Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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18. Iahrg aug
Löscht der Völkerbund den Balkanbrand?
Wo bleibt Sens?
Aufziehende Ballangewitter. — Mussolini regt die Serben aus. — Belgrads Hintermänner.
Alle Bemühungen der englischen und französischen Diplomatie, die Beziehungen zwischen Rom und Belgrad freundlicher zu gestalten, sind wieder einmal über Nacht über den Haufen geworfen worden. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob italienische Kundgebungen den Aylaß zu Gegenkundgebungen in Südslawien bildeten oder ob umgekehrt südslawische Ehauvinisten italienische Gegenkundgebungen provozierten, Der nationalistische Ueberschwang in beiden Ländern führte jetzt schon zu ernsten Vorstellungen Mussolinis in Belgrad und zu entsprechenden Gegenvorstellungen Ma- rinkowitschs in Rom und zu noch sehr viel schlimmeren Dingen. Noch vor wenigen Tagen schien zwischen den gefährlichen Rivalen alles in bester Ordnung. In der Tat hat auch die jugoslawische Regierung angekündet, daß sie den Vertrag von Nettuno der Kammer vorlegen und demnächst ratifizieren werde. Mit diesem Vertrag hat es seine eigene Bewandtnis. Das geringe Verständnis, das Präsident Wilson für die Adriafrage aufbrachte, führte dazu, daß diese Probleme in den Friedensverträgen keine restlose und befriedigende Lösung fanden. Jnfolgedeflen wurden die Verhandlungen zwischen Rom und Belgrad unter der Hand weiter geführt und Mussolini gelang es, für Italien den Gewinn von Fiume und für Jugo- slavien den Erwerb des Fiumener Hinterlandes durchzusetzen. Im Jahre 1924 unterzeichneten beide Länder einen „Vertrag der Freundschaft und herzlichen Zusammenarbeit" (!). Das war im Januar vor vier Jahren' In diesem reizenden Vertrag wurden alle ungelösten Fragen weiteren Verhandlungen anheimgegeben, die schließlich zu zwei Verträgen, einem Vertrag von Belgrad und dem Vertrag von Nettuno führten. Letzterer regelt das italienische Eigentumsrecht in Dalmatien, sowie Schulfragen, Handels- und Verkehrsfragen in Fiume. Keine der südflavischen Regierungen brachte jedoch den Mut auf, das Nettuno-Ab- kommen zu ratifizieren. ES bedurfte eines starken Druckes von Paris, London und Rom, um daS gegenwärtige Kabinett zu bewegen, den Vertrag der Skuptschina vorzulegen. Kaum war das geschehen, als sich schon der schärfste Widerspruch der Opposition im Parlamente und im Lande erhob.
Mussolini war nun töricht genug, öffentlich anzukündigen, daß er die Ratiftzierung und die Erneuerung des italienisch-südslawischen Freundschaftsvertrags schon im Juni erwarte. Diese Erklärung, die zweifelsohne einen starken Druck aus die Belgrader Regierung darstellt, erregte begreiflicherweise die öffentliche Meinung der an sich schon heißblütigen Südslawen. Durch die Ereignisse der letzten Tage wird die Erneuerung des alten Freundschaftsvertrags erneut in Frage gestellt. Die Beziehungen zwischen Rom und Belgrad sind wieder einmal so trübe und so düster, wie sie nur einmal gewesen sein konnten. Eine K r ie g s g e f a h r, von der vielfach gesprochen wird, liegt natürlich noch nicht vor. Auch wenn die Verträge nicht erneuert oder ratisiziert werden sollten, so gehören doch Italien und Jugoflawien dem Völker b u n d e an, der auftauchende Mißverständnisse ja statutengemäß beizulegen hat. Daraufhin hat schon Mussolini mit der ihm eigenen Bosheit aufmerksam gemacht, die in der Regel durchzubrechen droht, wenn der Diktator Italiens auf den Völkerbund zu sprechen kommt. Das kann ihm schließlich nicht verübelt werden. Seine Politik hat ja mit dem Wortlaut und dem Geiste des Völkerbundes nur sehr wenige Gemeinsamkeiten.
