Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Nummer 194.
Einzelpreis: Wochen tazH 10 Pfennig.
Freitag, 17. August 1928.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
18. Jahrgang
Litauen sucht Freunde in Deutschland.
Volitik... Taktlosigkeit.
Die neue Herausforderung im Rheinland.
Von Dr. Paul Roh. bach.
Es gibt «in großes englisches Blatt, dessen Stimme sich stets dann zitieren läßt, wenn es sich darum handelt, einen Beweis für das Vorhandensein eines „besseren" England zu liefern. Dies Blatt ist der .Manchester Guardian", das einzige Organ innerhalb der nichthaupt- städtischen Presse in England, das fich an Bedeutung mit den Londoner Blättern messen kann. Der .Guardian" ist liberal. Sogar während des Krieges hielt er sich verhältnismäßig besonnen und war beinahe die einzige Zeitung im ganzen alliierten Lager, die nicht der Haß- vropaganda restlos erlag. Allerdings — wenn man fragt, ob die von ihm vertretene Denkrichtung auf die praktische Politik Englands jemals von Einfluß gewesen ist, so kann darauf im Grunde nur mit nein geantwortet werden. Das „bessere" England ist da, aber eS hat in der Politik nichts zu sagen. So stellt jetzt der „Guardian" die Frage, ob eS sich bei den plötzlich angesagten Gemeinfchaftsmanövern der englischen und französischen Besatzungstruppen im Rheinlande um eine bloße Taktlosigkeit militärischer Kommandostellen handle, oder um eine Tatsache von politischer Bedeutung. In dieser Fragestellung liegt natürlich schon die Verurteilung, und insofern können wir auch jetzt wieder den „Guardian" als Zeugen dafür anführen, daß es in England Leute gibt, die sich eine Rechenschaft von der Wirkung dieser üblen Pro- , vokation auf daS deutsche Gefühl oblegen. Wir fürchten aber, daß es sich in der Tat um Politik handelt, zum mindesten um di« Benutzung der militärischen BefehlSgewalt zu politischen Zwecken.
Zwischen England und Frankreich ist etwas vorgegangen, wodurch England in entschiedenerem Sinne alS bisher sich bewogen fühlt, die französischen politischen Wunsche zu decken, und da diese Wünsche vor allen Dingen eine gegnerische Einstellung gegen Deutschland haben, so folgt daraus, daß der Schatten der gettoffenen Abmachungen sich auf diesem Gebiete abzeichnen muß. Die verstärkte Annäherung ist, soviel man sieht, auS dem gemeinsamen Mißbehagen über den sogenannten Kelloggpakt entstanden. Den Franzosen durchkreuzte dieser Plan ihre ganze militärische Bündnispolittk in Europa, und den Engländern war er bequem, weil sich aus ihm Störungen für die eventuelle bewaffnete Regulierung von „Unstimmigkeiten" auf dem weiten Gebiet von Alexandrien biS Singapore ergeben könnten, das England alS ferne besondere Interessensphäre betrachtet. Auch Konflikte zwischen dem Mutterland und den großen Kolonien mit Selbstverwaltung könnten dahin gezogen wer- den, z. B. mit Südafrika — wenn es auch unwahrscheinlich ist, daß England es dort jemals bis zur Anwendung von Waffenmacht kommen läßt. Genug, die Linie eines gemeinsamen Vorgehens ggen den Pakt, mit dem bekannten Erfolge, daß nicht viel mehr als ein bloßes Schaustück übrig geblieben ist, war gegeben. Der formulierte Niederschlag dieser Interessengemeinschaft ist das kürzlich veröffentlichte Abkommen über Seerüstungs- und Mittelmeerfragen, bei dem der dringende Verdacht besteht, daß es geheime Zusätze hat, di« natürlich den Zweck hätten, im gegebenen Fall den Rest milder Antt-KriegSsäure, der dem Kelloggpakt noch geblieben ist, ebenfalls zu neutralisieren. Dies ist der Hintergrund, auf dem die Teilnahme englischer Kavallerieregimenter an dem französischen Manöver im Rheinland angesehen werden muß.
