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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 199.

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Donnerstag, 23. August 1928.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

18. Jahrgang

Wie die französische Friedensliebe aussieht.

Gin M gegen nie ÄieinlmMinmnng.

Wie die Pariser Presse für den friedlichen Akt des Kellogg-PaktesStimmung" macht.

Paris, 22. August. (Drahtbericht.) Angesichts der bevorstehenden Zusammenkunft der Diplo­maten aller Länder in Paris und der Genfer Verhandlungen unternimmt dasEcho de Pa­ris" einen neuen Feldzug gegen die vorzeitige Räumung des Rheinlandes, In einem halbsei­tigen Aussatz verweist das Blatt darauf, daß der Versailler Vertrag zum Ziel gehabt habe, alle notwendigen nationalen Sicherheiten zu geben. Die Rheinlandbcsetzung, die eine Garantie für die Durchführung des Versailler Vertrages während der Dauer von fünfzehn Jahren sei, sei also eine Friedensgarantie und ein Sicherheits­pakt. Deutschland habe nun die Vertragsklauseln über die Abrüstung in viel längeren als in den vom Vertrag vorgezeichneten Fristen erfüllt. Es habe sich nicht moralisch entwaffnet, sondern im Gegenteil seine militärische Tätigkeit auf Gebiete übertragen, die der Vertrag nicht habe vorsehen können. Keine der von den Unterhändlern von 1919 vorgesehenen Bedingungen des Rheinlandes sei derart erfüllt, daß man dem Verzicht auf das einzige Pfand zustimmen könne. Der Artikel spielt dann weiter mit dem Gedanken der Ver­längerung der Rheinlandbesatzung über den 10.

Januar 1935 hinaus, wie unter ganz bestimm- icn Bedingungen im Artikel 429 des Versailler Vertrages vorgesehen sei. Weiterhin wird die Räumung der Kölner Zone u. des linken Rhein­ufers bis zur holländischen Grenze bedauert und erklärt, daß der französische Generalftab stets auf das Dringendste die Aufmerksamkeit der franzö­sischen Regierung auf die ungeheuer ungünstigen Folgen dieses Verzichtes gelenkt habe.

* * *

Die große Stunde.

Die Unterzeichnung des Kellogg-Paktes.

Paris, 22. August. (Drahtbericht.) Wie nun­mehr feststeht, wird die Unterzeichnung des Kel­logg-Paktes in Paris am kommenden Montag um 15 Uhr stattfinden. Außer den bevollmäch tigten Unterzeichnern werden noch etwa 250 ge­ladene Gäste an der Feier teilnehmen. In einem Nachbarraum werden die Vertreter der fran­zösischen und ausländischen Presse der Feier bei­wohnen, in deren Verlauf Außenminister Briand ein Ansprache halten wird. Anschließend an die Unterzeichnung des Aktes findet ein vom Außen­minister gegebenes Diner statt.

Panzerkreuzer und Regierungskrise

Die berliner Sozialdemokraten fordern den bedingten Rücktritt ihrer Minister-Genoffen.

Berlin, 22. August. (Drahtbericht.) Eine Kon­ferenz der Funktionäre der Sozialdemokrati­schen Partei, Bezirksverband Berlin, nahm zur Panzerkreuzerfrage folgende Resolution des Be­zirksvorstandes an:Der Bezirksvorstand der SPD. stellt fest, daß der Beschluß der Regierung, den Bau des Panzerkreuzers A zu beginnen, im Widerspruch steht zu der Haltung der Sozial­demokratie in dieser Frage und zu den Voraus­setzungen, die zur Regierungsbildung führten. Die Sozialdemokratische Partei Berlin lehnt da­her die Mitverantwortung für die Bewilligung

der ersten Rate ab und beschließt, die sofortige Einberufung des Reichstages zu fordern, um eine Entscheidung des neugewählten Reichstages über den Bau des Panzerkreuzers herbeizufüh­ren. Sofern eine Einberufung des Reichstages nicht zu erreichen ist, werden die Genoffen in der Regierung aufgefordert, die Wirderaufhebung des Beschlusses vom 10. August zu verlangen und im Falle der Ablehnung der Wiederaufhe­bung zurückzutreten. Ferner werden die Genos­sen in der Reichsregierung aufgefordert, die übrigen Raten für das Panzerschiff abzulehnen."