Der Hauptgrund der italienisch-südflawi- fchen Verstimmung ist und bleibt das Vorgehen der Italiener in Albanien und auf dem Balkan. Es ist einer von den vielen Treppenwitzen der Geschichte, daß die Südfla- wen di« Expedition Ahmed Bei Zogus nach Albanien mit allen Mitteln unterstützten und finanzierten, um seinen Vorgänger zu stürzen und der siegreiche Zogu, sobald er einmal in Tirana sestsaß, den S^flawen eine lange Nase dicht« und eine italienseindlichc Politik trieb, die sich sehr bald zu einem engen italieniicki-albanischen Schutz- und Trutz« b ü n d n i s verdichtete. Freimütig erklärt die faschistische Presse Italiens, daß jeder Eingriff der Südslawen in die politischen Verhältnisse Mbaniens für die Italiener den Kriegsfall bedeuten würde. Die neue Zuspitzung der Balkanwirren wird in Paris besonders schmerzlich empfunden. Geben sich doch die Franzosen gegenwärtig all« Muhe, um eine Annäherung zwischen Paris und Rom
Hochspannung am Bckkan.
Gewaltsames Ende.
Wieviel durch Unglück, Mord, Totschlag sterben.
herbeizusühren. Erst vor wenigen Tagen rühmte sich der ,Temps", daß Frankreichs Politik in Italien üch steigender Sympathien erfreue und verzeihet« mit Genugtuung den Abschluß von Handelsverträgen und des Tangerstatuts, das jetzt in Rom noch verbessert werden soll. Aber die Ereignisse der letzten Tage legten sich wie ein Rauhreif aus die schönen Hoffnungen der hoben französischen Politik. Die Empörung in der Serben-Haupt- stadt über die Verbrennung und Beleidigung
Die Großmächte wollen löschen. —
London, 31. Mai. (Eigene Drachtmeldung.) Im italienisch-südslavifchen Konflikt sollen verschiedene Großmächte in Rom und Belgrad vermittelnde freundschaftliche Schritte ohne offiziellen Charakter eingeleitet haben. Ein Blatt bemerkt daß die neue italienische Note an Südslavien eine ernste Lage geschaffen habe. Es würde der südflavischen Regierung unter diesen Umständen sicher schwer fallen, eine geeignete Antwort für Italien zu finden.
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Belgrad WM Stauen vefchwrcMigen
Belgrad, 31. Mai. (Privatmeldung.) Im Zusammenhang mit den Demonstrationen gegen Italien find in Spalato fünfzig Personen verhaftet und zu Freiheitsstrafen von sieben bis dreißig Tagen verurteilt worden. In Sebcnico wurden zwanzig Personen verhaftet. Eine gerichtliche Kommission stellte die an italienischen Geschäften in Spalalv angerichteten Schäden mit 200 000 Dinar fest. Auch in kleineren Orten Dalmatiens wurde gegen Italien demonstriert.
«
Barts will Mussolini nicht brriierm.
London. 31. Mai. Nach der Einigung über die Tangerfrage, werden französische Berhnno- handlungen in Rom stattfinden und zwar über die Festlegung der Südgrenze Lydiens in einer für Italien günstigen Weise und ferner über die
Italien fordert Jugoflavien heraus.
Ansiedlung italienischer Staatsangehöriger in Tunis.
Poinearö tritt am 12. Juni auf
Vorarbeiten nach der Parlaments-Eröffnung.
Paris, 31. Mai. Die neue französische Kammer tritt morgen zusammen. Da etwa achtzig neu gewählte Abgeordnete noch schwanken, sind Angaben über die Stärke der einzelnen Fraktionen noch nicht möglich. CSff nach der Wahlprüfung kann sich die Kammer für arbeitsfähig erklären, was frühestens am Dienstag kommender Woche gefchehen kann. Wahrscheinlich wird aber erst in der Sitzung vom 12. I u n i das Ministerium PoincarL mit der Regierungserklärung über das Programm für die beginnende Legislaturperiode vor das Parlament treten.
Buck) Brland tauen« wieder auf
Paris, 31. Mai. Briand ist von seinem Landgut nach Paris nur deshalb zurückgekehrt, um an dem heutigen Kabinettsrat teilnehmen zu können, der den Nachfolger Fallieres' in der Leitung des Arbeitsministeriums bestimmen, über die Neuorganisation der Handelsluftschifffahrt und über die Vertretung in Genf beraten wird. Briand empfing gestern Lvucheur.
