund der Richtlinien unverzüglich eine« Entwurf des Amnestiegesetzes auszuarbeiten. Die Amnestie wird fich vor allem auf politische Delikte beziehen, vorauSficht- lich auch die Verurteilten der Juli-Ereignisse von 1987 umfassen.

Dreiste Banditenstreiche

Autoüberfälle auf geschützten Strassen vor Mexikos Toren.

London, 31. August. Aus Newyork wird be­kannt: Gestern wurden zwölf Kraftwagen und Kraftomnibusse aus einer Landstrasse dreitzig Meilen von der Stadt Mexiko entfernt, von Räubern angehalten und beraubt, obwohl an derselben Strasse Truppen in Zwischenräumen als Sonderschutz für einen Gouverneur aufge­stellt waren. Der Kraftwagen des Gouverneurs fuhr den Banditen davon. Es wurden Schüffe gewechselt. Die nachfolgenden Kraftwagen wur­den jedoch angehalten. Die Räuber zeigten fich so ritterlich, dass fie ihre Opfer nur um die Hälfte ihres Geldes erleichterten.

G heilige Unschuld!

London entgiftet das Flottenko-npromitz.

London, 31. August. In '«enf erklärte der eng­lische Völkerbunddelegierte Lord Cusheudun, das englisch-franzöfische Flotteuabtommen sei eigentlich gar kein Abkommen und auch nichts Endgültiges. Es sei keine Rede von der Grösse oder der Zahl der Kriegsschiffe, die später gere­gelt werden würde. Grundsätzlich unterstütze Amerika eher den Standpunkt Großbritanniens als denjenigen Frankreichs. Bk...« Italien, Ame­rika und Japan dem Kompromiss zustimmen, so könnte eS die nächste Abrüstungstagung als Grundlage einer Flottenabrüstung annehmen. In dem Uebereinkommen find nur vier biS fünf kurze technische Klauseln enthalten, dagegen keine Geheimklauseln, noch irgend ein Abkom­men für eine Flottenallianz ooer ein Zusammen­arbeiten der Flotten. (Natürlich werden Lon­don-Paris von dem Flottenkompromitz der Welt

Franz von Liechtenstein .nächster Agnat dessen jüngerer Bruder Prinz Aloys, der sechs Söhne hat, so dass Europa über das Fortbestehen seiner kleinsten Monarchie beruhigt sein kann. Ist dies doch daS einzige regierende HauS Europas, das ohne Ebenbürtigkeit auskommt. Zwar haben die meisten Prinzen und Fürsten von Liechtenstein in alte Fürsten- und Grafengeschlechter geheira­tet. Wer eS aber nicht tat, verlor weder zentttel noch Apanage, und seine unebenbürtige Gemahlin konnte sich unangefochten Prinzessin Liechtenstein nennen. So heiratete Prinz Frie­drich Liechtenstein 1848 die berühmte

Die Kasseler Neuesten Nachruhie» «rlchelnen wöcheruUch lechSmat nach«,nag». Der Abonnementsorers beträgt für den Monat 2.20 Jl bet freiet Zustellung ms Haus, in der Geschäftsstelle abgedoll 2. Jl Durch die Poft monatlich 2.20 Jl ausschliesslich Zustellunasaebübr Kernlvrechn (61 und 952 Kür unverlangt eingesandte Beträge kann die Rebaktton eine Beraniwotluug oder Gewähr in keinem Kalle übernehmen. Rück^hluna des Bemgesgeldes oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnangsmässiaer Lieferung ist ausgelchlossen. Poftl-beckkontv Krankfurt a. M Nummer 6380 Nn-elnummer 10 A. SonntagSirummer 20 A.

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Bitte. Keine Illusionen!

Frankreichs Taktik für Genf.

Paris, 31. August. (Eigene Drahtmeldung.) Ein gut unterrichtetes Blatt schreibt, dass Mül­lers Besprechungen mit Briand die Frage der Rheinlandräumung durch Frankreich an dem Punkt wieder aufgreifen, an dem Dr. Strese- mann sie mit seinen Pariser Besprechungen ver­lassen habe. Aber der Pariser Ministerrat sei sich darüber einig, dass die Lösung von der E i - ntgung aller an den Reparationen, den Kriegsschulden und der allgemeinen Sicherheit Interessierten abhänge. Die Entspannung und Beruhigung zwischen beiden Ländern könne nicht bestritten werden. Wenn aber auch die neue versöhnliche Stimmung die Regelung der schwebenden Fragen erleichtere, so könne sie doch ein B er z i ch t der Alliierten aus das von ihnen gehaltene Pfand als Garantie für die endgül-

Heitze Köpfe um den Anschluß Der Völkerbund machtlos. Trotz Kelloggpakt ein Krieg möglich?

