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Kasseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

Mittwoch, 1. August 1928.

Nummer 180. Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntag- 20 Pfennig. 18. ZuhkgUUg

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Ein kraftvolles Vock für die Freiheit des Rheins»

Rund um Moskau.

Wie steht Rußland zum Ausland?

Während der Großteil der russischen Bevölke- rung mit der Wirtschaftspolitik der Sowjetregie- rung und ihrer innenpolitischen Taktik nicht ein­verstanden ist, erfreut sich die außenpolitische Ein­stellung Moskaus durchaus der Sympathien beS russischen Volkes, die Intelligenz nicht ausgenom­men. Daß die allgemeinen Linien der russischen Außenpolitik mit der Volksstimmung parallel laufen, ist durch die russische Psychologie bedingt. Das Volk empfindet zwar die politische und wirt­schaftliche Isolierung recht schwer und Weitz auch, daß die revolutionäre Einstellung der Regierung schuld daran ist ;eS billigt indessen gefühlsmäßig die Außenpolitik Tschitscherin-. Die rote Diplo­matie ist daher sehr populär. Bestimmend hier­für sind einerseits die natürlichen Sympathien und Antipathien des Volkes gegenüber den an­deren Völkern und Staaten.andererseits aber die kommunistische Agitation ,die umso wirkungsvol­ler ist, als die russische Bevölkerung infolge der vollkommenen Abgeschiedenheit von der übrigen Welt nicht in der Lage ist, seine Vorstellung vom Auslande zu prüfen und zu berichtigen. Das Verhältnis des russischen Volke- zum Ausland beruht im allgemeinen auf einer Jahrhunderte alten Tradition, der auch die kommunistische Agitation nichts anhaben kann. Was aber die Nachbarstaaten, die erst nach dem Weltkriege ent­standen sind ,und insbesondere die Randstaatcn betrifft, so läßt das gekränkte Nationalgefühl eine freundschaftliche Stimmung gegenüber den Rand­staaten, Polen und Rumänien nicht aufkommen.

Am unpopulärsten ist ohne Zweifel Polen. Die antipolnische Hetze in der Sowjetprefle wird durchweg wohlwollend ausgenommen. Nur we­nige sind damit nicht einverstanden. Im russi­schen Volke gibt es zwar keine Gegner der Un­abhängigkeit Polens, jeder aber empfindet die Tatsache ,daß große Gebiete mit ukrainischer und russischer Bevölkerung unter die Herrschaft Po­lens gekommen sind, als ein Unrecht. Die Span­nung in den russisch-polnischen Beziehungen wird künftig nur durch große staatsmännische Geschick­lichkeit gemildert werden können; bewaffnete Konflikte sind sonst unvermeidlich. Solange die jetzigen Grenzen zwischen Rußland und Polen aufrecht bleiben, können die Kommunisten bei ihrer antipolnischen Politik der Unterstützung der Volkes sicher sein. Gegenüber Rumänien kann Rußland den Verlusi Bessarabiens nicht verschmerzen. Auch die Einstellung Rußlands zu den baltischen Randstaaten ist unerfreulich. Sehr viel tragen dazu die vielen kommunistischen Emi­granten aus diesen Ländern bei, die in Rußland zum Teil wichtige Posten bekleiden.

Während die westlichen Nachbarn durchweg unbeliebt sind, erfreuen sich die Völker im Osten seit jeher der Sympathie des russischen Volkes. Der Russe stand den Türken, Persern und mittel­asiatischen Völkern freundlich gegenüber und es ist bekannt, daß im Weltkrieg an der türkischen Front nicht so erbittert gekämpft wurde wie etwa gegen die Mittelmächte. Monatelang wurde ein inoffizieller Waffenstillstand mit den Türken ge­halten. Jetzt hat sich dieses Verhältnis naturge­mäß noch freundlicher gestaltet.