Varrikadenkömpfe wegen... Mussolini
Serbenwu« gegen Italien. — Eine Gendarmerie-Attacke gengen Demonstranten. — Verwüstungen im Kaffee.—Zerschlagene Fensterscheiben
Budapest, 31. Mai. Wie aus Belgrad gemeldet wird, waren die antiitalienischen Demonstrationen gestern abend wiederum sehr heftig. Die Menschenmenge wurde durch starke Gendarmerie-Abteilungen in ein Kaffeehaus gedrängt. Hierbei wurde das Lokal vollkommen demoliert. Tie Auslagenscheiben gingen in Trümmer, die Möbel wurden von den Demonstranten auf die Gendarmen geschleudert, die genötigt waren, sich zu- rückzuziehen und Verstärkungen abzuwarten. Die Demonstranien erbauten sodann auf
der Hauptstraße eine Barrikade
Auch ßentiltcne Gendarmerieabteilungen waren genötigt, fluchtartig den Schauplatz zu räumen. Endlich gelang es der Feuerwehr, unter Anwendung von Feuerspritzen die Demonstranten in die Flucht zu schlagen, von denen auch geschossen wnrdc. Die Gendarmerie hatte einen regelrechten Sturm mit Gewehrfeuer vorgenommen. Die Zahl der Verlebten ist noch nicht bekannt. In der Hauptstraße und in den Nebenstraßen gingen die Schaufenster in Trümmer.
Noch tiefere Staiia-xrauer.
Verfrühte Hoffnungen auf ein Lebenszeichen. — Ein mißverstandener Funkspruch von Nobiles Bruder.
Seattle, 31. Mai. (Durch Funkspruch.) Die Marinefunkstation Cordova in Alaska will einen Funkspruch gehört haben, wie die Cita di Milano eine Meldung über das Auffinden der Italia nach Rom gab. Es wird jedoch angenommen, daß die Meldung von dem Aufsangen drahtloser Nachrichten der Cita 6t Milano an Rom auf einem Aufnahmesehler der Funkstation beruht. Anscheinend stammen die Meldungen von Nobiles Bruder und nicht wie zuerst angenommen wurde, von dem Rordpolforscher selbst.
Da auch in Rom selbst vom amtlichen deutschen Telegraphenbüro eine Bestätigung der Nachricht vom Äufsinden der Italia nicht zu erreichen. deren Schicksal nach tote vor dunkel toor bleibt, zumal eine letzte Meldung besagt:
King-sbav, 31. Mai -2 Uhr früh.) lDurch Funkspruch ) Bis zur Stunde ist hier noch keine Nachricht von der Italia eingetroffen. Es herrscht Nordwind und Schneefall.
Die Retter machen sich fertig.
Nordische Fliegeroftiziere am Werk.
Kopenhagen, 31. Mai. Wie aus Oslo gemeldet wird, hat der norwegische Fliegeroffizier Larsen, der gemeinsam mit Leutnant Lützow- Holm die Suche nach der Italia aufnehmen will die Absicht, die Hobby ebenfalls als Mutterschiff zu benutzen. Schweden dürfte vier Marineflieger für eine Hilfsexpedition für Nobile rüsten z. Zt. herrscht auf Spitzenbergen außerordentlich heftiges Unwetter.
Wann gehen die HlisS-Exvedttionen abk
Stockholm, 31. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Der Marineflieger Tornberg reifte nach Oslo ab, um dort mit Hauptmann Riiser Larsen die Frage einer Hilfsaktion für die „Italia" zu erörtern. Die Maßnahmen wurden dann sofort getroffen.
Wettflug zum Südpol.
Das Rordpoldrama schreckt die Amerikaflieger
Rewyork, 31. Mai. Rach Blättermeldungen plant außer dem bekannten Flieger Bird auch der australische Flieger Wilkins einen Flug
nicht —Bird-WiMns fliegen schon im August? nach dem Südpol. Man rechnet damit, daß die beiden Flieger gleichzettig Mitte August starten werden. Die Zeitungen svrechen von einem Wenttslug nach dem Südpol.
ihrer Flagge durch Faschisten und über den herausfordernden Ton der Note Mussolinis ist groß. Und wenn die Hitzköpfe sogar gegen chre eigene Gendarmerie Barrikaden errichten und sich zu rabiaten Ausschreitungen hinreißen lassen, so ist noch nicht abzusehen, wie die Serbenhäupter das Kriegsgeschrei bannen wollen, das wieder in das friedliche Europa und nach Genf hinübergellt. Der Völkerbund rührt hoffentlich nicht erst den Finger, wenn, wieder Blut geflossen ist.
Wachsende Lebeasmüdigkeit der Männer ,wischen 15 and 30. — 4300 Todes stürze. — Viertausend Tote durch Ueberladreu, darunter zweitausend durch Kraftwagen. — Eiue Statistik der Ber- zweifluug und des Grauens.