London, 31. August. (Eigene Drahtmeldung.) Die Anschlutzkundgebung des ehemaligen Reichs­kanzlers Dr. Marx hat in französischen und alliierten Kreisen stark beunruhigt. Die Frie­densverträge machen den Anschluss nur von der Zustimmung des Völkerbundsrates abhängig. Wenn diese Zustimmung zwar nicht einmütig, abe r durch Mehrheitsbeschluss erfolgen sollte, so würden die Nationen nicht mehr der Ergrei­fung von Sanktionen oder kriegerischen Mass­nahmen durch den Völkerbund gegen Deutsch­land zustimmen. Damit würde ein von den Gegnern hervorgerufener Krieg nicht vom Völ­kerbund sanktioniert sein, sondern einen rein privaten Krieg darstellen. Französtsche Juristen beschäftigen fich bereits mit diesen Schwierigkeiten.

Dis Türkei schreibt jetzt lateinisch

Angora, 31. August. Abgeordnete sowie Pressevertreter und Gelehrte nahmen unter dem Vorsitz Mustapha Kemal PaschaS einstim­mig einen Antrag an, der die arabischen Schrift- zeichen ablehnt und als türkisches Alphabet end- gültig das von der Sprachenkommission auf der Grundlage der lateinischen Schriftzei- che« ausgearbeitete Alphabet festsetzt. Der an­genommene Antrag bezeichnet die von der glei­che« Kommission entworfene Grammatik

Von Italiens Gnaden.

Albaniens Schrei nach dem König.

Tirana, 31. August. Am Donnerstag wurden noch grössere Umzüge als bisher veranstaltet, bei denen auf de» neuen König Hochrufe ausgebracht wurden. Die Teilnehmer forderten vor dem Parlament die Abgeordneten durch Zurufe auf, den historischen Akt der Proklamation Albaniens zum Königreich zu beschleunigen. Antzen- minifter Brtini erklärte in einer Aussprache: Einen besseren König als Achmed Zogul könnten wir niemals finden. Wir sind auch unserem gro­ßen Verbündeten, Italien, für die Unterstützung, die uns zuteil geworden und für die korrekte Haltung uns gegenüber, zu außerordentlichem Dank verpflichtet. In das darauf von dem Außenminister

aus Italien ausgebrachte Hoch stimmte die Menge begeistert ein. Während die­ser Volkskundgebung kreisten über Tirana meh­rere italienische Flieger, die tausende von Flugblättern abwarfen, in denen die Be- völkerung aufgefordert wird, König Achmed Zo- gu zu feiern. Die Belgrader Polizei hat ihre Ueberwachnngsmatznahmen gegen die in Belgrad eintreffenden Ausländer verschärft.

Frieden seien so offenbar, dass selb cari nicht länger Furcht vorschützen der Besetzung sehe Frankreich nur ei mittel gegen Deutschland bis zur end­gültigen Lösung der Frage der Kriegsschulden und Reparationen.

Von Amerika durchschaut.

Hinaus aus dem Rheinland!

Newyork, 31. August. (Durch Funkspruch.) Ein Blatt meint, Deutschland habe bei den Ver­handlungen Über die Räumung in Genf den Vorteil auf seiner Seite, daß die zweite Zone anfangs des Jahres 1930 unter allen Um­ständen geräumt werden müsse. UebrigenS sei fchon längst jeder Vorwand geschwunden, die Besetzung als eine Garantie der Sicherheit Frankreichs zu betrachten. Deutschlands Ab-

,wischen dem alten österreichisch«« Kronland Borarlbcrg und de« Schweizer Kanton St. Gallen, vergesse» von Bismarck 1866, vergesse» von Clemencea» in Versailles 1919? Und doch steht der Nam« Liechtenstein letzt immer wieder in den Zeitungen, sowie 1. B. kürzlich als ei» Geschäftsmann di« Svar- und Leihkasse des Ländchens um Millionen betrogen »ud weiter« Millionen verspekuliert batte. Unser Mitarbei­ter schreibt:

Unter den Staaten, die sich aus dem Wiener Kongreß zum Deutschen Bunde vereinigten, war Liechtenstein der kleinste. Es hatte fünftausend Einwohner und stellte fünfundfünfzig Scharf­schützen zum Bundesheer. Schon damals war der jeweilig regierende Fürst nur selten im Lande, ein höherer Beamter, der sogenannte Re­gierungschef, oder ein jüngerer Prinz des Hau­ses mit dem TitelLandesverweser" vertrat ihn. Tie eigentliche Residenz der immens reichen fürstlichen Familie, die große Ländereien in Deutsch-Oesterreich, Ungarn und der jetzigen Tschechoslowakei besaß, war immer Wien. Hier steht das sogenannte Liechten st einsche Sommerpalais an der Fürstengasse. Mit seinen herrlichen Kunstsammlungen, dem pracht­vollen Barockfestsaal und den sechs Rubens'schen. Decius-Btldern gehört es zu den schönsten Stät­ten der Donaustadt. So war es denn eigentlich eine Selbstverständlichkeit, daß Liechtenstein vor dem Kriege österreichische Währung und Post hatte. Das wurde nach dem Weltkrieg anders. Trotzdem Liechtenstein, das

keine Soldaten .sondern nur einige Land­gendarmen

hatte, neutral geblieben war, wurde es doch in den österreichischen Wirtschasts- und Währungs­verfall hineingezogen. So entschloß es sich denn 1920 zu einem energische.. Frontwechsel und lehnte sich politisch und wirtschaftlich an die Schweiz an. Im Kriege freilich waren einmal andere Pläne anfgetaucht. Erzberger wollte, daß die Familie Liechtenstein auf das kleine Fürsten­mm verzichtete, und dieses dann als souveränes Land dem P a p st gegeben werde. Dieser Plan fiel, wie andere ins Wasser. Auch nach dem Kriege hat sich in dem distanzierten Verhältnis der fürstlichen Familie Liechtenstein zu dem klei­nen Ländchen, dem es seine Souveränität ver­dankt. nichts geändert. Dem Lande ist das nicht schlecht bekommen. Seine Einwohnerzahl hat sich seit dem Wiener Kongreß mehr als verdop­pelt und beträgt heute elftausend Einwohner. Außerdem hat das Ländchen sechs- bis siebentau­send Stück Rindvieh, ein gutes halbes Rind auf jeden Einwohner.

Regierungschef ist Professor Schädler, ein ehemaliger Schulmann, der Liechtenstein gut verwaltet und zwar ganz selbständig. Denn wenn der jetzt 88jährige Fürst Johann n. am 12. November d. I. sein siebzigjähriges Regierungsjubiläum feiert, kann er die Tage zählen, die er im FürstenMm selbst regiert hat. Das tut seiner Popularität keinen Abbruch. Hat er doch mit den reichen Mitteln seiner Pri- vatschaMlle für das kleine Ländchen unerhört viel getan, großartige Schutzbauten am reißenden Rhein errichtet, ein vortreffliches Straßen-, Te- legraphen- und Telephonnetz angelegt, zahlreiche Bauten aufgeführt und große Summen für die Wohlfahrt gespendet und last not least die

Bewohner find völlig steuerfrei.

Sie wissen freilich nicht, ob das nach seinem Tode ebenso bleiben wird, denn der Fürst ist un- vermählt, ebenso sein einztgerBruder, der 75 Jahre zählt. In nicht allzu ferner Zeit wird daher die zweite Linie des fürstlichen Hauses an die Regierung des kleinen Staates kommen. Ihr Chef ist der ebenfalls unvermählte Prinz

Trübe Aussichten.

Müllers schwerer Stand Genf.

Einige übereifrige Blätter haben bereits das Geheimnis von Paris- entschleiern zu können geglaubt und festgestellt, daß Poincars zu Räu­mungsverhandlungen bereit sei uw daß über die zweite Zone sehr bald entschieden werden würde. Es sind in den diesbezüglichen Artikeln allerlei Erfolge Stresemanns registriert, die man ihm und Deutschland sehr wohl wünschen möchte, die aber vorläufig noch Luftgebilde sind. Und auch die vertraulichen Beichten Strese­manns in Baden-Baden sind anscheinend so nüchtern und fragwürdig ausgefallen, daß von Schubert und Reichskanzler Müller schweren Herzens ihren Gang nach Genf angetre­ten habe., dürften. Ueberhaupt sollte man mit allzu rosigen Herzensergüssen noch warten, denn es wäre noch reichlich voreilig und sogar für die öffentliche Stimmung nicht ungefährlich, Fest-

nnnen tu machen, die sich später als Phan­tasten enthüllen.