Was die großen europäischen Völker anlangt, so kommt schon infolge der geographischen Lage zunächst Deutschland in Betracht. Die breite Masse in Rußland hat eine eigentümliche Ein­stellung zu Deutschland, und wenn die Regie­rungsvertreter Rußlands von den tiefwurzeln­den freundschaftlichen Gefühlen deS Volkes für Deutschland sprechen ,so sagen sie nur die halbe Wahrheit. Die feindselige Stimmung aus der Zeit deS WegltkriegeS ist sowohl vom Volke als auch von der russischen Intelligenz bereits längst überwunden. Aber die Intelligenzler in Ruß­land haben sich in die Vorstellung hineingelebt, daß Deutschland absichtlich die Kommunistenherr­schaft in Rußland unterstütze und sind daher Deutschland gegenüber sehr mißtrauisch. Die an­tibritische Politik der Sowjetregierung ist in ge­wissen Intelligenzler- und Arbeiterkreisen unge­mein populär. Aber auch das russische Volk ist, einer alten Anschauung folgend, auf die Engländer nicht gut zu sprechen. England und Rußland waren nie Freunde, und seit jeher führt das Dreiinselreich in Rußland den bezeichnenden BeinamenJntrigennest*. Die Ereignisse in den letzten Jahren haben die russische Bevölkerung in dieser Auffassung bestärkt. Zu Beginn der Re­volution, als noch die Möglichkeit einer Gegen­aktion bestand Dietzen die Engländer die Konter- rewlutionärr im Stich; als man aber nach dem Abbruch der englisch-russischen Beziehungen viel­fach erwartet hatte ,daß England die kommuni­stische Herrschaft mit Gewalt stürzen werde, kam sosort auch schon die Enttäuschung, die wie ein

Die deutsche Reichsbahn seit Jahren um große Summen betrogen. Der Schwindler Tscher- nik und seine Komplize«. Ein großzügiges System.

Etwas muß geschehen!

Heraus aus der Wohnungsnot!

Von

Stadtbaurat flgge.

Breslau, 31. Juli. Drahtbericht.) Die Fahn­dungsabteilung der Breslauer ReichSbahndirek- tion hat gemeinschaftlich mit der BreSlauer Kri­minalpolizei einen Riesenschwindel aufgedeckt, der seit Jahren mit gefälschten Eisenbahnsahr­karten getrieben wurde. Gegen zehn Beteiligte, die bereits der Tat überführt find, ist das Straf­verfahren eingeleitet worden.

Das Haupt deS Unternehmens

ist ein Breslauer namens Tschernik. Er konnte gestern endlich hinter Sckflotz und Riegel gebracht werden. Tschernik, dessen Hauptkomplize ein noch nicht ermittelter Eisenbahnbeamter ist, hat eine regelrechte Organisation zur Vornahme sei­ner Schwindeleien ausgezogen. Der Eisenbahn­beamte verschaffte ihm seit Jahren täglich eine Anzahl benutzter Fahrkarten, die von den Rei­senden nach Verlassen des Zuges an der Sperre abgegeben worden waren. Die ungültigen Fahr­karten frifierte er auf neu und brachte ste in die Ausgabestelle zurück, retlmniertc sie dort unter irgendeinem Vorwand und erhielt dann dafür den entsprechenden Geldbetrag. Da es sich um sehr lange Strecken handelte, kamen dabei meist sehr ansehnliche Summen heraus. Tschernik stellt« für die Reklamationsreisen richtige Tour­neen zusammen. Zuletzt fuhr er nach Görlitz, Dresden, Leipzig, Weimar. Meist benutzte er dazu sein Auto; seine Freundin, eine frühere Krankenschwester, hatte er bei sich. Diese Freun­din war eine von denjenigen Personen, die für

ihn die Karten reklamierten und das Geld ab­holten.

Er selbst hielt fich immer im Hintergründe. Deswegen beanspruchte die Entlarvung des Schwindlers, hinter den die Reichsbahn schon seit Jahren gekommen war, so lange Zeit. Mit­unter fuhren Tschernik oder seine Helfershelfer aus der Bahn und reklamierten aus der Rückreise nach Breslau hier sogar die eigene, inzwischen umgearbeitete Karte. An der Sperre gaben fie dann ihre eigene Karte nicht mehr ab. sondern zeigten eine Vorortzugkarte oder Bahnsteigkarte vor. Die Helfershelfer TschernikS find in der Hauptsache stellungslose Kaufleute, die sich in mißlichen wirtschaftlichen Verhältnissen befan­den. Unter ihnen ist auch der Sohn eines Bres­lauer Univerfitätsprofeffors.