ßoHtifffie Wunder.

China und die Revolution Asiens.

Das jüngste Heft des offiziellen Organs der Paneuropa-Bewegung bringt neben einem of­fenen Brief Coudenhove-Kalergis an den Reichskanzler Müller einen Aufsatz aus Cou- denhovens Feder: China und Europa, der über die große Bewegung im fernen Osten einige sehr beachtenswerte Geoankengänge enthält. Cou- denhove schreibt: Mit der Eroberung Pekings durch die chinesische Armee hat die chinesische Revolution der Freiheit, Einheit und Gleichheit nach siebzehnjährigem Kamps eines ihrer Ziele erreicht. Der Geist Sunjatsens war stärker als der Wille ehrgeiziger Generäle, als die Herr­schastsansprüche feindlicher Großmächte. Wie­der ist Geist Geschichte geworden. Wir sehen eine große Nation, die für vergreist, verkalkt und erstarrt galt, unter neuen Ideen sich verjüngen. Wir sehen einen Zweig der Menschheit, der durch Verblendung und Ehrgeiz zersplittert war, sich vereinigen.

Wer nicht an Wunder in der Politik glaubt, soll die China-Berichte der letzten drei Jahre lesen: die Eroberung Chinas durch die kleine Republik Kanton. Dieses Stück Geschichte lehrt, daß die Kraft des Glaubens und der Be­geisterung stärker ist als Geld und Waffen, stärker als die Skepsis einer ganzen Welt. Ein neues Wunder reiht sich an die Kette von Wun­dern, die wir Weltgeschichte nennen: An das Wunder des Alexanderzuges; an das Wunder Roms: das aus einem lateinischen Dorf Herrin oes Abendlandes wurde; an das Wunder des Christentums, das den Erben einiger jüdischer Fischer und Handwerker eine geistige Weltherr­schaft schuf; an das Wunder des Islams, das durch den Glauben eines Einzigen aus einem armen Wüstenvolk ein Weltreich, eine Weltreli­gion und eine Weltkultur zeugte; an das Wun­der des armen Hirtenmädchens, dessen Glaube Frankreich einigte und befreite; an das Wunder ' des kleinen Korsen, der auf den Trümmern von Königreichen und Republiken für wenige Jahre das Kaiserreich Europa gründete: das Wun­der Garibaldis, der mit drei Schiffen und tau­send Mann Italien einigte; das Wunder der kleinen Utopistengruppe, die vor unseren Au­gen Rußland von Grund auf verwandelt hat.

Der ganze astatische Kontinent ist im Auf­ruhr. Der Weltkrieg hat diesen Aufruhr nicht erzeugt, aber beschleunigt. Das Zeichen zur asiatischen Revolution gab Japan durch seinen Sieg über Rußland. Er wies Asien den Weg zur Freiheit durch Anpassung an europäische Lebensform, europäische Technik, europäische Wissenschaft. Diese Lösung stellt Asten vor das Problem: entweder mit der europäischen Zivi­lisation die europäische Kultur zu übernehmen oder die europäische Zivilisation mit asiati­scher Kultur zu einer Neuschöpfung zu verbin­den. Diese Frage ist noch ungelöst. Die ganze Revolution des asiatischen Festlandes scheint sich für die asiatische Seele zu entscheiden, für die Selbstbestimmung durch den Spiegel Europas, für die Verteidigung der asiatischen Seele mit europäischen Mitteln.