Zur Sache seien zunächst zwei englische Stimmen angeführt: 1. der „Evening Standard", der eS bestätigt, daß die Einladung zur Teilnahme nicht vom französischen Kriegsminister oder Ge- neralstabschef ausgegangen ist, fondern vom französischen Außenminister, und 2. die „Mor- ning Post", die erklärt, jede deutsche Kritik „an Angelegenheiten, die nur England und daS befreundete Frankreich angingen", könne den guten Beziehungen zwischen England und Deutsch- land nur schaden! Diese hochmütige Unter- schämtheit, und nicht die vernünftige lieber- legung, die der „Manchester Guardian" über die Frage „Politik oder Taktlosigkeit" anstellt, ist es, an die wir uns diesmal in der Praxis zu halten haben. Stimmen tote der „Guardian" sind in England im Prinzip sehr nützlich für die Zukunft, nämlich um sich auf sie dafür zu berufen, daß es immer ein „besseres" England gegeben habe (beim Burenkrieg war eS ebenso, beim Opiumkrieg ebenfalls, nnd bet der Ausbeutung Indiens ist es noch heute so), und ihr
.moralischer" Nutzen ist umso größer, als die englische Politik gar nicht nach ihnen zu handeln braucht. Sie tut das auch jetzt nicht; vielmehr unterstützt sie die Herausforderung, die der .Minister für Versöhnung", Herr Briand, Deutsch- land gerade in dem Augenblick zugehen läßt, wo man den deutschen Reichsaußenminister zur Unterzeichnung des Kelloggpafts nach Paris einladet.
Es ist möglich, daß Herr Briand für seine Person eS lieber anders säh«. Dann sind eben diejenigen Stellen, die auf dem Rücken Deutschlands eine französisch-englisch« Verbrüderungsdemonstration aufzuführen wünschen, stärker. Wir können uns schwer vorstellen, wie Dr. Sttefemann eS fettig bringen sollte, diesen Akt, der überhaupt noch nie vorgekommen ist, seit ranzöstsche und englische Truppen miteinander m Rheinland stehen, zu ignorieren. Ignorieren aber müßte er ihn, wenn er zur Unterzeichnung nach Paris ginge und durch feine Teilnahme mit dazu beitrüge. daS französische Prestige von neuem zu erhöhen. Darauf käme die Sache auch dann hinaus, wenn das unterzeichnete Doku-
Bremen in Feslsttmmung.
Bor dem Dtapellauf der „Bremen". — In Erwartung des Reichspräsidenten.
Von unserem Sonderberichterstatter in Bremen.
Bremen, 16. August. In den Bormittygs- stunden ist unter Blitz und Donner ergiebiger Sommerregen über Bremen niedergegangen. Um die Mittagsstunde klärte es sich wieder auf. Man hofft für den Nachmittag aus Sonnenschein. Gegen 13 Uhr wird der Reichspräsident erwartet. Das Fürftenportal des Hauptbahn- hofes zeigt wundervollen Grünschmuck und weiß-rote (bremische) Flaggen-Draperien. In der Innenstadt wogt ein Flaggenmeer. Auch in den Borstädten, die Hindenburg aus seiner Fahrt zur Werft berührt, Fahnen, Fahnen! Der Kreuzer „Emden" ist aus dem Weserstrom ein« getroffen und hat bei Blankenau Halt gemacht. Das Kriegsschiff wird den vorgeschriebenen Salut feuern, sobald auf dem Werfthauptgebäude die Flagge des Reichspräsidenten hochgeht. Nachdem die „Bremen" zu Wasser gegangen ist, wird daS Kriegsschiff vor Hindenburg paradieren. Die Werftverwaltung hat an über 40 000 Zuschauerkarten ausgegeben, darunter 300 Kar- ten für auswärtige Journalisten. Seit 12 Uhr wälzen fich Tausende dem Bahnhof zu, um den
Reichspräfidenten schon unmittelbar nach seiner Ankunft zu sehen.
Zur Begrüßung erscheint u. a. der Wehrkreis- Kommandeur, Generalleutnant Fehrenbach- Münster, und der Chef der Marinestation der Nordsee, Admiral Bauer-WilbelmShaven. Die Ehrenkompagnie, welche vor dem Staatsoberhaupt präsentieren wird, marschiert gerade mit Musik aus der Kaserne. Die Straßenbahnen führen seit heute früh Flaggen in den bremischen Farben und in denen der Republik an der Gleitstange. Biele Schaufenster zeigen das Bild Hindenburgs und der Feier des Tages entsprechende besondere Dekorationen. Bon 3 Uhr ab werde» die Wasser unter- und oberhalb der Werft durch Boote des Reichsweserschutze« gesperrt, da man mit einer sehr hohen Flutwelle rechnet, die aus Anlaß des Eingleitens der „Bremen" entstehen muß. Große Bremer Firmen geben ihrem Personal für heute nachmittag den Dienst frei. Die führenden Zeitungen haben eine Stapellauf-Sondernummer herausgegeben, die am Kopfe folgende Bitte des ReichSpräfiden- ten trägt: „Der Herr Reichspräfident läßt bitten, feinen Wagen während der Fahrt durch die Stadt nicht mit Blume» zu bewerfen."