Zum Verhängnis wurde

Tschernik dieser Tage in Leipzig das dreiste Auf­treten seiner Vermittlerin. Das erst 22jährige Mädchen hatte am Schalter, als der Beamte das Geld nicht gleich auszahlen wollte, einen Streit provoziert, in dessen Verlauf von der Po­lizei ihre Personalien festgestellt wurden. In­zwischen bekam ein Beamter des Fahndungs­dienstes, der über dir Schwindelaffäre orientiert war, die reklamierte Karte in die Hände, ent­deckte nach Rücksprache-mit der Breslauer Fahn­dungsabteilung die Fälschung und ließ das Mädchen verhaften. Da die Beteiligten sämtlich ihre Aussagen verweigerten, kann man noch nicht den Umfang des Schwindels und den an­gerichteten Schaden feststellen.

LloydGeorge fMheinlaiwrnumung.

Ein energischer Protest gegen

London, 31. Jüli. (Drcchtbericht.) Im Ver­lause einer Rede im Unterhaus kam Lloyd Ge­orge auch auf die Frage der Rheinlandbesetzung zu sprechen. Er sagte: Alle Verträge der letzten Zeit sind schön und gut, aber aus den Locarno­vertrag ist keine Räumung des Rheinlandes ge­folgt. Es ist richtig, daß Locarno Deutschland in den Völkerbund gebracht hat und daß jetzt eine freundlichere Stimmung zwischen Deutsch­land und Frankreich herrscht. Ich bin auch über­zeugt, daß di« Franzosen Frieden wollen, trotz­dem halten immer noch französische Truppen zehn Jahre nach dem Frieden deutsches Gebiet besetzt. Etwas derartiges war niemals beabsich­tigt worden. Fünfzehn Jahre waren nur als Höchstgrenze bezeichnet und es war vorgesehen, daß im Falle der Erfüllung der Bedingungen des Friedensvertrages die Räumung schon vor Ablauf der Frist erfolgen sollte. Ich wüßte nicht, welche Bedingung des Friedensvertrages ver­letzt worden wäre. Solange fremde Truppen deutsches Gebiet besetzt halten, ist es zwecklos, solche Pakte zu haben. Lloyd George fügte hm. zu, er hoffe, die Regierung werde durch eine er­hebliche Verminderung ihrer Rüstungsausgaben anderen Rationen ein Beispiel geben, das wert-

die französische Besatzung.

voller sein würde, als die Unterzeichnung des Kellogg-Paktes zur Aechtung des Krieges.

Tirord erteilt Audienz.

Paris, 31. Juli. (Drahtbericht.) Heute soll eine Besprechung des Rheinlandoberkommiffars Tirard mit dem deutschen Reichskommissar für die besetzten Gebiete stattfinden.

Amenkanlsche Sorgen.

Paris, 31. Juli. (Drahtdericht.) Staatssekre­tär Kellogg fleht der Pariser Konferenz zur Unterzeichnung des Kriegsverzichtpaktes nicht ohne Bedenken entgegen, seitdem es offensichtlich wurde, daß Frankreich damit die Frage der Kriegsschulden und der Reparationen zu erör­tern beabsichtigt. Das Wiederaufrollen derarti­ger Fragen am Vorabend der Präsidentenwahl sei das Letzte, so schreibt die Chicago Tribüne, das die gegenwärtige Regierung wünsche. Diese müsse jetzt befürchten, daß Kellogg in eine Kom- promitzstellung von den europäischen Staats­männern hineinmanövriert werde, denen es ja gleichgültig fei, ob sie die Pläne Hoovers für die Wahlcampagne störe« oder nicht.

Stollen MW nie Meten Her Mn.