Im großen historischen Augenblick des begin­nenden zwanzigsten Jahrhunderts hat das Schicksal den Völkern Asiens große Männer ge­schenkt, in denen diese Nationen gipfeln. Der große Mann Chinas war Sunjatsen, der Mann, der die Mandschudynastie gestürzt hat und dessen Vermächtnis heute China erneuert und einigt. Der große Führer Indiens ist Ghandi, der Indien nicht durch Blut und Eisen befreien und einigen will» sondern durch eine reiner Sittlichkeit und eine politische Reli­gion, die rn der Seele Indiens wurzelt. Der Führer Afghanistans ist fein König Aman Ullah, der mit den Methoden und der Raschheit Petrs des Großen sein Land dem eu­ropäischen Geist öffnen will. Der Führer Per­siens ist der neue Schah Riza, der wie Na­poleon als Grenzsoldat begann, um General, Minister und Diktator zu werden, bis er die alte Dynastie stürzte, um selbst an deren Stelle zu treten. Auch dieser persische Napoleon sucht durch Europäisierung seines Landes dessen Frei­heit zu retten. Die Türkei hat in ihrem Diktawr und Präsidenten Kemal den Mann gefunden, der sie durch Mut, Rücksichtslosigkeit und Re­formen in einen modernen Staat verwandelt. Der Führer der arabischen Revolution ist Ibn Saud, der durch die Kraft des Glaubens das jahrhundertelang zersplitterte Arabien ei­nigt, um es zu befreien; der aber Arabiens Seele nicht wie Kemal der europäischen anglet« chen will, sondern der den Fanatismus OmarS erneuert und, in den Wurzeln seiner Nation, wie Ghandi die religiösen Kräfte sucht, die den

nationalen in diesem großen Kampfe zu Hilfe kommen sollen.

Mit zweierlei Augen.

Wie ein Oesterreicher den Anschluß sieht ...

Wien, 22. August. (Drahtbericht.) Im Reuen Wiener Journal bespricht ein christlich-sozialer Abgeordneter die Anschlutzfrage, wobei er unter anderem sagt, es sei verfehlt, mit der prakti­schen Anschlußarbeit bis zur Behebung aller Hindernisse und Hemmungen zu warten. Es werde irrigerweise angenommen, daß ohne grundsätzliche Entscheidung nichts wesentliches geschehen könne. Im Gegenteil, viele» sei durch­führbar, nahezu alles, mit Ausnahme der for­malen politischen Bereinigung, ohne daß irgend welche anschlußgegnerischen Mächte Rechtsmittel und Handhaben finden könnten, um den An- schlutzprozeß der kulturellen und nationalen Be­strebungen, gemeinsame Arbeit auf dem Gebiete von Wiffenschaft, Technik und Wirtschaft, Re­gelung des Warenaustausches, der Binnen­schiffahrt, deS Eisenbahnwesens, einschließlich der Tarifpolitik zu hindern.

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. und wie man m England denkt.

London, 22. August. (Drahtbericht.) Zur Frage deS deutsch-österreichischen Anschlusses schreiben die Times, daß Frankreich unglückli­cherweise nicht sehen wolle, daß so gut wie gar keine Aussicht bestehe, daß sich Oesterreich jemals unter die Vorherrschaft Preußens beugen toertie. Erwägungen religiöser politischer und wirtschaft­licher Art würden ein Hindernis für einen Plan darstellen, der über einen Staatenbund oder viel­leicht nur über eine Zollunion hinausgehe. Es dürfte auch nicht übersehen werden, daß die mäch­tige österreichische klerikale Partei niemals einer Vereinigung zustimmen würde, die entscheiden­den Einfluß aus die rechtlichen Bestimmungen für die internen Fragen und führenden Elemen­tarschulen haben würde. Es gebe wenige in Oesterreich, die glaubten, daß der Anschluß je­mals komme und noch weniger, die es nicht vor­zögen, daß Oesterreich ohne ihn auskomme.

Höflicher Tadel.

Litauens Antwort an Polen.