Ein offenes Wort WoldemaraS
. gegen die polnische Korridorpolitik. — wendige politische Zusammenarbeit
Ostpreußen ». daS Schicksal Litauens. — Rot- Litauen-Deutschlands gegen Polen.
Kowno, 16. August. (Drahtbericht. Der litauische Staatspräsident WoldemaraS erklärte deutschen Preffevettretern: Das polnische System, Korridore zn schaffen, bringt keine Lösung von Problemen, sondern schafft sie erst. Der westpreutzische und der Wilna-Korridor müssen entweder beseitigt oder erweitert werden. Als man sie schuf, hofften die Polen, dadurch neue Gebiete an sich reißen zu können. Wir stehen vor dem Problem: Ein größeres oder ein kleineres Polen? So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben. Schon jetzt gehört die Hälfte der Bewohner Polens fremden Rationalitäten an. In
dem Augenblick, wo die Polen Litauen besetzen, wächst die Gefahr, daß auch Ostpreußen daS Schicksal Litauens teilt. Durch die Natur der Dinge ist so das Interesse Litauens und Deutschlands an einer politischen Zusammenarbeit gegeben. Auch für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit bestehen keine Schwierigkeiten, da beide Länder sich ergänzen. Auf die Frage, ob durch die Memelfrage nicht Schwierigkeiten erwachsen könnten, erwidette WoldemaraS, er habe von Anfang an Wett auf direkte Aussprache mit den Memelern gelegt und er werde diesen Weg auch in Zukunft beschreiten.
Attentat auf eine Polizeikaserne.
Brand in der Kaserne von Leipzig-Möckern. — Rechtzeitige Entdeckung verhüttt eine Katastrophe.
Leipzig, 16. August. (Drahtbericht.) Heute früh gegen 5 Uhr bemerkte man in der Polizei- Kaserne in Leipzig-Möckern, daß aus dem Dach- stuhl eines mit Mannschaften belegten und vorn Kasernenpächter bewohnten Gebäudes Feuer schlug. I» mehr als fünfstündiger Arbeit gelang es der Feuerwehr, den Brand wenigstens auf feinen Herd zu beschränken und daS Weiterlaufen des Feuers nach unten zu verhindern. Bei der Brandbekämpfung machte man die Ent
deckung, daß mit großer Umsicht Über den ganzen Dachstuhl wenigstens zwölf Brand - Herde verteilt worden waren. Die Brandstifter hatten auch die Schlösser an den Eisentüren zum Dachboden beschädigt, um bk Löscharbeiten zu erschweren. Zur Brandlegung wurde Hatt- spiritus und Holzwolle verwendet. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei haben hinfichUich der Beweggründe für die Brandstiftung bereits einen ganz bestimmten Verdacht gezeitigt. Bisher find neun Festnahmen erfolgt.
ment nicht in Paris, sondern in Amerika hinterlegt werden sollte.
Was bei der Sache beabsichtigt ist, scheint nach alledem einfach. Entweder steckt man in Deutsch, land di« Herausforderung ein, daß Franzosen und Engländer zur Versinnbildlichung des Geistes von Locarno gemeinschaftlich den deutschen Boden als Manövergelände benutzen, und schickt trotzdem den Leiter der auswärtigen Politik nach Paris — oder man tut es nicht, Dr. Stresemann bleibt zu Hause, und dann hat Deutschland den Beweis für „mangelnde moralische Abrüstung" geliefert, nach dem jeder französische Militarist sich so sehnt, weil er dann nicht aus dem Rheinland hinauszugeben braucht! Gewollte Rück- stchtSlostgkeit, erstens zur Bekundung einer erhöhten Wärme in der Freundschaft zwischen England und Frankreich, und zweitens zur Herbeiführung einer Lage für Deutschland, wo «s zwischen einer Selbstdemütigimg und einer uw- votteilbaften „moralischen" Position zu wählen hat — das ist die Antwort, auf unsere Eingangs gestellte Frage, ob es sich hier um Politik oder um Taktlosigkeit handelt.
Dor der Taufe.
Heute läuft die „Bremen" vom Stapel.
(Von unserem Sonderbettchterstatter.)
Das oerlaffeu« „Slater la ab“. — Die Coburg »»ter eeeliftbet Flagg«. — Schwimmend« Zei. türmen. — Die „Bremen" liegt noch trocken.
Di« Tanfkanzel für de« ReichsvrSstdente«.