Nobile verheißt die Wahrheit i« drei Tagen.

Rom, 31. Juli. (Eigener Drahtbericht.) Nobile wird für Dienstag abend mit seinen Gefährten in Rom erwartet. Die Familie deS Fliegerleut­nants Biglieri ist diesem nach Mailand entgegen« gefahren. Im Auftrage der Marine wird ein Seeoffizier den Heretteten der Italia bereits die Grüße der italienischen Marine in Verona über­bringen.

München, 31. Juli. (Drahtbericht.) Zu der Durchfahrt Nobiles durch München ist ergänzend noch zu berichten chaß Nobile in seinem Wagen auch deutsche und ausländische Pressevertreter für kurze Zeit empfing. Er gab auf die Fragen die-

ser Vertreter Antwort. Dann erNärte er, daß er m t der Ausnahme in Deutschland sehr zufrieden sei. Er sei fest davon überzeugt, daß man ihn später überall herzlich begrüßen werde, wenn erst die Wahrheit über den Verlauf seines Unterneh­mens bekannt geworden sei. Im Augenblicke denke er an nichts anderes, als daß er in 24 Stunden seine kleine Tochter Wiedersehen werde Dem Berichterstatter der Münchener Neuesten Nachrichten sagte Nobile: Warten Sie nur noch drei oder vier Tage, dann werden Sie mir glau­be«, nicht aber den dummen Gerüchten. (Siehe auch unseren illustrierten Bericht 1. Seite, zweite Beilage).

Frühreif die aufkeimenden Sympathien für Eng­land wieder vernichtete. Für Frankreich hatte das russische Volk feit jeher große Shmpaihien. Zum Teil sind diese noch vorhanden, allerdings hat man nicht vergessen, daß, während Frankreich den Löwenanteil deS Sieges im Weltkriege ein­steckte, Rußland für sein« großen Opfer an Gut und Blut nur Elend eintauschte. Den Kommuni­sten gelingt es leicht, diese Saite, wenn nötig, zum Schwingen zu bringen und zwar besonders bann, wenn es sich darum handelt, wieder ein­mal gegen Frankreichs Forderung nach Zahlung

der Schulden zu protestieren. Im allgemeinen ist aber die Bevöllreung Frankreich gegenüber ziemlich indifferent, und es wird keiner Regie­rung in Zukunft schwer fallen, wenn sie will, das frühere freundschaftliche Verhältnis wieder her­zustellen. Eine durchaus originelle Anschauung hat «mn hier im Volke von dem heutigen Jia- lie«. Das Interesse für Italien wurde erst m der Nachkriegszeit wach. Der Faschismus hat großes Interesse in Rußland geweckt. So ent­spricht die Außenpolitik der Sowjetregierung so ziemlich dem Volksgefühl.

Di« im ber Dienstagnummer bet Kasseler Neue­sten Nawriateu au teitenber Stelle veröfseui- lichleu «etraltztuugen Haven «Hebet einmal bas Gruulüvel nutetet Zeit, bas uuoctniubette Woaunugselentz, an ber Wuriel gevackt. Wir betalte Beu beute dieses traurige Kapitel mit den lebt imvulftpen Anregungen eines bekannten Bansammanns, ber die völlig eiugetrsckuete Wobnungsvanaktion vielleicht etwas in Sinh bringe« wirb.

Ein velannter berliner Baufachmann hat kürz. Uch yeaunen: ptacy 2 Iahten weroen nur noch bie Millionäre bauen u. sie werben dann so bauen, wie sie früher für tgre Angepeuien bau» ten. Jede nyirtjajuft hat ihren Sinn, u. deshalb auch ihre isriiteiizoerechligung verroren, wenn sie Den rveoar; des Bottes an den lebensnot­wendigen Eurem nicht mehr >o zu decken ver­mag. daß das Volk diese lÄUter, in diesem Falle die Ware Wohnung, bezahlen kann. Soweit ist die Banwirischast nichr erst jetzt gekommen, so weit ist schon seit langem. Rur die Tatsache, daß seit langem die Finanzierung der Bauten zum größten Test lünstlich mit em bis drei- ptozemtgem Gelse erfolgte, hat uns das ver­borgen. So täuschten wir uns selber und täusch ten einander über den