Man mutz sich sehr ernst bewutzt bleiben, daß die Gesamtlösung des Besatzungsproblems die Räumung also des gesamten, noch besetzten Rheinlandgebietes von Frankreich mit zäher Hartnäckigkeit mit dem Gesamtschuldenproblem in Verbindung gesetzt bleibt. Selbst wenn die deutsch-französischen Beziehungen sehr viel herz­licher wären, als sie nüchtern betrachtet wirklich sind, würde gerade jetzt, nach der Un­terzeichnung des Kelloggpaktes wahrscheinlich kein französischer Staatsmann auf die Taktik der Verquickung von Besatzungs- mit Kriegsfchuldenfrage verzichten. Der Sinn dieser Taktik ist ziemlich klar: der Anspruch Deutschlands auf unverzügliche Gesamträumung ist mit der Unterzeichnung des Kelloggpaktes noch unanfechtbarer geworden, als er vorher war. Die viel gerühmte moralische Autorität des Kelloggpaktes ist nicht unberechtigterweise letzthin so vielfach als Garantie für die end­gültige Liquidation aller Kriegsüber­bleibsel bemüht worden. Die U. S. A. haben mit der Uebernahme der praktischen Urheber­schaft des Paktes auch die moralische Verpflich­tung übernommen, sich um die Durchsetzung sei­ner Prinzipien zu bemühen. So ergibt sich für die U. S. A. das Dilemma, sich entweder den französischen Wünschen fügen oder aber die Hoff­nung, die Deutschland hinsichtlich der Rheinland­räumung auf den von Kellogg beschworenen Geist der Versöhnung setzte, enttäuschen zu müs­sen. Eine Sonderbehandlung der zweiten Rhein­landzone ,die ja ohnedies nur noch wenig mehr als ein Jahr besetzt bleiben darf ,liegt nicht im Interesse Deutschlands, selbst wenn die Räumung sogleich und ohne Kompensationen vorgenom­men würde. Ueberhaupt soll man sich über den Laus der Verhandlungen keine Illusionen ma­chen. Sie werden, eben wegen jener französischen Taktik, die durch die Rückendeckung seitens Eng­land nur noch an Gewicht gewonnen hat, keines­falls vor dem Amts an tritt des neuen ame­rikanischen Präsidenten zu greifbaren Resultaten führen, der erst im kommenden Früh­jahr fällig ist. Und wenn auch die Atmosphäre im Glassaal am blauen See günstiger geworden sein mag ,so wird es doch bei der erneuten An­meldung des Räumungsapp ells Sttese- manns vom vorigen Herbst durch seinen Vertre­ter Müller sehr verdrießliche und saure Ge­sichter geben. Um so stärker wächst aber die Attto- rität Deutschlands ,das sich allerdings seine klare und entschiedene Haltung in dieser großen Frage nicht mit Zugeständnissen in anderen Fragen be­zahlen lassen darf, wenn es nicht seine vor­nehmste Mission in Genf gefährden will.

Niemals hat sich der Auftakt im Reforma- ttonssaal flauer und intereflelofer vollzogen als diesmal, wo die drei Locarnominister fehlen und die 38 Geschäftspunkte meist nur formal zu werten sind, aber keineswegs mit dem Fragen­komplex einer großen Weltpolittk etwas zu tun haben. Mit einigen Ausnahme«: Man will sich auch über de« polnisch-litauischen Konflikt un­terhalte«, man will fich auch mit den Anklagen gewisser Minderheiten beschäftigen und schließ­lich auch den ungarisch-rumänischen Optanten- streit wieder auftollen. Aber nach allen Erfah­rungen, die wir in diesen bedenklicheren Affä­ren machen mußten, ist es anzunehmen, daß auch diesmal die Genfer Weltrichter ihr Augen­merk mehr auf den Versuch legen werden, sich aus der Schlinge zu ziehen, als stch zu einem offenen Urteil und zu einer präzisen Stellung­nahme bereit zu finden. Litauen hat sich in der Wilnafrage festgelegt und Polen erklärt sie als

vollkommen erledigt. Ob es aber dem Rat ge­lingen kann, dem Herrn Woldemaras die Be­dingungen, die Warschau wirtschaftlich gerne durchgeführt sehen würde, aufzuzwingen, wird man wohl kaum zu glauben wagen.

In dem sehr verwickelten Optantenstreit mit Ungarn dürsten die Rumänen sehr rasch aus be­greiflichen Gründen eine abermalige Vertagung der Affäre verlangen. Eine Forderung, die der Genfer Rat wohl mit der größten Bereitwillig­keit akzeptieren wird. Da auch für die oberschle­sischen Minderheiten bei der schroffen Haltung Polens kaum irgendwelche Segnungen am Gen­fer See erblühen dürften, wird auch diesmal das prunkvolle Theater ausgehen wie das Horn­berger Schießen, ein Grund mehr für die deut­schen Staatsmänner, stch mit doppelter Kraft an die Lösung ihrer Befreiungsaufgaben auch außerhalb des Genfer Rahmens zu machen.