Im Leben Deutschlands übertrifft die Zahl der Opfer, die alljährlich von der Tuberkulose, den Herzkrankheiten und den Krebskrankheiten gefordert werden, bei jeder einzelnen dieser weitverbreiteten Krankheiten die Sterbefälle durch gewaltsame Einwirkungen zum Teil um das Mehrfache; dennoch gehören die Gewalttode immer noch zu der Gruppe der Todesursachen mit den höchsten Ziffern. In Deutschland gingen im letzten Jahre über 41 000 Menschen durch Getoalteinwirkungen zugrunde, und zwar
1442 durch Mord, 16 480 durch Selbstmord und 23 384 durch Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang. Das bedeutet, daß durch gewaltsame Einwirkungen Deutschland alljährlich ungefähr soviel Menschen verloren gehen, wie in dem sehr blutigen Kriege von 1870/71 gegen Frankreich gefallen sind, oder wie sie durchschnittlich ein Vierteljahr des naturgemäß noch blutigeren Weltkrieges gefordert hat. Erfreulicherweise ist hinsichtlich der Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang eine wesentliche Abnahme von mehr als dreihundert gegenüber dem Vorjahre zu beobachten. Da diese Besserung der Unglücksziffer fast ausschließlich das männliche Geschlecht betrifft, dars man annehmen, daß es gelungen ist, die hohen Ziffern der tödlichen Unglücksfälle bei der Berussausübung zu senken. Bei den Selbstmorden entfallen die meisten, wie schon vor dem Kriege, bei beiden Geschlechtern auf die Jahrgänge von dreißig bis sechzig. Allein, diese Altersklassen stehen, verglichen mit der Vorkriegszeit, ungleich besser da; die Steigerung der Gesamtziffern der Selbstmorde über den Vorkriegsstand hinaus ist nur durch eine
auffallende Lebensmüdigkeit der Männer zwischen fünfzehn und dreißig Jahren verursacht, die mit der — auf 100 000 Lebende gleichen Geschlechtes berechneten — Selbstmord Ziffer von 40,8 über den Friedensstand von 34,6 überaus weit hinausgekommen sind. Die Frauen sind an den Todesfällen durch Selbstmord mit rund 4600, also nahezu einem Drittel beteiligt; an den tödlichen Unglücks- sällen haben sie einen wesentlich geringeren Anteil als die Männer; denn den 5268 tödlich verunglückten Frauen stehen 18116 tödlich verunglückte Männer gegenüber, die mehr beruflichen Gefahren ausgesetzt sind. Doch ist es sehr ausfallend, daß die Frau in ihrem eigentlichen Berufe, dem Haushalt, auch durch tödliche Unglücksfälle bedroht ist; bei zwei Unglücksarten, dem Verbrennen durch Feuer und dem Einatmen von Leucht- und Kochgas, übertrifft die Todesziffer der Frauen sehr erheblich die der Männer. Die meisten Todesfälle bei Verunglückungen werden durch Sturz (ohne Beteiligung von Fahrzeugen) hervorgerufen. Ihrer Höchstziffer von 4271 stehen aber tödliche Verunglückungen durch Ueberfahren mit 3984 sehr nahe. Bei den Todesfällen durch
Ueberfahren stehen die Kraftfahrzeuge
den anderen Bewegungsmitteln mit der Todesziffer von 2378 voran, davon zu einem Drittel durch Krafträder. Durch Ueberfahren tötete dir Eisenbahn 931 Menschen, darunter 843 Männer (!), die Straßenbahn 320, und durch Ueber- sahren mit Treträdern kamen dreihundert Menschen um; Ueberaus zahlreich sind auch die Todesfälle durch Ertrinken mit 3552. lieber 1000 tödliche Unglücksfälle erfolgen dann noch durch Einsturz von Bauwerken, Stollen, Steinfall usw. An Todesfällen durch Maschinenverletzung werden 484, durch Verbrennen, Verbrühen und Verätzen 862, durch den elektrischen Strom 392 ausgeführt. Bei der Handhabung von Schußwaffen wurden 353 Menschen getötet. Der Blitzschlag forderte 142 Todesopser; tödliche Verletzungen durch Tiere erlitten 324 Menschen, davon nur zwei durch Kreuzotterbiß. Durch Pilzvergiftungen starben fünfundvierzig, durch andere vergiftete Nahrungsmittel 85 Männer und Frauen. Die Mord- und Totschlagszifser von 1442 weicht nur unwesentlich von den Ziffern der Vorjahre ab. Bei den Altersklassen von 15 bis 60 ist die Mord- und Totschlagszifser sogar erheblich zurückgegangen. Ständig
steigt aber die Zahl der Kindesmorde, die im Berichtsjahre den Rekord von 441 erreicht hat. Die Totschläger und Mörder bedien- ten sich in 267 Fällen einer Feuerwaffe und in 239 Fällen schneidender oder stechender Jnstru- mente. Bei der Tötung von Männern kamen in