vollständige« Verfall der Bauwirtschast hinweg. Maskentanz Er ist sehr beliebt ge­worden aus allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens. Es ist tragisch, daß gerade diejenigen, welche durch taifbringung oer Hauszinssteuern ehrlich der Bauwirtschaft Hel­sen wollten, die endgültig kaputtgemacht haben, indem diese Bauwirtschaft vom Lebenskämpfe entlastet. Indem sie nie an Tod und Leven herangebracht wurde, hat sie keinerlei Anstren­gungen mehr gemacht, ihre technischen und wirt­schaftlichen Mechoden auf die neuen Verhält­nisse und den neuen Bcvars umzustellen. Es ist also so: Wir haben Bäcker in Hüll« und Fülle. Aber die Brötchen, die ste backen, kann kein MensH mehr bezahlen. Was nun? Collen die Wohnungen noch kleiner werden? Wir fangen schon an, Zweizimmerwohnung'en z» bauen, obwohl noch vor zwei Jahren die deut­schen Vertreter auf dem Wohnungskongrctz an ber blauen Donau die Wiener Methoden in Grund und Boden verdammt haben. Soll das Geld noch billiger gegeben werden, etwa alles nur für ein Prozent! Wer soll den Zins­ausfall bezahlen? Das Reich? Der Staat? Sind Reich und Staat nicht wir? Woher neh­men und nicht stehlen?! Solange wir Kriegs­schuld blechen müssen bis zum Weißbluten, bleibt das Kapital rar und teuer. Dagegen hilft kein Rezept. Es ist auch kein Trost, wenn es bei der Industrie wieder aufwärts geht. Die wohnungsbauende Wirtschaft ist es genwöhnt, immer erst an den goldenen Futternapf heran­zukommen, wenn die Industrie übersatt gewor­den ist. Me herrlich wäre es, sagt man uns, wenn auf einmal eine riesige Geldflut in die Bauwirtschaft hineinströmen würde! Oben die winkende Wurst und von der Kletterstange der Preise herauf die gierig greifenden Hände! Totsicher würde eines dabei herausspringen: die Bauwirtschaft würde noch weniger als bis­her daran denken, das Komproblem, die Ver- billigung deS Wohnungsbaus zu lösen. Die Ziegelsteine aber würden in einigen Monaten HXsi Mark kosten. Das Schlimmste dabei tft, daß überhaupt nicht mehr bemerkt wird, welche

entsetzliche Berantwortungslosigkcit sich über dem allen auftichtel. Es ist so, als habe sich die Nanon bereits daran gewöhnt, daß sie nur aus einer Reihe nebeneütanocr tntb um» herlebender Individuen besteht, die ferne Bin­dung miteinander haben. So stehen tirr vor dem Unerbittlichen: Die Krise in der Woh­nungsnot ist vollkommen. Die Gutgläubigkeit, die Vertröstung, die Selbstberuhigung, die Ge­dankenlosigkeit, die Flucht vor der Wahrheit, das Sich-Verlassen aus andere, die Konzession, der Tageserfolg hat ein Ende. Gemeinschaft, Gehorsam, Opfer, Anstrengung, Erfindung, Wille, Tat, muß anfangen. Eigennutz muß aufhören, im Willen zum Staat endigen! Die deutsche Wirtschaft ist verantwortlich für Tek- kung des Bedarfs an Obdach für das Volk. Deshalb hat sie die Pflicht, ihre Methoden tech­nisch und wirtschaftlich zu verbessern, wenn diese Methoden veraltet und wirkungslos ge­worden sind. Wenn sie den Anspruch erhebt auf Freiheit und auf Selbstbestimmung, dann hat sie die Initiative zur Reform zu erareisen, nicht der Staat oder das Reich oder die Gemein, den ober eine von Reich und Staat itnfenüiMe Forschungsgesellschaft. Ich traue her Privat-