Warschau, 22. August. (Drahtbericht.) In der von einem polnischen Sonderdelegierten nach Warschau überbrachten Antwortnote deS litau­

ischen Premierministers Woldemaras auf die letzte polnische Note erklärt Woldemaras, er be­dauere sehr, den polnischen Vorschlag, die Ple­narkonferenz in Genf am 25. d. M. einzuberufen, nicht annehmen zu können. Die litauische Dele­gation bedauere die Verzögerung in den Arbei­ten der Plenarkonferenz, die sie nach Möglichkeit beschleunigen wolle. Die wenigen Tage, die bis zur Ratssitzung verblieben, ließen jedoch keine positive Arbeit zu. Woldemaras macht darauf aufmerksam, daß die letzten Kommissionen der polnisch-litauischen Konferenz Mitte Juli ihre Arbeiten abgeschlossen hätten und daß genug Zeit geblieben wäre, die Plenarsitzung der Kon­ferenz Ende Juli oder im Laufe des August ein­zuberufen. Die Verantwortimg für die Verzö­gerung der Konferenzarbeiten falle vollständig auf die polnische Delegation.

Französische Manöver.

Elsatz-Lothringen als Kampfplatz.

Paris, 22. August. (Drahtbericht.) Malin berichtet, daß wegen der Epidemiegefahr infolge des Austrocknens der Brunnen in der Loire-Ge­gend die dort geplanten großen Manöver abge­sagt worden sind und die zu Uebungen einberu­fenen Reservisten lediglich an Brigademanövern teilnehmen werden. Vom 2. bis 9. September werden in Elfaß-Lothringen große Manöver der dort liegenden Truppen (20. Armeekorps) abge­halten, und zwar soll die eine der Parteien nicht nur angedeutet werden, sondern eS sollen tatsäch­liche Operationen zwischen zwei vollständigen Truppenkörpern erfolgen. Diese Manöver sollen umfangreicher fein als die von 1927 und beson­ders versuchen, dem Transport von Truppen mit Lastwagen zu dienen.

Der letzte Versuch.

Die Russen geben Amuiwsen nicht auf.

Moskau, 22. August. (Drahtbericht.) Zu der Ansicht Fridtjof Nansens, die Nachforschungen nach Ämunbfcn seien ganz hoffnungslos, er« klärte das Sowjet-HilfAomitee, wie wenig wahrscheinlich auch die Rettung der Gruppen Alessandri und Amundsen sei, so lege doch die menschliche Solidarität der Sowjetunion die Pflicht auf, die Nachforschungen fortzusetzen. Der EisbrecherKrassin" hat feine Reparaturen be­endet und gehl morgen von Stavanger au» in See.

Diener derMmfMrlt.

Das Lebenswerk August Forels.

Forel, der berüdmte Naturforscher, Biologe «ab Arzt, steht vor feinem 80. Geburtstag (1. Deo- temberi. Lebe« und Werk diesesDieners der Menschheit" ist eigenartig genug, «m es bei dieser Gelcgenbeit in seinen für die Allgemeiu- beit bedeutsamen Linie« aufzuzeichneu.