Breme», 16. August. Der kleine Hafen- Dampfer stößt vom Land ab. Sobald die Eisen- bahnbrücke passiert ist, kann man vom SchiffS- deck hinwegsehen über den kleinsten der Bremer Häsen, den Hohentorshafen. Still und ein wenig einsam schaut eS dort aus. Nur zwei Küstendampfer und schwarze, lange Weser-- kähn« beleben das Bild ein wenig. Doch nein, — haft, — dort der groß« Dreimaster, weiß und sauber: — Gras Luckners „Vaterland"! — Kein Leben an Bord! Die Besatzung hat abgemustett; nur zwei alte Seebären wohnen auf dem großen Segler als Wachleute. Der Graf reist im Lande umher. Anfang September wird er Deutschland erneut verlassen. Er will abermals Vorträge haften in Amerika. Was bann aus dem Schiss werden soll, weiß man nicht recht. Man sagt, eine Filmgesellschaft wolle dasselbe kaufen, um es bei See« stücken zu verwenden. Nun, vorerst liegt es noch dott drüben an der Koje, vor den mit Brettholz gefüllten offenen Schuppenanlagen! — Weiter stromab führt uns der Dampfer. Zur rechten Hand sehen wir die Atlaswerst. Kleinere Fahrzeuge werden hier ausgebessert. Ununterbrochen raffeln und knattern die Niethämmer. Der Arbeit hohes Lied klingt hell vom Lande her. Hafen 1 kommt in Sicht. In glatter Schleife passieren wir den Molenkops. Die in langer Reihe hintereinander an der Pier liegenden Rolanddampser bilden in die» fern langgestreckten Wasserbecken den vorherrschende» Schissstyp. Modern und überaus sauber wirft der „Star", ein neues Schiss. Gegen- über einem Schweden „Ring Björn". Hinter ihm: der ziemlich schwerfällig wirkende holländische Motorschoner „Esperance" aus G r o n i n- gen. Und dann, eine
bittere Erinnerung an Versailles:
die einst deutsche, anno 1919 an die Entente ab- gelieferte „Coburg" unter englischer Flagge! — Weiter nach dem Hafenverwaltungsgebäude hin, Hamburger Leichter, mit Zeitungsnamen, „Fremdenblatt" heißen sie und „Nachrichten" und „Mode". — Die Kajengleise dicht an dicht gefüllt mit einer endlos scheinenden Kette von Güterwagen. Unablässig sind Kräne und Winden in Tätigkeit, um Frachtgut überzuladen in weite Schiffsleiber. — Wieder der Weser zu! An der Hafenausfahrt lassen wir das „Zollausland" hinter uns. Schlepper und schnittige Motorboote begegnen uns. In flotter Fahtt streben sie der Stadt zu. Möven gleiten wie spielend über die im Sonnenlicht glitzernde Wasserfläche. Ans den Wiesen weiden Kühe und Pferde, und am Strande spielen Kinder. Dott drüben lugt Sanlenau heraus auS Hellem Grün. Flaggen und Wimpel flattern über Hellen Badezeiten. Braungebrannte Jungen waten lärmend durch flaches Wasser. Und dott der Wersthafen! Helgen auf sanft ansteigendem User. Mehrere Schisse im Bau. Ge- waftig wirkt
der Rumpfkoloß der „Bremen".
Heut« nachmittag wird der 46 000 To.-Riese als größtes Schiff der deutschen Handelsflotte vom stapel laufen, der Reichspräsident soll ihm den Namen geben. Schon hat man das Dock her« ausgeschleppt und alle sonstigen Fahrzeuge. Leer liegt der Werfthafen da. Wenn das Schiff bineingleitet in fein Element, wird eine 2 Sieter hohe Welle gegen die Ufer branden. Da liegt die „Bremen" noch auf dem Land«, fest, gehalten durch Bremsklötze und Stahltaue, (eigenartig, der schokoladenfarbene Bodenanstrich, schwarz der Leib, schneeweiß die Ausbau- ten. Ein wundervolles Promenadendeck wird dort oben entstehen, nach außen hin abgeschlossen durch Hunderte großer Glasfenster. Hinter einzelnen „Bullaugen" leuchtet Weitz- und Rot- glut. Man ist noch mit Schweißarbeiten beschäftigt. Auf den Decks hantieren fleißige Ar» beiter. Wenn zwei von diesen sich aufeinanderstellen würden, wäre erst die Größe eines der gelb am Bug angebrachten Buchstaben deS NamenS „Bremen" erreicht. Schon ist
die Tauftanzel «richtet, aus Balken und Brettern roh gefertigt. Von hier aus wird der greife Feldmarschall die Sektflasche gegen den Schiffsleib schleudern. Zwei in der Näh« des Riesen dockende Lloyd« dampfer von 12 000 To. nehmen sich aus wie Dackelhunde neben einem ausgewachsenen Bernhardiner. Unser Schiffchen dreht und wen-