Eine Ameife und die WortelaBor omnia vincit" (die Arbeit besiegt alles"), das ist das Exlibris August Forels, selbstgewählter Wap- penspruch eines geistigen Menschen, für den die Ameise Arbeitsgebiet und Symbol zu gleicher Zeit ist. Es war kein Zufall, daß fein Lebens« werk und fein Ruhm mit dem Studium der Ameise begann. Jnstinktgemäß, wie jedes Ge­nie, zog es auch ihn dorthin, wo eben fein Platz war. Er war sechs Jahre alt, als er Ameisen­züge beobachtete und die auf einen Knaben fen- sationell wirkende Entdeckung machte, daß es im Volke der Ameisen so etwas wie ©Datieret und Sklavenraub gebe. Und als ihm viel später, im Jahre 1859, da er schon ein großer Knabe von elf Jahren war, feine Großmutter ein Buch über die Ameisen schenkte, stellte es sich heraus, daß er manches vom Leben dieser Tiere wuß­te, das nicht einmal in dem Buche stand. Es ist begreiflich, daß er unter diesen Umständen auch weiterhin für Insekten, vor allem aber für Amei­sen, besonderes Interesse hatte. Was er damals als schüchterner elfjähriger Knabe beobachtet hatte, wurde übrigens zehn Jahre später seine erste Publikation; sie erschien unter den Mittei­lungen der Schweizer Eutomoto'zifchen Gejell- schafi. Berühmter wurde sein drei Jahre später erscheinendes großes Werk über die Schweizer Ameisen und dann sein fünfbändiges Werk über das soziale Leben der Ameisen. Zu einer Zeit, da Tiersoziologie und -Psychologie noch in den al­lerersten Anfängen standen, verfaßte er grund­legende Bücher über eines der intereflantesten Tiervölker, Ausgangspunkt für eine groß sich entwickelnde Wissenfchaft und für die ganze Bio­logie überhaupt. Mit 17 Jahren war Forel innerlich voll entwickelt, ein fertiger Mensch. Seine Arbeitshefte waren eng beschrieben mit Auszeichnungen über die Ameisen, und von Darwins Buch über die Abstammung der Arten batte er jedes Wort in sich ausgenommen.Die Richtung meines Lebens war damit gegeben," sagte er in seiner Selbstbiographie,Ameisen und Gehirn, beide wurden meine Religion". Er widmete sich nun dem Studium der Medizin, und daß er bei der Schlutzprüsung in Lausanne durchfiel, war zweifellos nicht die Schuld man­gelnder Kenntnisse;

man fand ihn viel zu jung, und fo mußte er noch warten. In Wien machte er bei dem Psychiater Meynert seine Doktor­arbeit, und als er das zweitemalantrat", be­stand er das Examen ohne Schwierigkeiten. Er hatte also, schon als er Doktor war, seine Nei­gung für Pfychiatrie bekundet, und dabei blieb es auch. Vergegenwärtigt man sich die nächsten Jahre feines Lebens und Strebens, fo fieht man einen jungen Arzt, der immer geneigt ist, eine Kampfstellung einzunehmen, wenn es sich da­rum handelt,eine Obrigkeit mores zu lehren" und Hindernisse beiseite zu schieben. Dank sei­ner Tüchtigkeit und seines Fleißes wurde ihm manches nachgesehen. Er war der erste, der das Mikrotom, das Messer der histologischen Wis­senschaft, an ein ganz erhärtetes Menschenhirn anlegte, zweitausend feine Querschnitte machte, um die verworrenen Bahnen der Gehirnleitung zu verfolgen. Seine Arbeiten über Hirnanato­mie waren es, die ihm schließlich eine zunächst freilich inoffizielle Stellung als Letter der dann durch ihn fo berühmt gewordenen Irrenanstalt Burghölzli-Zürich verschafften. Bald folgte auch die offizielle Anerkennung, denn jeder an­dere weigerte sich,die berüchtigte Hölle Burg- hölzlt" zu übernehmen. Zwanzig Jahre wirkte Forel an dieser Anstalt, die bald keine Hölle mehr war, sondern befreit von ihren Fehlern, zu einer mustergültigen Irrenanstalt wurde. Mit einer Energie, die vor keiner Methode zu­rückscheute, führte er bieten Reinigungsprozeß durch. Nennt man den Namen Forel, so weiß man, daß damit der

Führer der Antialkoholbewegung gemeint ist, der Fanatiker unter den Alkoholgeg­nern. Menschen von seiner Kampfnatur sind ja die geborenen Fanatiker. Er gründete Trinker- Heilstätten, Abstinenz-Logen und Vereine, voll­kommen von der Sache eingenommen, die er dann für eine der Voraussetzungen hielt, um die Menschheit zu bessern und der Ethik zu die­nen. Denn in allen der Allgemeinheit dienerp- den Fragen, mit denen Forel sich beschäftigte, betonte er, daß sozial und moralisch identisch sind. Man muß nur fein berühmtes Buch »Die fexuelle Frage" lesen, das er 1905 deutsch